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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5474. Wien, Sonntag, den 23. November 1879

[1]

Concerte.


0002Ed. H. Die Besucher des ersten „Philharmonischen Con-
0003certs“ lasen zum erstenmale den Namen Anton Dvorak 
0004und hörten zum erstenmale eine Composition dieses neuen
0005Unbekannten: eine „Slavische Rhapsodie für Orchester“ (As-
0006dur, Nr. 3). Berlin, Breslau, Pest waren mit der Auffüh-
0007rung dieser Composition vorangegangen; in den meisten
0008größeren Musikstädten Deutschlands, in London sogar findet
0009sie sich auf dem Novitäten-Programm für diese Saison. Der
0010Componist hat also sehr schnell Carrière gemacht? Mit Einem
0011Schlage, und doch sehr langsam. Bittere Jahre der Ent-
0012beehrung und fruchtloser Arbeit mußte er überstehen, Stöße
0013von Compositionen aufthürmen, bis sich endlich das Glück
0014ihm zuwendete, das Glück, gekannt und anerkannt zu sein.
0015Dvorak ist 1841 in einem böhmischen Dorfe, bei Kralup an
0016der Moldau geboren. Die Woche hindurch mußte der Knabe
0017seinen Vater im Handwerk unterstützen, durfte aber dafür
0018Sonntags in der Kirche und zum Tanz aufspielen. Der
0019Drang nach gründlicherer Ausbildung in der Musik trieb
0020den Achtzehnjährigen nach Prag, wo ihn der treffliche Direc-
0021tor Pietsch in die Orgelschule aufnahm. Seinen Lebens-
0022unterhalt gewann Dvorak anfangs als Orchestermitglied des
0023böhmischen Theaters, später als Organist an mehreren
0024Kirchen Prags mit der glänzenden Besoldung von jährlich
0025dreißig, dann sechzig, endlich hundertzwanzig Gulden. Unter
0026fortwährenden Sorgen und Entbehrungen componirte Dvorak 
0027mit ungebrochenem Feuereifer eine große Zahl von Chören, schuf
0028Kammer- und Orchester-Compositionen, sogar zwei im Prager
0029Landestheater zur Aufführung gebrachte czechische Opern, ohne
0030daß seine drückenden Verhältnisse sich gebessert hätten. Da
0031hatte Dvorak den glücklichen Einfall, sich an das Unterrichts-
0032ministerium in Wien um Ertheilung eines „Künstler-Stipen-
0033diums“ zu wenden. Es sind dies Staatsunterstützungen,
0034welche alljährlich an „junge, mittellose, talentvolle Künstler“
0035zur Vertheilung kommen. Zum größten Theil und mit
0036vollem Recht fallen sie den Malern und Bildhauern zu,
0037deren letzte Ausbildung in der Regel eine kostspielige Studien-
0038reise erfordert. Das Gedeihen der heimischen Tondichtung
0039können diese Subventionen unmöglich in gleichem Maße beför-
0040dern, doch sind sie auch da nicht ohne lohnende Früchte geblieben.
0041Freilich hält manches Talent nicht, was es anfangs zu ver-
0042sprechen schien. Es melden sich sogar eine Menge Talente,
0043die nicht einmal etwas versprechen. Unter den Stipendien-
0044gesuchen, die alljährlich partiturenbeschwert beim Ministerium
0045einlaufen, pflegen die meisten von Componisten herzurühren,
0046welche von den drei gesetzlichen Erfordernissen — Jugend,
0047Mittellosigkeit und Talent — nur die beiden ersten besitzen
0048und auf das dritte verzichten. Da war es denn eine gar
0049angenehme Ueberraschung, als eines Tages ein Prager Bitt-
0050steller, Anton Dvorak, Proben eines intensiven, wenngleich
0051noch unausgegohrenen Compositions-Talentes einsendete.
0052Wir erinnern uns namentlich einer Symphonie, in der es
0053ziemlich wüst und ungenirt, aber dabei so talentvoll herging,
0054daß Herbeck, damals Mitglied unserer Commission, sich
0055dafür lebhaft interessirte. Dvorak erhielt seither alljährlich
0056sein Künstler-Stipendium, das ihn vom drückendsten musi-
0057kalischen Frohndienste befreite. Dabei schien es leider bleiben
0058zu wollen. Obgleich eine solche vom Staate ausgehende ma-
0059terielle Unterstützung ohne Zweifel auch eine moralische
0060in sich schließt, blieb Dvorak in seinem Vater-
0061lande ohne Stellung und ohne Verleger. Erst als
0062Brahms an Herbeck’s Stelle vom Minister Stre-
0063mayr in die Commission berufen wurde, nahm die An-
0064erkennung Dvorak’s auch die gewünschte praktische Wendung.
