Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5803. Wien, Freitag, den 22. October 1880
[1]Herold in Wien vor 65 Jahren.
0002Ed. H. Der berühmte Componist der Oper „Zampa“,
0003Ferdinand Herold, hat als Jüngling eine abenteuerliche
0004Reise nach Wien unternommen und dieselbe, sowie seinen
0005dreiwöchentlichen Aufenthalt in Wien ausführlich in Familien-
0006briefen und Tagebuchblättern beschrieben, die bis jetzt größten-
0007theils unbekannt geblieben waren. Sie befinden sich im Besitze
0008von Herold’s Sohn, des gegenwärtigen Seine-Präfecten und
0009Senators in Paris, welcher schon als Gemeinderath ein werk-
0010thätiges Interesse für die Hebung der französischen Musik-
0011zustände an den Tag gelegt hat. In einer Reihe von Arti-
0012keln über Herold veröffentlicht soeben der verdienstvolle fran-
0013zösische Musikhistoriker Arthur Pougin jene interessanten
0014Blätter, die, zusammengehalten mit B. Jouvin’s älterer
0015biographischer Skizze, ein vollständiges Bild von der Jugendzeit
0016des leider so früh verstorbenen geistvollen Componisten geben.
0017Unseren Lesern dürfte Einiges daraus von Interesse sein,
0018was sich auf die Reise des jungen Herold und die Wiener
0019Musikzustände vor 65 Jahren bezieht.
0020Charles Ferdinand Herold (geboren in Paris 1791)
0021hatte als „Premier grand prix“ des Pariser Conserva-
0022toriums den vorgeschriebenen Aufenthalt in Rom genommen
0023und vollendet. Die Rückreise von dort wollte er benützen,
0024um einen Theil von Deutschland kennen zu lernen, das ihm
0025als das gelobte Land der Musik in allen Träumen vor-
0026schwebte. Allein das Reisen hatte damals seine Schwierig-
0027keiten. Europa stand neuerdings in Brand durch die Rück-
0028kehr Napoleon’s von Elba, und Italien war wieder ein
0029Schlachtfeld, auf welchem die Soldaten Murat’s sich in
0030Toscana und im Kirchenstaate mit den österreichischen Armeen
0031schlugen. Herold gelangte nach längeren Aufenthalten in
0032Neapel, Bologna und Florenz im April 1815 nach Venedig.
0033Von hier wollte er nach Wien. Aber durch seine Unvorsich-
0034tigkeit ward diese Reise zu einer Odyssee, an die er zeit-
0035lebens denken mußte. Nachdem er in Venedig wie ein Ver-
0036zweifelter umhergelaufen war, sich einen Paß zu verschaffen,
0037beschloß er, ungeduldig über diese fruchtlosen Gänge bei den
0038mißtrauischen Polizei-Behörden, ohne Paß zu reisen. Die
0039ersten Tage ging Alles leidlich gut, aber angesichts der öster-
0040reichischen Grenze begannen die Leiden und Gefahren. Herold
0041hatte am fünften Tage glücklich Ponteba erreicht. Hier unter-
0042handelte er mit dem Anführer einer Schleichhändlerbande,
0043der ihn trotz der Wachsamkeit von Zollbeamten und Soldaten
0044nach dem ersten deutschen Dorfe geleiten sollte. Um Mitter-
0045nacht traten die Beiden ihren Marsch an. Seit frühem Mor-
0046gen strömt der Regen, die Wege sind entsetzlich. Ein Fluß,
0047über den sie nothwendig hinüber mußten, war hoch an-
0048geschwollen; trotzdem will Herold tollkühn hinüberschwimmen,
0049um das andere Ufer, koste es was es wolle, zu erreichen.
