Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6473. Wien, Sonntag, den 3. September 1882
[1]Wagner-Cultus.
(Ein Postscriptum zu unseren Bayreuther Briefen.)
0003Ed. H. Die Verehrung, welche wir einem berühmten
0004Zeitgenossen zollen, kann eine verdiente sein — vollkommen
0005oder theilweis verdiente — und trotzdem durch ihre Maß-
0006losigkeit in Form und Inhalt zum Protest herausfordern.
0007Dies ist der Fall mit dem Richard-Wagner-Cultus unserer
0008Tage. Dieser Cultus, der in der Geschichte aller Künste ohne
0009Beispiel dasteht, dünkt uns ein so merkwürdiges Zeichen der
0010Zeit, daß ihm eine nähere, unbefangene Betrachtung wol
0011gebührt. Wir lassen dabei Wagner’s künstlerisches Wirken
0012ganz aus dem Spiel, seine Verdienste völlig unangetastet,
0013lediglich das Gebahren seiner Anhänger betrachtend, und auch
0014dieses nur so weit es in literarischen Beweisstücken vorliegt.
0015Das entscheidendste öffentliche Document dafür ist ohne Frage
0016die Monatsschrift, welche unter Wagner’s persönlicher Mit-
0017wirkung von H. Wolzogen redigirt wird und das officielle
0018Organ aller „Wagner-Vereine“ bildet: die „Bayreuther
0019Blätter“. Sie stehen jetzt in ihrem fünften Jahrgange. Für
0020eine spätere Zeit, welche auf die Wagner-Epidemie unserer
0021Tage mit ruhigem Urtheil, ja mit ungläubigem Erstaunen
0022zurückblicken wird, werden die „Bayreuther Blätter“ eine
0023nicht geringe culturhistorische Wichtigkeit haben. Der Musiker
0024wird darin nur äußerst dürftige und bedenkliche Belehrung
0025finden; die „Bayreuther Blätter“ kümmern sich um alles
0026Andere mehr, als um die musikalische Kunst Wagner’s. Der
0027künftige Culturhistoriker Deutschlands hingegen wird aus
0028den fünf Jahrgängen dieser Zeitschrift authentisch darstellen
0029können, wie heftig das Delirium tremens des Wagner-
0030Rausches bei uns gewüthet und was für Auswüchse es im
0031Denken und Empfinden der „Gebildeten“ zurückgelassen hat.
0032Das Unterscheidende des Wagner-Cultus gegenüber der
0033Verehrung, welche einem Mozart, Beethoven, Weber gezollt
0034wurde, liegt nicht blos in der zur Siedhitze gesteigerten Tem-
0035peratur, sondern wesentlich in seinem ganz exceptionellen,
0036alle Gebiete moderner Bildung sich annectirenden Inhalte.
0037Was Mozart oder Beethoven, abseits und unabhängig von
0038ihrem Künstlerberufe, für Ansichten, Passionen und Schrullen
0039gehegt, darum kümmert sich höchstens nachträglich der
0040Biograph. Derlei nichtmusikalische Privatmeinungen eines
0041Tondichters für unfehlbare Wahrheiten aufzunehmen und zu
0042beschwören, ist nie einem Beethovenianer oder Mozartianer ein-
0043gefallen. Anders bei Richard Wagner. Seinen Anhängern,
0044welche eine Kette von „Wagner-Vereinen“ bekanntlich zu
0045einer organisirten großen Gemeinde vereinigt, ist Wagner
0046nicht blos ein Alles überragender Tonmeister, sondern „der
0047Meister“ schlechtweg, die höchste Autorität in allen Gebieten
0048des Wissens, ein Lehrer und Erlöser der Menschheit. Jeder
0049Ausspruch, den er über Politik, Philosophie, Sitte oder
0050Religion fällt, gilt für eine neue große That, für eine
0051Offenbarung, die wie ein religiöses Gebot befolgt werden
0052muß. Das ist aus den fünf Jahrgängen der „Bay-
0053reuther Blätter“, die wir mit heißem und qualvollem Be-
0054mühen studirt, buchstäblich nachzuweisen. Die hauptsäch-
0055lichsten dieser Wagner’schen Offenbarungen, die von seinen
0056Anhängern nachgebetet und unermüdlich interpretirt wer-
0057den, betreffen: erstens die Schopenhauer’sche Philo-
0058sophie und ihren tiefen Zusammenhang mit Wagner’s
0059Opern; zweitens die religiöse, sociale und politische
0060Regeneration des Menschengeschlechtes und
0061dessen Errettung aus unserer nichtswürdigen Cultur; drittens
0062die Agitation gegen die dem medicinischen Studium unent-
0063behrliche Vivisection von Thieren; viertens, und be-
0064sonders erheiternd: die Propaganda für den Speiszettel der
0065Vegetarianer. Nun sind das gewiß lauter Dinge, die
0066mit dramatischer und musikalischer Kunst nicht das Mindeste
0067zu schaffen haben. Wie sich Wagner persönlich zu ihnen ver-
0068halte, ist für seine künstlerische Bedeutung und für die musi-
0069kalische Welt absolut gleichgiltig. Aber das Eigenthümliche
0070jenes unglaublichen Curiosums, genannt Wagner-Cultus, be-
0071steht, wie gesagt, darin, daß der „Meister“ in allen Din-
0072gen maßgebend ist. Der echte Wagnerianer muß nicht blos
0073unbedingter Anbeter jedes Wagner’schen Verses und Tactes,
0074er muß auch Schopenhauerianer sein, Pessimist, Gegner der
0075Vivisection, Judenfeind, Vegetarianer, gläubiger Christ und
0076was sonst noch der „Meister“ vorschreibt.
