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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5463. Wien, Dienstag, den 11. November 1879

[1]

Musik.

(Brahms’ Deutsches Requiem. — Die Concertsaison. — Erstes Gesellschaftsconcert.)


0003Ed. H. Die Kunstgeschichte geräth mitunter auf sonder-
0004bare Schleich- und Nebenwege. Der Componist des „Rigo-
0005letto“ hat der Kirchenmusik, der Todtenmesse, den Eingang
0006in unser Operntheater erobert. Und weiter: derselbe Verdi 
0007hat ebendahin unserem Brahms den Weg geebnet; mit
0008seiner „Manzoni-Messe“ ward er im Hofoperntheater der
0009Vorläufer des „Deutschen Requiems“, der Johannes des —
0010Johannes. Die Sitte, den Allerseelentag auch im Opern-
0011hause durch ein Requiem zu feiern, ist neuesten Datums.
0012Man pflegte früher für diesen Tag „Robert der Teufel“
0013auszuwählen, offenbar wegen der Kirchhofsscene, welche eine
0014Auferstehung des Fleisches in Tricot feiert. An der Verwen-
0015dung des Friedhofs zu Balletzwecken nahm das Allerseelen-
0016Publicum seltsamerweise keinen Anstoß; es fühlte sich in
0017dieser Scenerie noch einmal von allen Schauern der Kirch-
0018höfe umwittert und von einer Grabesmusik ergriffen, welche
0019in genialer Mischung gespenstischer Fagott-Staccatos und
0020breit aushallender Posaunen-Accorde einen wahren Verwesungs-
0021geruch ausathmet. Diese Eine Scene aus „Robert“ war für die
0022Opernbesucher am Allerseelentage der musikalische „Müller
0023und sein Kind“. Da rückte vor vier Jahren zu aller
0024Welt Erstaunen Verdi mit einem Requiem heraus
0025und führte dasselbe sammt den dazugehörigen vier Solo-
0026sängern persönlich von Land zu Land. Er wählte sich dafür
0027nicht die Kirche, nicht den Concertsaal aus, sondern das
0028Theater; in Paris erklang sein Requiem in der Opéra
0029Comique (!), bei uns im Hofoperntheater. Die effectvolle
0030Composition, so schön singend und schön gesungen, machte
0031hinreichenden Eindruck, um ihre Wiederaufführung auch nach
0032Verdi’s und seiner Sänger Abreise zu rechtfertigen. Die
0033Hofopern-Direction wiederholte das Verdi’sche Requiem in 
0034den letzten drei Jahren zum Allerseelentag, anfangs vor
0035einem geneigten Publicum. Schließlich konnte doch die Er-
0036sättigung nicht ausbleiben, und mit dem Herabsinken der Ge-
0037sangsleistung sank auch die Totalwirkung von ihrer ursprüng-
0038lichen Höhe. Die Idee, Verdi’s Todtenmesse nunmehr durch
0039das „Deutsche Requiem“ von Brahms zu ersetzen, war
0040die denkbar beste und preiswürdigste. Schon lange wünschten
0041und beantragten wir eine Wiederholung dieses Werkes, das
0042uns noch immer als die Krone von Brahms’ Schöpfungen
0043erscheint. Es sind zwölf Jahre verflossen, seit Herbeck 
0044zuerst eine theilweise Aufführung des „Deutschen Requiems“
0045im großen Redoutensaal wagte. Die üble Aufnahme des Werkes
0046vermochte uns damals so wenig zu entmuthigen, daß wir mit
0047großer Zuversicht einen völligen Umschwung der öffentlichen Mei-
0048nung für das „Deutsche Requiem“ prophezeien konnten. Die
0049vollständigen Aufführungen desselben unter Brahms’ Leitung
0050(1871 und 1875) erfüllten auf das schönste unsere Hoff-
0051nungen. Namentlich die durch den unvergleichlichen Gesang
0052der Wilt gehobene Aufführung im großen Musikvereins-
0053saal zählen wir zu unseren schönsten, unzerstörbaren Erleb-
0054nissen. Im Theater kann die Aufführung musikalisch gleich
0055hoch stehen; der Eindruck wird doch niemals den andachts-
0056vollen Ernst, die innere Sammlung einer Concert-Aufführung
0057erreichen. Im Zuschauerraum eines Opernhauses mit seinen
0058Logen und theatralischen Aeußerlichkeiten waltet immer ein
0059eigenthümlich zerstreuendes, weltliches Etwas. Der Concert-
0060saal hält für solche Aufführungen die Mitte — wie uns
0061dünkt, die richtige Mitte — zwischen Theater und Kirche.
0062Denn letztere erhöht zwar die düstere Feierlichkeit eines Re-
0063quiems, diese Wirkung ist aber keine ganz reine, sondern
0064stoffartig; die Aufmerksamkeit wird durch die Bedeutung des
0065geheiligten Ortes von dem reinen Kunstwerk abgelenkt, und
0066religiöse Andacht unterschiebt sich unmerklich der ästhetischen.
0067Bei Aufführung von Tondichtungen wie das Brahms’sche
0068Requiem, das, einer unsichtbaren Kirche dienend, alle
0069confessionellen Unterschiede tilgt, wollen wir nicht kirch-
0070lich beeinflußt sein, sondern die Gnadenmittel der Schön-
0071heit rein menschlich bewundern und für immer in uns
0072aufnehmen. Im Hofoperntheater fand das „Deutsche Re-
0073quiem“ seine mächtigste Stütze in dem ausgezeichneten
0074Orchester, dann in dem tüchtigen, durch den „Singverein der
0075Gesellschaft der Musikfreunde“ beträchtlich verstärkten Theater-
0076chor, endlich und hauptsächlich in der anfeuernden persönlichen
0077Leitung des Componisten, welchem selbstverständlich alle ge-
0078bräuchlichen Ehren erwiesen wurden. Der Eindruck der groß-
0079artigen, dabei so klaren und maßvollen Tondichtung war ein
0080tiefer, gewaltiger. Als ein schönes Zeichen ernsten Musik-
0081sinnes in Wien muß es gewürdigt werden, daß Brahms’
0082Deutsches Requiem“ an zwei Abenden nacheinander ein
0083zahlreiches Publicum anzuziehen und zu fesseln vermochte.


