Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5596. Wien, Samstag, den 27. März 1880

[1]

Concerte.


0002Ed. H. Es ist bekannt, daß übertriebene Höflichkeit
0003mitunter recht lästig werden kann, sogar wo man sie viel-
0004leicht nicht vermuthet — in Concerten. Der übermäßigen
0005Liebenswürdigkeit unseres Publicums, das mit Applaudiren
0006und Herausrufen fast eine Art Sport betreibt, antwortet
0007regelmäßig eine ebenso leidenschaftliche Dankbarkeit von Seiten
0008der auftretenden Künstler. In der großen Akademie des
0009Deutschen Hilfsvereins glaubten alle Gerufenen ihr Stück
0010wiederholen oder ein neues noch zugeben zu müssen. Glück-
0011licherweise lauter namhafte Künstler, von denen jeder ein-
0012zelne gewiß mit seinem Da capo willkommen sein mochte.
0013Da aber keiner von ihnen dem Andern nachstehen wollte an
0014„liebenswürdiger Bereitwilligkeit“, so schwoll gleich die erste
0015Abtheilung des Concerts zur doppelten Länge an und begann
0016die zweite etwa um die Zeit, wo das ganze Concert zu
0017Ende sein sollte. Die allgemeine Neugier galt aber dieser
0018zweiten theatralischen Hälfte, der Aufführung des „Schau-
0019spieldirectors“ im Musikvereinssaale. Es schlug 10 Uhr
0020(auch die Uhren repetirten), als das Singspiel vor einer ab-
0021gespannten Zuhörerschaft begann. Wer etwa vor dem letzten
0022Tactstriche sich leise fortschlich, um im Garderobe-Getümmel
0023mit einigen blauen Flecken weniger davonzukommen, wurde
0024gehörig bestraft; er fand auf höheren Befehl die Thüren zu
0025und die Saaldiener grob. Die Direction der Gesellschafts-
0026Concerte hielt also in ihrem väterlichen Polizeigefühl das
0027Publicum bis gegen 11 Uhr in festem Verschluß. Es gab
0028fruchtlose Bitten und ärgerliche Reden. Die Moral von
0029dieser keineswegs fabelhaften, sondern höchst wahrhaften Ge-
0030schichte lautet: Wiederhole nie ein Stück zum Scherz. Denn
0031wenn du „gerufen“ wirst, so will man allerdings deine
0032werthe Person noch einmal sehen, aber nicht unbedingt dein
0033Musikstück noch einmal hören.


0034Den Anfang machte der Violin-Virtuose Herr Emil
0035Sauret, den wir jüngst, nach seinen Vorträgen im Concerte
0036des Männergesang-Vereins, so recht aus dem Vollen loben 
0037konnten. Diesmal müssen wir das Lob etwas herabstimmen.
0038Wenn ein Virtuose so ungleich spielt wie Sauret, kann es
0039da befremden, daß auch die Kritik über ihn ungleich wird?
0040Sauret trug den ersten Satz des Mendelssohn’schen Violin-
0041Concertes vor — ein Werk, in dem seine Virtuosen-Natur
0042sich nicht heimisch fühlt und die Superiorität der größten
0043deutschen Geiger scheuen sollte. Das Stück klang unter seinem
0044Bogen äußerlich, oberflächlich, wie von unbefriedigter Eitel-
0045keit durchkältet. Es klang nicht einmal rein. Viel heimischer
0046fühlte sich Sauret in Ernst’sAir hongrois“, aber leider
0047fehlte auch diesem Bravourstücke die unfehlbare Reinheit und
0048Sicherheit. Sauret, dem sonst nichts zu schwer, schien dies-
0049mal mit den technischen Schwierigkeiten eine Art Hazard-
0050spiel zu treiben, bei dem er nicht immer gewann. Die
0051Clavier-Virtuosität fand in Herrn Xaver Scharwenka 
0052einen ausgezeichneten Vertreter; was er uns gab (drei
0053Salonstücke eigener Composition sammt der unausbleiblichen
0054„Zugabe“), stand auf bescheidener Höhe, aber das Wie darf
0055vollendet heißen bis ins geringste Detail. Frau Caroline
0056Gomperz-Bettelheim hatte dem wohlthätigen Zwecke
0057ihre Mitwirkung gegönnt und erntete mit der bekannten Alt-
0058arie aus Rossi’s „Mitrone“ und mit Schubert’s „Erlkönig“
0059außerordentlichen Beifall. Die prachtvolle Baßstimme des
0060Herrn David Ney haben wir in einem der letzten Concerte
0061kennen gelernt, wo er den „Wanderer“ sang; diesmal sang
0062er wieder den „Wanderer“, und als er gerufen wurde, aber-
0063mals den „Wanderer“. Wiederholt wurde natürlich auch das
0064von Hellmesberger für Geigen, Harfe und Orgel arran-
0065girte „Arioso“ von Händel, welches in den Concerten
0066dieser Saison grassirt, wie das Händel’sche „Largo“
0067im vorigen Jahre. Pikante Klangeffecte lassen sich ohne Frage
0068durch exotische Instrumentirung erzielen; solch kokettes Auf-
0069putzen und Aufschminken alter Händel’scher Arien bleibt trotz-
0070dem ein recht dilettantisches Vergnügen. Wie wir vernehmen,
0071arrangirt bereits ein von Klang- und Brotneid angefeuerter
0072Rivale einige Arien aus der „Matthäus“-Passion von Bach 
0073für die „Estudiantina Figaro“.


