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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5895. Wien, Mittwoch, den 26. Januar 1881

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Concerte.


0002Ed. H. Als Seitenstück zu seinem alljährlichen
0003Schubert-Abend“ sang uns Herr Gustav Walter 
0004diesmal einen Beethoven-Cyklus. Die richtige Auswahl
0005bereitet dem Sänger hier fast ebenso große Verlegenheiten
0006wie dort, nur sind sie andere. Während bei Schubert der
0007Reichthum an Allerschönstem die Wahl zur Qual macht,
0008wird man nur mit Mühe eine längere Reihe Beethoven’scher
0009Lieder herausfinden, welche heute noch in öffentlichem Concert
0010Wirkung zu machen und das ganze Programm zu tragen
0011vermöchten. Das Lied als Kunstgattung war vor sechzig
0012Jahren weit entfernt von seiner gegenwärtigen Bedeutung;
0013es machte keine Ansprüche und hatte auch keine. Vollends für
0014Beethoven’s stets im Großen und Gewaltigen webenden
0015Genius war es ein unscheinbar Ding, dem er nur im Vorüber-
0016gehen mitunter einen flüchtigen Gruß schenkte. Im Vorüber-
0017gehen; auf dem Ausmarsch nach großen Zielen oder kurz
0018ausruhend von gewaltigen Thaten. In der Gesammt-Thätig-
0019keit dieses größten Instrumental-Componisten nehmen seine
0020Lieder ungefähr die Stelle und Bedeutung ein, wie unter
0021den Dichtungen des größten Dramatikers, Shakspeare,
0022dessen Sonette. Sie lassen sich hinwegdenken, ohne
0023daß die Gestalt unseres Helden dadurch kleiner würde.
0024Anhaltend, mit der Liebe eines ganzen Lebens wie Schubert,
0025hat Beethoven sich niemals mit dem Liede befaßt; er konnte
0026nicht einmal wie Robert Schumann von einem „Lieder-
0027jahre“ in seinem Leben sprechen, kaum von einer Liederwoche.
0028Wir besitzen etwas mehr als 50 Lieder von Beethoven und mehr
0029als die vierfache Zahl von Schubert. Während Schubert un-
0030ersättlich auf musikalische Poesien gefahndet, in Gedichtsamm-
0031lungen gestöbert hat, mußte der Zufall irgend ein Gedicht
0032Beethoven zuwehen, der es dann, wenn der Inhalt ihn sym-
0033pathisch berührte — meist unbekümmert um den poetischen
0034Werth des Dinges — so nebenbei componirte. So entstanden
0035einige herrliche Beethoven’sche Lieder, mehrere einfach gefällige
0036und ziemlich viele unbedeutende, denen Niemand ihre hohe
0037musikalische Herkunft ansehen würde. Aber selbst diese möchten
0038wir als kleine charakteristische Züge in dem geliebten Bildniß 
0039nicht missen; sie sind uns biographisch werthvoll. Denn bei-
0040nahe jedes Gedicht, das Beethoven der Composition würdigte,
0041steht in irgend einer Beziehung zu seinen persönlichen Erleb-
0042nissen, Empfindungen, Ueberzeugungen. Entweder traf der
0043Inhalt des Gedichtes gerade mit dem Grundtone seines
0044Empfinders oder einem acuten Gemüthsleiden zusammen
0045(wie der „Liederkreis an die entfernte Geliebte“, der „Seufzer
0046eines Ungeliebten“), oder er erschien ihm werthvoll durch seine
0047moralische Pointe, wie der erzprosaische „Mann von Wort“
0048(Op. 99), oder endlich er drängte sich durch bedeutsamen
0049äußeren Anlaß zur Gelegenheits-Composition auf, wie das
0050Kriegslied der Oesterreicher“ und Anderes.


