Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5847. Wien, Dienstag, den 7. December 1880

[1]

Hofoperntheater. Concerte.


0002Ed. H. Von langer Hand verkündigt und dennoch über-
0003raschend erschien vorgestern das Schauspiel „Preciosa“ auf der
0004Bühne des Hofoperntheaters. Gehört es doch zu den sel-
0005tensten Ereignissen, die Schauspieler des Burgtheaters im
0006Opernhause auftreten und mit den musikalischen Kräften des
0007letzteren einheitlich zusammenwirken zu sehen. Von Byron’s
0008Manfred“ abgesehen, für welchen das Burgtheater lediglich
0009den Titelhelden herlieh, erinnern wir uns nur an drei Vor-
0010stellungen dieser Art, nämlich Shakspeare’s „Sommernachts-
0011traum“, zur Vermälungsfeier der Erzherzogin Gisela (1873),
0012Goethe’s „Egmont“ bei Gelegenheit des Beethoven-Jubi-
0013läums (1870) und endlich „Preciosa“, welche 1866 für einen
0014besonderen Wohlthätigkeitszweck gegeben wurde. Es waren
0015dies einmalige, ganz ausnahmsweise Aufführungen zur Feier
0016eines ungewöhnlichen Anlasses. Daher das Ueberraschende,
0017als jetzt, ohne jeglichen Fest- oder Wohlthätigkeitszweck,
0018Wolff’sPreciosa“ mit der Weber’schen Musik mitten
0019im Repertoire des Hofoperntheaters auftauchte. Geschah dies,
0020wie es heißt, weil Dingelstedt vor seiner Abdication
0021noch einmal seine Scenirungskunst auf dieser vorzugsweise
0022dankbaren und ihm so viel verdankenden Bühne erproben
0023wollte, so sind wir ihm dafür verbunden. Obgleich auch auf
0024manchen kleinen Bühnen gespielt, bedarf doch „Preciosa“ zu
0025einer vollen Wirkung bedeutender schauspielerischer wie
0026musikalischer Mittel und starker decorativer Nachhilfe.
0027In Wien ist „Preciosa“ ein verschollenes Stück, das den
0028heutigen Theaterfreunden höchstens als poetische Jugend-
0029erinnerung melodisch im Ohre nachklingt. War dieses Ver-
0030gessen ein sträflicher Undank, den man nun gutzumachen
0031hatte? Kaum. Für dieses ehemals beliebte Schauspiel spricht
0032nur die dankbare Hauptrolle und Weber’s Musik. Pius
0033Alexander Wolff, bekanntlich ein von Goethe hochgeschätzter
0034Schauspieler in Weimar, später in Berlin, hat den Stoff
0035zu seiner „Preciosa“ dem Cervantes entnommen, welcher,
0036als er noch nicht allabendlich im „Spitzentuch der Königin“
0037beschäftigt war, Muße hatte, außer seinem „Don Quixote“
0038noch eine Reihe von Novellen zu schreiben. Die erste in 
0039dieser Sammlung, „La Gitana“, ist die reizendste und die
0040daraus fabricirte Wolff’sche „Preciosa“ ein Beispiel mehr,
0041wie mißlich es sei, gute Novellen dramatisch zu bearbeiten.
0042An dem angeblich „poetischen“ Drama finden wir nichts
0043Lobenswerthes, als die geschickte Handhabung der Bühnen-
0044technik und die an das spanische Lustspiel erinnernde Führung
0045des Dialogs; „Preciosa“, schwebt ziemlich unerquicklich zwi-
0046schen deutschem und ausländischem Wesen. In der Theater-
0047geschichte behauptet das Stück eine sehr markirte Stellung,
0048hat auch zu weiterer Ausbeutung der Zigeuner-Romantik in
0049Dramen und Singspielen reichlichen Anstoß gegeben. Selbst
0050die jüngste Zigeunerin der Opern-Literatur, Carmen, ist
0051nur eine lasterhaft gewordene Preciosa, um derentwillen ein
0052braver junger Mann ebenfalls Heimat und Familie verläßt
0053und sich der Zigeunerbande anschließt. Für den Componisten,
0054und gerade für einen von Weber’s Art, mußte ein solcher
0055Stoff viel Verführerisches haben. Anfangs freilich ging
0056Weber nur ungern daran; hatte er es doch „verschworen,
0057Musik zu Schauspielen zu schreiben“, allein bald sah er sich
0058lebhaft angezogen, und immer lieber wurde ihm die Arbeit.
