Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6336. Wien, Dienstag, den 18. April 1882
[1]„Alfonso und Estrella.“
(Romantische Oper in drei Acten von Franz Schubert. — Erste Aufführung
im Hofoperntheater den 15. April 1882.)
0004Ed. H. „Ein letztes Glück und einen letzten Tag“ er-
0005fährt jeder Mensch — aber eine erste Aufführung der eigenen
0006Opern erlebt nicht Jeder, sei er auch Franz Schubert. Von
0007seinen beiden großen Opern „Alfonso und Estella“ und
0008„Fierabras“ hat er keine je zu hören bekommen. Und doch
0009hatte Schubert nichts versäumt, um eine Aufführung seiner
0010Opern zu erwirken, insbesondere der ersten: „Alfonso und
0011Estrella“. In glücklichster Jugendschwärmerei hatte er mit
0012seinem Herzensfreunde, dem Dichter Franz Schober, daran
0013gearbeitet. Er bot sie verschiedenen Bühnen an, zuerst ver-
0014geblich in Wien, dann ebenso vergeblich in Dresden und
0015Berlin. Die berühmte Sängerin Anna Milder, durch welche
0016Schubert im Jahre 1825 seine Oper in Berlin anzubringen
0017hoffte, sendete ihm die Partitur mit dem Bescheide zurück,
0018es sei ihr „unendlich leid, bemerken zu müssen, daß das
0019Buch dem Berliner Geschmacke nicht entspricht, somit
0020„Alfonso und Estrella“ durchaus kein Glück hier machen
0021würde“. Von der Musik kein Wort. Bittere Klage über
0022die Engherzigkeit, mit welcher in Deutschland selbst Ta-
0023lente ersten Ranges, wie Schubert, als Operncomponisten
0024zu kämpfen haben, ist wol die erste und berechtigteste
0025Empfindung, welche uns angesichts dieser Bemühungen
0026Schubert’s ergreift. Das Buch zu „Alfonso und Estrella“,
0027das nach dem Zeugnisse Frau Milder’s schon vor einem
0028halben Jahrhundert dem Geschmacke der Berliner nicht ent-
0029sprach, entspricht freilich heute noch viel weniger dem unsern;
0030es ist mehr ein Hinderniß als eine Hilfe für den Erfolg
0031der Schubert’schen Musik. Sehen wir uns ein wenig die
0032Handlung an, wie sie in der (nur an Nebendingen ändern-
0033den) Bearbeitung von J. N. Fuchs sich im Hofoperntheater
0034vor uns abspielt.
0035Die Oper beginnt mit einem ländlichen Feste zu Ehren
0036eines würdigen Greises Namens Troila (Herr Sommer),
0037der seit Jahren wohlthätig in einem abgelegenen Thale lebt.
0038Troila, vordem König von Leon, war vor Jahren von
0039seinem falschen Freunde Mauregato des Thrones beraubt
0040worden und gilt seither für verschollen. Sein Sohn Alfonso
0041(Herr Walter) bleibt nach dem ländlichen Feste allein im
0042Freien zurück — da tritt plötzlich eine fremde junge Dame
0043ihm entgegen. Es ist Estrella, König Mauregato’s Tochter
0044(Frau Ehnn), die sich auf der Jagd verirrt hat. Prin-
0045zessinnen verlaufen sich bekanntlich immer auf der Jagd und
0046stoßen merkwürdigerweise nie auf einen wegkundigen alten
0047Holzknecht, sondern ausnahmslos auf einen schönen
0048Jüngling, der sich jählings in sie verliebt. So
0049auch hier — der Act schließt mit einem Liebes-
0050duett zwischen Alfonso und Estrella. Der zweite
0051Aufzug spielt im königlichen Palaste zu Leon. Die Prinzessin
0052hat glücklich nach Hause gefunden und wird von ihrem angst-
0053voll harrenden Vater Mauregato (Herr Beck) freudig be-
0054grüßt. Gleich darauf tritt der Feldherr Adolfo (Herr
0055Nawiasky) nach einem erfochtenen Siege mit glänzendem
0056Erfolge vor den König, der so unvorsichtig ist, ihm die Er-
0057füllung jeder Bitte feierlich zu versprechen. Wie der schlaue