0050Der Schleichhändler macht ihm die Unmöglichkeit begreiflich:
0051das jenseitige Ufer fällt in steilen Felsen ab, und die Nacht
0052ist pechfinster. Von oben vom Regen durchnäßt und die Füße
0053bis an die Knöchel in Pfützenwasser, nähern sich die Beiden
0054vorsichtig der gefährlichen Brücke, die sie um jeden Preis
0055hatten umgehen wollen. Sie müssen darüber. „Ich trug,“
0056schreibt Herold, „einen schweren Bauernmantel auf den
0057Schultern, einen groben Fuhrmannshut auf dem Kopfe, den
0058Tod im Herzen. Da ist das italienische Zollhaus. Niemand
0059zu sehen. Hier die Schilderhäuschen der Soldaten; ich weiß
0060nicht, ob diese drinnen stecken oder nicht. Aber wir marschiren
0061weiter. Ein Mann schläft sorglos auf der Bank. Wir
0062schleichen uns vorbei, ohne ihn anzusehen. Gott sei’s gedankt,
0063endlich sind wir hinüber!“ Nachdem Herold also die ganze
0064Nacht im Regen durch ein fremdes, unwirthliches Land ge-
0065wandert allein mit einem Gauner, der ihn ruhig hätte er-
0066morden können, erreicht er um 4 Uhr Früh das erste
0067deutsche Dorf. Alles schläft. Er klopft an die erstbeste Hütte
0068und bittet um einen Bissen Brot und Schutz vor dem Regen.
0069Er entlohnt seinen Schleichhändler, der heimkehrt. Nach
0070einigen Stunden kommt der Reisewagen, den unser paßloser
0071Componist vor Ponteba verlassen hatte, dahergewackelt.
0072Dieses ehrwürdige Fahrzeug, das bald an diesem, bald an
0073jenem Ende bricht und seine Räder freigebig auf den
0074Landstraßen umherstreut, macht auch die weitere Reise
0075zu einer Kette von Abenteuern. Stundenweit muß
0076Herold im Regen laufen, um aus dem Dorfe Leute
0077zu holen zur Herstellung des zerbrochenen Wagens.
0078In Villach und Klagenfurt verläßt er aus Furcht vor der
0079Polizei abermals den Wagen und seine Reisegefährten. Er
0080sucht sich ein Obdach in der entlegensten Vorstadt, wird für
0081einen Deserteur gehalten und kann sich, da er kein Wort
0082Deutsch kann, den Leuten nicht erklären. (Und hatte doch in
0083Paris in der Schule einmal einen „Preis“ im Deutschen
0084erhalten!) Vier bis fünf Tage hält der Regen an, unser
0085Musiker irrt auf den Landstraßen umher und übernachtet in
0086einem verlassenen, zerbrochenen Bretterhäuschen auf einem
0087Bündel Heu. Als endlich er nach mehreren Tagen den
0088Wagen mit den Reisegefährten wiederfindet, haben ihn Hunger,
0089Ermattung, sowie der elende Zustand seiner Kleidung fast
0090unkenntlich gemacht. Endlich — vierzehn Tage nach der Ab-
0091reise von Venedig — kommt Herold in Wien an! Er
0092steigt in einem elenden Vorstadtwirthshause ab. Aber auch
0093hier ist er ohne Legitimation keinen Augenblick sicher. „Ich
0094weiß nicht,“ schreibt er in sein Tagebuch, was mit mir ge-
0095schehen wird. Nachdem ich einmal gegen die Gesetze verstoßen,
0096will Niemand mich in Schutz nehmen; alle meine Empfeh-
0097lungen sind machtlos.“ Endlich wagt er einen letzten Versuch
0098und sucht Schutz bei einem berühmten Tonkünstler, dem
0099Hofcapellmeister Salieri. Er erzählt diesem seine Abenteuer
0100und beschwört ihn, sich seiner anzunehmen. Der alte Herr
0101zeigte sich anfangs hart und wollte sich durchaus nicht ein-
0102mischen. Schließlich ließ er sich doch rühren und führte den
0103jungen Paßlosen zum Fürsten Talleyrand, welcher da-
0104mals Frankreich im Wiener Congreß vertrat. „Das ist ja
0105eine ganz und gar französische Reise!“ ruft dieser aus, als
0106er Herold’s Erzählung angehört, und fügt bei: „Wir wer-
0107den Ihre Angelegenheit ordnen.“ Ganz ruhig war Herold,
0108nach seinem eigenen Geständniß, trotzdem nicht während seines
0109dreiwöchentlichen Aufenthaltes in Wien, denn die Polizei war
0110über alle Maßen mißtrauisch und fortwährend auf der Spür-
0111jagd nach Revolutionären.