0051Unter allen Beethoven’schen Liedern stehen „Adelaide“
0052und „Die entfernte Geliebte“ an musikalischem Reiz und
0053seelenvollem Ausdruck obenan; sie sind fast die einzigen, die
0054ein um historische Nebenbedeutung unbekümmertes Publicum
0055heute noch unmittelbar ergreifen und begeistern. Mit Recht
0056setzte Walter diese beiden Werke an den Anfang und den
0057Schluß seines Programms. Sie erscheinen — wenn man von
0058ganz Unbedeutendem absieht — als Eingang und Ausgang
0059der Lieder-Production Beethoven’s, fast dem ersten und dem
0060letzten Capitel eines Romans vergleichbar, in dem freilich, wie
0061bei Beethoven, alle Herzensgeschichten sich nur einseitig ab-
0062spielen. Es gibt kein treueres, leuchtenderes Abbild einer
0063reinen schwärmerischen Jünglingsliebe, als diese Beethoven’sche
0064Adelaide“. Welch süße, heimliche Traumseligkeit schauert
0065durch jeden Ton dieser goldenen Melodie! Ich glaube, dieser
0066Jüngling folgt nicht einmal, wie der Schiller’sche, „erröthend
0067ihren Spuren“, es genügt ihm, sich am Klange des
0068Namens der Angebeteten, den er sich so freigebig
0069credenzt, zu berauschen. Unmittelbar Beethoven’s In-
0070nerstem entquellen, trägt doch auch „Adelaide“ Spuren
0071des Zeitgeschmacks. Fast in jedem Beethoven’schen Liede nistet
0072irgend eine Melodienphrase, eine Cadenz oder Verzierung,
0073die nach der damaligen Opernmusik schmeckt. Auch „Adelaide“
0074hat in ihrer arienhaften Form und einigen theatralischen
0075Wendungen des Allegros einen leichten Rococo-Beigeschmack,
0076den wir aber gerade an dieser Composition als eigenthüm-
0077lich stimmungsvoll nicht missen möchten. Beethoven schrieb
0078die „Adelaide“ in seinem 25. Jahre, den Liederkreis „an
0079die ferne Geliebte“ in seinem 46. Wie dort die hoffnungs-
0080trunkene Schwärmerei des Jünglings, so gibt hier die
0081hoffnungslose, nagende Sehnsucht des gereiften Mannes den
0082Grundton der Stimmung. Beethoven’s Begeisterung für den
0083Liederkreis „an die ferne Geliebte“ (von dem jungen Wiener
0084Studenten und Dichter Alois Jeitteles) floß sehr
0085wahrscheinlich aus seiner leidenschaftlichen Neigung zu
0086Amalia Sebald, dem schönen, geistvollen Mädchen,
0087das Beethoven 1811 in Teplitz kennen gelernt, im folgenden
0088Jahre wiedergesehen und nicht so schnell vergessen hat. Ohne
0089unsere unbezwingliche Vorliebe für „Adelaide“ zu verleugnen,
0090erblicken wir doch in den Liedern „an die ferne Geliebte“
0091die bedeutendste Schöpfung Beethoven’s auf diesem Gebiete.
0092Es ist dies das erste Beispiel eines in sich zusammenhän-
0093genden Liedercyklus, ja die erste Erscheinung modernen Lieder-
0094styls in seiner heutigen Bedeutung, ein Vorspiel zu den
0095mächtigeren Accorden von Schubert’s „Schöner Müllerin“.
0096Es mag sonderbar klingen, Beethoven’s vollkommenste
0097Liederschöpfung nur eine Vorahnung Schubert’s zu
0098nennen, und doch ist es so. Schubert hat dem Liede
0099eine psychologische Vertiefung, eine malerische Gegenständlich-
0100keit und eine musikalische Fülle gegeben, die es früher nicht
0101besessen hat, auch bei Beethoven nicht. Das Lied ist die
0102einzige Musikgattung, in welchem Beethoven nicht einen
0103epochemachenden Fortschritt bezeichnet, die einzige, die erst
0104nach ihm ihre eigentliche Blüthezeit erlebt. Wer von den
0105Zuhörern des Walter’schen „Beethoven-Abends“ konnte sich
0106verhehlen, daß dieser an unmittelbar ergreifender, beglücken-
0107der Macht weit hinter jedem Schubert-Liederabend zurück-
0108blieb? Das historische und biographische Interesse mußte bei
0109vielen Beethoven-Liedern doch wenigstens mithelfen. Da war
0110zum Beispiel „Das Blümchen Wunderhold“, mit einer
0111Melodie und Begleitung, deren schlichte Einfachheit ans
0112Kindische streift. Es sind Couplets, wie sie in den Siebziger-
0113und Achtziger-Jahren in kleinen Singspielen beliebt waren.
