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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6065. Wien, Sonntag, den 17. Juli 1881

[1]

Musikalische Reisemomente.

Frankfurt a. M., Ende Juni.


0003Ed. H. Seit Jahren verfolgen mich auf allen Reisen
0004zwei Mißgeschicke: die Lucia und die Martha. Nicht etwa
0005ehemalige Flammen, die mir unter kaltgewordener Asche
0006nachzüngeln würden, sondern die beiden bekannten, durch
0007ihre Popularität grausam gewordenen Opern. Wohin ich kom-
0008men mag: immer Lucia oder Martha! Da nun alte
0009Theater-Passion mich in jeder fremden Stadt gleich nach
0010dem Comödienzettel fragen läßt, so pflegt meine erste Empfin-
0011dung in deutschen Hauptorten die des Schreckens zu sein.
0012Im Begriffe, nach vielen Jahren wieder einmal Frankfurt 
0013am Main zu besuchen, mochte ich das Vergnügen dieses
0014Wiedersehens mir nicht gerne durch die genannten beiden
0015Damen abermals stören lassen, deren Gestalt sich um so
0016drohender vor mir erhob, als mich ja hauptsächlich das neue
0017Opernhaus nach der ehemals freien Reichsstadt hinzog. So
0018unterrichtete ich denn zuvor brieflich Freund Dessoff von
0019jener peinlichen musikalischen Verfolgung und wie es ihm,
0020dem mächtigen Beherrscher der Frankfurter Oper, wol ein
0021Leichtes wäre, mir die bösen Feen vom Leibe zu halten. Be-
0022ruhigt zog ich meiner Straßen. Die unverwüstliche Pietät,
0023die mich immer wieder den alten Gasthöfen, die ich einmal
0024bewohnt, in die Arme treibt, führte mich natürlich
0025zum „Schwan“. Im vorigen Jahrhunderte, das heißt
0026vor fünfzehn Jahren, war das noch ein solid be-
0027scheidenes Haus, welches Börne’s köstliche Schilde-
0028rung des „Eßkünstlers“ und Schopenhauer’s tägliche
0029Anwesenheit an der Table d’hôte berühmt gemacht hatte.
0030Jetzt hat der „Schwan“ ein neues Kleid und einen neuen
0031Ruhm angezogen: es ist ein stolzer Palast geworden, ein
0032historischer Palast, in welchem der Pariser Friede 1871 
0033unterzeichnet wurde. In patriotisch gehobener Stimmung
0034schaute ich nach der Gedenktafel und gleich darauf in der
0035Einfahrt nach dem Theaterzettel. Richtig, weder „Lucia“ noch
0036Martha“ blickte mir entgegen. Braver Dessoff! Hingegen ein
0037anderes Schreckenswort, auf das ich nicht vorbereitet war,
0038das Wort: Geschlossen. Ich war just zum Beginne der 
0039Opernferien in Frankfurt eingetroffen. So durfte ich, wie
0040der Prophet, das gelobte Land, das prächtige Opernhaus
0041nur sehen, nicht betreten. Die Erlaubniß, es Vormittags im
0042Innern zu besehen, lockte mich nicht; wer ein Theater, sei
0043es das schönste, am hellichten Tage, beim Scheine einer
0044Gasflamme oder gar einer Laterne betrachtet, wie einen starren
0045Leichnam, der erfährt nur Enttäuschung und Unbehagen.
0046Seit dem keinem Fremden erlassenen Vormittagsbesuche der
0047Fenice in Venedig habe ich nie wieder vorwitzig den unheim-
0048lichen Eulenschlaf eines Theaters gestört. Von Außen erinnert
0049das neue Frankfurter Opernhaus an das Wiener; frei-
0050stehend, imposant, der größten Residenzstadt würdig. Die
0051über dem Hauptportal in Goldbuchstaben erglänzende Auf-
0052schrift: „Dem Wahren, Guten, Schönen“ verdient
0053das Lob edler Gesinnung, etwa wie ein großherziges, aber
0054schwer zu haltendes Gelübde. Selbst in dem wohlwollendsten
0055Kenner unserer Opernzustände erregt sie die bange Frage:
0056Woher will der Frankfurter Theater-Director den nöthigen
0057Reichthum an Wahrheit, Güte und Schönheit nehmen, um
0058damit jahraus jahrein dies Haus zu füllen? Mich dünkt,
0059die Aufschrift „Frankfurter Opernhaus“ wäre bei aller Ein-
0060fachheit nicht minder wahr, gut und schön gewesen und jeden-
0061falls unverfänglicher.