0112Herold stürzte natürlich gleich ins Opernhaus. „Ich
0113komme aus dem Kärntnerthor-Theater,“ meldet
0114sein Tagebuch: „so heißt die Wiener Opéra Comique.“ [2]
0115Dieser Irrthum erklärt sich am leichtesten daraus, daß zu
0116jener Zeit im Kärntnerthor-Theater sehr viele Opern mit
0117gesprochenem Dialog gegeben wurden, was den Franzosen
0118sofort mit „Komischer Oper“ identisch ist. Daß dasselbe
0119Theater auch alle „großen“ (durchwegs gesungenen) Opern
0120brachte und Wien so wenig wie eine andere deutsche Residenz
0121im Jahre 1815 zwei getrennte Theater für die Große und
0122Komische Oper besaß, das hätte, wenn nicht Herold selbst,
0123doch jedenfalls sein Biograph Jouvin wissen sollen, der
0124jenen Irrthum theilt. „Ich war außerordentlich befriedigt,“
0125fährt Herold fort, „ich hörte „Agnes Sorel“ von Gyrowetz,
0126eine reizende Musik voll Geschmack, Feinheit und Ge-
0127diegenheit. Das Orchester ist vortrefflich, nicht stark,
0128nicht lärmend, die Sänger singen richtig. Ein voll-
0129kommenes Ensemble. Die Musikstücke haben beinahe fran-
0130zösischen Zuschnitt, sind kurz, gedrängt. Das kam mir
0131wunderlich vor, denn seit anderthalb Jahren hörte ich (in
0132Italien) lauter Musikstücke, die nicht enden wollen.“ Noch
0133größer ist Herold’s Entzücken über die Oper „Palmyra“.
0134„Das ist ein schönes Werk des großen Salieri. Man er-
0135kennt darin seinen Styl: Alles bühnengemäß, lauter kurze,
0136kraftvolle, gut geformte Stücke mit vielen reizenden Ge-
0137sangsstellen. Zu Anfang des zweiten Actes eine erhabene
0138Frauen-Arie, die den allergrößten Eindruck auf mich machte.“
0139Am nächsten Tage hört er den „Bergsturz“ von Weigl,
0140„eine entzückende Musik! Gut, wenn das so fortgeht; Alles
0141erscheint mir reizend“. Es ist ein wehmüthiger Gedanke, daß
0142Weigl und Gyrowetz, die noch das Entzücken Herold’s
0143erregten, ihre eigenen Opern überlebt haben und im hohen Alter
0144sich vom Publicum gänzlich vergessen sahen. Nur Eines be-
0145dauert Herold: daß man in Wien zu viele französische Opern
0146gab. Er hört nach einander „Johann von Paris“, „Die
0147Vestalin“, „Joseph“, „Joconde“, den „Neuen Gutsherrn“
0148und das ewige „Aschenbrödel“ — lauter Opern, um derent-
0149willen er gewiß nicht nach Deutschland gereist sei. In Wahr-
0150heit ist das Vorherrschen französischer Opern in Wien zu
0151Ende vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts auffallend.