0084Vorgestern, Sonntag Mittags, strömte der alljährliche große
0085Wanderzug zum erstenmal gegen den Musikvereinssaal, allwo
0086die „Gesellschafts-Concerte“ ihren Anfang nahmen.
0087Bevor wir den Saal betreten, mustern wir ein wenig die
0088zahlreichen Concert-Annoncen auf den Aushängetafeln. An
0089der vortrefflichen Qualität all der uns zugedachten Musik-
0090genüsse wagen wir nicht zu zweifeln, aber in quantitativer
0091Hinsicht scheint das eine Saison zu werden, die zu den
0092fürchterlichsten Hoffnungen berechtigt. Besehen wir uns nur
0093den Reichthum in einem einzigen Concertzweige: der Kammer-
0094musik. Diese war bisher, mit seltenen Ausnahmen berühmter
0095Fremder, wie F. Laub, Jean Becker, Joachim — nur durch
0096Hellmesberger’s bewährte Quartett-Gesellschaft ver-
0097treten, ein Zustand, bei dem wir uns ganz wohl befanden.
0098Jetzt finden wir außer den sechs Quartetten von Hell-
0099mesberger
noch angezeigt: drei Quartett-Soiréen von
0100Herrn Grün und Genossen, drei von Herrn J. Wink-
0101ler
und Genossen, sechs Quartett-Abende von Herrn Rad-
0102nitzky
und Genossen, endlich drei Abonnement-Soiréen von
0103Herrn Wallnöfer, in welchen Gesang mit Kammermusik
0104wechselt. Fünf solche gleichzeitige Unternehmungen — das
0105ist offenbar zu viel für Wien und dürfte weder den Concert-[2]
0106gebern noch dem Publicum besonders wohlthätig anschlagen.
0107Ein Quartett-Cyklus neben Hellmesberger mit ausgezeich-
0108neten Spielern und ganz exquisitem Programm scheint uns
0109das richtige Maß der Concurrenz zu sein, welches mit Aus-
0110sicht auf lohnenden Erfolg kaum zu überschreiten ist. In
0111unserem Concert-Kalender sieht es jetzt beispielsweise so aus:
0112Erste Decemberwoche: Dienstag Quartett Grün, Donnerstag
0113Hellmesberger, Freitag Wallnöfer, Samstag
0114Radnitzky. In der zweiten Decemberwoche: Montag
0115Quartett Winkler, Dienstag Grün, Donnerstag Hell-
0116mesberger
, Samstag Radnitzky u. s. w. Es sind
0117somit, von den regelmäßigen großen Sonntagsconcerten ganz
0118abgesehen, schon vier Abende wöchentlich mit Kammermusik
0119besetzt, und die Musik-Kritiker sind schon recht neugierig, wie
0120sich auf die drei noch übrigen Abende die zahllosen Virtuosen-
0121Concerte und die Opern-Novitäten nebst Gastspielen, wol
0122vertheilen werden.


