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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5547. Wien, Samstag, den 7. Februar 1880

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Musik.

(Händel’s „Messias“. Concerte. Joachim. Hofoperntheater.)


0003Ed. H. Nicht weniger als achtzehn Jahre sind verflossen,
0004seit die Gesellschaft der Musikfreunde Händel’s Oratorium
0005Der Messias“ zuletzt zur Aufführung gebracht hat. Es ge-
0006schah dies im Jahre 1862, und zwar zur Feier des fünfzig-
0007jährigen Bestehens dieser Musikgesellschaft. Trotz des fest-
0008lichen Anlasses, trotz der von Herbeck geleiteten trefflichen
0009Aufführung und des günstigen Zeitpunktes (November)
0010wollte sich damals das Publicum nicht recht erwärmen für
0011die große geistliche Tondichtung. Beachtenswerthe Journal-
0012stimmen aus jenem Jahre äußern neben auszeichnetstem Lobe
0013der Aufführung unverholene Klage über den „Kühlsinn“
0014und das „kritische Verhalten der Hörerschaft“, dessen Ursache
0015in manchen Eigenthümlichkeiten der uns theilweise entfrem-
0016deten Tondichtung nachweisbar sei. Bei der jüngsten Auf-
0017führung des „Messias“ am Lichtmeßtage zeigte sich das Pu-
0018blicum wärmer, und wenn man die höchst ungünstigen Um-
0019stände erwägt, unter welchen die Production zu Stande kam,
0020muß man die Leistung sowol als deren Erfolg freudig an-
0021kennen. Vor Allem war der Zeitpunkt ein zweifach schlecht
0022gewählter. Ein Oratorium, das von den Hörern eine be-
0023sonders ernste Sammlung und Ausdauer erheischt, sollte
0024niemals im Fasching und niemals zur Mittagszeit gegeben
0025werden, wie es jetzt der Fall war. In der Carnevalsluft
0026liegt etwas Vergnügliches, unwillkürlich Zerstreuendes, Ver-
0027flachendes, das selbst auf das nichttanzende Publicum Einfluß
0028gewinnt und schlecht harmonirt mit streng geistlichen Orato-
0029rien wie Händel’s „Messias“. So wie der Schriftsteller
0030oder der Componist bedacht sein muß, einem guten Ge-
0031danken auch den rechten Platz zu bereiten in seinem Werke,
0032so sollen Theater- und Concert-Directoren stets den passen-
0033den Zeitpunkt für eine Aufführung im Auge behalten. Nicht
0034der Jahres- und Tagesabschnitt stimmt zu jeder Musik: 
0035im richtigen Einklange mit dieser wird die eben herrschende
0036Gesammtstimmung als willkommener Factor die im Kunst-
0037werke selbst liegende Wirkung multipliciren. Im Burgtheater
0038gibt man Kotzebue’sche Possen nur im Fasching, den „Müller
0039und sein Kind“ nur am Allerseelentage. Weber’s „Aufforde-
0040rung zum Tanze“ gehört in ein Carnevals-Concert, ein geist-
0041liches Oratorium in die Fastenzeit oder Charwoche. Noch
0042wichtiger dünkt uns, daß umfangreiche Werke wie der
0043Messias“ nicht zur Mittagsstunde, sondern des Abends ge-
0044geben werden; der Morgen zerstreut, der Abend sammelt.
0045Abendconcerte finden das Auditorium stets musikalisch empfäng-
0046licher, ruhiger, vor Allem ausharrender. Ein Oratorium
0047hören wir Abends von 7 bis halb 10 Uhr oder noch länger
0048mit voller Theilnahme; dieselbe Aufmerksamkeit von halb 1
0049bis 3 oder halb 4 Uhr Nachmittags ist bei den bekannten
0050Wiener Lebensgewohnheiten nicht zu verlangen. Sechzig-
0051jährige Erfahrung hätte die Gesellschaft der Musikfreunde
0052längst dahin bringen sollen, große Oratorien ausnahmslos
0053nur als Abendconcerte aufzuführen. Leider ist diese Gesell-
0054schaft durch materielle Bedrängniß veranlaßt, alle möglichen
0055Interessen den rein musikalischen vorzuziehen; gesellige Künstler-
0056abende, Costümfeste, Maskenbälle, Strauß’sche Nachmittags-Pro-
0057ductionen — das sind zur Stunde ihre dringenden Angelegenheiten,
0058welchen sich die musikalischen wohl oder übel anbequemen
0059müssen. Zum „Messias“ waren nur zwei Proben möglich, von
0060denen die erste am Donnerstag, die zweite erst am Sonntag
0061stattfinden durfte. Und unter welchen Verhältnissen! Bis in
0062den hellen Sonntagmorgen hinein hatte das „Costümfest“
0063gedauert; das Reinigen des Saales, das Wegräumen der
0064Bühne, des Vorhangs, der vielen hundert Stühle, Bänke,
0065Tische verursacht eine kleine Revolution, die noch lange nicht
0066zu Ende ist, als schon die Generalprobe zum „Messias“ be-
0067ginnt. Letztere ist aber noch im Zuge, als im Saale schon die
0068Vorbereitungen zu dem Nachmittags-Concert der Strauß’schen
0069Capelle losgehen. Ein seltsames Zusammentreffen will es in
0070der Regel auch, daß gerade an dem Tage eines Gesellschafts-
0071Concertes besonders lange, ermüdende Messen in der Hof-
0072capelle aufgeführt werden, nach welchen die Musiker abgehetzter 
0073als sonst bei ihren Pulten im Musikvereinssaale anlangen.