0062Mein erster Morgengang führte mich diesmal, wie
0063immer, in jenes Gotteshaus von Frankfurt, das mich am
0064andächtigsten stimmt, am tiefsten beglückt: Goethe’s Ge-
0065burtshaus. Wann endlich wird man in Weimar so weit
0066sein, den aristokratisch-schäbigen Egoismus der Nachkommen
0067Goethe’s, die sich in dessen Wohnräumen, seinem Arbeits- 
0068und Sterbezimmer, wie in einem Boudoir einschließen, zu
0069besiegen und diese geheiligte Stätte für die Nation zu er-
0070obern, wie es Frankfurt gethan mit Goethe’s Geburtshaus!


0071Frankfurt, das seit dem Verluste seiner Freiheit, als
0072Republik selige Witwe, viel hübscher und stattlicher geworden
0073ist, lockt gegenwärtig noch durch einen besonderen Anziehungspunkt
0074zahlreiche Fremde. Ich meine die große Industrie-Ausstel-
0075lung, die inmitten der üppig grünen Anlagen vor dem
0076Bockenheimer Thor ihre Schätze entfaltet. Sie nennt sich
0077officiell: „Patent- und Musterschutz-Ausstel-
0078lung
“. Unter dieser etwas schwerfälligen und kaum allge-
0079mein verständlichen Benennung birgt sich ein neues, werth-
0080volles Princip für Veranstaltung von Expositionen. Seitdem
0081keine größere Stadt mehr zurückbleiben will mit einer eige-
0082nen Industrie-Ausstellung, beginnen diese die Stelle der
0083ehemaligen Messen und Märkte einzunehmen, welche
0084durch die raschen Verkehrsmittel unserer Zeit seit
0085dreißig bis vierzig Jahren ihre Wichtigkeit eingebüßt haben.
0086Will unter diesen bedenklich drängenden, oft nur äußerlich
0087glänzenden Ausstellungen der Gegenwart eine durch ein be-
0088deutenderes Ziel und ernsteren Charakter emporragen, so
0089müßte sie ausschließlich oder doch zum allergrößten Theile
0090nur solche Erzeugnisse aufnehmen, die durch eine neue Idee
0091oder durch eine neue Form sich auszeichnen. Dies ist der
0092leitende Gedanke der gegenwärtigen Frankfurter Ausstellung;
0093sie stellt Objecte aus, welche „unter Patent- oder Muster-
0094schutz“ stehen. Nach dem deutschen Patentgesetze, das nach
0095dem älteren Vorgang Englands, Frankreichs und Amerikas
0096entstanden und erst mit 25. Mai 1877 in Kraft getreten ist,
0097kann ein „Patent“ genommen werden auf eine neue Idee,
0098eine Erfindung, welche dem Fabrikanten, dem Handwerker
0099oder überhaupt dem Publicum praktischen Vortheil bietet;
0100„Musterschutz“ wird erlangt für eine neue gefällige Form,
0101ein neues Muster. Den Fortschritten der Technik gedeiht
0102der Patent- und Musterschutz schon deßhalb zu größtem Vor-
0103theil, weil eine neue Erfindung nicht mehr geheimgehalten
0104werden muß; sie wird im Gegentheil vom Patentamte selbst
0105publicirt. Jeder Fabrikant kann somit das Neue erfahren
0106und sich mit dem Erfinder ins Einvernehmen setzen, und um-
0107gekehrt kann jeder Erfinder, ohne Mißbrauch befürchten zu
0108müssen, dem Fabrikanten seine Idee mittheilen. Die Zusam-
0109menstellung solcher Erfindungen an einem Centralpunkt wie
0110Frankfurt ist für raschere Verwerthung dieser Erfindungen
0111von hohem Nutzen und äußerst belehrend für das große
0112Publicum. Mir ist leider nur an musikalischen Gegenständen
0113ein mehr als blos schaulustiges Interesse vergönnt, und
0114gerade diese fand ich in Frankfurt nur spärlich vertreten.
0115Als interessant auch für weitere Kreise fiel mir jedoch zweierlei
0116auf: die Erfindung eines automatischen Notenumwenders
0117und die neuen Pianos von Steinway in Newyork. Die
0118Unbequemlichkeit, sich während des Spielens selbst die Noten
0119umblättern oder einen nicht immer geschickten Helfer darum
0120ersuchen zu müssen, hat einen Herrn Leo Sanft zur Er-[2]
0121findung einer Umwende-Maschine bewogen. Er steckt jedes
0122einzelne Notenblatt an dessen unterm Ende in eine Art
0123eiserner Klammer, welche durch den Druck auf ein eigenes
0124Pedal mit einem Magnete in Berührung gebracht und von
0125diesem nach links gezogen wird, ohne daß der Spieler die
0126Hand von den Tasten zu heben braucht. Der Magnet ist
0127nicht übel gedacht — er bringt doch in jedes Musikstück
0128etwas Anziehendes — der Apparat scheint mir aber doch
0129etwas schwerfällig im Verhältnisse zu seiner so einfachen
0130Aufgabe. Ehe man daran geht, ein recht umfangreiches
0131Notenheft, eine Oper oder Symphonie, Blatt für Blatt
0132zuvor in Eisenschienen zu legen und die magnetlenkende
0133Stange anzuschrauben, entschließt man sich vielleicht doch noch
0134lieber zu der gewohnten eigenhändigen Bedienung.