0077Den dünkelhaften Schwindel der Wagnerianer mit
0078Schopenhauer, dessen Verständniß sie für sich gepachtet glau-
0079ben, haben wir bereits (gelegentlich der „Nibelungen“) näher
0080beleuchtet und dürfen wol auf den älteren Aufsatz verweisen.
*)
0083Unser dort ausgesprochener Wunsch, man möge uns endlich
0084verschonen mit der angeblich tiefsinnigen Anwendung Schopen-
0085hauer’scher Kategorien und Terminologien auf Wagner’sche
0086Opern, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die jungen
0087Herren von den „Bayreuther Blättern“ werfen nach
0088wie vor bei jeder Gelegenheit mit „Schopenhauer“
0089herum, als wären sie in philosophischen Studien er-
0090graut. „Parsifal,“ so schreiben sie neuestens, „Parsifal gibt,
0091nur aller Details entkleidet, die Schopenhauer’sche Meta-
0092physik und Ethik im Kern wieder. Wagner hat im Parsifal
0093Schopenhauer nur in Kunst umgesetzt, indem er
0094das Christenthum in Kunst umsetzte.“ Welcher Unsinn! Weil
0095„Mitleid“ das Hauptmotiv im „Parsifal“ bildet oder bilden
0096soll, und Schopenhauer das Mitleid als die „Basis aller
0097echten Menschenliebe“ preist, muß Wagner’s Weihfestspiel der
0098in Musik umgesetzte Schopenhauer sein! Man wird uns
0099noch weismachen wollen, daß Mitleid mit dem Unglücke
0100Anderer eine Erfindung Schopenhauer’s und vor diesem
0101gänzlich unbekannt war. Ein Drama des Mitleids konnte
0102und kann dichten, wer auch nie eine Zeile von Schopen-
0103hauer gelesen hat, gerade so wie Shakspeare seinen „Timon
0104von Athen“ gedichtet hat, ohne erst von Schopenhauer den
0105Pessimismus zu lernen. Nebenbei bemerkt, hat Schopenhauer
0106nicht das Christenthum, sondern den Buddhismus „die Lehre
0107unserer allerheiligsten Religion“ genannt und sich das Bild
0108Buddha’s angeschafft, wie Andere sich einen Christuskopf
0109anschaffen.
0110Der gesunde Menschenverstand, der uns sagt, daß man
0111über Philosophie und philosophische Systeme sich nicht bei
0112einem Operncomponisten Raths erholt, lehrt uns auch, daß
0113über die Nothwendigkeit oder Entbehrlichkeit der Vivi-
0114section zu wissenschaftlichen Zwecken Mediciner zu urtheilen
0115haben, physiologische und pathologische Autoritäten, nicht
0116aber Musiker. Bei den Wagnerianern gilt das jedoch nicht.