0059Nach der ersten Aufführung seiner „Preciosa“ (sie fand drei
0060Monate vor dem Erscheinen des „Freischütz“ in Berlin im
0061März 1821 statt) schrieb Weber an einen Freund: „Preciosa“
0062ist ein guter Vorläufer für den „Freischütz“, denn es war
0063doch manches Gewagte darin nach gewöhnlicher Handwerks-
0064ansicht.“ Er hatte richtig prophezeit: der neue, romantische
0065Ton der „Preciosa“-Musik hat das Publicum empfänglich
0066gestimmt für den fremdartigen Zauber des Freischützen.
0067Ein vor Weber fast gar nicht in der Musik cultivirtes
0068Element, der bestimmte nationale, insbesondere exotisch-
0069nationale Charakter, die „Localfarbe“, kam in der „Preciosa“
0070zu ungeahnter, siegreicher Wirkung. Eine echte Zigeuner-
0071Melodie ist in dem Marsche, original-spanische Motive sind
0072in den Tänzen verwerthet. Und mit welcher künstlerischen
0073Freiheit und feinen Styl-Empfindung! Ja, die Weber’sche
0074Musik ist allein der Schwimmgürtel, welcher das veraltete
0075Wolff’sche Schauspiel noch heute flotterhält über dem Zeitenstrome.
0076Es sind zauberhafte, nur gar zu schnell verrauschende Klänge.
0077Der frische Waldesduft in den Zigeunerchören, der fremd-
0078artig scharfe Reiz des Marsches und der Tanzweisen, die
0079echt deutsche, etwas empfindsame Träumerei in Preciosa’s 
0080Lied, endlich die rührende Beredtsamkeit der kurzen melodra-
0081matischen Sätze — sie machen diese kleinste Partitur Weber’s
0082zu einem theuren Kleinod der Nation. Zwischen der liebe-
0083vollen Anhänglichkeit an die Weber’sche Musik und der
0084wachsenden Gleichgiltigkeit gegen das veraltete Drama hat
0085man in neuerer Zeit häufig den Ausweg eingeschlagen,
0086Preciosa“ in Concertform, mit einem sogenannten ver-
0087bindenden Gedicht zu geben. Wir haben in Wien eine solche
0088Aufführung unter Herbeck gehört und daraus den er-
0089nüchterndsten Eindruck mitgenommen. Es gibt kaum eine
0090zweite scenische Musik, welche, losgerissen von der Bühne,
0091so viel einbüßen würde wie Weber’s „Preciosa“. An und
0092für sich ist schon jedes „verbindende Gedicht“ ein Unglück
0093für dramatische Musik. Es erzählt uns, der leidigen Voll-
0094ständigkeit halber, eine Menge Dinge, die uns im Concert-
0095saale nicht im geringsten kümmern. Ueberflüssiges enthält
0096so ein Gedicht immer, das Nothwendige niemals. Denn dies
0097Nothwendige ist eben jene Gesammtstimmung, welche nur
0098das lebendig angeschaute Drama selbst erzeugt. Wir wollen
0099die Personen, die Landschaft, das Bild sehen; statt dessen
0100geht jedes „verbindende Gedicht“ von der Täuschung aus, es
0101sei uns blos um die Kenntniß des Factischen zu thun. So
0102erhalten wir für das Verständniß der Musik immer zu viel und
0103zu wenig, von der Schmälerung des Genusses gar nicht zu sprechen.
0104Wie ganz anders wirkte die gestrige Aufführung im Hof-
0105operntheater! Zwar erreichte sie nicht den Glanz jener Fest-
0106vorstellung der „Preciosa“ im Jahre 1866, aber es hatten
0107sich doch auch diesmal hervorragende Kräfte des Burgtheaters
0108mit den Chören, dem Ballet und dem trefflichen, von
0109Hanns Richter dirigirten Orchester der Oper vereinigt,
0110ihr Bestes zu thun. Für die Rolle der Preciosa fehlt uns
0111gegenwärtig eine vollkommen entsprechende Darstellerin. Was
0112wird nicht Alles verlangt von diesem Wundermädchen! Es
0113soll, abgesehen von allen dramatischen Forderungen,
0114reizend aussehen, reizend singen und reizend tanzen. Ehemals
0115gab es keine Dispens von dieser Dreiheit, und Frau Hai-
0116zinger
(Wiens erste Preciosa) hat damit vor 50 Jahren
0117den Leuten dreifach den Kopf verrückt. Fräulein Wessely 
0118schenkte sich das Tanzen wie das Singen, und wir hätten
0119es ihr auch gerne geschenkt, würde sie uns durch ihre