0135Die Claviere von Steinway erregen die Bewun-
0136derung von Kennern und Laien. Der große Concertflügel,
0137den die Ausstellungs-Commission für 5000 Mark zur Ver-
0138losung angekauft hat, ist von wunderbarer Klangschönheit
0139und dabei so solid, daß er, von Amerika herübergebracht und
0140allen Uebelständen eines großen Ausstellungsraumes ausge-
0141setzt, dennoch bis heute nicht nachgestimmt zu werden brauchte.
0142Das Pianino an seiner Seite erreicht in bisher kaum ge-
0143ahnter Weise den reifen Klangcharakter des besten Flügels;
0144ein Stutzflügel endlich concurrirt trotz seines kleinen Formats
0145an Tonfülle fast mit dem Concert-Instrumente. Steinway’s
0146erfinderischer Geist scheint in rastloser Bewegung, in stetigem
0147Fortschreiten. Seitdem seine Claviere auf der Londoner Aus-
0148stellung 1862 durch das kreuzsaitige System, auf der Pariser
01491867 durch die neue Compression des Resonanzbodens, später
0150noch durch die geniale Erfindung der Doppelmensur („Duplex
0151scala“) Epoche gemacht, hat Steinway über zwanzig neue
0152Erfindungspatente erlangt. Die neuen Verbesserungen, welche
0153zum erstenmale an seinen Ausstellungs-Clavieren in Frank-
0154furt erscheinen, werden nicht ermangeln, ähnliches Aufsehen
0155zu erregen. *)