0114Beethoven verfolgte bei dieser und mancher ähnlichen Com-
0115position gar keine selbstständige künstlerische Absicht; er wollte
0116dem Gedichte, das ihn sympathisch berührte, nur so viel
0117Musik mitgeben, daß es gesungen werden kann. Das war
0118im Allgemeinen der bescheidene Standpunkt der Lieder-Com-
0119position bis zu Schubert’s Auftreten. In seiner geradezu
0120entwaffnenden Anspruchslosigkeit steht uns das „Blümchen [2]
0121Wunderhold“ immer noch höher als der pathetische
0122Seufzer eines Ungeliebten“, dessen Bekanntschaft viele
0123Musikfreunde wol erst Herrn Walter verdanken. Das
0124jammernde Zöpfchen, das uns schon aus dem Titel ent-
0125gegenblickt, wächst noch erheblich im Verlaufe des Gedichtes
0126selbst. Wenn heute ein Componist die Anfangsworte “Hast
0127du nicht Liebe zugemessen dem Leben jeder Creatur?“ mit
0128einem tragischen C-moll-Recitativ einführen und hierauf in
0129einem höchst empfindsamen Andantino die unglaublichen Worte
0130singen wollte: „Wo lebte wol in Forst und Hürde — Und
0131wo in Luft und Meer ein Thier — Das nimmermehr ge-
0132liebet würde? — Geliebt wird Alles, außer mir“ — man
0133würde eine ironische Absicht vermuthen. Allein der Inhalt
0134des Gedichtes sprach wie eine Beichte die eigensten Gefühle
0135des vereinsamten Beethoven aus, und so besitzen wir in dieser
0136(von ihm selbst niemals veröffentlichten) Composition wenig-
0137stens ein bedeutsames Tagebuchblatt. Um dem so tragisch an-
0138hebenden Drama wenigstens einen „guten Ausgang“ zu geben,
0139fügte Beethoven ein ungemein vergnügtes Allegretto im
0140Zweiviertel-Tact an („Gegenliebe“), dessen Thema er viele
0141Jahre später in seine Chor-Phantasie Op. 80 aufnahm. Un-
0142gleich tiefer und wärmer klingt das kurze, anspruchslose Lied
0143Wonne der Wehmuth“ — freilich ein Goethe’sches
0144Gedicht. Kennten wir nicht die geringfügige Rolle,
0145welche in Beethoven’s Schaffen dem Liede zufiel, wir
0146müßten verwundert fragen, warum Beethoven aus dem
0147reichen Poesienschatz seines Goethe nicht viel, viel mehr
0148componirt habe. Schubert hat nicht weniger als dreißig
0149Goethe’sche Gedichte, welche sämmtlich Beethoven bekannt
0150sein mußten, mit seinen Melodien geschmückt. Sie sind lange
0151nicht alle so verbreitet, wie sie verdienten; manche, wie die
0152beiden „Suleika“, waren, ehe sie noch selbst recht bekannt
0153geworden, bereits von der Mendelssohn’schen Compo-
0154sition verdrängt. Ueber den Erfolg des Concertes braucht
0155es nicht vieler Worte. Herr Walter war auch diesmal
0156das Muster aller Liedersänger und der Neid aller Concert-
0157geber. Klingt es nicht wie ein Wunder, daß er mit dem
0158schlichtesten aller Strophenlieder, dem „Blümchen Wunder-
0159hold“, Furore machte? Oder gibt es noch einen zweiten
0160Sänger, der dieses Lied mit so natürlicher Bescheidenheit
0161und Liebenswürdigkeit vorzutragen wüßte? Dazu gehören 
0162nicht blos aparte Eigenschaften der Kehle, sondern der
0163Seele.


0164Dem gesungenen Beethoven-Abend folgte im selben
0165Concertsaale ein gegeigter: die Aufführung von drei Beet-
0166hoven’schen Quartetten durch die Herren L. Auer, Bach-
0167rich
, Hilbert und Popper. Welch echter Genuß uns
0168durch unwillkommene Verhinderung an diesem Abend ent-
0169gangen sei, das bewies uns gar deutlich die zweite von Herrn
0170Auer gegebene Soirée am 24. d. M., eine der erfreulich-
0171sten Musik-Productionen der gegenwärtigen Saison. Dem
0172Zusammenspiel der genannten vier Künstler war es kaum
0173anzumerken, daß sie erst ganz kürzlich, fast zufällig,
0174einander gefunden und nur selten geübt hatten; sie ent-
0175sprachen in Rücksicht auf Reinheit, pünktliches Zusammen-
0176spiel und sachgemäße Auffassung allen Anforderungen. Als
0177Hauptvorzug dieses Quartetts empfanden wir seine Klang-
0178schönheit, welche zumeist aus den herrlichen Instrumenten
0179Auer’s und Popper’s strömte. Herr L. Auer bewährte sich
0180als feinfühlender Musiker und musterhafter Quartettspieler;
0181er ging vollständig in der Tondichtung auf, in keinem Tacte
0182den Virtuosen herausstreichend oder seine Mitspieler in
0183Schatten stellend. Sein zartes, fein und glatt ausgearbeitetes
0184Spiel ließ nur eine größere Fülle des Tones und mehr
0185sinnliche Energie des Vortrages wünschen; wer je das
0186Schubert’sche A-moll-Quartett von Hellmesberger oder
0187Beethoven’s erstes Rasumowsky-Quartett von Joachim 
0188gehört hat, wird uns beistimmen. An Tonfülle wurde Herr
0189Auer häufig durch seine Mitspieler übertroffen, ohne daß
0190diese sich vorlaut benahmen; insbesondere drang Popper’s 
0191üppiger Cello-Ton erfrischend durch das Ganze. Außer den
0192eben genannten Quartetten von Beethoven und Schubert be-
0193kamen wir zum erstenmale ein Quartett von Tschaikowsky 
0194(D-dur) zu hören. Es ist das erste von drei Quartetten 
0195dieses in allen Musikgattungen fruchtbaren russischen
0196Componisten, der, hochgeehrt in seinem Vaterlande, auch
0197bereits in Deutschland und Frankreich Wurzel faßt.