0120eigenste Kunst geistig entschädigt haben. Jugend, Schönheit, [2]
0121ein silbertöniges Organ und der löblichste Eifer obendrein —
0122dies Alles konnte uns über den Eindruck des Eingelernten,
0123Aeußerlichen in Fräulein Wessely’s Leistung nicht hinweg-
0124helfen. Das Publicum urtheilte minder streng und überhäufte
0125die junge Künstlerin mit Beifall. Aus Preciosa’s sehr
0126stiefmütterlich bedachter Umgebung hob sich vor Allen
0127Herrn Gabillon’s Schloßvogt Pedro als höchst ergötzliche
0128Charakterfigur heraus. Ihm zunächst wären Frau Schön-
0129feld
, die Herren Baumeister und Hallenstein lobend
0130hervorzuheben. Auch alle anderen Mitwirkenden füllten ihre
0131Plätze vorzüglich aus, die Plätze selbst waren jedoch unschein-
0132bar. Eine geschickte Scenirung und malerische, namentlich in
0133den Costümen sehr charakteristische Ausstattung trug zu dem
0134entschiedenen Erfolg der Vorstellung wesentlich bei. Nur schien
0135es uns kein glückliches Arrangement, daß die anscheinend
0136singende Preciosa tief in den Hintergrund der Bühne postirt
0137ward, und noch weiter entfernt ihre wirklich singende unsicht-
0138bare Stellvertreterin. Die beabsichtigte Täuschung (als sänge
0139Preciosa selbst) blieb gänzlich aus und die musikalische Wir-
0140kung mindestens zur Hälfte. Ueberdies sind Stimme und
0141Gesangskunst des Fräuleins Kraus nicht derart, daß sie
0142der freundlichen Persönlichkeit dieser Sängerin ohneweiters
0143entbehren könnten. Wir haben Sängerinnen, die sich „sehen
0144lassen können“, und auch welche, die es müssen.


0145Von dem dritten Philharmonischen Concert 
0146konnten wir leider nur ein einziges Stück, die neue Ouver-
0147türe zu „Penthesilea“ von Goldmark, hören. Wir hatten
0148zuvor neugierig die Unvorsichtigkeit begangen, das Werk in
0149vierhändigem Arrangement durchzuspielen, eine Operation,
0150die wir Jedermann erst nach der Orchester-Aufführung
0151empfehlen möchten. Gleich bei den ersten zwei Accorden
0152glaubten wir vom Stuhle zu fallen, denn kaum war es uns
0153in unserer langen, mit jedem Jahre dissonanzenreicheren Praxis
0154vorgekommen, daß Jemand mit einer solchen Thür ins Haus
0155fällt. Es klingt wie ein scharfer Geißelhieb sammt dem dazu-
0156gehörigen Aufschrei des Getroffenen; Wagner’s Walküren
0157sprengen rücksichtsvoller herein, als diese Goldmark’schen
0158Amazonen. Doch bekennen wir gerne, daß dieser gefürchtete
0159Auftact im Orchester weniger schmerzlich klingt, und daß er
0160ein Tongemälde einleitet, welches zwar grell, aber bedeutungs-
0161voll und poetisch wirkt. Die Poesie des Entsetzlichen — das 
0162ist’s ja, was ein Componist hervorbringen will und soll, der
0163Kleist’s berühmte Tragödie nachzumusiciren unternimmt.
0164Penthesilea, die Amazonen-Königin, erglüht in leidenschaft-
0165licher Liebe für Achilles, nachdem sie ihn lange, weniger
0166hassend als begehrend, bekämpft hat. Auch er fühlt sich bald
0167von ihrem wilden Reize bestrickt. „Dies wunderbare Weib,
0168halb Furie, halb Grazie, sie liebt mich — und allen
0169Weibern Hellas’ ich zum Trotz, beim Styx, beim
0170ganzen Hades! — ich sie auch.“ „Doch,“ fährt Achilles 
0171in seinem Gespräche mit Diomedes fort, „doch eine
0172Grille, die ihr heilig, will, daß ich ihrem Schwert im Kampf
0173erliege, eh’ nicht in Liebe kann sie mich umfangen.“ In
0174großmüthiger Absicht fordert er sie zum Zweikampfe, um sich
0175von der Geliebten besiegen zu lassen. Penthesilea mißdeutet
0176aber diese Herausforderung, wähnt Achilles’ kaum gewonnene
0177Liebe wieder in Haß und Hohn verwandelt und durchbohrt
0178ihn mit ihrem Pfeil. Sie hetzt ein Rudel wilder Hunde gegen
0179ihn und zerfleischt mit ihren eigenen Zähnen und Händen,
0180wie eine wüthende Bestie, den Leichnam des Geliebten.