0123Das Gesellschafts-Concert begann mit J. Seb. Bach’s 
0124Cantate „Wir danken dir, Gott!“ Sie zeigt uns den
0125großen Kirchencomponisten zugleich als eifriges, patriotisches
0126Gemeindemitglied der Stadt Leipzig. Es ist nämlich eine der
0127vier „Rathswahl-Cantaten“, die wir von Bach besitzen und
0128die, wie uns ein altes Textbuch belehrt, „nach gehaltener
0129Rathswahl-Predigt in der Kirche zu St. Nicolai von dem
0130Choro musico abgesungen wurde“. Wir modernen Gemeinde-
0131raths-Indifferentisten lernen hieraus, wie man ehedem die
0132Wahl eines Stadtraths als eine gar ernsthafte, ja heilige
0133Sache betrieb und feierte. „Segne die, so uns regieren, die
0134uns leiten, schützen, führen; segne, die gehorsam sind!“ so
0135und ähnlich lauten die Worte der Cantate, eindringlich
0136loyale Worte, um die ein Sebastian Bach seine kunstvollsten
0137Contrapunkte schlang. Wir, die wir so viele Gemeinderäthe
0138wählen, cantatenlos, lautlos, ohne daß auch nur Herr Eduard
0139Strauß eine Rathswahl-Polka componirte, wir hörten die
0140Bach’sche Rathswahl-Musik mit einer gar demüthigen Andacht.
0141Die „Ouvertüre“ der Cantate wird den Zuhörern, welche
0142sich an eine von Herrn Bachrich instrumentirte „Suite von 
0143Bach“ erinnern, bekannt geklungen haben. Anläßlich jenes in
0144den letzten Philharmonischen Concerten gespielten Arrange-
0145ments fand ich mich, mit aller Courtoisie für Herrn Bach-
0146rich’s Geschicklichkeit, zu einem Protest gegen die überhand-
0147nehmende Arrangirerei Bach’scher Instrumentalwerke ver-
0148anlaßt und bemerkte, daß sogar eines der von Herrn Bach-
0149rich für Streich-Orchester gesetzten Stücke in der Rathswahl-
0150Cantate Nr. 19 vollständig instrumentirt mit Trompeten und
0151Pauken und obligater Orgel vorliege. Dafür wurde ich in
0152einem „Eingesendet“ recht pöbelhaft angegriffen von einem
0153großen Unbekannten zum Ruhme von Johann Sebastian
0154Bachrich. Nun hat die Ouvertüre der Rathswahl-Cantate 
0155deutlich genug statt meiner geantwortet. Wir hörten das
0156glänzend festliche Tonstück zum erstenmale in der vollen
0157Original-Instrumentirung, deren Wirkung hier nur durch
0158ein allzu schreiendes Orgelregister beeinträchtigt wurde. Die
0159Cantate enthält, wie so vieles Aehnliche dieses Meisters,
0160Muster erhabenster gothischer Baukunst neben wunder-
0161lichem Rococo. Diese Soli wurden von Fräulein Auguste
0162Kraus (die nach ihrer Arie gerufen wurde), Frau
0163Mathilde Scheler, Herrn Patzelt-Norini und
0164Dr. v. Raindl mit jener Andacht und — Anstrengung
0165gesungen, welche von solcher Vergewaltigung der menschlichen
0166Stimme unzertrennlich ist. Ich kann nicht verhehlen, daß ich
0167bei Compositionen dieses Styls noch mehr Mitleiden mit dem
0168Sänger empfinde, als Vergnügen an dem Gesungenen. Es
0169scheint mir eine falsche, gefährliche Pietät — leider eine weit-
0170verbreitete — immer zu beschönigen oder zu verschweigen,
0171wie unschön und stimmwidrig und grausam Bach für den
0172Gesang schrieb. Die unbedingte Verherrlichung Bach’s auch
0173als Gesangscomponisten hat manche schlimme Folgen gehabt,
0174unter deren Nachwirkung wir theilweise heute noch leiden.
0175Beethoven, der in der D-Messe und der Chorsymphonie 
0176wahrlich nicht rücksichtsvoll mit der Menschenstimme verfährt,
0177ist ein Rossini dagegen. . . .


