Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5072. Wien, Donnerstag, den 10. October 1878
[1]Das Hamburger Musikfest.
0002Ed. H. Vor fünfzig Jahren thaten sich in Hamburg
0003fünf kunstsinnige Männer zusammen, drei Doctoren, ein
0004Oberst und ein Musiker, um eine Concert-Gesellschaft, haupt-
0005sächlich für Aufführung von Symphonien und Ouvertüren,
0006zu gründen. Zu jener Zeit kämpfte in Deutschland die
0007Einführung regelmäßiger Orchester-Concerte noch mit großen
0008Schwierigkeiten, welche theils in der Beschränktheit der vor-
0009handenen Mittel, theils in der erst aufblühenden Theilnahme
0010des Publicums für symphonische Musik wurzelten. In Ham-
0011burg hatten obendrein die Kriegsjahre alle Kunstbestrebungen
0012nachhaltig zurückgedrängt, und nachdem die französische Occu-
0013pation abgezogen war, dachten die Hamburger natürlich zu-
0014erst an die commerziellen und nicht an die musikalischen
0015Interessen. Concertmusik stand in der Gunst der Hamburger
0016tief unter dem Theater, galt nur als eine Art Adoptivkind
0017desselben, da die meisten Concerte (überwiegend Virtuosen-
0018Productionen und Opern-Arien) im Theater und auf Ver-
0019anstaltung der Theater-Direction stattfanden. Ja selbst ein
0020gesicherter Theaterbesuch wie heutzutage existirte noch nicht in
0021Hamburg, wo häufig Mittags ein Zettel mit der Anzeige
0022erschien: „Wegen des schönen Wetters findet heute Abends
0023keine Vorstellung statt.“ Für regelmäßige Orchester-Concerte
0024mußte ein Publicum erst herangebildet werden. Wie
0025in Wien bei der Gründung der „Gesellschaft der
0026Musikfreunde“ (1814) und in den meisten deutschen
0027Städten, waren es Dilettanten aus den besseren Ge-
0028sellschaftskreisen, welche die ersten regelmäßigen Abonne-
0029ments- oder Vereinsconcerte schufen. Solche opferwillige
0030Begründer (keine „Gründer“ im späteren Sinne) konnten sich
0031gratuliren, wenn sie wenigstens Einen tüchtigen Fachmusiker
0032als Dirigenten in ihrer Mitte besaßen. Diese musikalische
0033Ergänzung der drei Doctoren und des Obersten war in
0034Hamburg der Componist und Clavierlehrer Wilhelm Grund,
0035der jahrzehntelang die Seele der Gesellschaft blieb und erst
0036im Jahre 1874, vierundachtzigjährig, gestorben ist. Nach
0037Grund’s Rücktritt übernahm Julius Stockhausen, der
0038unvergleichliche Gesangskünstler, 1862 die Direction der
0039philharmonischen Concerte und führte sie vier Jahre lang;
0040seit 1867 versieht der von Leipzig nach Hamburg berufene
0041Capellmeister J. v. Bernuth das Amt. An diese drei
0042Namen: Grund, Stockhausen und Bernuth knüpft sich die
0043ganze Lebensgeschichte der Hamburger Philharmonie-Concerte.
0044Ursprünglich gab es deren nur vier alljährlich, später unter
0045Stockhausen stieg man bis auf zehn Concerte, welchen die
0046regste Theilnahme und sogar für die Generalproben ein
0047zahlendes Publicum bis heute gesichert blieb. Beim fünfzigsten
0048Jahrestag ihrer philharmonischen Concerte angelangt, mußten
0049die Hamburger stolze Genugthuung empfinden über diesen
0050aus dürftigem Keim so stattlich und weiterfest emporgewach-
0051senen Baum. Patriotismus, Musikliebe und die sprichwört-
0052liche Gastfreundlichkeit der Einwohner klangen nun präcis zu
0053dem Accord zusammen: Wir geben ein Musikfest zum Jubi-
0054läum unserer Philharmonischen Gesellschaft! Dasselbe ward
0055in großem Styl angelegt und durch vier volle Tage, vom
005625. bis zum 28. September, mit dem allergünstigsten Gelin-
0057gen gefeiert.
