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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6099. Wien, Sonntag, den 21. August 1881

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Contre la Musique.“


0002Ed. H. Unter diesem aufregenden Titel hat soeben der
0003greise französische Poet und Akademiker Victor de Laprade 
0004ein stattliches Buch veröffentlicht, welches ihm unter musika-
0005lischen und sonstigen gefühlvollen Seelen wenig Freunde
0006machen wird. Auf einen so umständlichen Feldzug gegen die
0007Musik hatte es der Dichter der „Evangelischen Oden“, der
0008poetische Milchbruder Lamartine’s, anfangs nicht abge-
0009sehen. Eine kleinere Abhandlung über „Philosophie der Musik“
0010war vor einigen Jahren von ihm erschienen, welche den
0011Grundstock des neuen Buches bildet. Laprade hatte nämlich
0012in jenem Aufsatze mit so verbissener Vorliebe bei den Schat-
0013tenseiten der Musik und ihrer Verehrer verweilt, daß Letztere
0014ihn öffentlich als einen „unversöhnlichen Feind der Tonkunst“
0015bezeichneten. Durch diesen Vorwurf gekränkt und obendrein
0016durch eine feine Gegenschrift von Mr. de Falloux zur
0017Abwehr aufgestachelt, schrieb nun Laprade sein Buch „Contre
0018la Musique“, welches seine ursprünglichen Ansichten weiter
0019ausführen, durch neue Beweismittel schützen und seinen Geg-
0020nern einleuchtend machen sollte.


0021Ein ganzes Buch „gegen die Musik“ besitzen wir meines
0022Wissens in der deutschen Literatur nicht, aber zahlreiche
0023scharfe Ausfälle, die in wenigen Zeilen oft mehr Gift ent-
0024halten, als manches lange Capitel des würdigen Laprade.
0025Namentlich zwei solche Stellen fallen mir als besonders
0026charakteristisch ein; sie mögen — als in Musikkreisen weniger
0027bekannt — hier ein Plätzchen finden. Der erste Ausfall steht
0028in Gutzkow’s einst vielbesprochenem, jetzt halbverschollenem
0029Roman „Wally“ und lautet: „Was soll uns überhaupt
0030Musik, diese klingende Mathematik? In den großen
0031Musikern habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie
0032immer mit Schlüsseln umgehen, doch über nichts Aufschluß
0033geben können. Wenn ich bei irgend einem Musikstücke ein
0034solcher Narr bin, dadurch und deßwegen an die Unsterblichkeit
0035der Seele zu glauben, so verbinden zu gleicher Zeit Andere
0036damit einen Begriff, der vielleicht der entgegengesetzte ist.
0037Nein, die Musik wird aufhören, zu den ersten Künsten ge-
0038rechnet zu werden. Nähert sich die Musik in der Oper nicht schon
0039immer mehr der rhetorischen Declamation?. . . Was sind
0040Hunderttausende in der Welt ohne das Bischen Fortepiano,
0041was sie spielen können!“ Noch reizender humoristisch ist fol-
0042gende Bosheit, welche der geistreiche Hermann Pres-
0043ber
in seiner Novelle „Ein Anempfinder“ gegen die Musik
0044abschnellt: „Der Ton ist die tönende Seele. Bei tönenden
0045Seelen findet sich aber meistens kein Geist. Die Musik ist
0046die einzige Kunst, in welcher neben dem Talente die Dumm-
0047heit ein fröhliches Fortkommen findet und frech und an-
0048spruchsvoll auftreten darf. Ja, ja! Die Musik ist die gesell-
0049schaftlichste und geselligste Kunst. Es fragt sich nur, wer sich
0050in der rein musikalischen Gesellschaftlichkeit und Geselligkeit
0051lange wohl befindet. Gib einem Menschen das hohe C und
0052das tiefe C und er wird die wie jener mit Gold beladene
0053Esel Philipp’s von Macedonien in alle Städte und Gemächer
0054dringen.“