0058Zuschauer längst errathen hat, fordert Adolfo die Hand
0059Estrella’s, welche darüber in Wehklagen ausbricht. Wenn wir
0060in einem Kindermärchen lesen würden: „Es war einmal ein
0061König, der seine einzige Tochter demjenigen zu geben gelobte,
0062welcher eine gewisse alte Halskette auffinden und abliefern
0063würde“, so ließen wir uns dieses Motiv allenfalls gefallen;
0064in einem ernsthaften Drama will es uns aber mehr als
0065kindisch erscheinen. Adolfo, offenbar derselben Meinung,
0066stürzt nach obiger Eröffnung des Königs sehr erbost ab und
0067sammelt eine Schaar Verschworener, um Rache zu nehmen
0068an dem König. Daß ihm diese gelungen, ersehen wir aus
0069der Eingangsscene des dritten Actes, wo jammernde Land-
0070leute flüchten und „wilde Krieger schwärmen“. Adolfo hat
0071den König besiegt und schleppt nun Estrella gewaltsam mit
0072sich fort. Da sie seine Liebeswerbung abwehrt und nach Hilfe ruft,
0073zückt er den Dolch gegen sie. Es versteht sich, daß in diesem kriti-
0074schen Momente Alfonso sofort herbeispringt und den Bösewicht im
0075Zweikampfe tödtet. Dann übergibt er Estrella dem Schutze
0076seines Vaters und eilt mit seinen Anhängern dem König
0077Mauregato zu Hilfe. Dieser erscheint inzwischen allein, auf
0078der Flucht, und stößt auf den längst todtgeglaubten Troila;
0079ein Wettstreit in Edelmuth entwickelt sich zwischen den beiden
0080Baritons, von denen jeder den andern als König anerken-
0081nen will. Alfonso, der siegreich und obendrein im Besitze
0082der (jetzt sehr überflüssigen) alten Halskette sich einstellt,
0083macht der Verlegenheit ein Ende und läßt die ihm ange-
0084botene Krone sammt Estrella sich gerne gefallen. Schließlich
0085allgemeiner Jubel, in welchen nur die Zuschauer nicht recht
0086einstimmen wollen. Sie können der guten Frau Milder nicht
0087Unrecht geben und fragen verwundert, wie man sich nur
0088für eine so dumme Geschichte und so hölzerne Marionetten
0089interessiren könne? Die richtige alte Rittercomödie, deren
0090steife Titelkupfer lebendig geworden sind: der geheimnißvolle,
0091tugendhafte Eremit, der Bösewicht mit thurmhohem Feder-
0092busch und riesigem Schnauzbart, der liebende Jüngling,
0093blondgelockt, mit schwärmerisch verdrehtem Halse u. s. w.
0094Man möchte dieses abgeschmackte Textbuch für ein dem Compo-
0095nisten aufgedrungenes halten, wüßte man nicht aus Schober’s
0096und Schubert’s eigenen Briefen, mit welcher Begeisterung
0097sich Letzterer der Composition hingab. Er mag sich an der
0098breit ausladenden Lyrik des Gedichtes erfreut haben, an den
0099vielen gefühlvollen Monologen der handelnden Personen,
0100welche immer Empfindungen und niemals Eile haben.
0101Aber gerade diese gemüthliche, den Fortgang der Handlung
0102wie die Charakteristik der Personen überwuchernde Lyrik
0103erwuchs der Oper zum schweren Nachtheil. Das Buch kam
0104einer für den Operncomponisten gefährlichen Neigung
0105Schubert’s auf halbem Wege entgegen. Das rasche, wechsel-
0106volle Leben, welches im musikalischen Drama energisch pul-
0107siren muß, die charakteristische Ausprägung der Situation und
0108der Individuen, sie fehlen in Schubert’s „Alfonso und
0109Estrella“, bis auf wenige Anläufe. Diese Musik ist nicht
0110dramatisch, sie besteht größtentheils aus liedmäßigen Gesängen,
0111und zwar aus liedmäßigen Gesängen von sanfter Empfindung
0112und ruhigem Gleichmaß des Rhythmus und der Harmonie.