0065Brahms, der jedes ernste Streben eines ausgesprochenen
0066Talents mit Rath und That unterstützt — unbemerkt,
0067schweigsam, wie es einst Schumann zu thun pflegte — ver-
0068schaffte dem bis zur Schüchternheit bescheidenen Dvorak einen
0069Verleger. In Simrock’s Verlag erschienen nun Dvorak’s
0070Slavische Tänze“ und „Klänge aus Mähren“. Den unbe-
0071kannten Componisten zuerst öffentlich anerkannt zu haben, ist
0072das Verdienst L. Ehlert’s, der die genannten Compositio-
0073nen in der Berliner National-Zeitung mit liebevoller Beredt-
0074samkeit pries. „Hier,“ sagt Ehlert, „ist endlich einmal wie-
0075der ein ganzes, und zwar ein ganz natürliches Talent. Ich
0076halte die „Slavischen Tänze“ für ein Werk, das die Runde
0077durch die Welt machen wird. Eine himmlische Natürlichkeit
0078fluthet durch diese Musik, daher sie ganz populär ist. Keine
0079Spur von Gemachten oder Ergrübeltem in ihr. Wir haben
0080es hier mit vollendet künstlerischen Arbeiten zu thun, nicht
0081mit einem Pasticcio, das aus nationalen Anklängen zufällig 
0082zusammengetragen ist. Wie immer bei größer angelegten
0083Talenten, hat der Humor in Dvorak’s Musik seinen Löwen-
0084antheil. Er schreibt so lustige und originelle Bässe, daß einem
0085ordentlichen Musiker das Herz im Leibe lacht. Die Duette zu sehr
0086hübschen mährischen Volksliedern sind ebenfalls von er-
0087quicklicher Frische.“ So günstig lautete die Stimme eines
0088unserer hervorragendsten Kritiker, der noch nicht einmal die
0089größeren Arbeiten Dvorak’s für Orchester und Kammermusik
0090kannte. Hof-Capellmeister Taubert in Berlin hat kürz-
0091lich in einer der „Symphonie-Soiréen der königlichen
0092Capelle“ die dritte Rhapsodie von Dvorak aufgeführt, was
0093bei dem bekannten classisch-conservativen Charakter dieser Con-
0094certe schon eine ungewöhnliche Auszeichnung bedeutet. Un-
0095mittelbar darauf spielte gleichfalls in Berlin Joseph
0096Joachim Dvorak’s Streichsextett. So sind es durchaus
0097deutsche Autoritäten, welche Dvorak aus seinem heimischen
0098Dunkel hervorgezogen und als ein ungewöhnliches Talent
0099begrüßt haben. Wir betonen diese Thatsache, weil sie den
0100lächerlichen Argwohn widerlegt, es sei Dvorak ein von der
0101national-czechischen Partei in Schwang gebrachtes Renommée.
0102Seine Landsleute in Prag haben allerdings den Componisten
0103czechischer Opern in ihrer Art protegirt, aber „bei all ihrem
0104Protegiren hätt’ er können . . .“ (Siehe Heine’s Gedichte.)
0105Von Prag aus ist für Dvorak wahrlich keine Propaganda
0106gemacht worden, und wäre sie versucht worden — wie weit
0107dringt denn in der Kunstwelt ein czechisches Plaidoyer? Die
0108nationale Antipathie und politische Gegnerschaft, die sich in
0109einigen Wiener Beurtheilungen der Dvorak’schen Rhapsodie 
0110fühlbar macht, entbehrte hier der Berechtigung, selbst wenn
0111in rein künstlerischen Fragen solche Gesichtspunkte statthaft
0112wären. War im Publicum und in der Kritik eine Opposition
0113gegen die künstlerische Herkunft des Dvorak’schen Werkes beabsich-
0114tigt, so hat sie thatsächlich nicht Prag getroffen, sondern — Berlin.
0115Die Rhapsodie wurde achtungsvoll, aber nicht warm aufge-
0116nommen. Wir hatten eine lebhaftere Wirkung erwartet nach dem
0117Eindrucke der Generalprobe. Hat doch das Werk in seinem
0118frischen, lebendig fortströmenden Zug etwas Hinreißendes.
0119In seiner Volksthümlichkeit und seinem sinnlichen Reiz, auch
0120in der bequemen Breite seiner etwas zerfließenden, nicht
0121stramm zusammengefaßten Form erinnert es an Schubert.