0055Mit den Waffen des Humors, des gutmüthigen oder
0056des ätzenden, kämpft Herr v. Laprade keineswegs; er
0057will nicht verspotten, sondern belehren, und thut dies durch-
0058weg mit Ernst und Ueberzeugung. Den Titel seines Buches
0059bezeichnet er selbst im Vorworte als lügnerisch, als einen
0060„titre menteur“, der nicht sowol herausfordernd als heraus-
0061gefordert sei durch unbillige Gegner. Denn er selbst, Laprade,
0062sei nichts weniger als ein Feind der Musik, „dieser bezau-
0063berndsten aller Künste“. In unserer Zeit fordere man aber
0064leider unbedingte Bewunderung auf allen Gebieten;
0065den Mißbrauch, die Uebertreibung einer Sache bekämpfen,
0066heiße sofort „ihr Feind sein“. Wir glauben es dem greisen
0067Poeten aufs Wort und muthen ihm eine wirkliche Feind-
0068schaft oder Verachtung gegen die Musik so wenig zu,
0069wie den Deutschen Gutzkow, Presber, Heine 
0070und Anderen, die irgend einmal ihrem Aerger über
0071die gefährlich um sich greifende Musik-Epidemie Luft
0072gemacht haben. Sie sind im Grunde nur Gegner
0073einer sinn- und maßlos musicirenden Gesellschaft, welche der
0074Tonkunst den höchsten Rang unter den Künsten einräumen
0075und das Recht des Gedankens herabsetzen möchte neben jenem
0076der Empfindung. Nicht „gegen die Musik“ fühlen sich unsere
0077Ritter vom Geiste gereizt und kampflustig, sondern gegen die 
0078Nachtheile, welche deren einseitiger und übertriebener Cultus
0079für die allgemeine Geistesbildung herbeiführt. Selbst die
0080auffallende Bitterkeit in Aussprüchen wie die früher citirten
0081können wir leicht begreifen und vergeben. Muß es doch
0082gerade Schriftsteller und Dichter, welche ihr Leben der in-
0083haltreichsten Kunst, der Kunst des Wortes und Gedankens
0084gewidmet, tief verstimmen, wenn sie allenthalben die Bevor-
0085zugung der Musik, dieser Kunst der schönen Inhaltlosigkeit,
0086zu erfahren haben. Mit einer Art Beschämung erleben sie
0087ja täglich, wie in unseren großen und kleinen Gesellschaften
0088unersättlich musicirt, aber höchst selten vorgelesen wird, und
0089die schlechteste Oper eine längere Conversation hervorruft,
0090als das beste neue Buch. Es ist bemerkenswerth, daß Dichter
0091und Schriftsteller lediglich die Rivalität der Musik, nicht die
0092der Malerei oder Architektur als feindselig empfinden.
0093Uebrigens sind es nicht die Poeten allein, sondern mitunter
0094auch Musiker von Beruf, welche durch die Aufdringlichkeit
0095und geistlose Unersättlichkeit des allgemeinen Musiktreibens
0096sich in ihrer ernsteren, keuscheren Musikliebe verletzt und
0097in eine Art von Opposition getrieben fühlen. Ein
0098Musiker, einer unserer besten (Ferdinand Hiller), hat bekannt-
0099lich den Klageruf „Zu viel Musik!“ an die Spitze
0100eines tonabwehrenden Aufsatzes gestellt. Die Uebertreibung ist
0101es, die Uebertreibung eines an sich löblichen und von
0102uns getheilten Gefühles, was den Geist des Wider-
0103spruches in uns wachruft. Wer hätte es nicht an sich
0104selbst einmal erfahren, daß er gegen einen aufrichtig
0105geschätzten Componisten oder Schriftsteller kühler und
0106strenger gestimmt wurde, sobald diesen das große Publicum
0107auf Kosten Anderer zu überschätzen und mit dieser Ueber-
0108schätzung herausfordernd zu prahlen begann? Und ähnlich
0109wie mit einzelnen Künstlern mag es uns einmal auch mit
0110einer ganzen Kunst ergehen. Die maßlose Herrschaft der Musik
0111in unseren Tagen, die Gutzkow’schen Hunderttausende, die
0112nichts sind, ohne ihr Bischen Clavierspiel, und die Presber’-
0113schen goldbeladenen Esel vom hohen und vom tiefen C können
0114mitunter dem ehrlichsten Musikfreunde Worte entreißen, die
0115nach Musikfeindschaft schmecken. Ich selbst mußte eines Tages
0116den Vorwurf lesen, daß meine bekannte Schrift „Vom
0117Musikalisch-Schönen“ ohne alle Liebe für die Musik ge-[2]
0118schrieben sei. Allerdings hatte die Musikschwelgerei, wie sie
0119insbesondere in Oesterreich wucherte, mich zum Nachdenken
0120gedrängt, ob wir darin nicht zu weit gehen und möglicher-
0121weise zu tief sinken? Das Bedenken, es könnte die Energie
0122einer so viel und leidenschaftlich musicirenden Nation eines
0123Tages für höhere Aufgaben versagen, schien mir ernst genug
0124und nicht zu bemänteln. Manch scharfer Ausspruch des ge-
0125nannten Büchleins gegen die blinde Ueberschätzung der
0126Musik und ihren einseitigen Cultus war lediglich aus
0127der Opposition geflossen, die gleich einer Nothwehr
0128uns von den Fanatikern derselben Muse abgezwungen wird.
0129In Wahrheit spricht darin nicht ein Musikfeind gegen die
0130Musikfreunde, sondern ein Musikfreund gegen die Musik-
0131narren. Die Erwähnung meiner eigenen Schrift mag hier
0132Entschuldigung finden, weil sehr Vieles in de Laprade’s 
0133Buch vollkommen mit dem übereinstimmt, was ich vor 25
0134Jahren schrieb. Neues dürfte man in musikalischer und phi-
0135losophischer Untersuchung bei Laprade kaum antreffen,
0136aber viel Wahres und Treffendes, insbesondere in Bezug auf
0137französische Zustände. Allerdings hätte Letzteres auf einem
0138viel kleineren Raum Platz gefunden, als auf 358 Octav-
0139seiten, und würde, knapper zusammengedrängt, an Wirkung
0140gewonnen haben. Die Mehrzahl der französischen Schrift-
0141steller, welche ihre Sprache so mühelos und meisterlich hand-
0142haben, werden durch diesen Vorzug gern zu breiter Red-
0143seligkeit verleitet. Die siebzig Jahre unseres würdigen Autors
0144mochten dieser Neigung zu rhetorischer Umständlichkeit über-
0145dies Vorschub leisten.


