Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4998. Wien, Sonntag, den 28. Juli 1878
[1]Musikalische Briefe aus Paris. V.
(Die Rousseau-Feier. — J. J. Rousseau als Musiker.)
Paris, 23. Juli.
0004Ed. H. „Ist den Franzosen denn aller historische Sinn
0005abhanden gekommen?“ Dieser Klageruf, den mir meine
0006jüngsten Betrachtungen über das „musikalische“ Weltausstel-
0007lungsjahr erpreßten, hat eine merkwürdige Bestätigung er-
0008fahren. Durch das Rousseau-Jubiläum nämlich, das Paris
0009am vorigen Sonntag festlich beging. Man feierte Jean
0010Jacques Rousseau mit Reden, Gesängen und Banketten;
0011man feierte ihn als Dichter, als Philosophen, als Social-
0012Politiker — aber man dachte nicht daran, Rousseau’s be-
0013rühmtes Singspiel „Le devin du village“, einst ein Lieb-
0014lingsstück der Franzosen, aufzuführen. Die Opéra Comique,
0015dazu vor Allem berufen und verpflichtet, feierte den Vor-
0016abend des Rousseau-Jubiläums mit einer neuen komischen
0017Oper „Pepita“, deren Werth und Erfolg von französischen
0018Kritikern als „sehr schwach“ bezeichnet worden. Das bedeutet
0019auf Deutsch ungefähr: grenzenlos elend. Das dritte subven-
0020tionirte Operntheater — denn von dem ersten, der Großen
0021Oper, spricht man nicht — das Théâtre Lyrique, dessen
0022ehemaliger Ruhm gerade in der Pflege des Alten bestand,
0023gab zur Rousseau-Feier eine neue komische Oper: „Le capi-
0024taine Fracasse“, deren Composition man gleichfalls mit
0025„bien faible“ bezeichnen kann. Mit sehr wenig Mühe und
0026ohne alle Kosten hätten diese Bühnen Rousseau’s „Dorf-
0027wahrsager“ aufführen können, dessen ganze Besetzung aus
0028drei Personen besteht — dennoch scheute Paris diese kleine
0029Anstrengung, seinen großen Rousseau als Musiker zu feiern.
0030Nicht einmal der Opéra Comique oder des Théâtre Lyrique
0031hätte es dazu bedurft, jedes der kleineren Operetten-Theater,
0032welche hier Offenbach, Lecocq und Johann Strauß aufführen,
0033ist musikalisch hinreichend ausgerüstet zur Wiedergabe des Rous-
0034seau’schen Singspiels. Ich weiß wol, daß vor fünfzig Jahren ein
0035damit vorgenommener Wiederbelebungs-Versuch vom Publicum
0036verspottet wurde und eine alte Perrücke als stumme Kritik
0037auf die Bühne flog. Aber bei der spätern Aufführung dieses
0038Singspieles im Vaudeville, 1864, flog nichts auf die Bühne,
0039und heute, beim Rousseau-Jubiläum, wäre wahrscheinlich ein
0040Lorbeerkranz dahin geflogen. Die Musik wird freilich nicht
0041jünger mit den Jahren, aber die Zuschauer werden doch ge-
0042scheiter, sollte man glauben. Ein Repertoirestück kann dieser
0043„Dorfwahrsager“ nimmermehr werden, aber als Gelegenheits-
0044spiel für eine nationale Rousseau-Feier wäre er unvergleich-
0045lich, ja unentbehrlich gewesen. Wenn wir in Deutschland ein
0046Singspiel besäßen, gedichtet und componirt von Schiller,
0047Goethe oder Lessing, jede deutsche Bühne hätte es bei solchem
0048Anlasse gegeben. Rousseau’s „Dorfwahrsager“ ist aber durch-
0049aus nicht, wie vielleicht Mancher argwöhnt, eine blos histo-
0050rische Curiosität, die erst von Gelehrten ins Leben eingeführt
0051werden mußte, er war im Gegentheil ein eminent populärer
0052Erfolg und hat den französischen Componisten jener Zeit
0053fruchtbare Anregung gegeben.
0054Rousseau ist zuerst als Musiker öffentlich aufgetreten.