0058Die liebenswürdige Einladung des Comités zum Be-
0059suche des Musikfestes fand mich anfangs etwas schwankend;
0060hatte ich doch nach diesem Weltausstellungs-Sommer einiges
0061Recht, musik- und reisemüde zu sein. Allein die Sehnsucht,
0062Hamburg wiederzusehen nach vollen zwanzig Jahren, ließ sich
0063nicht beschwichtigen. Seit damals trug ich den zauberhaften
0064Eindruck dieser Stadt treu und immergrün im Gedächtniß.
0065Es war ein sonniger Maitag, als ich zum erstenmale von
0066der Anhöhe des „Stintfang“ auf den von hundert Masten
0067belebten Hafen blickte und dann die Elbe hinabschiffte zwischen
0068blühenden Gärten und zierlichen Landhäusern bis Blankenese.
0069Die ganze sommerliche Welt war hell und frisch und wollte
0070überströmen von Leben. In der Stadt selbst weidete ich mich
0071an dem herrlichen Contrast zwischen dem neuen eleganten
0072Stadttheil mit seinen Palästen am Alsterbassin und der
0073langen Reihe uralter Giebelhäuser in der Hafengegend.
0074Welche andere Stadt besitzt dieses Nebeneinander von groß-
0075städtischer Eleganz und ehrwürdig mittelalterlichem Adel,
0076dieses Ineinander landschaftlicher Schönheit und groß-
0077artigsten Weltverkehrs — welche andere Stadt, als Ham-
0078burg, das deutsche London?
0079Alles dies sah ich jetzt wieder, freilich nicht wie damals
0080bei warmer Frühlingsbeleuchtung, sondern in recht kühlem,
0081regnerischem Spätherbst. Aber der landschaftliche Reiz ist es
0082glücklicherweise nicht allein, womit uns Hamburg fesselt, es
0083thut dies ebensosehr durch die Erinnerungen an eine glorreiche
0084Vergangenheit deutscher Musik und Literatur. Da kreuzt
0085man kunstgeweihte Plätze und Straßen, deren vergangenes
0086Leben uns auch unter dem Winterrock und Regenschirm das
0087Herz wunderbar erwärmt. Wir pilgern zuerst nach dem so
0088prosaisch klingenden „Gänsemarkt“. Daß nur ja kein ästheti-
0089scher Bürgermeister den Platz je umtaufe! Dieser Hambur-
0090ger „Gänsemarkt“ war zweimal im vorigen Jahrhundert
0091das Bethlehem unserer dramatischen Kunst, der gesungenen
0092zuerst, dann der gesprochenen — eine der Ambosstätten des
0093deutschen Geistes. Der Leser fürchte hier keine Abhandlung
0094über die Opern Reinhard Keiser’s oder Lessing’s
0095„Hamburger Dramaturgie“. Allein unmöglich könnte ich den
0096Eindruck Hamburgs wahrhaft und voll wiedergeben, ohne
0097einen Augenblick bei jenen großen nationalen Erinnerungen
0098zu verweilen. Wird doch von Fremden und Einheimischen
0099das literarische und musikalische Hamburg so gerne vergessen
0100über dem reichen und schönen. Ich ließ mir auf dem Gänse-
0101markte die Stelle des alten Theaters zeigen, in welchem
0102genau vor 200 Jahren die erste stabile deutsche Opernbühne
0103eröffnet wurde, das Theater, in welchem der „vollkommene
0104Capellmeister“ Matheson dirigirte, Händel als junger
0105Mann die zweite Violine spielte, und vor dessen Eingang
0106sich eines Tages die Beiden wegen eines Directions-Rang-
0107streites duellirten vor allem Volke. Es war eine neue und
0108große Idee, als 1678 einige Hamburger Herren — natür-
0109lich wieder Doctoren, Rathsherren, Licentiaten — den Be-
0110schluß ausführten, eine stabile deutsche Opernbühne zu er-
0111richten, die erste in Deutschland. Will man sich anschaulich [2]
0112machen, was das sagen wollte zu jener Zeit, wo nur die
0113italienische Oper in Deutschland gepflegt war, als eine