0146Daß de Laprade sich ausdrücklich für einen Freund
0147der Musik und warmen Verehrer Mozart’s und Beethoven’s
0148erklärt, ist vielleicht nicht ganz überflüssig, seit die französi-
0149schen Schriftsteller von ihrem berühmten Collegen Alphonse
0150Daudet
als ganz und gar unmusikalische Menschen denun-
0151cirt worden sind. In einer empfehlenden Vorrede zu dem
0152unbedeutenden Buche eines jüngeren Freundes („Instru-
0153ments et Musiciens
“ von Léon Pillaut) sagt
0154nämlich Daudet: „Im Allgemeinen ist den Schriftstellern
0155die Musik ein Gräuel. Man kennt die Ansicht Théophile
0156Gautier’s
von dem „unangenehmsten aller Geräusche“; 
0157Victor Hugo, Banville, Leconte de Lisle,
0158Saint-Victor theilen dieselbe vollständig. Goncourt 
0159rümpft die Nase, sobald man ein Piano öffnet. Emil Zola 
0160erinnert sich dunkel, in seiner Jugend auf irgend etwas
0161gespielt zu haben, er weiß nicht mehr recht, was es war.
0162Flaubert gab sich zwar gerne das Ansehen eines Musik-
0163kenners, allein dies geschah nur Tourgéniew zu gefallen,
0164welcher seinerseits wieder niemals eine Musik geliebt hat,
0165außer die im Salon der Madame Viardot.“


0166Was Laprade bekämpft, ist nur das Uebermaß in
0167Genuß und Ausübung der Musik und dessen schädliche Ein-
0168wirkung auf das geistige Leben der Nationen. Die Musik,
0169klagt er, ist schlechtweg die Kunst unserer Zeit. Den Beweis
0170ihrer Herrschaft liefert das ungeheure Budget, das sie jähr-
0171lich verschlingt. Die Statistik belehrt uns, daß für keine
0172Kunst so viel Geld ausgegeben wird (vom Staate, von In-
0173stituten und von Privaten), wie für die Pflege der Musik.
0174Was ihre so hoch gepriesene moralische Macht betrifft, so
0175erinnere man sich, daß die großen und die kleinen Despoten
0176sie stets protegirt haben. Musik sei die Lieblingskunst unter-
0177drückter Völker. Das am wenigsten musikalische Volk sei un-
0178streitig das freie England. Die Franzosen haben zu allen
0179Zeiten ihrer historischen Größe falsch gesungen, das schadete
0180nichts, da sie richtig zu denken und tapfer zu handeln ver-
0181standen. Jetzt sei auch Frankreich fortgerissen von dem musika-
0182lischen Fortschritte und sein „neuer Geist“ eng verbunden
0183mit der aus Deutschland und Italien importirten Kunst.
0184So immense Summen, wie Paris für das neue Opernhaus,
0185bewillige ein Volk sonst nur für religiöse Zwecke. Es sei aber
0186auch heutzutage wirklich eine Religion, ein Cultus, wofür
0187ein Opernhaus errichtet wird. Man muß um jeden Preis
0188einen Tempel für die neue Gottheit bauen, eine Andachts-
0189stätte für all die Pilger der Wollust, die nach Paris strömen.
0190„Das neue Opernhaus ist die wahre Kathedrale des Ma-
0191terialismus.“ Laprade fühlt bei diesem Satze, daß er doch
0192zu weit gegangen, nicht in seiner Opposition gegen die herr-
0193schenden Zustände in Frankreich, die ihm ein Gräuel sind,
0194wol aber in seinen Anklagen gegen die Musik. „Es ist
0195wahr,“ fügt er bei, „daß die Musik eigentlich nicht viel be-
0196deutet in diesen Herrlichkeiten unserer Oper; sie liefert nur
0197den Vorwand zu dem Tempel, der in Wahrheit ganz
0198anderen Göttinnen dient. Allein die Musik, diese scheinbar
0199unkörperlichste aller Künste, ist doch die Veranlassung für
0200all den entwürdigenden und grobsinnlichen Luxus, der sich
0201in den Opernhäusern breitmacht und die wahren Andächtigen
0202verscheucht. Das nackte Vergnügen, ohne jede höhere geistige
0203Beimischung, wird hier unter dem Commando der Musik,
0204welcher sich alle anderen Künste gehorsam unterwerfen, zum
0205Selbstzweck erhoben.“