0122Gleich der Anfang präludirt äußerst glücklich: ein zuerst von
0123der Harfe allein gebrachtes, dann von den Holzbläsern höchst [2]
0124klangvoll verstärktes Andante-Motiv, sinnend, nicht traurig,
0125nur von leichter Wehmuth angehaucht. Wie dann dasselbe
0126Motiv rhythmisch verkürzt als Allegro im Zweiviertel-Tact
0127einsetzt, ist von überraschendem Effecte. Dann geht es in
0128einem Wirbel von Vergnügtheit weiter. Wer die ersten
0129vierzehn Seiten dieser Partitur schreiben konnte, muß ein un-
0130gewöhnliches, ein echtes und gesundes Talent genannt wer-
0131den. Die Themen der „Slavischen Rhapsodie“ sind keine
0132National-Melodien, sondern freie Erfindung des Componi-
0133sten. Die Rhapsodie hat, wie schon ihr Name besagt, keine
0134feste Sonaten- oder Ouvertüren-Form, sie ist einsätzig, aber
0135mehrtheilig. Buntheit kann man ihr nicht vorwerfen; das
0136ganze Stück langt mit zwei Motiven aus, die allerlei mit
0137contrapunktischem Geiste ausgeführte Verwandlungen eingehen.
0138Ein Fehler darf es hingegen heißen, daß der Componist nicht
0139zu rechter Zeit zu schließen weiß, sondern nach mehreren An-
0140läufen dazu plötzlich stehen bleibt oder wieder umkehrt. Trotz
0141ihrer Länge wird die Rhapsodie auch nicht Einen Moment
0142langweilig; schon der Reiz der Orchestrirung läßt dies nicht
0143zu. Dabei gehören die Orchester-Effecte Dvorak’s keineswegs
0144zu jenen künstlichen Blumen, die man beliebig auf einen
0145Teppich aufnäht; es sind natürliche Blüthen oder richtiger
0146ein natürliches Blühen und Leuchten aus dem musikalischen
0147Kern heraus, und von diesem gar nicht wegzudenken. Aus
0148Allem spricht ein ungewöhnlicher Sinn für echten Orchesterklang.


0149Nun wird freilich Niemand behaupten wollen, daß aus
0150Dvorak ein zweiter Beethoven sich entpuppen müsse. Wir
0151wissen noch nicht, ob sein üppiges Talent auch die volle
0152Meisterschaft in vielseitigster Gestaltung erlangen und sich
0153aus dem engeren nationalen Ideenkreise aufschwingen werde zur
0154Höhe absoluter allgemeiner Kunst. Werden spätere Werke
0155Dvorak’s uns durch geistige Vertiefung und edle Leidenschaft
0156ebensosehr fesseln, wie die „Slavische Rhapsodie“ durch Glanz
0157und Lebensfülle? Wir wissen es nicht, glauben aber von dem
0158reich und eigenthümlich begabten Manne Vieles noch hoffen
0159zu dürfen. Seiner uns von den Philharmonikern versproche-
0160nen Serenade für Blasinstrumente sehen wir mit Vergnü-
0161gen entgegen, und von der Rhapsodie sind wir überzeugt,
0162daß sie nur einer zweiten Aufführung bedarf, um von ihrem
0163halben Erfolg zum ganzen zu avanciren. Es ist obendrein
0164eine Prachtleistung der Philharmoniker und vom Hofcapell-
0165meister Richter mit besonderer Liebe studirt. Das war ein 
0166Jauchzen der Geigen, ein Nachtigallenschlag der Flöten und
0167Clarinetten, und über all den Tonbildern ein romantischer Wechsel
0168von Licht und Schatten, dem vom leisen Frühroth bis zur
0169glühenden Mittagssonne keine Uebergangsfarbe zu fehlen schien.


0170Von den verschiedenen Quartett-Gesellschaften dieser
0171Saison haben bereits zwei ihre Soiréen begonnen: zuerst die
0172nagelneue des Herrn Winkler, dann die altrenommirte
0173von Hellmesberger. Herr Winkler (einst ein Con-
0174servatoriums-Zögling aus der Schule des verstorbenen Heiß-
0175ler) machte einen recht günstigen Eindruck durch die Wärme
0176und Kraft, mit der er die schwierige Violinpartie des F-moll-
0177Quintetts von Brahms vortrug. Es gehört zu den
0178schwierigsten Aufgaben der Kammermusik und kann mit der
0179wünschenswerthen Klarheit und Sicherheit wol nur durch viel
0180längeres Zusammenspiel erreicht werden. Es fehlte dem Gan-
0181zen der letzte Schliff, dem Adagio insbesondere die deutliche
0182rhythmische Auseinandersetzung, die allerdings der Componist
0183den Spielern nicht leicht gemacht hat. Trotzdem haben die
0184Herren Winkler, Skallitzky, Kreuzinger und
0185v. Perger gerade mit dieser Leistung sich ehrenvoll einge-
0186führt und den lebhaftesten Beifall des sehr zahlreichen Audi-
0187toriums geerntet. Der Clavierpart des Brahms’schen Quin-
0188tetts gibt dem stärksten Spieler zu schaffen, geschweige denn
0189einem jungen Mädchen. Fräulein Johanna v. Seemann 
0190beherrschte ihre Aufgabe mit überraschender Sicherheit und
0191Ausdauer.