0055Kaum noch Jüngling, gab er in Begleitung seines Musik-
0056lehrers ein Concert in Lausanne, worin er schon eigene Com-
0057positionen spielte. Als er, zwanzig Jahre alt, nach Frankreich
0058ging, dachte er sich dort als Muster dauernden Unterhalt
0059zu verschaffen. Er schrieb zwei kleine Opern, deren erste:
0060„Les muses galantes“, eine frostige Allegorie, wenig Erfolg
0061hatte. Desto größeren Beifall errang die zweite: „Le devin
0062du village“, welche zuerst 1752 bei Hof in Fontainebleau
0063gegeben wurde, hierauf in der Académie royale de musique
0064in Paris. Die Handlung dieser kleinen Idylle ist die ein-
0065fachste von der Welt. Das Bauernmädchen Colette will an
0066ihrem Geliebten Colin zunehmende Gleichgiltigkeit bemerken.
0067In ihrer Besorgniß wendet sie sich heimlich an den alten
0068Wahrsager ihres Dorfes, der ihr den Rath gibt, sich gegen
0069Colin gleichfalls kühl und gleichgiltig zu stellen. Das Mittel
0070wirkt, und nun kommt die Reihe, besorgt zu sein, an
0071Colin. Er befragt gleichfalls den Dorfwahrsager, der
0072nun Beide glücklich einigt und von Beiden, das Geld
0073einstreiNaturcht. Rousseau hat zu diesem selbstverfaßten an-
0074spruchslosen Libretto eine gleich anspruchslose Musik
0075geschrieben. Ein großer Harmoniker war er nicht, seine Be-
0076gleitung beschränkt sich auf die einfachsten Accorde, die
0077gleichmäßig, schrittweise mit der Melodie gehen. Nach der
0078gestochenen Original-Partitur (die sich auch auf der Wiener
0079Hofbibliothek vorfindet) besteht das Accompagnement fast
0080nur aus dem Streichquartett: bei manchen Stellen gehen
0081die Oboën (ohne daß ihnen eine eigene Linie spendirt wird)
0082unisono mit den Violinen oder die Fagotte mit den Bässen;
0083auch die Violoncelle haben keine eigene Linie, sie verdoppeln
0084lediglich den Contrabaß. Auf dieser sehr primitiven Technik
0085ruhte aber bei Rousseau ein nicht gewöhnliches melodiöses
0086Talent. Aus musterhaft declamirter Rede wuchsen ihm, wie
0087auf schlankem Stengel, zierliche Melodienblüthen empor, be-
0088scheiden wie die ersten Frühlingsblümchen, aber lieblich in
0089ihrer Einfachheit. In der Klage der verlassenen Colette ge-
0090winnt Rousseau’s Melodie einen rührenden Zug; diese erste
0091Nummer des Singspiels („J’ai perdu mon serviteur, j’ai
0092perdu tout mon bonheur“) gewann in Paris bald eine un-
0093erhörte Popularität; vom König bis herab zum Gärtner-
0094jungen trällerte Alles diese Melodie. Natürlich findet sich
0095hier noch kein größeres Ensemble oder Finale; die Stelle des
0096letzteren vertritt, wie in allen älteren Singspielen Frankreichs
0097und Deutschlands, die Rundstrophe; jede der drei Haupt-
0098personen singt ein Couplet, nach welchem Alle in den Re-
0099frain einfallen: „C’est un enfant, c’est un enfant!“
0100(L’amour nämlich.) Als Anhängsel zu dem „Intermède“,
0101wie Rousseau nach Vorgang der italienischen Intermezzi sein
0102Singspiel nennt, folgt eine Pantomime.