0114Belustigung vornehmlich der Höfe und des Adels, so braucht
0115man blos sich zu erinnern, daß beispielsweise Dresden erst
0116durch Karl Maria Weber 1817 eine eigene deutsche Oper
0117erhielt, welche obendrein lange noch als Aschenbrödel neben
0118der italienischen behandelt wurde. Also 140 Jahre früher
0119und zuerst in ganz Deutschland baute Hamburg der deut-
0120schen Oper eine bleibende Stätte. Sie bildete zu Anfang
0121des achtzehnten Jahrhunderts namentlich durch die Opern
0122des genialen, fruchtbaren Reinhard Keiser einen glänzenden
0123Mittelpunkt des deutschen Musikwesens. Leider erhielt die
0124Hamburger Oper sich nicht lange auf ihrer Höhe; sie sank,
0125mit Reinhard Keiser’s Tod, immer tiefer, und hörte 1738,
0126nach fünfzigjährigem Bestehen, gänzlich auf. Dreißig Jahre
0127später gründete abermals Hamburg das erste stabile deutsche
0128National-Theater unter Ackermann’s Direction und
0129Lessing’s kritischer Oberaufsicht. Es erlebte bekanntlich
0130einen einzigen Jahrgang, hat aber doch ungleich größeren
0131Einfluß auf unsere Literatur und Theaterzustände geübt, als
0132jene fünfzigjährige Opernunternehmung auf die deutsche
0133Musik. Nicht nur verblieb nach Lessing’s Weggang seine
0134„Hamburger Dramaturgie“ als unschätzbare fortfließende
0135Quelle der Bildung für Schauspieler und Bühnendichter,
0136das Theater selbst fand bald eine rühmliche Fortsetzung unter
0137der Direction Schröder’s, des genialen Leiters und Vollen-
0138ders der Hamburger Schule. Auch dieses Theater, in wel-
0139chem noch bis 1827 gespielt wurde, steht nicht mehr; es
0140hat ganz kürzlich dem Durchbruch der neuen Colonnaden-
0141straße zum Opfer fallen müssen. Nur die leere Stelle
0142sah ich, wo das durch Lessing geweihte Theater
0143gestanden, das die „Dramaturgie“ hervorgerufen, die erste
0144Aufführung des „Götz von Berlichingen“ und der „Minna
0145von Barnhelm“ gebracht und zuerst den Geist Shakespeare’s
0146über das übrige Deutschland verbreitet hatte. Gelangte doch
0147durch die berühmte Hamburger Aufführung der „Hamlet“
0148zu solcher Verbreitung, daß Anfangs der Achtziger Jahre
0149Tarock-Karten mit Figuren aus „Hamlet“ in Deutschland
0150Mode wurden. Als Heine, sonst nicht der Mann über
0151mäßiger Pietät, zum erstenmale Berlin sah, war seine erste
0152Empfindung: „Wie oft mag Lessing diese Straßen ge-
0153wandelt sein!“ Um wie viel mächtiger packt uns diese Vor-
0154stellung in Hamburg, das Lessing so unendlich besser gefiel,
0155als Berlin!
0156Ein anderer großer Zeitgenosse Lessing’s — er führt
0157uns von der Dichtkunst wieder auf die Musik zurück — hatte
0158im selben Jahre wie dieser gleichfalls Berlin mit Hamburg
0159frohen Herzens vertauscht und zwanzig Jahre lang den musi-
0160kalischen Ruhm dieser Stadt aufrechterhalten: Philipp
0161Emanuel Bach, der dritte und bedeutendste Sohn
0162Sebastian’s, schlechtweg der „Hamburger Bach“ genannt.
0163Wir lassen uns zur Jacobskirche und zum Joanneum
0164führen, wo Emanuel Bach als Cantor und Musikdirector
0165fungirte, nach dem Tode Telemann’s, eines der früheren
0166großen Sterne an dem Musikhimmel Hamburgs. Emanuel
0167Bach verließ gerne seine Stellung bei Friedrich dem Großen,
0168dessen Flötenspiel er durch 27 Jahre auf dem Clavier be-
0169gleitet hatte, um in Hamburg Cantor zu werden. Das
0170Berlin Friedrich’s II. konnte sich nicht mit Hamburg messen.