0117Der „Meister“ hat die Vivisection kurzweg verdammt, und
0118sofort überfließen die „Bayreuther Blätter“, deren Aufgabe
0119man bisher für eine kunstwissenschaftliche hielt, von Artikeln,
0120welche — stets in anmaßendster Sprache — die Vivisection [2]
0121als frivole Thierquälerei verurtheilen und unter Anderm den
0122deutschen Reichstag heftig abkanzeln, weil er über eine Anti-
0123Vivisections-Petition zur Tagesordnung überging. „Haben
0124wir Deutsche wirklich eine Cultur? Haben wir einen Glauben?“
0125schließt pathetisch eines dieser kindischen Manifeste. Wenn wir
0126gegen alle diese dilettantischen Declamationen den einzigen
0127Ausspruch Professor Billroth’s anführen, daß er gewisse
0128schwierige und gefährliche Operationen, durch welche Menschen-
0129leben gerettet worden, niemals auszuführen gewagt hätte,
0130würde er sich nicht zuvor von ihrer Möglichkeit durch Ver-
0131suche an Thieren überzeugt haben — so wird dies wol jedem
0132Einsichtsvollen genügen. Aber der richtige Wagnerianer hat
0133auf eigenes Denken verzichtet; er bringt dem „Meister“ nebst
0134anderen Opfern auch das Sacrificium intellectus. Mit
0135diesem zärtlichen Wohlwollen für die Thierwelt hängt —
0136wenigstens theilweise — eine andere Privatpassion Richard
0137Wagner’s zusammen: seine Propaganda für vegetarische
0138Kost. Es sei Sünde, ein Thier zu tödten. Außerdem habe
0139die Fleischnahrung das Menschengeschlecht physisch und mora-
0140lisch ruinirt. „Die Idee des Fleischfraßthums ist schuld an
0141allem Jammer in der Welt,“ heißt es in den „Bayreuther
0142Blättern“ (1882), welche sogar von einer „vegetarischen Welt-
0143anschauung“ reden. Zärtlichkeit gegen Thiere, bis zur
0144Sentimentalität gesteigert, finden wir bekanntlich oft bei
0145Leuten, die sich keineswegs durch übertriebene Menschenliebe
0146auszeichnen. Man weiß, wie zärtlich Robespierre seine
0147Tauben pflegte. Wagner also erklärt die ausschließliche Pflanzen-
0148kost für unentbehrlich zur Reorganisation der Menschheit,
0149und siehe da! das Gemüse wird Glaubensartikel und Partei-
0150sache der Wagnerianer. Gibt es etwas Komischeres, als den
0151unter den öffentlichen Ankündigungen des „Parsifal“ stehen-
0152den Aufruf der Redaction an ihre Gesinnungsgenossen, sich
0153rechtzeitig anzumelden zum „Vegetarischen Tisch“ in Bay-
0154reuth? Es liegt eine entzückende Naivetät in der Art, wie
0155die „Bayreuther Blätter“ den Zusammenhang der Pflanzenkost
0156mit dem Wagner-Cultus darstellen: „Der Gedanke des
0157Vegetarismus“ — schreibt unser im Gemüsegarten der Liebe
0158herumtaumelnder Cavalier — „aus der ethisch-religiösen
0159Tiefe unseres Arbeitsfeldes von genialer Finderhand (näm-
0160lich Wagner’s) hervorgehoben, hat mit Einemmale einen über
0161weite Lande sich erstreckenden Kreis sehr ernst besonnener
0162Menschen (die Vegetarianer) an uns herangezogen. Sie
0163bringen uns jene Zartheit des Empfindens
0164mit sich, deren auch das Kunstwerk bedarf, um mit rechtem
0165Verständnisse von der menschlichen Seele aufgefaßt und miterlebt
0166werden zu können. Wir unsererseits haben ihren eigenen Bemühun-
0167gen einen wunderbar erkräftigenden Zufluß aus der ewigen Quelle
0168des Ideals zugeführt.“ Also eine förmliche Allianz
0169zwischen den Pflanzenessern und den Wagnerianern! Helft
0170ihr uns Propaganda für Wagner machen, wir wollen da-
0171gegen für euer Grünzeug agitiren. Man traut seinen Augen
0172nicht, wenn man derlei Albernheiten liest, die alle mit feier-
0173lichem Ernste zur Ehre des „Meisters“ proclamirt werden.