*)
Musikalisch erregt
0109uns heute das Ganze nur ein schwaches Interesse; allein
0110es haftet auch nichts irgendwie Abstoßendes daran; wir
0111athmen durchweg die reine Luft des Wahren und Einfach-[2]
0112Natürlichen. Es läßt sich vollkommen begreifen, daß diese
0113kleine Dorfoper bei gutem Spiel und ausdrucksvollem Vor-
0114trage vor 125 Jahren einen großen, populären Erfolg
0115feierte, ähnlich wie etwas später in Deutschland die einfachen
0116Singspiele des alten Adam Hiller, der ein weit gründ-
0117licherer Musiker als Rousseau, dafür aber von französischen
0118Vorbildern bereits geleitet war. Wie die Hiller’schen Sing-
0119spiele in Deutschland ein willkommener Gegensatz, ein frisches
0120Labsal waren gegen die steifen italienischen Hofopern mit ihren
0121mythologischen Sujets und barocken Castratenschnörkeln,
0122so der „Dorfwahrsager“ von Rousseau nach den akademisch
0123frostigen, mit Ballet- und Decorationsprunk überladenen
0124„Tragédies lyriques“ von Lully, Campra und Rameau. Die un-
0125vergängliche historische Bedeutung des als Composition vergäng-
0126lichen „Devin du village“ liegt in seiner bewußten Tendenz
0127gegen den französischen und für den italienischen Opernstyl.
0128Unter dem Eindruck von Pergolese’s reizendem Intermezzo
0129„La serva padrona“ war Rousseau’s Singspiel entstanden; eine
0130epochemachende Proclamation zu Gunsten der italienischen
0131Musik und ihrer einfachen melodiösen Schönheit. Was
0132Rousseau damit praktisch als Componist gethan, führte er
0133bekanntlich als musikalischer Kritiker und Theoretiker mit
0134rücksichtsloser Kühnheit aus. Freilich mit sehr verschiedenem
0135Erfolg. Das hübsche Singspiel hießen die Franzosen laut
0136willkommen, aber den berühmten „Brief über die französische
0137Musik“, in welchem Rousseau den Franzosen rundweg die
0138Befähigung zur Oper und ihrer Sprache jede musikalische
0139Eigenschaft abspricht, diesen Brief konnten sie ihm nie ver-
0140zeihen. Ein Sturm der Entrüstung begann gegen ihn loszu-
0141brechen, in Journal-Artikeln, Pasquillen, Caricaturen und
0142Drohbriefen. Rousseau glaubte sogar sein Leben bedroht und
0143floh nach Genf.
0144Als musikalischer Schriftsteller ist Rousseau eine zeit-
0145lang sehr überschätzt worden, jetzt scheint man in Frankreich
0146fast ins Extrem zu fallen und einer Wirksamkeit, die das
0147ganze Leben dieses bedeutenden Mannes so energisch durch-
0148zog, gar zu wenig Bedeutung beizumessen. Der Componist
0149des „Devin du village“ besaß musikalisches Talent und
0150musikalische Kenntnisse, wenn auch beides von etwas ober
0151flächlicher Natur. Eine lebhafte Empfindung für das Schöne
0152in der Musik war ihm angeboren, und wo er richtig fühlte,
0153da gewannen seine Ideen sofort die glänzendste Beredsam-
0154keit. Es finden sich in seinen Schriften zahlreiche Gedanken
0155über Musik, die ebenso wahr als bestechend und originell sind.
0156Allein man muß Rousseau als musikalischen Philosophen
0157nicht zu pedantisch, fast möchte ich sagen, nicht zu ernsthaft
0158nehmen. Insbesondere verträgt er keine Prüfung auf seine
0159Consequenz. Je nachdem gerade sein Urtheil auf einen neuen
0160Eindruck besonders lebhaft reagirt, entscheidet er bald so,
0161bald anders und vergißt mitunter, daß er an anderm Orte
0162vielleicht das Gegentheil gesagt. Kein zweiter musikalischer
0163Schriftsteller hat sich wol so oft widersprochen, wie Rousseau.