0152Zur Zeit der blutigsten Kriege mit Frankreich herrschte in
0153Wien keine Spur von musikalischem Franzosenhaß; im Ge-
0154gentheile, es beherrschten damals die Opern von Méhul,
0155Cherubini, Catel, Isouard und Boieldieu das Repertoire des
0156Theaters an der Wien und des Kärntnerthor-Theaters. Als
0157Schüler Méhul’s ist Herold ganz entzückt über die Ver-
0158ehrung, welche sein theurer Meister in Deutschland und zumal
0159in Wien genießt. An der Seite Salieri’s hört er im Kärntner-
0160thor-Theater „Joseph und seine Brüder“ und findet hier den
0161Méhul-Cultus neuerdings bestätigt. „Seit vier Jahren,“ schreibt
0162er, „gibt man hier den „Joseph“, und das Haus war schon um
01636 Uhr gut besetzt, um 7 Uhr überfüllt, was nicht häufig vorkommt.
0164Fast alle Stücke wurden enthusiastisch applaudirt, und das Duett
0165zwischen Benjamin und Jacob, das in Paris wenig Effect
0166macht, mußte wiederholt werden. Es ist wahr, daß Sänger
0167und Orchester die größte Sorgfalt an dieses Werk wenden.“
0168Nach einer zweiten Vorstellung des „Joseph“ schreibt Herold:
0169„Wie glücklich ist Herr Méhul, ohne es zu wissen! Sein
0170„Joseph“ macht hier Furore. Heute Abends sah ich neben
0171mir (die Damen gehen hier ins Parterre, wie in Italien)
0172eine Menge hübscher, junger Frauen, welche immer aus-
0173riefen: „O, welche prachtvolle Musik! Was für ein schönes
0174Musikstück!“
0175Durch die Vermittlung des Fürsten Talleyrand hatte
0176Herold von der Wiener Polizei eine Aufenthaltskarte für
0177vierzehn Tage erlangt. Damit vorläufig zufrieden, miethete
0178Herold ein hübsches, für seine Finanzen etwas theures Zim-
0179mer auf dem Graben und suchte eifrig jede Gelegenheit,
0180gute Musik zu hören. Der Genuß an den Opernvorstellun-
0181gen erscheint ihm verdoppelt durch das Vergnügen, noch vor
0182stockfinsterer Nacht aus dem Theater nach Hause zu kommen.
0183Herold preist die Wiener Sitte, das Theater um 7 Uhr zu
0184beginnen und gegen 10 Uhr zu schließen. Er berechnet, daß
0185ein rüstiger musikliebender Vogel nach Schluß einer Wiener
0186Vorstellung noch in Venedig zum Anfang der Oper recht-
0187zeitig eintreffen könnte. Wien ist in dieser vernünftig ge-
0188wählten Theaterstunde conservativer als andere Städte ge-
0189blieben. In Paris war (wie wir aus Burney’s Reise-
0190briefen wissen) noch vor hundert Jahren die Oper im
0191Palais Royal schon zwischen 7 und 8 Uhr Abends zu Ende.
0192Heute dauern dort die großen Opern bis nach Mitternacht.
0193Herold hatte sich in Wien eben ein echtes kleines Künstler-
0194nest hergerichtet, als der Zweig, auf dem es ruht, abermals
0195heftig geschüttelt wurde. Talleyrand hatte Wien kaum ver-
0196lassen, als die Polizei (die sich nur todt gestellt) wieder auf-
0197sprang und dem jungen Fremden den Rath gab, abzufahren.