0174Und leider mit dessen Wissen und Genehmigung. Zur Be-
0175ruhigung zahlreicher Wagner-Verehrer, die wenigstens im
0176Punkte der Nahrungsmittel vernünftig geblieben sind, melden
0177wir übrigens aus allersicherster Quelle, daß Wagner die
0178Fleischkost nur theoretisch verdammt, sich selbst aber seinen
0179Braten vortrefflich schmecken läßt, und den von den Vegeta-
0180rianern verpönten Wein dazu. Wir hatten keinen Augen-
0181blick daran gezweifelt. Einen „Tannhäuser“ componirt man
0182nicht bei saurer Milch und Bohnen, nicht einmal einen
0183frommen Gralsritter. Theorie und Praxis, Lehre und Bei-
0184spiel gehen bei Wagner bekanntlich nach Bedarf neben- oder
0185auseinander. Die Mehrzahl seiner in Bayreuth versammel-
0186ten Anhänger hielt sich lieber an das Beispiel als an die
0187Lehre, und der „Vegetarische Mittagstisch“ endete ebenso trau-
0188rig, wie am 28. Juli die feierliche Versammlung der „Bay-
0189reuther Patrone“ zur Begründung einer Stiftung, „aus
0190welcher Stipendien für unbemittelte, würdige Besucher der
0191Festspiele gezahlt werden sollen“. Diesen Gedanken hatte
0192Richard Wagner selbst angeregt und den Statuten-Entwurf
0193der neuen Stiftung genehmigt, welche „verständiger
0194und sinnvoller erreichen soll, was jetzt lächerlich un-
0195behilfliche Reisestipendien für gekrönte Preiscomponisten
0196u. dgl. gegen die Verpflichtung, in Rom oder Paris höhere
0197Studien zu vollenden, gedankenlos bewirken wollen“. Nach
0198dieser „edelen“ Initiative schien es selbstverständlich, daß der
0199„edele“ Meister — Schreibart der „Bayreuther Blätter“ — sich
0200mit einer bedeutenden Summe an die Spitze der neuen
0201Stipendien-Gründer stellen werde. Da er jedoch immer nur
0202„durch Mitleid wissend“, aber niemals aus Mitleid spendend
0203auftritt, so fanden die Bayreuther Patrone, welche schon hin-
0204reichende Opfer für die heilige Sache gebracht, daß am besten
0205das Beispiel des Meisters nachzuahmen sei. Mit einem riesigen
0206Mitleid für die Unglücklichen, die armuthshalber von dem
0207Bayreuther Heil ausgeschlossen bleiben, und mit fest zuge-
0208knöpften Hosentaschen gingen die Patrone auseinander.
0209Die Tendenz der Wagner’schen Schule, ihren Meister
0210nur nebenbei als den größten Dichter und Componisten,
0211hauptsächlich aber als einen die Menschheit erleuchtenden und
0212erlösenden Propheten hinzustellen, hat in den letzten Jahren
0213ihren Höhepunkt erreicht. Zwei Aufsätze von Richard
0214Wagner: „Zur Religion und Kunst“ und „Erkenne dich
0215selbst“, haben einen Taumel von Bewunderung im Wagner’schen
0216Lager entfesselt und werden in den „Bayreuther Blättern“ fortwäh-
0217rend als Dogma aufgestellt, interpretirt, gepredigt. Wir wollen
0218auf diese sattsam besprochenen und wol auch abgethanen Pam-
0219phlete, die in schwülstig orakelndem Styl für Thierschutz und
0220für Judenverfolgung agitirten, hier nicht weiter eingehen.
0221Wahre Freunde hätten Wagner von dieser Publication drin-
0222gend abrathen müssen — aber ein Gott hat eben keinen
0223Freund, sondern nur Anbeter. Erwähnen müssen wir hier
0224zwei Bücher, die, in ihrer Tendenz mit Wagner’s religiösen
0225und politischen Reform-Ideen harmonirend, zu seinen neuesten
0226Passionen gehören. Das eine dieser sonst wenig bekannten
0227Werke heißt „Thalysia oder das Heil der Menschheit“ von
0228A. Gleïzès und predigt die „blutlose Diät, als die noth-
0229wendigste Bedingung der Gesundheit und Schönheit des Geistes
0230und Körpers“; das andere, „Ueber die Ungleichheit der
0231Racen“, vom Grafen Gobineau, ist eine Weiterführung
0232des Schopenhauer’schen Pessimismus und constatirt nach einer
0233Revue aller Racen schließlich „den schnellen Verfall und die
0234Erstarrung der westlichen Welt“. Kaum hat Wagner diese