0074Es gehört die ganze physische und moralische Kraft des un-
0075ermüdlichen Kremser dazu, unter solchen Hemmnissen ein
0076Oratorium wie Händel’s „Messias“ einzustudiren und zu
0077gelungener Aufführung zu bringen. Meistens erscheint auch
0078noch als Schlußüberraschung am selben Tage eine Oper ange-
0079sagt, in welcher die unentbehrlichsten Oratoriensänger mit
0080Hauptrollen bedacht sind. Dieses Mißgeschick fehlte natürlich
0081auch diesmal nicht. Herr Rokitansky ließ den Messias 
0082im Stich, weil ihm Abends ein anderes geistliches Amt, der
0083Pater Lorenzo in „Romeo und Julie“ oblag. Tapferer erwies
0084sich Herr Walter, der Romeo des Abends, welcher trotzdem
0085Mittags die Tenorpartie im „Messias“ sang, und schöner als je
0086sang. Ein annehmbarer Substitut für ihn hätte sich nicht gefunden,
0087geschweige denn ein Sänger, der mit Walter in dem
0088mustergiltigen Vortrag der Arie „Alle Thale“ zu wetteifern
0089vermöchte. Dankbarste Anerkennung schulden wir Herrn
0090Borkowsky, welcher aus Gefälligkeit rasch für Herrn
0091Rokitansky eintrat. Obwol im bürgerlichen Leben nur mit
0092der „gefrorenen Musik“ beschäftigt, stellte er doch mit dem
0093gediegenen Vortrag der beiden überaus schwierigen Baßarien
0094im ersten Theile manchen Sänger vom Fach in Schatten.
0095Für die Sopranpartie brachte Frau Dillner die musika-
0096lische Sicherheit und den schönen Ernst mit, welche wir an
0097dieser Künstlerin so hoch schätzen. Anfangs etwas zaghaft,
0098sang sie sich doch bald immer wärmer in ihre Aufgabe hin-
0099ein und riß im zweiten und dritten Theil das Auditorium
0100zu lebhaftem Beifall hin. An Fräulein Stahl loben wir
0101gern den guten Willen; ihr Können reicht derzeit nicht an
0102eine schwierige Händel’sche Altpartie, in welcher wir noch die
0103Bettelheim in lebhafter Erinnerung haben. Das Publi-
0104cum verhielt sich überaus theilnehmend und beifällig bis zum
0105„Allelujah“, nach welchem es, wie vorauszusehen, sein Mit-
0106gefühl mit fremdem und eigenem Hunger durch allgemeines
0107Erheben von den Sitzen ausdrückte. Das „Allelujah“, dieser
0108Gipfelpunkt der ganzen Händel’schen Chormusik und des
0109Messias“ insbesondere, könnte, rein musikalisch, dieses Werk
0110auch als großartigster Abschluß krönen. 

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0111Die Virtuosität hat ein wenig nachgelassen. Wir haben
0112eine einzige Pianistin zu melden, Fräulein Fanny Mahler,
0113welche in einem erfolgreichen Concert sich als vorzügliche
0114Schülerin Epstein’s hervorthat. Von größerer Bedeutung
0115ist das Orchester-Concert, mit welchem Joseph Joachim 
0116sich Dienstag Abends von dem Wiener Publicum verab-
0117schiedete. Wann es begann? Den Eintrittskarten zufolge
0118um 7 Uhr, nach den ausgegebenen Programmen um halb Acht.