0198Nun waren neue Gänge, neue Versuche zu machen. Ein
0199musikliebender Hofrath und Salieri fanden sich bereit, für
0200Herold einzustehen. Aber die Verlängerung der Aufenthalts-
0201karte mußte mittelst eines eigenen schriftlichen Gesuchs er-
0202beten werden. „Da bin ich in einer saubern Situation,“
0203schreibt Herold, „hier habe ich nachzuweisen, daß ich hin-
0204reichende Subsistenzmittel besitze, und zugleich muß ich meinem
0205Director nach Rom schreiben, daß ich vor Hunger sterbe,
0206sonst schickt er mir keinen Heller.“ Herold überließ dem
0207guten Hofrathe die Abfassung, Ueberreichung und Unter-
0208stützung des Bittgesuchs und verbrachte seine Abende nach wie
0209vor im Theater. Endlich bekam er auch die Mozart’schen
0210Opern zu hören, nach denen er sich gesehnt. Zuerst „Don
0211Juan“. Die Aufführung muß keine gelungene gewesen
0212sein, denn Herold referirt nicht sehr befriedigt, ja er thut
0213sogar die unbegreifliche Aeußerung, Mozart’sche Opernmusik
0214wirke doch besser auf dem Clavier, als im Theater. Viel
0215wärmer berichtet er schon über „Figaro’s Hochzeit“:
0216„War außerordentlich befriedigt. Man läßt einige Nummern
0217weg, aber doch nicht so viele, wie bei uns. Das Orchester war
0218entzückend. In Neapel erschien mir die Musik zu „Figaro’s
0219Hochzeit“ etwas zu stark in Blech instrumentirt; hier fand
0220ich sie nun sehr harmonienreich. Die Blasinstrumente haben
0221accompagnirt wie die Engel. Merkwürdig war, wie eine Arie
0222Figaro’s im zweiten Acte da capo verlangt wurde. Der
0223Sänger trat, bevor er wieder anfing, bescheiden gegen das
0224Publicum vor und bat, da er sehr erschöpft sei, um die Er-
0225laubniß, die Arie mit halber Stimme singen zu dürfen. Er
0226sang pianissimo, und das Orchester bequemte sich so zart-
0227feiner Stimme an, daß ich in meinem Leben nichts Reizen-
0228deres gehört habe. Die Bläser vollbrachten, was ich bis heute
0229für unmöglich gehalten: sie bliesen nur mit halbem Athem.“
0230Die „Zauberflöte“ endlich bekehrt unseren jungen
0231Franzosen ganz und gar zu Mozart. „Sie hat mich selbst [3]
0232bezaubert,“ schreibt er, „diese Zauberflöte. Wie ist unsere fran-
0233zösische Bearbeitung („Les Mystères d’Isis“) schlecht und
0234albern! Sie verkehrt ins Tragische, was hier komisch ist.
0235Die Musik ist wahrhaft köstlich! Das Meisterwerk von
0236Ouvertüre wurde vollendet gespielt und alles Uebrige auch.“
0237Von den Sängern ist Herold weniger entzückt, als vom
0238Orchester. „Herr Weinmüller, der Figaro von Wien,“
0239schreibt er, „hat viel Talent, muß aber wenigstens siebzig
0240Jahre alt sein. Der Tenorist Wild ist nicht übel und ge-
0241fällt den Deutschen ungemein, was auch gewiß in Deutsch-
0242land das Wichtigste ist. Aber er ist doch ein recht frostiger
0243Joseph, ein schwerfälliger Joconde und ein sehr
0244deutscher Johann von Paris.“ Der 22jährige Wild
0245war damals am Anfang seiner Carrière.