0074Hauptbestandtheil der Akademie war, wie gesagt, das
0075komische Singspiel „Mozart und Schikaneder, oder: Der


0076Schauspieldirector“ mit Frau Pauline Lucca als Aloisia
0077Lange. Das Publicum, das sich mit Grund von jeder
0078neuen Rolle der Lucca einen Genuß verspricht, freute sich
0079ganz besonders darauf, das berühmte Wiener Kind einmal
0080im heimatlichen Dialekte sprechen und singen zu hören. Die
0081Lucca ließ ihr Doppeltalent als Sängerin und Schauspielerin
0082auch weidlich funkeln; für ein nachhaltiges Leuchten findet
0083sich keine Gelegenheit in dieser Rolle. Ihr zunächst ist Herr
0084Gustav Hölzl, der allezeit frische Veteran, als Schika-
0085neder zu nennen. Die Anerkennung älterer Verdienste ver-
0086einigte sich mit dem lebendigen Eindruck der Gegenwart, und
0087so fand Hölzl nach langer Abwesenheit von der Bühne eine
0088so warme Aufnahme, wie vor zwanzig Jahren im Kärntner-
0089thor-Theater. Herr Albin Swoboda erfüllte als Mozart 
0090nicht ganz die gehegten Erwartungen; er hat sich jenen eigen-
0091thümlich ironischen, fast suffisanten Ton angewöhnt, der zu
0092dem wohlwollenden, aufrichtigen Wesen Mozart’s schlechter-
0093dings nicht paßt. Die beiden Rollen der Sängerin Uhlich 
0094und des Neffen Philipp wurden von Fräulein Baier und
0095Herrn Lucas gegeben, zwei talentvollen, aber unfertigen
0096Zöglingen des Conservatoriums. Beide haben sich noch um
0097die Vor- und Grundbedingung jeder dramatischen Wirksam-
0098keit zu bemühen: um die Kunst deutlichen Sprechens. Herr
0099Leo Friedrich vom Burgtheater hatte auf der Bühne
0100nur die kleine Rolle des Theaterdieners inne, hinter der
0101Scene aber — nämlich als Regisseur der ganzen Vorstellung —
0102eine um so größere und wichtigere. Und der Erfolg des
0103ganzen Singspiels? Abgesehen von einigen Momenten der
0104Lucca und Hölzl’s, schien das dichtgedrängte Publicum
0105nicht seine Rechnung dabei zu finden. Es ist eigentlich
0106ein gutes Zeichen, daß man sich gelangweilt hat in diesem
0107Schauspieldirector“, der mit Recht von unserer Opern-
0108bühne verschwunden ist, wohin er niemals gehörte. Von ganz
0109uninteressanter Handlung und insipidem Dialog, ist das
0110Stück obendrein eine wahre Herabwürdigung Mozart’s, den
0111es eine geradezu klägliche Figur spielen läßt. Was trotzdem
0112dieses Machwerk Louis Schneider’s so lange erhielt, ist der
0113unversiegbare Reiz der eingeflochtenen Mozart’schen Gesänge,
0114des „Bandel-Terzetts“ u. s. w. Aus Mozart’s Intermezzo [2]
0115L’Impresario“ (für ein Hoffest in Schönbrunn 1786 
0116componirt) sind die Ouvertüre und das Duett der beiden
0117Rivalinnen: „Ich bin die erste Sängerin“ entnommen. Ließen
0118sich nicht diese und andere Mozart’sche Gesangstücke auf einen
0119andern Lustspielfaden aufreihen, der Mozart’s Persönlichkeit
0120unberührt läßt?