0113Wir hören fast durchwegs den Liedercomponisten, aber nicht
0114immer den großen Liedercomponisten. An diesem, dem
0115Sänger der „Jungen Nonne“, des „Erlkönigs“, des „Zwergs“,
0116der „Winter-Reise“, bewundern wir ja nicht blos die süße
0117Melodienfülle, sondern auch Tiefe und Energie des Ausdruckes, [2]
0118feine und geistvolle Charakteristik. Davon ist gerade in
0119„Alfonso und Estrella“ nur wenig zu merken. Schubert,
0120dessen Lyra die Stimmung und den Umfang für die
0121verschiedensten Affecte besaß, schlägt hier meistens nur
0122die Saite der „Gemüthlichkeit“ an, sogar unbekümmert
0123um jene vollständige Uebereinstimmung von Text und
0124Musik, welche seine Lieder auszeichnet. Hören wir
0125gleich die erste Tenor-Arie. Alfonso bittet seinen Vater,
0126ihn aus dem stillen Thale, das ihn beengt, fortziehen
0127zu lassen, und schildert ihm, wie alle Stimmen der Natur
0128diesen verzehrenden Drang in die Ferne in ihm wachrufen.
0129Es ist genau dieselbe Empfindung, welche Schubert’s bekanntes
0130Lied „Drang in die Ferne“ ausspricht. Aber wie ganz anders,
0131wie wahr und dringend, klingt im Liede das „Vater, du
0132glaubst es nicht“ gegen die Arie des Alfonso, welche doch —
0133da Vater und Sohn als wirkliche Personen vor uns stehen
0134— noch viel energischer lauten, noch überzeugender wirken
0135sollte! Statt dessen singt Alfonso in der Oper seinen „Drang
0136in die Ferne“ auf eine so gemüthlich sanfte Melodie, daß
0137man ihr auch den entgegengesetzten Text, den Wunsch, immer
0138daheim zu bleiben, unterlegen könnte. Weiter. Estrella tritt
0139„ängstlich“ aus dem Walde mit den Worten: „Von Fels
0140und Wald umschlossen, verirrt seh’ ich mich hier“ u. s. w.
0141Sie singt das in einem allerliebsten, fast zärtlichen Andan-
0142tino, einem richtigen „Lied“, das keine Spur von Aengstlich-
0143keit verräth, somit um die Situation sich nicht kümmert. Ein
0144streng symmetrisch gebautes Lied, das ruhig auf einer clavier-
0145mäßigen Sechzehntelbegleitung hinfließt, ist gleich darauf
0146Alfonso’s Liebeserklärung. Das Alles sind wenigstens nicht
0147Situationen von höchster leidenschaftlicher Spannung.
0148Im zweiten und dritten Acte, wo schwarze tragische
0149Schatten sich auf die Handlung zu senken beginnen,
0150wird dieser ewig blaue Melodienhimmel schon bedenklicher.
0151Estrella wirft sich in dem Augenblicke, als sie dem verhaßten
0152Werber Adolfo versprochen wird, ihrem Vater mit der
0153flehentlichen Bitte an den Hals, sie nicht aufzuopfern. Man
0154vergleiche nun mit dieser Situation, mit diesen Worten die
0155liebliche C-dur-Melodie der Estrella. Wenn der König seine
0156Tochter ersucht hätte: Nimm die Mandoline und singe mir
0157ein Lied! — Estrella würde kein zärtlicheres wählen können.