0183Interessant ist eine Aeußerung Richard Wagner’s 
0184über diese neuesten Erfindungen in einem kürzlich veröffent-
0185lichten Briefe an Th. Steinway: „Unsere großen Ton-
0186setzer scheinen, als sie gerade für das Clavier die herrlichsten
0187ihrer Sätze schrieben, eine zukünftige Idealisirung des In-
0188strumentes, wie sie jetzt namentlich durch Sie erreicht worden
0189ist, geahnt und vorausgesetzt zu haben. Eine Beethoven’sche
0190Sonate, eine Bach’sche chromatische Phantasie scheint erst jetzt
0191auf Ihren Instrumenten zur richtigen Geltung gelangen zu
0192können.“ Imponirt uns Steinway durch sein seltenes wissen-
0193schaftliches Rüstzeug — denn nicht durch bloße glückliche
0194Empirie, sondern nur aus tiefen akustischen Forschungen
0195konnten seine Erfindungen entstehen — so überrascht er nicht
0196minder durch seine großartige administrative und mercantile
0197Thätigkeit. Er begnügte sich nicht mit seiner oft beschriebenen
0198großen Fabrik in Newyork, sondern errichtete vor Kurzem
0199noch drei bedeutende neue Etablissements, eine Verkaufshalle
0200mit Concertsaal in London, eine Fabrik in Hamburg 
0201und einen umfangreichen Complex von Fabriken in Astoria,
0202gegenüber von Newyork. Auf die Idee der Hamburger
0203Fabrik brachte ihn die Wahrnehmung, daß seine Pianos für
0204Europa zu kostspielig sind, hauptsächlich in Folge der hohen
0205Arbeitslöhne in Amerika. Ein Clavier, das, von deutschen
0206Arbeitern in Newyork gearbeitet, 5000 Mark kostet, stellen
0207deutsche Arbeiter in Hamburg aus denselben Materialien
0208um 4000 Mark her. Steinway schickt die vollständigen 
0209Clavierbestandtheile aus Newyork in seine Fabrik nach Ham-
0210burg, wo sie nach seiner Anweisung zusammengesetzt werden
0211zu Instrumenten, welche den amerikanischen völlig gleich, um
021225 Percent billiger sind. Sie gehen hauptsächlich nach Eng-
0213land, Deutschland, auch Südamerika. Das Etablissement in
0214Astoria, das gleichsam die Vorarbeiten für die Fabrik in
0215Newyork besorgt, besteht aus Plätzen zur Aufnahme der rohen
0216Holzstämme, aus großen Wasserbassins zum Schutze der
0217Stämme gegen Luft- und Sommerrisse, aus einer Stahl-,
0218Metall- und Broncegießerei, einem Bretterplatz, auf dem
0219gewöhnlich fünf Millionen Fuß Bretter liegen u. s. w. Für
0220den Oesterreicher, dessen Land doch einen so alten, wohlver-
0221dienten Ruf in der Clavier-Fabrication genießt, mischt sich
0222in die Bewunderung der großartigen Fabriken Steinway’s
0223ein wenig Neid und Betrübniß, gedenkt er der bescheidenen
0224Behelfe, mit denen die besten unserer Clavierfabrikanten
0225arbeiten müssen, um eine verhältnißmäßig geringe Anzahl
0226Pianos jährlich herzustellen, für mäßige, unserem Publicum
0227noch immer zu hoch dünkende Preise. Man scheint sich bei
0228uns schlechterdings nicht an den Gedanken gewöhnen zu kön-
0229nen, daß ein vortreffliches Clavier nicht billig herzustellen ist,
0230vielmehr nur aus kostspieligem Material, durch die außer-
0231ordentlich getheilte Arbeit sehr zahlreicher geschickter, also
0232theuer bezahlter Arbeiter und durch eine Sorgfalt in der
0233letzten Vollendung, welche die wohlfeile Eile des Fertig-
0234machens ausschließt. **) Darum ist Oesterreich auch kein Markt
0240für Steinway-Flügel, was wir zum Troste unserer Clavier-
0241fabrikanten und insofern zu unserem eigenen hier beisetzen,
0242als gerade dieser Umstand die unbefangene Anerkennung aus-
0243ländischer Leistung uns erleichtert.


0244Uebrigens hat die Annahme des Steinway-Systems einer
0245großen Anzahl auch geringerer deutscher Clavierfabrikanten
0246bereits zu überraschenden Erfolgen verholfen. Der (von G.
0247Chouquet verfaßte) officielle Weltausstellungs-Bericht von
02481878 betont, daß Deutschland seit 1867 dem Steinway’schen
0249System blind nachgefolgt sei, auch Oesterreich und England 
0250sich nicht frei davon erhalten, hingegen Frankreich eine „vor-[3]
0251nehme Reserve“ gegen dieses System beobachtet habe. Nun,
0252heute kann man die Wirkung dieses verschiedenen Verhaltens
0253abschätzen. Für Frankreich besteht das Resultat der „vorneh-
0254men Zurückhaltung“ darin, daß es von einer Fabrication von
025520,000 Pianos jährlich auf etwa 8000 herabgesunken ist!
0256Deutschland hingegen ist seit 1867, wo es Steinway’s
0257Erfindungen zu adoptiren begann, von einer Jahres-Produc-
0258tion von 10,000 Clavieren auf circa 30,000 gestiegen und
0259hat die französischen Claviere von allen Weltmärkten nahezu
0260verdrängt. Die deutschen Fabrikanten sind allerdings heute
0261nicht weiter gelangt, als bis zu jenem Steinway-System,
0262wie es in Paris 1867 vorlag. Dennoch haben sie selbst in
0263England sich einen großen Markt erobert mit ihren nicht
0264nur besseren, sondern auch billigeren Instrumenten. In Eng-
0265land macht sich jetzt ein jüngeres Geschlecht bemerkbar, das
0266durch die Steinway’schen Neuerungen ein frisches Leben in
0267diese Industrie bringt, während die altberühmten englischen
0268Firmen, die noch ihrem alten System anhängen, bekanntlich
0269in starkem Niedergang begriffen sind. Darin liegt ein bedeut-
0270samer Fingerzeig für die Clavier-Industrie aller Länder;
0271eine starke Mahnung, sich gründlich mit dem Steinway-System
0272vertraut zu machen und zu befreunden. Dies dürfte freilich
0273nicht blos der äußern Form nach, mit schlechtem Material
0274und unter dem Motto: „Nur billig!“ geschehen. Wir haben
0275schon Steinway-Copien gesehen, in welchen statt Stahl altes
0276Eisen und ein Holz verwendet war, auf dem im vorigen
0277Frühling wahrscheinlich noch die Vögel sangen. Das sind eben
0278wohlfeile Farbendrucke, nicht Oelgemälde.