0164In seiner ersten Periode huldigte er der Musik Rameau’s;
0165in der zweiten ließ er nur die Italiener gelten und geißelte
0166Rameau; in der dritten endlich stellte er Gluck zuhöchst
0167und widerrief ausdrücklich oder verschleiert die einschneidend-
0168sten Aussprüche aus seinen zwei früheren Phasen. In seinem
0169„Essay über den Ursprung der Sprachen“ sagt er zum Bei-
0170spiel: „Ce n’est pas tant l’oreille, qui porte plaisir au
0171coeur, que le coeur, qui le porte à l’oreille.“ Diese Be-
0172hauptung hatte er offenbar vergessen, als er in seinem „Dic-
0173tionnaire de musique“ den richtigeren Satz niederschrieb:
0174„La musique ne saurait aller au coeur que par le
0175charme de l’oreille.“
0176Rousseau’s origineller, aber meisterloser, schweifender
0177Geist gefiel sich in den stärksten Uebertreibungen, welche oft
0178genug einen Kern von Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit über-
0179decken. Er erinnert mich da oft unwillkürlich an Jean Paul
0180und an Victor Hugo. In der heillosen Kunst, das Kind
0181mit dem Bade zu verschütten, war er großartig. Wie er
0182in seiner Dijoner Preisschrift den Satz verfocht, daß die
0183Künste und Wissenschaften nur moralisches Verderben in die
0184Welt gebracht haben, wie er in seinem „Emil“ jeder Erzie-
0185hung den reinen Naturzustand vorzieht, so geht er auch als
0186Musiker in seiner Opposition gegen den Mißbrauch der Har-
0187monie so weit, die Harmonie überhaupt für das Verderben
0188der Musik zu erklären und sie als Todfeindin der Melodie
0189zu verfolgen. Alle contrapunktischen Combinationen, die
0190Fugen insbesondere, sind ihm nichts als „schwierige Albern-
0191heiten (sottises difficiles), die dem Ohre wehthun und welche
0192die Vernunft nicht rechtfertigen kann, Ueberreste der Bar-
0193barei und des verdorbenen Geschmacks, die wie die Portale
0194unserer gothischen Kirchen nur noch zur Schande ihrer ge-
0195duldigen Verfertiger aufbewahrt zu werden verdienen“.
0196Rousseau hat, wie gesagt, seine musikalischen Ueberzeu-
0197gungen wiederholt gewechselt und für jede dieser neueren Re-
0198ligionen gleich mit dem Eifer eines begeisterten Convertiten
0199losgeschlagen. Seine hitzige Sprache verräth dann, daß er
0200nicht blos gegen diesen und jenen mächtigen Gegner, sondern
0201zugleich gegen sich selbst kämpfe. In einer geistreich und fach-
0202kundig geschriebenen Abhandlung: „La musique et les
0203philosophes du 18 siècle“, hat Herr Adolphe Jullien
0204die zahlreichen Widersprüche, in welche Rousseau sich ver-
0205wickelte, beleuchtet. Wir dürfen Jullien’s scharfe Kritik als
0206vollkommen berechtigt anerkennen und dennoch zwei unver-
0207gängliche Verdienste Rousseau’s hervorheben: seine muthige
0208Parteinahme zuerst für die italienische Musik, dann für Gluck.
0209Es waren zwei Hauptschlachten, die er der guten Sache ge-
0210wann und die, von den Franzosen anfangs schmerzlich empfun-
0211den, doch der Entwicklung ihrer Musik zugute kamen. Gegen-
0212über der nationalen Eitelkeit, mit der die Franzosen damals
0213ihre Musik für die vollkommenste hielten, gehörte ein un-
0214gemeiner Muth dazu, ihnen die Unnatur und Armseligkeit
0215ihres Opernwesens vorzuhalten und die schöne Klarheit ita-
0216lienischer Melodik als Muster entgegenzustellen. Von seinen
0217Uebertreibungen hier wie überall abgesehen, hatte Rousseau
0218damit das Richtige getroffen. Der Glanz seiner Beweisfüh-
0219rung wie die Autorität seines Namens haben, obendrein
0220unterstützt von dem Erfolg seines „Devin du village“, ohne
0221Zweifel den Componisten Philidor, Monsigny und
0222Grétry den Weg geebnet, auf dem sie, durch Inoculation
0223italienischer Melodik auf den französischen Musikstamm, die
0224eigentliche Opéra comique schufen. Dieser italienische Einfluß
0225hat sich bis auf Boieldieu und Auber herab gedeihlich er-
0226wiesen für die französische Musik, welche dadurch mehr sinn-
0227liche Frische und plastische Formschönheit erhielt. Ob der neu-
0228deutsche Einfluß, der gegenwärtig an dessen Stelle getreten, [3]
0229die französische Musik ebenso glücklich befruchten werde, scheint
0230mir sehr zweifelhaft.