0178Drei neue Vocalchöre von Goldmark: „Im Fuscher-
0179thal“, vom Singverein mit feiner Nuancirung vorgetragen, 
0180fanden sehr lebhaften Beifall; der dritte („Abschied“) hat uns
0181durch innigen, sich schließlich effectvoll steigernden Ausdruck am
0182reinsten befriedigt.


0183Der belgische Violin-Virtuose Herr Marsick zeigte
0184sich des günstigen Rufes werth, der ihm von Paris vor-
0185angeeilt war. In einem von Saint-Saëns eigens für
0186ihn componirten Violin-Concert entfaltete Herr Marsick ein
0187geschmackvolles, elegantes Spiel, insbesondere aber eine ganz
0188außerordentliche Scalentechnik. In so fabelhaft schnellem
0189Tempo, dabei so leicht und sicher, haben wir Tonleitern aller
0190Art selbst von Sarasate nicht gehört. Marsick’s Ton ist,
0191wie bei den meisten Bravourspielern, nicht bedeutend, aber
0192süß und rein. Was wir an diesem Künstler vermißten, ist
0193Größe und Leidenschaft im Vortrag, selbst das elementarische
0194Feuer des Temperaments; es fließt Alles gleichmäßig glatt
0195und fein unter seinem Bogen ab. Dies verrieth insbesondere
0196sein Vortrag des zweiten und dritten Satzes von Mendels-
0197sohn’s
 Violin-Concert, das schwerlich netter ausgeführt, aber
0198gewiß tiefer und energischer gefaßt werden kann. Seine Vir-
0199tuosität, der im Passagenwerk kein Allegro schnell genug ist,
0200verleitete Herrn Marsick auch, das Tempo des Finalsatzes
0201auf Kosten des schönen Ebenmaßes zu übertreiben. Herr
0202Marsick, dessen gewinnende jugendliche Erscheinung und ruhige
0203Haltung den Eindruck seines Spieles günstig unterstützte,
0204wurde durch lauten Beifall und Hervorruf ausgezeichnet.
0205Das Violin-Concert von Saint-Saëns möchten wir
0206nicht zu den bedeutenderen Arbeiten des geistreichen, in letzter
0207Zeit vielleicht allzu fruchtbaren Componisten zählen. Das Beste
0208daran scheint uns die Einfachheit und Klarheit, die auf alles
0209bizarre Raffinement und falsche Pathos diesmal verzichtet.
0210Hingegen bringt das Concert wenig Bedeutendes an neuen
0211Gedanken; man glaubt oft, einen etwas verjüngten Rode 
0212oder Bériot zu hören. Beethoven’s Marsch und Chor
0213aus den „Ruinen von Athen“, ein oft gehörtes, aber stets
0214kräftig einschlagendes Repertoirestück des Singvereins, beschloß
0215das von Director E. Kremser mit gewohnter Sorgfalt
0216und Tüchtigkeit geleitete Concert.