0235beiden Bücher in Protection genommen, so schwört auch schon
0236jeder Wagnerianer auf Gleïzès und Gobineau, und
0237feiern die „Bayreuther Blätter“ die Präconisirung dieser bei-
0238den Nebenheiligen durch Richard Wagner als eine große, er-
0239lösende That des Meisters. „Mit dem reinen Herzen und dem
0240klaren Blicke des Genies“ — schreiben die „Bayreuther
0241Blätter“ — „hat Richard Wagner diese Theorie (von
0242Gleïzès) erfaßt, und mit dem unerschrockenen Muthe und
0243Bewußtsein eines Reformators, als welchen wir ihn
0244auf dem Gebiete der Kunst kennen gelernt, spricht er
0245auch hier das große Losungswort für die Reformation der
0246menschlichen Gesellschaft und des Erdenlebens aus (!).“ In [3]
0247einem langen, schwülstigen Aufsatze: „Luther und die Bauern“
0248(im letzten April-Heft), wird „das Werk von Bayreuth“ fast
0249der That Luther’s an die Seite gesetzt. „Wer es nur völlig
0250ernst nähme,“ heißt es dort, „mit den besten und tiefsten
0251Empfindungen, welche ein Werk Wagner’s in edelster
0252Vorführung in ihm erweckte, dem könnte es unmittelbar
0253hiedurch unmöglich werden, fernerhin an den nur scheinbar
0254gleichgiltigen, im tiefsten Grunde aber mörderischen Alltäglich-
0255keiten des Lebens theilzunehmen und also der großen Lüge der
0256heutigen Civilisation sich mitschuldig zu machen.“ In immer
0257salbungsvollerem Predigertone werden diese Albernheiten vor-
0258gebracht, je näher die Aufführung des „Parsifal“ rückt. Mit
0259einem Citat aus dem „Parsifal“ soll sogar der Krieg für
0260immer unmöglich gemacht werden, indem ein Aufsatz: „Zur
0261Philosophie des Militarismus“ mit der „christlichen
0262Mahnung“ des Gurnemanz geschmückt wird: „Schnell ab
0263die Waffen! Kränke nicht den Herrn, der heute, bar jeder
0264Wehr, sein heiliges Blut der sündigen Welt zur Sühne bot.“
0265Auch das soll etwas Neues und Großes sein, daß Wagner
0266den Krieg für ein Unglück erklärt!
0267Der Leser wird an diesen wenigen Beispielen wahr-
0268genommen haben, wie sich neuestens ein frömmelnder, christ-
0269lich-religiöser Ton in den Wagner’schen Blättern ankündigt
0270und fortwährend steigert. Der alternde Wagner hat mit
0271dem „Seufzer, den wir am Kreuze auf Golgatha einst ver-
0272nahmen und der nun aus unserer eigenen Seele hervor-
0273dringt“, das Stichwort gegeben, und sofort sehen wir die
0274Jungen nachbeten, mitbeten. „Unsere Blätter,“ heißt es in
0275Wolzogen’s Neujahrsartikel, „sollen auch das äußere Zeichen
0276der Vereinigung bleiben, welche in diesem Ausdruck das Be-
0277kenntniß einer religiösen Ueberzeugung gefunden hat.“
0278Christlich und Christenthum wird nun das zweite Wort;
0279das öffentliche Großthun und Toilettemachen mit christlicher
0280Gesinnung streift ans Widerwärtige.
**)
0289Und die Musik? hören wir den Leser ungeduldig fra-
0290gen. Spielt sie denn gar keine Rolle mehr in einer Zeit-
0291schrift Wagner’s? Jedenfalls eine sehr untergeordnete. Voll-
0292ends seit Wagner das ironisch-hochmüthige Wort gesprochen:
0293„Ich bin kein Musiker“, und zugleich versichert hat, er sähe
0294unser gesammtes Musikwesen lieber heute als morgen vom
0295Erdboden verschwinden — seitdem dürfte es für Wagnerianer
0296vollends unschicklich erscheinen, viel Aufhebens von der Musik zu
0297machen. Es hat auch schon in demselben Hefte der „Bayreuther
0298Blätter“, das jenen neuesten „Offenen Brief“ Richard Wagner’s
0299an Herrn Schön in Worms bringt, sich ein kriechender
0300Mitarbeiter gefunden, der darüber jubelt, daß Wagner es
0301„zum Heile der Kunst“ endlich ausgesprochen, er sei
0302kein Musiker! Die spärlichen musikalischen Aufsätze sind übri-
0303gens nicht uninteressant. Herr H. Porges kaut noch
0304immer weiter an seinen wiederkäuenden Artikeln über die
0305Proben zum „Nibelungen-Ring“ im Jahre 1876. Er er-