0206Laprade erblickt und verabscheut in der Herrschaft der
0207Musik keineswegs etwas Vereinzeltes; er citirt als Mit-
0208schuldige an der allgemeinen Verderbniß die Entwicklung der
0209Naturwissenschaften und das Auftreten der Demokratie.
0210Dies sind ihm drei gleichzeitige und engverbundene Erschei-
0211nungen, drei zusammenwirkende Factoren des moralischen
0212Verfalles. Er stellt sich das künftige Frankreich unter dem
0213Bilde einer immensen Spieldose vor, die mit Dampf zwischen
0214zwei Schienen getrieben und von einer „großen Nation“ be-
0215völkert ist; der Mechaniker steht im Mittelpunkte und dreht
0216eine Kurbel, um die Bewegung zu beschleunigen oder zu ver-
0217zögern, während die Reisenden, durch süße Melodien in
0218Halbschlummer eingelullt, ohne Aufenthalt dem nächsten Zu-
0219sammensturze entgegengeführt werden.


0220Jedes Capitel des Buches „Contre la Musique“ ent-
0221hält Wahres und Begründetes, fast jedes aber geht in Ueber-
0222treibungen aus und gelangt zu irgend einem Punkte, wo der
0223wohlmeinendste Leser nicht mehr mitgehen kann. Um unsere
0224musiktolle Gegenwart herabzusetzen gegen das Alterthum,
0225preist der Verfasser die spartanischen Richter, welche den
0226Musiker Timotheus bestraften, weil er drei neue Saiten
0227seiner Lyra hinzuzufügen wagte. „Unsere Zeit,“ meint La-
0228prade, „würde den Verbesserer wahrscheinlich krönen, anstatt
0229ihn zu strafen.“ Gewiß würde heutzutage Niemand einen
0230Instrumentenmacher als staatsgefährlich verfolgen, der die
0231Scala seines Instrumentes um einige Töne bereichert. Aber
0232gerade das beweist, daß man heute der Musik ungleich ge-
0233ringere
Wichtigkeit beimißt, ihr weit weniger Einfluß auf
0234die Sitten zutraut, als es ehemals geschah — eine Wen-[3]
0235dung des öffentlichen Geistes, welche somit Laprade von seinem
0236Standpunkte nur freudig anerkennen müßte. Wir geben heute
0237höchstens zu, daß die Musik durch die Sitten verschlechtert
0238wird, nicht aber umgekehrt. So begründet ferner die Forde-
0239rung ist, daß die Musik nicht unverhältnißmäßig die übri-
0240gen Künste überwuchern und die Pflege der Wissenschaften
0241beeinträchtigen dürfe — in seinen Folgerungen läßt sich
0242Laprade als Anwalt der übrigen Künste, namentlich der
0243Malerei, abermals zu weit fortreißen. Er stößt sich an die
0244starke Einseitigkeit, an das nur nach Innen concentrirte
0245Wesen der größten Componisten und fragt: Welcher
0246intelligente, geistig ehrgeizige Mensch möchte nicht lieber
0247Michelangelo oder Leonardo da Vinci sein,
0248als Mozart oder Beethoven? Das kommt, glaube
0249ich, ganz auf die persönliche Vorliebe und Begabung
0250für die oder die andere der beiden Künste an,
0251ist also Geschmackssache. Für mein Theil bekenne ich unbe-
0252denklich, daß ich lieber Mozart oder Beethoven sein möchte,
0253als Michelangelo oder Leonardo da Vinci, weil ich, mehr auf das
0254Ohr als auf das Auge organisirt, Mozart und Beethoven 
0255ungleich mehr Genuß und Erhebung verdanke und sie mir
0256persönlich unentbehrlicher sind, als die beiden großen Maler.
0257Unzählige Menschen, denen der „Ehrgeiz des Geistes“ keines-
0258wegs abgeht, werden ebenso wählen und Andere wieder mit
0259gleichem Rechte entgegengesetzt. Wenn Laprade statt Michel-
0260angelo und Leonardo da Vinci „Goethe und Shak-
0261speare
“ gesagt hätte, dann freilich stünde die Sache etwas
0262anders.