0198In Wien ist er noch sehr wenig bekannt, seine ungenießbare
0199Ouvertüre zu „Romeo und Julia“ gedieh ihm hier keines-
0200wegs zu vortheilhafter Empfehlung. Hingegen erzielte Tschai-
0201kowsky mit seinem D-dur-Quartett einen günstigen Erfolg.
0202Es ist eine leichtflüssige, ganz eigentlich pikante Composition, 
0203die in dem Andante, einer serenadenartigen Melodie über
0204pizzikirten Bässen, ihre glänzendste Seite aufweist. Eine be-
0205deutende, scharf ausgeprägte Individualität vermochten wir
0206in dem Componisten derzeit noch nicht zu erkennen, wol aber
0207eine entschieden musikalische Natur, ein leicht gestaltendes
0208Talent, dem es an guten Einfällen nicht fehlt. Vom echten
0209Quartett-Styl, im Sinne unserer Meister, ist Tschaikowsky’s
0210Composition freilich weit entfernt; wir vermissen die strenge
0211Logik in der Entwicklung der Motive, ja selbst die organische
0212Einheit der vier Instrumente, welche häufig wie durch Zu-
0213fall aneinander gerathen; angezogen oder abgestoßen erschei-
0214nen. Jedenfalls sind wir Herrn Auer für die Bekanntschaft
0215mit einem Werke dankbar, welches sich nicht in den bekann-
0216ten Redensarten anständiger Mittelmäßigkeit bewegt, sondern
0217mit Lust und Liebe Eigenes zu sagen weiß. Schade nur, daß
0218dies gerade im letzten Satz in gar zu derbem Russisch ge-
0219schieht und der Componist auf diesem tieferen Niveau von
0220uns Abschied nimmt. Der Beifall schien demungeachtet nicht
0221zu sinken; das Publicum dankte Herrn Auer und seinen
0222trefflichen Genossen durch wiederholten Hervorruf.


0223Inzwischen sind die Herren Radnitzky, Siebert,
0224Stecher und Kretschmann in ihrem Quartetten-
0225Hexameron glücklich bis zum fünften Abend vorgerückt. In
0226dieser vorletzten Soirée kam ein noch ungedrucktes Streich-
0227quartett (A-moll) von Herrn Wilhelm Dörr zur
0228ersten Aufführung. Das Werk ist zu alltäglich in seinen
0229Ideen und zu dürftig in deren künstlerischer Verarbeitung,
0230als daß wir mehr denn eine fleißige Studie darin erblicken
0231könnten. Der auch als tüchtiger Pianist bekannte junge
0232Tonsetzer wird gewiß mit der Zeit zu größerer Selbststän-
0233digkeit und Strenge gegen sich selbst heranreifen. Sein
0234Quartett fand übrigens freundliche Aufnahme. Die übrigen
0235Nummern des Programmes waren W. H. Veit’s sinniges
0236Es-dur-Quartett und Mozart’s Es-dur-Trio für Clari-
0237nette, Viola und Piano. Den Clavierpart des Trios (dessen
0238erster Satz gar zu gemächlich genommen wurde) spielte
0239Fräulein Eugenie Kleckler durchaus correct; Gelegenheit,
0240sich auszuzeichnen, findet ein moderner Pianist darin nicht.
0241Der Held des Abends war ohne Frage der Clarinettist Herr
0242Syrinek, ein virtuoser und geschmackvoller Künstler, zu
0243dessen Aequisition sich die Wiener Musikwelt gratuliren kann.