0306zählt uns bei jedem einzelnen Tacte, welche Bemerkungen
0307Wagner damals dem Orchester gemacht hat, meist ganz
0308selbstverständliche Dinge. Z. B.: „Mit Nachdruck forderte
0309der Meister, daß die aufsteigende Baßfigur (Notenbei-
0310spiel) mit der größten Deutlichkeit vernehmbar werde.“
0311Bei einem andern Thema (Notenbeispiel) rief er: „Mit
0312mehr Bewußtsein zu spielen!“ Und so wird jedes Wort
0313der Nachwelt ehrerbietig überliefert. Ein anderer Aufsatz:
0314„Kunst und Wissenschaft“, in welchem über die stiefmütter-
0315liche Behandlung der Musik von Seite der Aesthetiker ge-
0316klagt wird, bietet uns ein ergötzliches Beispiel von der Un-
0317wissenheit der Redacteure der „Bayreuther Blätter“. Die Re-
0318daction macht nämlich zu jener Klage die spöttische Bemer-
0319kung: „Der classische Aesthetiker der Neuzeit, Vischer,
0320wußte bekanntlich so wenig mit der Musik anzufangen, daß
0321er als verlegene Stiefmutter mit Herrn Hanslick sich zu
0322verbinden genöthigt sah, damit diese moderne Autorität auf
0323dem musikwissenschaftlichen Gebiete die Capitel über die Musik
0324ihm an seinerstatt ausarbeite, wonach alsdann allerdings
0325ein prächtiger Homunculus aus der Wiener Retorte zwischen
0326die gelehrten Paragraphen des großen Faustkenners hinein-
0327schlüpfte.“ Die Herren von Bayreuth beweisen damit nur,
0328daß sie den sechsten Band von Vischer’s Aesthetik (erschienen
03291857) gar nie gesehen haben, in dessen Vorwort ausdrück-
0330lich gesagt ist, daß Professor Karl Köstlin in Tübingen
0331den musikalischen Theil im Einverständnisse mit Vischer ge-
0332schrieben hat. Also seit siebenundzwanzig Jahren weiß
0333Jedermann, der sich um Aesthetik kümmert, von wem der
0334musikalische Theil des großen Vischer’schen Werkes herrührt;
0335nur das Hauptorgan der Wagnerianer weiß es noch heute
0336nicht. Der „Meister“ hat nun einmal (ohne den geringsten
0337Grund) mich als den Mitarbeiter Vischer’s bezeichnet, und
0338das genügt seinen Organen, um jenes monumentale Werk
0339in alle Ewigkeit zu verlästern.
0340Das Ergötzlichste zum Schlusse. Herr Joseph Rubin-
0341stein, derselbe, der sich durch seine „Vernichtung“ Robert
0342Schumann’s einen Namen gemacht hat, veröffentlicht in den
0343„Bayreuther Blättern“ einen Aufsatz über „Symphonie und
0344Drama“, dessen Resultat also lautet: „Muß man im Hin-
0345blicke auf die nachbeethoven’schen Versuche in der absoluten
0346Symphoniegattung den letzten eigentlichen Symphoniker
0347als mit Beethoven zu Grabe getragen ansehen, so wird
0348man zugeben müssen, daß alle wesentlich musikali-
0349schen Eigenschaften dieser Gattung im
0350Musikdrama gleichsam ihre Auferstehung feiern, und
0351dies zwar in einem so eigentlichen Sinne, daß dieselben
0352hier erst in ganz fleckenloser, gleichsam verklärter Gestalt
0353erscheinen.“ Also Schubert’s, Mendelssohn’s, Schu-
0354mann’s, Brahms’ Symphonien alles überflüssige Werke
0355des Verfalls; nach Beethoven kommt als Symphoni-
0356ker nur Richard Wagner. Die Orchesterbegleitung in
0357„Tristan“ und den „Nibelungen“ ersetzt uns vollkommen und
0358in verklärter Gestalt die Symphonie, die mit Beethoven be-
0359graben worden ist.
0360Es hieße den „Bayreuther Blättern“ zu viel Ehre oder
0361zu viel Unglimpf erweisen, wollte man sie allein für die
0362literarische Klinik des Wagner-Paroxysmus halten. In zahl-
0363reichen, mitunter recht merkwürdigen Büchern und Broschüren
0364tritt acut zu Tage, was dort chronisch herrscht. Heute haben
0365wir den freundlichen Leser schon mit den „Bayreuther Blät-
0366tern“ zu lange in Anspruch genommen. Er möge nun die
0367einzelnen Posten selber summiren und urtheilen, ob die gegen-
0368wärtige Wagner-Vergötterung nach Form und Inhalt zu den
0369epidemischen Geisteskrankheiten gezählt werden darf oder nicht.