0158Die Beispiele ließen sich in langer Reihe fortsetzen; wer sie
0159wünscht, der braucht nur im Clavierauszug von „Alfonso
0160und Estrella“ weiterzuspielen. Er wird finden, daß die Mehr-
0161zahl der Gesänge darin durch ihren liederartigen Charakter
0162undramatisch ist und an prägnantem Ausdruck die vielen
0163besten „Lieder“ von Schubert nicht erreicht. Aber auch nicht
0164an Reiz und Eigenthümlichkeit der Melodie, und das ist ein
0165für die Wirkung der Oper sehr wichtiger Punkt. Wir haben
0166absichtlich den Maßstab für „Alfonso und Estrella“ nicht von
0167dramatischen Meisterwerken hergeholt, sondern von
0168Schubert’s eigenen Lieder-Compositionen. Von dramatischen
0169Forderungen absehend, würden die Zuhörer es sich wol ge-
0170fallen lassen, wenn Alfonso und Estrella ihnen Lieder wie
0171die aus der „Schönen Müllerin“ vorsängen. Aber es läßt
0172sich nicht verhehlen, daß diese Oper auch rein musikalisch nicht
0173jenes Interesse bietet, welches uns sonst an Schubert’schen Ton-
0174dichtungen — vocalen und instrumentalen — fesselt und immer
0175neu beglückt. Sehr spärlich beschäftigt „Alfonso und Estrella“
0176den nachhörenden und nachdenkenden Verstand, welcher sich
0177nach dem Reize polyphoner und contrapunktischer Gestaltung
0178sehnt. Dem klaren Quell dieser Melodien fehlt nichts als
0179ein wenig Eisen- und Salzbestandtheile. Anmuthig, klar,
0180natürlich ist Alles: das zitternde Frühroth der Jugend, die
0181uns längst verloren gegangene Unmittelbarkeit und Naive-
0182tät, kurz das Schubert’sche daran, verleiht auch „Alfonso
0183und Estrella“ seinen eigenthümlichen Reiz. In den
0184idyllischen, zwischen Frohsinn und Zärtlichkeit wechselnden
0185Scenen waltet Schubert’s Naturell am glücklichsten. Insbe-
0186sondere die Chöre der Landleute und Jäger athmen eine
0187köstliche Frische. Der erste Act, in welchem diese Empfindun-
0188gen vorherrschen und der gemüthliche Liederstyl die meiste
0189Berechtigung hat, erscheint uns darum als der beste. Die
0190bedeutendere dramatische Höhe des zweiten und dritten Actes
0191ist doch nur eine scheinbare; für heroische, hoch dramatische
0192und erschütternde Scenen fehlte Schubert’s Talent die an-
0193dauernde Spannung und Energie. Selbst wo er einen Ge-
0194sang leidenschaftlich anpackt, wird er im Verlaufe gerne
0195sanft und schwächt ab, anstatt zu steigern. Im Gegensatze zu
0196manchem Romantiker neuester Schule passiert es Schubert mit-
0197unter, daß er gährend Drachengift in fromme Milch verwandelt.
0198So beginnt z. B. der flüchtige, von Reue und Verzweiflung
0199gefolterte Mauregato seine Arie im dritten Acte mit einem
0200düsteren G-moll-Allegro, geräth aber unversehens in einen
0201freundlichen B-dur-Mittelsatz, durch den wir das Bächlein
0202aus der „Schönen Müllerin“ gar lieblich rauschen hören.