0279Herr Theodor Steinway, der sich einige Tage
0280in Frankfurt aufhielt, machte eben einen kleinen Rundgang
0281durch die Ausstellung, als ich mit einigen Bekannten dazu
0282stieß. Die Erscheinung des Mannes hat etwas Auffallendes
0283und eigenthümlich Anziehendes. Wer den kräftig gebauten,
0284wettergebräunten Mann betrachtet, wie er in seinem weit-
0285läufigen, einfärbigen Anzug, den weichen schwarzen Filzhut
0286über die blitzenden, stark bebuschten Augen gedrückt, breit-
0287spurig daherschreitet, der mag ihn etwa für einen kühnen
0288Schiffscapitän halten. Der prahllose Stolz des unabhängigen
0289Bürgers, des eisernen Arbeiters, der nur sich selbst, seinen
0290Kenntnissen und Fähigkeiten Ruhm und Vermögen dankt,
0291kleidet ihn wohl. Eminent deutsche und charakteristisch ameri-
0292kanische Elemente haben sich in ihm zu einer bedeutenden In-
0293dividualität fest verschmolzen. Seine gründlichen physikalischen
0294Kenntnisse, verbunden mit dem Scharfblicke augenblicklichen
0295Auffassens, machen Steinway zu dem lehrreichsten Führer,
0296den wir uns wünschen konnten. An einem der aus-
0297gestellten Claviere erkannte er sofort die weißen Ta-
0298sten als künstliches Elfenbein, wie es jetzt aus
0299Schießbaumwolle und Kampfer, sogenanntem Celloïd, in
0300Paris und anderswo fabricirt wird. Steinway erbat sich als
0301Probe einen solchen Tastenbeleg und machte uns später den
0302Spaß, ein brennendes Zündhölzchen daran zu rücken, worauf
0303das „Elfenbein“ mit dem der Schießwolle eigenen raschen
0304Aufzischen sofort verpuffte. Derlei billiges Celloïd-Elfenbein
0305soll bereits von zahlreichen Clavierfabrikanten, die wahr-
0306scheinlich das Feuerwerk darin nicht ahnen, als Tastenbeleg
0307verwendet werden. Man denke sich die Ueberraschung des
0308Spielers, wenn ihm die brennende Cigarre oder eine Kerze
0309aus dem Clavierleuchter unversehens auf solche Claviatur
0310fällt! Vor jedem der in Frankfurt neu ausgestellten Objecte,
0311aus dem ein möglicher Einfluß auf die Verbesserung der
0312Clavier-Fabrication schimmerte, machte Steinway in-
0313stinctiv Halt. Zuerst vor einem neuen Verfahren, Bronce
0314mittelst Phosphors dichter und dünnflüssiger zu machen. Die
0315ausgestellten Legirungen von Phosphorbronce mit dem
0316enormen Phosphorgehalt von 17 Percent können für die
0317Armatur der Pianos unschätzbar werden. Poröse Körper
0318klingen bekanntlich nie so gut wie feste Metalle; der Phos-
0319phor ist das Medium, welches die Gase, die sonst alle Legi-
0320rungen undicht machen, verbrennt. Von einem Hildesheimer
0321Glockengießer im vorigen Jahrhunderte weiß man, daß er
0322heimlich Armesünderknochen seinem Metallguß beisetzte, um
0323den Glocken einen besseren Klang zu geben, den sie auch
0324wirklich gewannen. Was daran Aberglaube war, die armen
0325Sünder nämlich, wird jetzt belächelt, aber der physikalische
0326Grund des Besserklingens, der Phosphorgehalt in den
0327Knochen, erhielt wissenschaftliche Bestätigung. Eine andere
0328hier ausgestellte Erfindung, auf deren Wichtigkeit für den
0329Clavierbau Steinway zuerst aufmerksam machte, ist das von
0330Herrn Fleitmann in Iserlohn entdeckte Verfahren,
0331Nickel und Kobalt als weiches Metall herzustellen, wodurch
0332sie ein Schweißen mit Eisen oder Stahl zulassen. Damit
0333platirte Bleche oder Drähte können zu äußerst dünnen
0334Flächen ausgewalzt werden, ohne daß an einer Stelle diese Ver-
0335schweißung zerreißt. Steinway dürfte der Erste sein, die
0336Herstellung nickelplatirter Claviersaiten zu veranlassen.