0181Die gesammte dramatische Literatur kennt keine schauder-
0182haftere Katastrophe; Medea’s Kindermord ist eine mensch-
0183liche That dagegen. Der Componist einer „Penthesilea“-Ouver-
0184türe muß fürwahr alles Gräßliche sammeln, was sich der
0185Musik — dieser „heiteren Kunst“, wie sie das Mittelalter
0186nannte — nur abzwingen läßt, will er den furchtbaren Ein-
0187druck des Kleist’schen Dramas zur Noth erreichen. Aber ist
0188es wohlgethan, rathsam, nothwendig, gerade diesen entsetzlichen
0189Stoff musikalisch auszumalen? „Muß es sein?“ fragt Beet-
0190hoven in seinem F-dur-Quartett „Es muß sein!“ antwortet
0191der Componist, wenn er, wie Goldmark, von den tödt-
0192lichen Reizen der Penthesilea einmal bestrickt ist und nimmer-
0193mehr losgelassen wird. Gewiß ist Goldmark hier keiner bloßen
0194Laune, sondern unwiderstehlichem innern Drange gefolgt. Man
0195kennt die eigenthümlichen Vorzüge dieses tiefernsten Tondichters:
0196das Heißblütige, Leidenschaftliche, einschneidend Charakteristische,
0197das, mitunter auf Kosten der Schönheit, aber nie auf Kosten
0198der Wahrheit oder desjenigen, was ihm als wahr erscheint,
0199seine Erfindungen beherrscht. Auch in Goldmark’s Ouvertüre 
0200zu „Penthesilea“ finden wir dieselben Eigenschaften, vereint
0201mit einer bedeutenden Kunst der Steigerung und einer nicht
0202blos glänzenden, sondern höchst stimmungsvollen Instrumen-
0203tirung. An origineller Erfindung und durchgebildeter Technik
0204scheint sie uns über der „Sakuntala“-Ouvertüre desselben
0205Autors zu stehen. Ganz verständlich wird sie allerdings nur
0206dem mit Kleist’s Drama vollkommen Vertrauten; dieser
0207jedoch wird die einzelnen Beziehungen leicht herausbeuten.
0208Wilde Jagd- und Kriegslust in dem ersten Theile der Ouver-
0209türe, einem wild energischen E-moll-Allegro; der sich an-
0210schließende Mittelsatz, ein überaus zartes Andante in E-dur,
0211von einer Oboë über leisen synkopirten Geigen-Accorden in-
0212tonirt, bedeutet uns die Liebesscene zwischen Penthesilea und
0213Achill, „das Rosenfest“. Das wieder aufgenommene, nunmehr
0214in immer stärkerem Feuerschein erglühende Allegro-Thema
0215wendet die Liebe wieder in Haß und Kampf; Achilles fällt,
0216und ein dumpfes, trauermarschartiges Andante, welches die
0217Ouvertüre abschließt, erzählt uns den Tod der über ihre
0218That verzweifelnden Penthesilea. Man sieht, daß Goldmark’s
0219Composition mehr poetisch als musikalisch gedacht und ge-
0220formt ist; dies ist der wesentlichste Vorwurf, der sie mit so
0221vielen anderen ihrer verwandten Ouvertüren trifft, im Gegen-
0222satz zu Beethoven’s „Egmont“- oder „Coriolan“-Ouvertüre,
0223welche bei prägnantester dramatischer Charakteristik doch all-
0224gemein verständlich, einheitlich und in ununterbrochenem
0225musikalischen Fluß dahinströmen. Goldmark’sPenthesilea“
0226soll mit einhelligem großen Beifalle aufgenommen worden
0227sein. Auch von einer zweiten Novität, einem Clavierconcert 
0228von Robert Fuchs, berichtet man uns das Erfreulichste.
0229Das Werk gefiel, und der talentvolle, rüstig fortschreitende
0230Componist, sowie sein Interpret, der Clavier-Virtuose Herr
0231E. Smietansky, wurden wiederholt gerufen.


0232Inzwischen hat die neue Quartett-Gesellschaft der Her-
0233ren Grün, Hilbert, Bachrich und Hummer ihre
0234erste Soirée vor einem zahlreichen und dankbaren Publicum
0235gegeben. Frau Montigny-Remaury spielte bei Grün 
0236Schumann’s Es-dur Quintett und bei Hellmesberger Beet-
0237hoven’s Es-dur-Trio, Op. 70, mit wohlverdienten großen
0238Erfolge. Diese virtuose und gut musikalische Pianistin wußte
0239mit jeder Production das Wiener Concertpublicum immer
0240mehr für sich zu gewinnen. Daß noch gar viele andere Con-
0241certe in der verflossenen Woche stattgefunden haben, bedarf
0242keiner Versicherung; wir müssen uns aber doch etwas für
0243das nächstemal aufheben.