0203Herr Beck hat dieser Stelle („In den weiten Königshallen
0204stand ich wie ein mächt’ger Baum“) nicht mit Unrecht einige
0205ihrer tändelnden Achtelnoten abgestreift; man lese sie auf
0206Seite 195 des Schlesinger’schen Clavierauszugs. Gerade auf
0207den dramatischen Höhenpunkten der Handlung erscheint uns
0208Schubert’s Musik am wenigsten originell und bedeutend; sei
0209es, daß er von der ungewohnten dramatischen Last sich selbst
0210gedrückt fühlte oder daß er sein Publicum eines geringeren
0211Maßstabs gewürdigt hat. Schubert, der im Liede alle seine
0212Zeitgenossen, Beethoven inbegriffen, übertraf und seiner Zeit
0213vorauseilte, er steckt als Operncomponist ganz im damaligen
0214Geschmacke. Obendrein fast unberührt von dem stärkeren
0215dramatischen Style der Besten seiner Zeit. Nicht zu sprechen
0216von dem kräftigeren Pathos Cherubini’s, Spontini’s, Méhul’s,
0217mit deren Meisterwerken Schubert aufwuchs, auch eine Offen-
0218barung, wie Beethoven’s „Fidelio“, schien an dem Opern-
0219componisten Schubert spurlos vorbeigegangen zu sein.
0220Ein Jahr vor Vollendung von „Alfonso und Estrella“
0221war der „Freischütz“ erschienen — sechzehn Jahre früher
0222„Fidelio“ — Schubert’s Opernstyl liegt um eine Welt
0223hinter ihnen. Selbst Spohr, der doch auch vorwiegend
0224Lyriker gewesen, hat in seinem „Faust“, acht Jahre vor
0225„Alfonso und Estrella“, ungleich dramatischere, modernere
0226Opernmusik geschrieben. „Schubert heiß’ ich, Schubert bin
0227ich,“ beginnt ein kurzes, den Tondichter treffend charakterisi-
0228rendes Gedicht Grillparzer’s. Er, der seine Individualität in
0229dem kleinsten Tonstücke voll ausprägte, hat auch in der Oper
0230an kein fremdes Vorbild sich halten wollen, noch können.
0231Schubertisch — und darin liegt ihr Reiz — klingt die ganze
0232Oper „Alfonso und Estrella“; sollen wir trotzdem ver-
0233gleichen, so finden wir ihre Physiognomie immer noch mehr
0234der Weigl’schen „Schweizerfamilie“ und dem Winter’-
0235schen „Opferfest“ verwandt, als dem „Fidelio“ oder „Frei-
0236schütz“. Nur in Einem wichtigen Factor zeigt Schubert’s
0237Oper einen entschiedenen großen Fortschritt über jene ältere [3]
0238Epoche hinaus: in der Kunst der Instrumentirung. In
0239„Alfonso und Estrella“ wirkt der Orchesterklang durch blü-
0240hende Fülle und feine Charakteristik bezaubernd. Ueberhaupt
0241ist die Leichtigkeit und Sicherheit erstaunlich, mit welcher
0242Schubert alles Technische beherrscht auf diesem schwie-
0243rigen, ungewohnten Gebiete. Darum liegt es auch, wie nur
0244vorkommt, nicht an technischer Ungeübtheit, sondern an einer
0245Grenze seiner so reichen und vielseitigen Begabung, daß
0246Schubert in der Oper nicht jene Höhe erreicht hat und er-
0247reichen konnte, die er als Lieder- und Instrumental-Componist
0248einnimmt. Die mögliche weitere Entwicklung eines so genialen
0249Künstlers ist freilich unbestimmbar; uns sind blos Wahr-
0250scheinlichkeitsschlüsse gestattet auf Grund des thatsächlich Vor-
0251liegenden. Und auf Grund der uns bekannten Opern und
0252Opernfragmente Schubert’s möchten wir den Ausspruch nicht
0253wagen, daß Schubert zum dramatischen Componisten geboren
0254war. Er besaß nur in geringem Grade, was den specifischen
0255Dramatiker macht: die Gabe, scharf zu individualisiren, seine
0256lyrische Subjectivität nach den verschiedenartigsten Situationen
0257und Charakteren der Oper zu modificiren. Er hätte in jeder