0192Auch in Hellmesberger’s erster Soirée war es ein
0193Werk von Brahms, welches das Interesse des Publicums
0194zumeist erregte: eine neue Sonate für Violine und Clavier,
0195Op. 78. Offenbar hat von dem Violin-Concert her der intimere
0196und anhaltende Verkehr mit der Geige und mit Joachim in
0197Brahms gleichsam nachklingend die neue Sonate hervor-
0198gerufen. Sie ist ein durchaus sinniges, wie aus seinen Silber-
0199fäden gesponnenes Tonstück. Mehr contemplativen als leiden-
0200schaftlichen Charakters, bildet es einen förmlichen Gegensatz
0201zu dem eben erwähnten F-moll-Quintett. Während wir dort,
0202von finsteren Gewalten getrieben, in der Sturmnacht umher-
0203irren, zwischen Felsen, Abgründen und tosenden Wasserfällen,
0204führt uns die Sonate in eine friedlichere Landschaft, wo wir
0205mit einer Art wehmüthigen Behagens ausruhen. Statt der
0206Stürme im Herzen ein versöhntes Resigniren, statt der
0207schroffen Felsen ein trauliches Dörfchen, statt der donnernden 
0208Wasserfälle das leise Rieseln eines warmen Sommerregens.
0209Daß letzterer wirklich in der Sonate mitspielt, sagt uns das
0210Finale, dessen Thema und Begleitungsfigur getreu dem
0211Regenlied“ von Brahms (Op. 59, Heft I) entnommen ist.
0212Eigentlich beginnt schon der erste Satz (G-dur) mit den drei
0213gleichen Anfangsnoten des Liedes, gleichsam den ersten lang-
0214samer ans Fenster pochenden Regentropfen; dies Motiv wird
0215aber nur flüchtig angedeutet. Desto bedeutungsvoller sehen
0216wir das Regenlied-Thema in dem Finalsatz (G-moll, 4/4)
0217sich ausbreiten. „Walle Regen, walle nieder!“ scheint hier die
0218gleichmäßig fortrieselnde Begleitungsfigur zu wiederholen,
0219„wecke mir die Träume wieder“. Es liegt hier keineswegs
0220eine buchstäbliche Wiederholung des Liedes vor, etwa wie sie
0221Schubert in bekannten Instrumentalwerken mit seinen
0222Liedern: „Der Wanderer“, „Die Forelle“, „Der Tod und
0223das Mädchen“ vorgenommen hat. Brahms überläßt sich gleichsam
0224unbewußt einer in ihm fortarbeitenden Erinnerung und schafft
0225in derselben Stimmung aus dem gleichen Hauptmotiv Neues.
0226Dieser Finalsatz, geistvoll, dabei klar und anmuthend, gehört
0227zu den Perlen der Brahms’schen Kammermusik. Weniger
0228frei und ursprünglich entwickeln sich die beiden ersten Sätze.
0229Da wird der Strom der Empfindung in jener eigenthüm-
0230lich überlegenen, reflectirenden Weise zurückgehalten, die wir
0231an ähnlichen Werken von Brahms kennen. Etwas Unent-
0232schiedenes, Verschwommenes liegt darin; die Motive fürchten
0233sich beinahe vor hellen Farben und plastischen Formen, werth-
0234volle Keime, die nicht recht herauswollen zur vollen selbst-
0235ständigen Schönheit. Brahms liebt es, die Contouren der
0236Melodien und des Rhythmus durch häufige Synkopen,
0237Sextolen- und Triolen-Begleitungen, rhythmische Verschie-
0238bungen zu verwischen. In dem Adagio der Sonate fühlt
0239sich der Hörer mitunter unsicher, wohin der gute Tacttheil
0240falle. Diese zeitweilig sich einstellende Unklarheit kommt auch
0241ein wenig auf Rechnung von Brahms’ Clavierspiel, welches
0242bei aller Vornehmheit (vielleicht aus zu großer Vornehmheit)
0243die scharfe rhythmische Modellirung vernachlässigt und nament-
0244lich den kleinen Finger der linken Hand allzu zärtlich schont.
0245Daß die neue Violin-Sonate zu jenen bedeutenden Ton-
0246dichtungen zähle, die mit jedem wiederholten Hören gewinnen,
0247versteht sich wol von selbst; sie scheint uns überdies noch
0248mehr für den intimen Genuß im Privatcirkel, als für den
0249Effect im Concertsaal geschaffen.