0171Nicht ohne Anstrengung habe ich mir unter den vielen selt-
0172samen Straßennamen Hamburgs auch die „Fuhlentwiet“ ge-
0173merkt, wo Bach die letzten Jahre seines Lebens in uner-
0174müdlichem Musikschaffen, dabei in intimer Freundschaft mit
0175Klopstock verlebte. Letzterer hat ihm auch eine poetische
0176Grabschrift verfaßt, die mit der etwas geschraubten Anrufung
0177beginnt: „Steh’ nicht still, Nachahmer, denn du
0178müßtest erröthen, wenn du bleibst!“ Sie sollte
0179ein für Emanuel Bach projectirtes Denkmal in der Ham-
0180burger Michaelskirche schmücken, das aber ebensowenig zu
0181Stande kam, wie das von seiner Vaterstadt Weimar ihm
0182zugedachte. Durch seinen Einfluß auf Haydn hängt Emanuel
0183Bach bekanntlich auch mit Wien und der Wiener Schule zu-
0184sammen; seine Claviersonaten, die ersten Blüthen der
0185„freien Schreibart“, wirkten, nach Haydn’s eigenem Geständ-
0186nisse, wesentlich auf dessen Styl ein. Eine merkwürdige, heute
0187geradezu unglaublich klingende Thatsache ist es, daß Haydn
0188auf seiner zweiten Reise nach London 1795 sich in Hamburg
0189aufhielt, um den alten Bach zu besuchen; er hatte nicht er
0190fahren, daß dieser schon im December 1788 gestorben war!
0191So weit dehnten sich damals Zeit und Raum, so isolirt
0192standen Großstädte wie Hamburg und Wien gegen einander.
0193Im selben Jahre, da Haydn, der dankbare Verehrer
0194Ph. Emanuel Bach’s, in Wien starb, 1809, schenkte uns
0195Hamburg einen andern großen Tondichter, der in moderneren
0196Bildungsformen die liebenswürdige Meisterschaft der Haydn’-
0197schen Instrumentalmusik erneuerte und eine ähnliche Popula-
0198rität in ganz Europa errang: Felix Mendelssohn-Bar-
0199tholdy. Ich sah sein Geburtshaus, an dem man weislich
0200eine Gedenktafel angebracht hat, denn noch immer halten
0201viele von seinen Verehrern Mendelssohn für ein Kind Ber-
0202lins, wohin er allerdings in früher Jugend mit seiner Familie
0203übersiedelte; selbst das neueste große „Musikalische Conver-
0204sations-Lexikon“ vergißt, Hamburg als den Geburtsort Men-
0205delssohn’s zu nennen.
0206Aber wir sind noch nicht fertig mit dem musikalischen
0207Ruhm Hamburgs. Es muß doch noch etwas Edleres in der
0208Atmosphäre dieser Stadt wehen, als der „Schellfischseelen-
0209duft“ über den Heine spöttelt, Heinrich Heine, der selbst
0210ein Hamburger Kind ist und ein gar exquisiter Hamburger
0211Stolz bleiben wird. Noch wirkte Mendelssohn in der Fülle
0212kräftigsten Mannesalters, als seine Vaterstadt Hamburg schon
0213wieder einen Tondichter in großem Styl hervorgebracht hatte,
0214einen uns Wienern ganz besonders werthen und wohlbekann-
0215ten: Johannes Brahms. Das Haus, in welchem er am
02167. Mai 1833 das Licht der Welt erblickt hat, ist abgerissen;
0217ich will es ihm aufs Wort glauben, obgleich es dem Schalk
0218nicht unähnlich sähe, sein eigenes Vaterhaus zu verheimlichen,
0219aus Furcht, es könnte in ein Feuilleton kommen. Es that
0220mir leid, das bescheidene alte Haus nicht mehr sehen zu kön-
0221nen, in welchem der Vater, ein tüchtiger, ehrenfester Stadt-
0222musiker, und die zärtliche Mutter — sie sind Beide bereits
0223heimgegangen — den kleinen Johannes zum braven Men-
0224schen heranzogen. Sei’s um das alte Haus; der Tempel,
0225den sich Brahms in seinen Werken erbaut, kann nicht mehr
0226demolirt werden, er steht fest, und die Pforten Niebelheims
0227werden ihn nicht überwältigen.
0228(Ein Schlußartikel folgt.)