0121Das Ergebniß diverser schwärmerischer Frühlingsahnun-
0122gen, eine Erkältung nämlich, hat uns von dem Concerte des
0123Violin-Virtuosen Herrn Johann Hrimaly ferngehalten.
0124Dieser schwer auszusprechende Mann wird uns von compe-
0125tenter Stimme als ein ganz eminenter Künstler geschildert,
0126und sein Concert als eines der erfolgreichsten in dieser Saison.
0127Hoffentlich hat er noch nicht ausgespielt. Sehr Günstiges
0128meldet man uns ferner von der Production des Gesang-
0129lehrers Herrn Hintersteiner, dessen Zöglinge sprechende
0130Beweise für die Ersprießlichkeit seiner Unterrichtsmethode gaben.
0131Das alljährliche „Geistliche Concert“ des Wiener
0132Männergesang-Vereins, das nunmehr aus der Kirche in den
0133Musikvereinssaal übersiedelt ist — zum Vortheile der Sänger,
0134der Hörer und der mit dem Erträgnisse bedachten Wohl-
0135thätigkeits-Anstalten — fand auch diesmal vor einem außer-
0136ordentlich zahlreichen und dankbaren Publicum statt. Lebhaften
0137Beifall ernteten die von Kremser und Weinwurm 
0138dirigirten Männerchöre, sowie die effectvollen Gesangsvor-
0139träge, mit welchen die Altistin Fräulein Rosa Bernstein 
0140das Programm zierte. — Das siebente Philharmonische
0141Concert
verschaffte uns das seltene Vergnügen, Herrn
0142Theodor Leschetitzky nach langer Zeit wieder zu hören.
0143Er spielte das C-moll-Concert von Saint-Saëns 
0144(auswendig) nicht blos technisch vollendet, sondern geistreich
0145in der Auffassung, kühn und elegant im Detail, das Ganze
0146voll individueller Lebendigkeit. Seine Spielweise paßt voll-
0147ständig zu dem Charakter der interessanten und wirksamen
0148Composition. Möge Herr Leschetitzky durch den außerordent-
0149lichen Erfolg seiner Leistung sich zu häufigerem Auftreten
0150veranlaßt sehen! Die übrigen Programm-Nummern waren
0151durchaus bekannt; statt der ursprünglich angekündigten sattsam
0152abgespielten Ouvertüre zum „Beherrscher der Geister“ von
0153Weber spielte man die noch abgespieltere Mendelssohn’sche
0154Melusine“. Die Philharmoniker bewegen sich seit Jahren in 
0155einem überaus engen Cirkel von Ouvertüren, während doch
0156gerade diese Kunstform in der Musik-Literatur sehr reich ver-
0157treten ist.