0231Die zweite rühmliche That des Musik-Kritikers Rousseau
0232war dessen Parteinahme für den in Paris so heftig bestrit-
0233tenen Gluck. Sie ist ihm, dem enthusiastischen Anhänger
0234italienischer Musik, als arge Inconsequenz vielfach verübelt
0235worden. An sich liegt aber kein Widerspruch darin, das
0236Schöne ebensosehr in Gluck als in Pergolese zu bewundern.
0237Kein echter Musiker wird den Einen geringschätzen, blos weil
0238er den Andern liebt, und nicht Consequenz, sondern klägliche
0239Einseitigkeit nennen wir’s, wenn heutzutage manche Verehrer
0240„Fidelio’s“ und der „Euryanthe“ es für unschicklich halten,
0241den „Liebestrank“ oder „Fra Diavolo“ zu loben. Der Vor-
0242wurf der Inconsequenz trifft somit nur die crassen Ueber-
0243treibungen und die falschen Theorien, mit welchen Rousseau
0244sein Lob der italienischen Musik verbrämte. In seinem leicht
0245auflodernden Enthusiasmus hatte er eben nur die Vorzüge
0246der Italiener gesehen, und durch’s Vergrößerungsglas ge-
0247sehen; ganz ebenso an der französischen Musik die Fehler.
0248Gluck’s Werke überzeugten ihn nun, daß auch eine im fran-
0249zösischen Sinne gedachte Oper mit Balleten, Maschinerien
0250und Dämonen (Rousseau’s leidenschaftlichster Haß) ein echtes
0251Kunstwerk sein und die französische Sprache von Meisterhand
0252auch musikalisch gehandhabt werden könne. Pergolese
0253und Gluck — wol sind sie grundverschieden; aber gegen
0254den französischen Opernstyl zu Rousseau’s Zeit waren
0255Beide, Jeder von ihnen in seiner Weise, ein un-
0256endlich Besseres, und darum durfte Rousseau Beide
0257mit bestem Gewissen feiern. Indem er Gluck’s Größe
0258ehrlich bekannte, ging er doch, selbst Gluck zuliebe, nicht ab
0259von seiner frühern Ueberzeugung, daß in der Oper die
0260Musik das Wichtigste sei, und nicht das Wort. „Es ist ein
0261schönes und großes Problem,“ sagt er bei diesem Anlaß,
0262„zu bestimmen, bis zu welchem Punkt man die Musik könne
0263sprechen lassen und die Sprache singen. Von einer guten
0264Lösung dieses Problems hängt die ganze Theorie der drama-
0265tischen Musik ab. Der bloße Instinct hat hierin die Italiener
0266in der Praxis so gut als nur möglich geleitet; und die gro-
0267ßen Fehler ihrer Opern kommen nicht her von einem schlech
0268ten musikalischen Princip, sondern von der schlechten Anwen-
0269dung eines guten.“ Daß Rousseau gleichwol Gluck mit
0270schwächerem Enthusiasmus preist, als vordem die Italiener,
0271fast mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, braucht nicht
0272geleugnet zu werden. Rousseau stand, als er den berühmten
0273Brief über Gluck’s „Alceste“ schrieb, in vorgerückten Jahren,
0274die frühere Exaltation hatte einem ruhigeren, versöhnlichen
0275Denken, ja einer resignirten Stimmung Platz gemacht. Gluck
0276kam erst 1774 nach Frankreich, und Rousseau trachtete dessen
0277inständigem Verlangen nach einer Kritik mit Hinweis auf
0278seine „seit mehreren Jahren äußerst geschwächten Geistes-
0279kräfte“ auszuweichen. Er gesteht auch, daß es für ihn eine
0280große Mühe sei, „eine so überladene und verwickelte Parti-
0281tur wie ’Alceste’“ zu lesen. Es haben somit ohne Zweifel
0282auch persönliche Motive, wie so oft bei Rousseau, schließlich
0283mitgewirkt zu Gunsten Gluck’s. Lobenswerthe Motive, wie
0284wir glauben, nämlich persönliche Freundschaft und Dankbar-
0285keit. Gluck war es (wie wir aus Bachaumont’s Memoiren
0286erfahren), der Rousseau mit den Directoren der Pariser
0287Oper ausgesöhnt und diesen all ihr Unrecht gegen den gro-
0288ßen Mann vorgehalten hatte. Wechselnd und unberechenbar,
0289wie jede Regung bei Rousseau, hat leider auch seine Freund-
0290schaft für Gluck keine Dauer; er sperrt eines Morgens dem
0291bewunderten Freunde, den er Tags zuvor mit offenen Armen
0292empfangen, ohne allen Grund die Thür vor der Nase zu.