0246Unter den Künstlern, mit welchen Herold in Wien ver-
0247kehrte, steht ihm Salieri obenan. „Ich habe eben,“ schreibt
0248er eines Tages, „drei Stunden mit dem großen Salieri am
0249Clavier zugebracht; er zeigte mir mehrere seiner Werke,
0250unter anderen Canons voll Geist und Frische, deren
0251Texte er größtentheils selbst gedichtet. Das ist ein
0252Mann, den zu bewundern man nicht müde wird.“
0253Ganz stolz und glücklich beginnt Herold ein eigenes Blatt in
0254seinem Tagebuche mit dem Berichte, daß Salieri ihn selbst
0255besucht, mit ihm musicirt und ihn schließlich gar in ein
0256Wirthshaus geführt habe! Aus seinem Munde hörte Herold
0257folgende wenig bekannte Anekdote von Salieri’s großem
0258Meister Gluck. Man fragte Gluck in einer Gesellschaft,
0259was er auf der Welt am meisten liebe? „Drei Dinge,“ ant-
0260wortete er, „zuerst Geld, dann Wein, endlich Ruhm.“
0261Wie? rief man erstaunt; ist das möglich? Sie können den
0262Ruhm hinter den Wein und das Geld setzen? „Gewiß,“
0263versetzte Gluck. „Mit dem Gelde kaufe ich mir den Wein,
0264der Wein erweckt mein Genie, und dieses verschafft mir den
0265Ruhm. Sie sehen, daß ich aufrichtig geantwortet habe.“
0266Auch von Hummel, der ihm Vieles vorspielte,
0267spricht Herold mit Bewunderung und Wärme. Es falle ihm
0268schwer, sich von diesem liebenswürdigen Künstler zu trennen.
0269„Etwas Anderes,“ setzt er bei, „ist’s mit Beethoven.
0270Ich habe einen Brief an ihn, wage aber nicht, ihm denselben
0271zu bringen. Er ist unglücklicherweise taub und wild wie sein
0272Gesicht. Ich traf mit Beethoven in einem bekannten Hause
0273zusammen, er weigerte sich, Clavier zu spielen, und man drang
0274nicht in ihn, wohl wissend, daß er auch für den Kaiser von
0275Marokko nicht spielen würde, wenn’s ihm gerade nicht be-
0276hagt.“ So reiste denn Herold mit dem Briefe an Beetho-
0277ven in der Tasche nach Paris zurück. Ohne in
0278Wien eigentlich gearbeitet zu haben, war er doch nichts
0279weniger als müßig gewesen; er hatte mit offenen Sinnen
0280gehört und beobachtet und eine Menge von Bemerkungen zu
0281eigenem Nutz und Frommen niedergeschrieben. Eine Ver-
0282längerung des Aufenthalts war ihm nicht mehr möglich, so
0283sehr ihn Wien entzückte; hatte er doch, um mit seinen be-
0284scheidenen Mitteln auszulangen, sogar einige Clavierstunden
0285gegeben, was ihm zeitlebens das Schrecklichste war. Auch
0286drängte es ihn, endlich wieder seine Heimat zu sehen und
0287dort ernstlich zu arbeiten. Die Theater-Leidenschaft ließ ihm
0288zwar auch in Wien keine Ruhe. „Ich muß fort,“ schreibt er
0289vor der Abreise, „denn täglich bekomme ich mehr Lust zur
0290Composition einer Oper, und sie hier zu schreiben brächte
0291mir keinen Vortheil. Hätte sie hier Erfolg, so würde sie in
0292Paris nicht gegeben. Wenn ich hingegen in Paris eine gute
0293Oper schreibe, so bin ich fast sicher, daß man sie dann in
0294Wien aufführt.“ Herold hatte richtig vorausgesehen. Gleich
0295die erste Oper, die er in Paris mit Erfolg zur Aufführung
0296brachte: „Les clochettes“ (1817), wurde nicht lange nachher
0297in Wien unter dem Titel „Die Zauberglöckchen“ mit zwei
0298Einlagen von — Franz Schubert gegeben. Die drei
0299besten Opern Herold’s — bis auf den heutigen Tag Zierden
0300der Opéra Comique — haben auch in Deutschland, insbe-
0301sondere in Wien, große und nachhaltige Wirkung hervor-
0302gebracht. Es sind dies: „Marie, oder: Verborgene Liebe“
0303(1826), „Zampa“ (1831) und „Der Zweikampf“
0304(Les Prés aux clercs) 1832. Die letztgenannte graziöse Con-
0305versations-Oper war Herold’s Schwanengesang. Er starb
030642 Jahre alt am 19. Januar 1833 und wurde auf dem
0307Père-Lachaise neben seinem geliebten Meister Méhul begraben.