0258Oper Dramatisches gebracht, aber kein Drama. Diejenigen,
0259welche das Charakteristische und Leidenschaftliche in seinen
0260Liedern als Gegenbeweis anführen, verfallen einer allerdings
0261häufigen Täuschung. Was für Hoffnungen hat man nicht
0262auf eine Oper von Mendelssohn und von Schu-
0263mann gesetzt! Ich glaube nicht, daß Mendelssohn und
0264Schumann auch bei längerem Leben diese stolzen Hoffnungen
0265erfüllt hätten, denn sie waren ebensowenig eminent drama-
0266tische Genies oder geborene Operncomponisten wie Franz
0267Schubert. Und dennoch hat unser Opern-Repertoire nicht
0268Mendelssohn und nicht Schumann, wol aber Schubert eine
0269bleibende Bereicherung zu danken, ein kleines, unschätzbares
0270Juwel: das Singspiel „Der häusliche Krieg“! Hier, wo in
0271engem Rahmen nur Heiteres und Anmuthiges sich bewegt,
0272wo der leichte dramatische Conflict sich behaglich in eine
0273Perlenschnur von Liedern auflösen darf — hier konnte Schu-
0274bert’s Genie auch auf der Bühne triumphiren. In eminentem
0275Sinne „dramatisch“ ist auch die Musik zum „Häuslichen
0276Krieg“ nicht, aber sie ist es in hinreichendem Maße gerade
0277für diese Handlung. Dieses kleine Singspiel mit seinen gol-
0278denen Liedersagen und seiner goldenen Anspruchslosigkeit ist
0279mehr werth, als alle großen Opern und Opernfragmente
0280Schubert’s zusammengenommen.
0281Bemerkenswerth ist, daß drei der besten, in der Wiener
0282Aufführung effectvollsten Nummern gar nicht „Alfonso und
0283Estrella“ angehören, sondern aus anderen Schubert’schen
0284Compositionen eingelegt sind: die reizende Balletmusik im
0285ersten Acte (aus „Rosamunde“), der kriegerische Einzug
0286Adolfo’s (aus den vierhändigen Märschen, Es-dur 4/4),
0287endlich die wenigstens in ihrem ersten D-moll-Satze vor-
0288treffliche Sopran-Arie „Vor Angst und Qual“ (ursprünglich
0289als Einlage in Hérold’s „Zauberglöckchen“ geschrieben).
0290Diese wirksamen Einlagen sind eine glückliche Idee des Herrn
0291Capellmeisters J. N. Fuchs, der außerdem alles Erdenk-
0292liche gethan hat, um „Alfonso und Estrella“ lebensfähig zu
0293machen auf unseren modernen Theatern. Seiner geschickten
0294Bearbeitung hat die Schubert’sche Oper sicherlich den günstigen
0295Erfolg mit zu danken, welchen sie im Hofoperntheater er-
0296rang und auf kleineren Opernbühnen noch zuverlässiger er-
0297warten darf. Wenn auch eine sensationelle Wirkung von
0298dieser nun sechzigjährigen Oper nicht zu erwarten stand, so
0299mußte deren Bekanntschaft doch für jeden Musikfreund von
0300hohem Interesse sein. Franz Schubert ist der einzige
0301große classische Tondichter, der in Wien das Licht der Welt
0302erblickt hat. Daß nun auch seine so lange heimatlos umher-
0303irrende Oper hier endlich ans Licht gebracht wurde, gereicht
0304dem künstlerischen und patriotischen Pflichtgefühl unserer
0305Opern-Direction zur Ehre. Die von Herrn J. N. Fuchs
0306vortrefflich einstudirte Oper beschäftigt ein ausgezeichnetes
0307Sängerpersonal. Die Palme des Abends gebührt den beiden
0308unversehrt standhaften und unentbehrlichen „Ehrenmitgliedern“
0309Beck und Walter, neben denen Frau Ehnn, die Herren
0310Sommer und Nawiasky sich in Hauptpartien hervor-
0311thaten, während Fräulein Hauser und Herr Bogdany
0312in kleineren Rollen wacker mithalfen. Die Darsteller der
0313Hauptrollen wurden von dem sehr zahlreichen und theil-
0314nehmenden Publicum durch lebhaften Beifall ausgezeichnet
0315und nach jedem Acte wiederholt gerufen.