0293Gleichviel, Rousseau’s beherzte, nicht ohne schwere Selbst-
0294verleugnung vollzogene Parteinahme für Gluck bleibt eine
0295rühmliche That und sein Brief über die „Alceste“ ein
0296dauerndes Denkmal seiner glänzenden musik-kritischen Be-
0297gabung.
0298Es hat mich so sehr verdrossen, bei der Nationalfeier
0299am 14. Juli den Musiker Rousseau vergessen und sein be-
0300rühmtes Singspiel ignorirt zu sehen, daß ich wenig Lust
0301verspürte, die officielle Festlichkeit am Château d’eau mitzu-
0302machen. Hingegen vergönnte ich mir eine stille Privat-
0303andacht nach meinem Sinn und fuhr hinaus nach Mont-
0304morency, dem Lieblingsaufenthalt Jean Jacques’. Hier fand
0305ich, von alten, breitästigen Kastanien beschattet, die „Eremi-
0306tage“, ein verlassenes einstöckiges Haus, mit halbzerbrochenen
0307grünen Jalousien und tiefen Rissen in der Mauer. Fenster
0308und Thüren dicht verschlossen, auf der ausgetretenen steiner-
0309nen Schwelle dichtes Gras. Dieses stille Haus, ein echter
0310Poetenwinkel, ist mir noch um eines andern Mannes willen
0311theuer: es war der letzte Wohnsitz des Componisten Gré-
0312try, der hier 1813 in hohem Alter starb. In ihrem gegen-
0313wärtigen Verfall hat die Eremitage, dieses Stück Waldein-
0314samkeit in der nächsten Nähe von Paris, etwas unbeschreib-
0315lich Trauliches und Rührendes. Es verwunderte und freute
0316mich zugleich, daß man das Häuschen nicht modisch renovirt
0317und etwa zu hohem Preis einem reclamekundigen Restaurant
0318überlassen hat. Aber erhalten sollte es bleiben für alle
0319Zeit, zur Erinnerung an zwei seltene Menschen, die zwar
0320beide außerhalb Frankreichs geboren, doch zeitlebens zum
0321Ruhme Frankreichs gearbeitet haben. Nach Paris zurück-
0322gekehrt, wurde mir noch am selben Abend die Freude,
0323Rousseau von einer neuen Seite kennen zu lernen. Freund
0324Szarvady, dessen Haus man nie verläßt, ohne Schönes
0325und Interessantes gehört oder gesehen zu haben, zeigte seinen
0326Gästen ein von Rousseau’s Hand geschriebenes Notenheft.
0327Irgend ein altmodisches Stück von einem verschollenen Com-
0328ponisten, aber geadelt durch das: „Copié par J. J. Rous-
0329seau“ auf dem Titelblatt. Einzig dürfte dies Beispiel sein,
0330daß irgend eine Composition Interesse und hohen Werth
0331erhält durch den Namen des Abschreibers. War es eine
0332Sonderlingslaune von Rousseau, seinen Lebensunterhalt durch
0333Notenschreiben zu verdienen, so muß man wenigstens ge-
0334stehen: er hat ihn redlich verdient. Nie sah ich eine schönere
0335Notenschrift. Die Köpfchen so rund und schwarz, so statt-
0336lich aufrecht auf zierlichem Stengel und in stets gleichem
0337Abstand — eine wahre Augenweide! Eine mechanische Arbeit,
0338aber man sieht ihr an, daß sie mit Liebe gemacht wurde.
0339Wer so copirt, der muß gern copirt haben. Merkwürdiger-
0340weise liegt in diesen Zügen nichts, was das hastige, ungleiche
0341Temperament Rousseau’s verrathen würde. Es ist, als ob
0342Alles, was in dem widerspruchsvollen Charakter des Mannes
0343an Schönheitssinn, Anmuth und Seelenfrieden verstreut und
0344versteckt lag, sich in dieser reizenden Notenschrift gesam-
0345melt hätte.