0158Eine Production ungewöhnlicher Art bot uns das
0159außerordentliche Concert der Gesellschaft der
0160Musikfreunde am Chardienstag-Abend. Liszt war zu sehen,
0161Liszt aufrechtstehend am blumengeschmückten Dirigentenpult,
0162das Tactstäbchen in der Hand, von dem er auch zeitweilig
0163einen distinguirten Gebrauch machte. Das Programm zählte
0164nur drei Nummern, sämmtlich von Liszt’s Composition:
0165eine Vocalmesse, hierauf die „Ideale“ (symphonische Dich-
0166tung), zum Schluß „Die Glocken des Straßburger Münsters“.
0167Es gehört gewiß eine tief beschauliche Charwochenstimmung
0168dazu, um im Concertsaale eine ganze Messe, blos von
0169Männerstimmen mit Orgelbegleitung ausgeführt, anzuhören.
0170Zu jenen höchst seltenen Ausnahmsmessen, deren Aufführung
0171im Concertsaale sich rechtfertigen läßt, wird man die jeglichen
0172Orchesterschmuckes entbehrende Liszt’sche Vocalmesse gewiß
0173nicht zählen. Sie gehört unbedingt in die Kirche und dürfte
0174speciell für eines jener rigorosen Gotteshäuser geschrieben sein,
0175welche (wie die Sixtina in Rom oder die Allerheiligen-Kirche
0176in München) alle Instrumental-Begleitung principiell aus-
0177schließen. Die engen Grenzen und der gleichfärbige Klang
0178vierstimmigen Männergesangs müssen im Verlaufe jeder
0179längeren Composition Monotonie erzeugen, am empfind-
0180lichsten aber in einer Messe, die wir im Concert-
0181saale
hören sollen, wo wir ohne die Mithilfe reli-
0182giöser Andacht und kirchlicher Umgebung eben nur musi-
0183kalische
Erbauung suchen können. Die starke, mit
0184dem Gesang zugleich fortschreitende Orgelbegleitung in
0185Liszt’s Messe erweist sich als ein zweifelhafter Gewinn; spar-
0186sam verwendet und mit dem Männerchor möglichst alternirend
0187und contrastirend, würde sie besser wirken. Wenn aber die
0188Orgel, aus allen Registern brausend, den Gesang überschreit,
0189dann macht sie die einfache Monotonie zur betäubenden. Am
0190reinsten und erfreulichsten wirkt das Kyrie; es klingt na-
0191türlich, schön und abgerundet, ohne alltäglich zu sein, fromm,
0192ohne symbolisirende Anstrengung. Lange duldet es den Com-
0193ponisten freilich nicht bei dieser Einfachheit; er sucht sich
0194bald durch gehäufte frappante Modulationen für die ver-
0195sagten instrumentalen Hilfsmittel zu entschädigen. Accord-
0196folgen wie die im „Agnus Dei“ (nach dem Vocalquartett)
0197gehören sicherlich zu dem Gewaltsamsten und Schwierigsten, was
0198der Intonation nicht „unfehlbarer“ Sänger je zugemuthet
0199worden. Ob die Messe und die folgenden Tondichtungen
0200Liszt’s das Auditorium entzückt oder nur befriedigt, oder gar
0201ein bischen gelangweilt haben, vermögen wir nicht zu ent-
0202scheiden. Das läßt sich niemals sagen, wenn Liszt’sche Com-
0203positionen unter dem schützenden Zauber von Liszt’s persön-
0204licher Anwesenheit gegeben werden. Die fascinirende Gewalt
0205dieses Mannes ist keine Fabel; gar Viele im Publicum hören
0206theilnahmslos oder unbefriedigt zu, aber ihr Auge hängt an
0207Liszt’s Erscheinung, und — sie applaudiren.


0208Die Ideale“, symphonische Dichtung nach Schiller’s
0209Gedicht, haben wir bereits vor zwanzig Jahren kennen gelernt,
0210als der junge Tausig diese und andere Orchesterwerke von
0211Liszt hier zuerst zur Aufführung brachte. Seither kamen
0212wir so oft und so ausführlich auf Liszt’s „Symphonische
0213Dichtungen“ zu sprechen, daß wir den Leser durch abermalige
0214Wiederholung nicht ermüden dürfen. Theilen doch „Die
0215Ideale“ Vorzüge und Mängel mit ihren elf symphonischen
0216Schwestern. Schritt für Schritt, fast mit balletprogramm-
0217mäßiger Treue, folgt die Musik dem Inhalte des Schiller’schen
0218Gedichtes, sucht somit durch ein fremdes poetisches Interesse
0219zu bestechen, einen fremden Geist dem eigenen musikalischen
0220aufzudrängen. Die glänzende, von tausend Effecten blinkende
0221Orchestrirung hängt wie ein Prachtgewand über einem schlecht-
0222genährten, schwächlichen Körper. Hin und wieder taucht ein
0223reizendes Melodien-Fragment auf, z. B. das schwärmerische
0224viertactige Motiv in Es-dur, welches (pag. 31) die Worte
0225illustriren soll: „Wie einst mit flehendem Verlangen Pyg-
0226malion den Stein umschloß.“ Solche Themen oder thematische
0227Ansätze werden aber bei Liszt nicht organisch entwickelt,
0228sondern nur unablässig wiederholt, versetzt, ausgehungert.
0229Der mit Janitscharenmusik versetzte pomphafte Finalsatz zeigt
0230uns schließlich die Idealität der eben verherrlichten „Ideale“
0231im vollen Wachtparadenglanze.