0119Vielleicht wird diese liebliche Confusion nächstens noch da-
0120durch gesteigert, daß, wie in den Bahnhöfen, auch im Concert-
0121saal eine doppelte Zeitrechnung nach Wiener und nach
0122Prager Zeit eingeführt wird. Jedenfalls war’s eine gute,
0123glückliche Stunde, als Joachim den Bogen erhob, um das
0124Concert mit Spohr’sGesangsscene“ zu eröffnen. Welch
0125süßes Schwelgen im reinen, vollendet schönen Ton, welch
0126träumerisches Wiegen in jener edlen, sanften Empfindsamkeit,
0127die Spohr wie keinem Andern eigen ist! Ein seltener Genuß
0128in zweifachem Sinne; denn Spohr’s Name ist seit lange in
0129allmäligem Verschwinden begriffen und Joachim einer der
0130Wenigen, die sein noch gedenken. Auf eine Periode über-
0131mäßigen Spohr-Cultus ist in schnellem Rückschlag eine Zeit
0132ungerechter Unterschätzung dieses Tondichters gefolgt, den
0133man hochmüthig als „veraltet“ beiseite wirft, weil er in
0134Einzelheiten manierirt und formalistisch war. Das hat die
0135wunderliche Folge, daß, wenn wir nach langer Zeit wieder
0136einmal ein schönes Spohr’sches Stück hören, uns heimlich
0137das Herz aufgeht, als beträten wir nach Jahren den Boden
0138unserer Kindheit und lebten das ganze süße Weh der
0139mit Spohr verwachsenen Jugendzeit noch einmal durch.
0140Vielleicht gehören diese Eindrücke dazu, um Spohr zu lieben;
0141um ihn zu ehren, braucht man blos guter Musiker zu sein.
0142Spohr zählt zu den wenigen ausgeprägten, unverkennbaren
0143Individualitäten der modernen Instrumental-Musik; sagt er
0144uns auch oft dasselbe wieder, so sind es doch immer seine
0145eigenen Gedanken und seine eigenen Worte. Hört man Spohr 
0146unter dem Bogen Joachim’s, also in seiner reinsten Ver-
0147klärung, so erkennt man überdies manchen früher nicht be-
0148achteten Zug von Meisterschaft und macht sich klar, was
0149den Mann hochstellte und noch heute neben Moderneren hoch-
0150stellt. So vermag denn Spohr das Beste hervorzulocken,
0151was wir besitzen: unsere alten Gedanken und unsere jungen
0152Gefühle.


0153Wie ein zärtliches Lied zu einem heroischen Opernfinale,
0154so leitete Spohr’s „Gesangscene“ zu dem darauffolgenden
0155Violin-Concert von Brahms. Genau vor Jahresfrist hat
0156Joachim dieses Concert zum erstenmale in Wien gespielt;
0157damit sah er seine Pflichten gegen dieses Pathenkind keines-
0158wegs erfüllt. Er wiederholte dasselbe gleich jetzt bei seinem
0159zweiten Besuch, obgleich irgend eine andere in Aller Herzen
0160bereits festsitzende Tondichtung vielleicht noch mehr Hörer
0161angelockt hätte. Wir haben bei ähnlicher Gelegenheit hervor-
0162gehoben, welch schwerer Stand einem größeren Orchesterwerke
0163dadurch wird, daß es selbst bei entschiedenem Erfolg
0164mindestens ein bis zwei Jahre auf eine Wieder-
0165holung warten muß. Wie sehr im Vortheil ist dagegen
0166jedes neue Bühnenstück! Die schwächste Oper erlebt
0167doch mehrere Wiederholungen nacheinander. Wenn irgend
0168ein Componist wiederholten Hörens bedarf, um ver-
0169standen und genossen zu werden, so ist es gewiß Brahms,
0170dem es nicht, wie Mozart, Schubert oder Weber, gegeben
0171ist, die Herzen im Sturm zu nehmen. Auch sein Violin-
0172Concert hinterläßt zuerst den Eindruck des Bedeutenden und
0173Interessanten, aber doch keineswegs völlig Klaren; es bleibt
0174ungefähr die Erinnerung an eine verschleierte Schöne. Wir
0175sahen einigemal blitzschnell ein Paar leuchtende Augen durch-