0263Am bittersten wird der greise Dichter, wenn er auf die
0264Politik in Frankreich zu sprechen kommt. War ihm das
0265zweite Kaiserreich verhaßt, so dünkt ihm die Republik noch
0266schlimmer — die Republik, sagt er, welche das Kaiserreich
0267in seinen schlimmsten Seiten nur fortsetzt. Die Formen sind
0268verschieden, der Kern ist der gleiche; dieselbe Literatur, dieselbe
0269Kunst, dieselbe Philosophie: überall der Materialismus.
0270Man verfährt heute nur aufrichtiger, unduldsamer, gröber.
0271Weßhalb er die Politik berühre in einem Buche über Musik?
0272Weil die Musik sich in Alles mischt, die größten Summen
0273verschlingt und die meiste Zeit. Das Kaiserreich hat die Ver-
0274mehrung der Musikvereine, der Orphéons, der Fanfaren,
0275der Opernhäuser begünstigt, weil die Musik den Verstand
0276und den moralischen Sinn einschläfert. Die Republik fährt
0277damit fort. Sie hat die Marseillaise zur officiellen
0278National-Hymne erhoben, diese Marseillaise, welche oft dem
0279Siege, aber öfter noch der Guillotine präludirt und jeden-
0280falls mehr französisches Blut vergossen hat, als deutsches.
0281Mit Schrecken sieht der fromme Mann schon den Tag an-
0282brechen, da in den Volksschulen zum Beginne des Unter-
0283richtes statt des „Veni sancte Spiritus“ die gottlose Mar-
0284seillaise gesungen werden wird, welche heute schon helfen muß,
0285die Riegel der Klöster zu sprengen.


0286Ueber den Musiksinn seiner Landsleute spricht Laprade 
0287ein Urtheil, wie es von irgend einem ausländischen Fran-
0288zosenfresser nicht ungünstiger gefällt werden könnte. Das
0289Schlimmste bei dem gegenwärtigen Musiktaumel Frankreichs
0290ist, daß drei Viertheile unserer Schwärmer für Musik nicht
0291das ABC davon verstehen. Sie stürzen sich in eine Be-
0292wunderung, welche deßhalb so bequem ist, weil sie keinerlei
0293Verstandesthätigkeit erfordert. Die unendliche Vermehrung
0294der Claviere in Frankreich, ihr Eindringen in alle Häuser
0295von der Portierloge bis in die Dachkammer hat den musika-
0296lischen Sinn in unserer Nation nicht im mindesten erhöht.
0297Wir bleiben in Wahrheit sehr unmusikalisch, während wir
0298uns mit Musik bis an den Hals anstopfen. Ja, ich kenne
0299nichts Schrecklicheres, als die Excesse eines Volkes gerade in
0300einer Kunst, für die es keine tiefere Begabung und feinere
0301Empfindung besitzt.


0302Nach diesen durch Uebertreibung und Bitterkeit getrüb-
0303ten Untersuchungen thut es wohl, schließlich auf ein durch-
0304aus wahres und vernüftiges Capitel zu stoßen, welches die
0305Stellung der Musik in der Erziehung beleuchtet. Die
0306Mahnungen Laprade’s gegen das Ueberwuchern des Clavier-
0307unterrichtes, welcher auf Kosten einer ernsteren Bildung so
0308unendlich viel Zeit verschlingt, ohne Rücksicht auf Talent und
0309Neigung den Knaben und noch mehr den Mädchen aufge-
0310zwungen wird und doch nur selten zu bleibendem, werth-
0311vollem Resultate führt, sie sind nur zu begründet und ver-
0312dienen alle Beherzigung — nicht blos in Frankreich.