0232Was immer man gegen die Vocalmesse und die „Ideale“
0233einzuwenden hat, beide Compositionen erscheinen doch wie
0234hohe Kunstwerke neben Liszt’s neuester Tondichtung: „Die [3]
0235Glocken des Straßburger Münsters“. Die Com-
0236position (für Bariton-Solo, gemischten Chor, großes Orchester
0237und Orgel) gehört zur Gattung der dramatisirten Concert-
0238Balladen, welche Schumann in seiner letzten Periode culti-
0239virt hat. Das Gedicht (von H. W. Longfellow), durchweg
0240dramatisch dialogisirt, spielt um die Thurmspitze des Straß-
0241burger Domes. Lucifer commandirt die bösen Geister zum
0242Angriffe auf das sie verhöhnende Kreuz. Die Glocken des
0243Domes ertönen jedoch und vereiteln die frevelhafte Unterneh-
0244mung. Fünfmal wiederholt sich in immer heftigerer Steige-
0245rung der Aufruf Lucifer’s, hierauf die verzagende Antwort
0246der Luftgeister und der fromme Chor der Glocken. Letztere
0247spielen ungefähr die Rolle wachsamer Hofhunde, deren ener-
0248gisches Gebelle die Diebe immer wieder zurückscheucht. Schließ-
0249lich geben die Dämonen ihren Versuch definitiv auf und stür-
0250men davon, während im Dom der gregorianische Gesang mit
0251Orgelbegleitung ertönt. *)


0258Es fällt uns nicht leicht, über Liszt’s neueste Com-
0259position unsere Meinung abzugeben. Wir möchten die hohe
0260Achtung, welche wir dem Menschen, die Bewunderung, welche
0261wir dem genialen Musiker, die Ehrerbietung endlich, welche
0262wir seinem Alter zollen, niemals aus dem Auge verlieren.
0263Und doch müssen wir wenigstens den individuellen Eindruck
0264bekennen, den dieses mit höchsten Ansprüchen und luxuriösesten
0265Mitteln auftretende Tonwerk in uns zurückgelassen hat. Die
0266Glocken vom Straßburger Münster! Sie werden uns lange
0267im Ohre nachklingen. Als diese in türkische Musik getauchte
0268christliche Legende auf dem Gipfel ihrer Effecte angelangt
0269war, als die schaurigsten Dissonanzen nah und immer näher
0270aneinander rückten, in die wüthende wilde Jagd der Pauken,
0271Hörner und Posaunen sich die Angstrufe der mißhandelten
0272Menschenstimmen mischten, und dazu die Glocken und immer
0273wieder die Glocken — da hatten wir nur die Eine Empfin-
0274dung: die Musik liege erschlagen zu Boden und die Straß-
0275burger Glocken läuten zu ihrem Begräbnisse.

Fußnoten
  • *)*) Liszt’s Partitur verlangt vier große Glocken, die auf die
    tiefen Baßtöne es, e, f und fis gestimmt sind. Die Kostspieligtkeit der
    Anschaffung, noch mehr die Schwierigkeit, so gewichtige Körper auf
    dem Orchester-Podium aufzustellen, veranlaßte hier die Substituirung
    der Glocken durch zwei Tamtams, ein größeres und ein kleineres,
    über deren gute Wirkung der Componist sich sehr befriedigt äußerte.