0176blicken, aber gleich waren sie wieder verschwunden; und die
0177rosigen Wangen, der geistvolle Mund — ja, wären sie nur
0178etwas deutlicher sichtbar geworden. Diesen Schleier — so
0179weit ihn nicht der Componist allzu dicht, wie absichtlich,
0180seinen Melodien übergeworfen — vermag nur eine zweite
0181und dritte Begegnung zu heben. Diesmal kam noch das
0182Gute hinzu, daß die zweite Aufführung des Violin-Concerts
0183an technischer Vollendung wie an überzeugender Klarheit des
0184Ausdruckes die erste übertraf. Joachim (der das Concert 
0185seither zwölf- bis vierzehnmal mit dem größten Erfolge öffent-
0186lich gespielt) hat sich so völlig hineingelebt, daß er die feinsten
0187Züge desselben bloßlegt, ja das Ganze wie etwas Selbst-
0188geschaffenes vorträgt. Spielend, in makelloser Reinheit über-
0189windet er die allzu reich und in anhaltend höchster Lage auf-
0190gethürmten Schwierigkeiten, welche wir zu Gunsten des
0191zurückgesetzten melodiösen Gesanges nicht ungern etwas ge-
0192lichtet sehen würden. Wir haben das Brahms’sche Violin-
0193Concert im vorigen Jahre eingehend besprochen; diesmal hat
0194uns insbesondere die großartige Energie des ersten Satzes mit fort-
0195gerissen. Unsere frühere Befürchtung, Joachim dürfte vorläufig
0196der Einzige bleiben, der sich an diese Aufgabe wagt, ist bereits
0197durch erfreuliche Thatsachen entkräftet; Brahms hat auf
0198seiner letzten Reise das Concert von verschiedenen Geigern
0199gut vortragen hören, insbesondere von einem höchst talent-
0200vollen jungen Manne, Richard Barth in Münster, der
0201obendrein in Folge einer Steifheit zweier Finger der linken
0202Hand sein ganzes Violinspiel von rechts nach links „um-
0203lernen“ mußte und nunmehr den Bogen mit der Linken, das
0204Griffbrett mit der Rechten handhabt. Für uns bleibt
0205Joachim in allen Compositionen von tieferem Gehalt un-
0206übertroffen und unerreichbar. Er und Brahms (der sein
0207Concert dirigirte) wurden, wie sich von selbst versteht, enthu-
0208siastisch gefeiert. Eine erfreuliche Zugabe erhielt Joachim’s
0209Concert durch mehrere Gesangvorträge von Fräulein Rosa
0210Bernstein
. Die volltönende, weiche und umfangreiche Alt-
0211stimme dieser im Wiener Conservatorium ausgebildeten
0212jungen Sängerin ist unserem Publicum aus der Zeit ihrer
0213Anfängerschaft in guter Erinnerung. Neu waren uns jedoch
0214ihre großen Fortschritte in sicherer und ausdrucksvoller Be-
0215handlung dieses schönen Materials. Stimme und Vortrags-
0216weise deuten augenscheinlich auf eine besondere Eignung für
0217die Bühne und lassen die Erfolge, die Fräulein Bernstein 
0218im Leipziger Stadttheater errungen, sehr begreiflich erscheinen.
0219Wir möchten sie nur vor allzu schleppenden Tempos war-
0220nen; Gluck hat seine berühmte Arie: „J’ai perdu mon
0221Eurydice“ mit „Vivace“ bezeichnet. Robert Franz sein [3]
0222Lied „Im Herbst“ (Op. 17) mit „Allegro maestoso“. Außer
0223diesen beiden Gesängen trug Fräulein Bernstein noch zwei
0224Lieder von Brahms und Reinecke so beifällig vor,
0225daß sie nach jedem Auftreten wiederholt lebhaft herausgerufen
0226wurde. Die Wirkung ihrer Liedervorträge schien uns durch
0227eine bis zur Unhörbarkeit „discrete“ Clavierbegleitung abge-
0228schwächt; es macht den unbehaglichsten Eindruck, eine Sing-
0229stimme ohne festen Boden des Grundbasses unter den Füßen,
0230gleichsam haltlos in der Luft schweben zu sehen.


0231Im Hofoperntheater sang Fräulein Bianchi zum
0232erstenmale die Julia in Gounod’s lang ausgesetzter Oper
0233Romeo“. Diese Leistung gehört zu dem Besten, was die
0234geschätzte Sängerin bisher geboten. Ihr jugendliches Aus-
0235sehen kommt ihr hier ganz besonders zu statten, der helle
0236Klang der Stimme und der warme ungezierte Ausdruck der
0237Empfindung verschmelzen damit zu einem anmuthigen und
0238überzeugenden Bilde. Daß Fräulein Bianchi weit mehr
0239einem deutschen Gretchen als einer Tochter des Südens gleicht,
0240wird ihr im Ernste Niemand vorwerfen wollen. Ueberraschend
0241gut traf sie gleich anfangs den Ton kindlicher Freude, das
0242„Erste-Ball-Gefühl“; ihre Augen leuchteten in unschuldiger
0243Vergnügtheit. Ihr kleines Mißgeschick in einer schwindelnd
0244hohen Staccatostelle dieser ersten Scene („Ecoutez!“) war
0245schnell vergessen und sei hier lediglich zur Warnung erwähnt
0246vor dergleichen unnützen und so häufig mißglückenden Kunst-
0247stückchen. Den Walzer sang Fräulein Bianchi in der Ori-
0248ginal-Tonart und virtuoser, als wir ihn bisher von deutschen
0249Lippen gehört; es fehlte zwar der letzte Glanz, dafür aber
0250auch das Gefallsüchtige und Herausfordernde, das dieses Bravour-
0251stück leicht in unerwünschten Widerspruch zu Julia’s Charak-
0252ter bringt. Im Verlauf der Rolle klangen alle hochliegenden
0253Stellen ungemein schön; wo die Klangfülle tieferer Chorden
0254zur dramatischen Charakteristik gehört, wie in dem gewitter-
0255schwülen Monolog des ersten Actes, „C’était Romeo!“, und
0256in einigen Phrasen des Liebesduettes im vierten, vermißten
0257wir das ausdrucksvollere, dunkle Organ der Ehnn. Sehr
0258innig gesungen und gespielt war die ganze Gartenscene, in
0259welcher Gounod unstreitig Töne echter, schwärmerischer 
0260Leidenschaft und süßester Liebesbeklemmung angeschlagen hat.
0261Trefflich bei Stimme und musterhaft im Vortrag fanden wir
0262die Herren Walter (Romeo) und Bignio (Mercutio);
0263unverkennbar die Fortschritte des eifrigen Herrn Schitten-
0264helm
(Tybalt). In furchtbarer Aufregung sang ein neuer
0265Baritonist, Herr Schwarz, zum erstenmale die kleine Rolle
0266des Grafen Paris. Herrn Rokitansky haben wir so
0267oft und so gern als Pater Lorenzo gepriesen, daß wir ihn
0268wol bitten dürfen, diese vortreffliche Leistung nicht selbst durch
0269eine so vollständige Theilnahmslosigkeit des Spieles zu ent-
0270kräften, wie in der letzten Vorstellung. Auffallend schon in
0271der Copulations-Scene, steigerte sie sich bis zur Unmöglichkeit
0272in dem wichtigen Moment, da Julia in Folge des Schlaf-
0273trunkes unter dem Schreckensrufe aller Hochzeitsgäste: „Sie
0274stirbt!“ zu Boden sinkt. Da darf Pater Lorenzo nicht gleich-
0275giltig unter den Choristen am andern Ende der Bühne
0276stehen, er muß Julien, die theilnahmsvoll seine trösten-
0277den, ermuthigenden Blicke sucht, zur Seite bleiben;
0278das ist — wenn wir das Wort von einem geist-
0279lichen Herrn brauchen dürfen — seine verdammte Schul-
0280digkeit. Die ganze Scene hat übrigens in dem jetzigen
0281Arrangement bedeutend an Verstand und Wirkung verloren.
0282In der ursprünglichen Dingelstedt’schen Scenirung ging, ge-
0283treu nach dem Pariser Vorbilde, die Hochzeitsfeierlichkeit,
0284während welcher Julia leblos hinsinkt, in einem großen,
0285geschmückten Festsaale vor sich, wie es sich gehört. Jetzt drin-
0286gen Graf Paris und die Hochzeitsgäste in Julia’s kleines
0287Schlafzimmer, das eben erst Romeo verlassen, und setzen ihr
0288eiligst den Myrthenkranz auf, worauf sie sofort an den Fol-
0289gen des Schlaftrunkes zusammenbricht. Fräulein Braga,
0290ein schmucker Page, stattete die kleine Serenade, die als
0291Spottlied leicht und humoristisch vorgetragen sein will, mit
0292einem solchen Aufwand von gefühlvollen Accenten und aus-
0293geklügelten falschen Contrasten aus, daß wir hier ein totales
0294Mißverstehen der talentvollen jungen Sängerin vermuthen
0295müssen. Die Aufführung ging unter Herrn Hanns Rich-
0296ter’s
Leitung präcis zusammen und erfreute sich der bei-
0297fälligsten Aufnahme.