0337„Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen!“ — das
0338Wort Tasso’s gilt nicht blos für den Poeten. Auch Theodor
0339Steinway forscht und arbeitet unablässig, seiner selbst nicht
0340schonend, obgleich er, ein Fünfziger und kinderlos, nicht auf
0341Geldgewinn ausgeht und sich Ruhe gönnen könnte. Die
0342Liebe zu seiner Kunst, die er immer noch weiter vervoll-
0343kommnen möchte, läßt ihn selbst auf einer Höhe des Er-
0344folges nicht rasten, in der Andere nur eine Ruhebank der
0345Bequemlichkeit begrüßen würden. Es ist dies ein echt deutscher
0346Zug, im Gegensatz zu der Neigung französischer und italieni-
0347scher Fabrikanten, sich völlig zur Ruhe zu setzen, sobald sie
0348ein leidliches Vermögen sich erarbeitet. Eine andere moralische
0349Macht in den Steinways ist ihre Familien-Tradition, ihr
0350inniges Zusammenleben und -Arbeiten. Vor mehr als
0351dreißig Jahren war der alte Steinway aus Braunschweig 
0352mit fünf tüchtigen, intelligenten Söhnen als Claviermacher
0353nach Newyork übersiedelt. Die Söhne übertrafen bald den
0354Vater und arbeiteten nach dessen Tode gemeinsam weiter.
0355Theodor, der älteste, repräsentirt das gelehrte Element
0356in der Familie, er ist der wissenschaftliche Forscher und Er-
0357finder, sein Bruder William der oberste administrative
0358Leiter der Fabrik. Die drei anderen, gleichfalls ausgezeich-
0359neten Brüder sind leider vor Kurzem im rüstigsten Mannes-
0360alter gestorben; sie dürften ihrer Arbeitskraft doch zu viel
0361zugemuthet haben. Aber vier Söhne derselben stehen ihren
0362beiden Oheimen als talentvolle und ehrbegierige Mitarbeiter
0363bereits zur Seite. Nach dem Besuche der besten deutschen
0364Hochschulen sind sie als einfache Arbeiter in die Newyorker 
0365Fabrik eingetreten, wo sie von der Pike auf sich empordienen
0366müssen. Von einem vergnüglichen „Cavalierspielen“, wie
0367es heute so häufig Söhne reichgewordener Fabrikanten als
0368Beruf treiben, ist in dieser Familie keine Rede und dürfte
0369es auch schwerlich in späteren Generationen sein. Ich bin
0370unversehens von den neuen Steinway-Clavieren in Frank-
0371furt auf die Steinways selbst zu sprechen gekommen. Sie
0372gehören zu den culturhistorisch merkwürdigen und erfreulichen
0373Erscheinungen, und da ich voraussetze, daß in dem freund-
0374lichen Leser ebensowenig wie in mir selbst der Clavierspieler
0375den Menschen todtgeschlagen hat, so durfte ich die kleine Ab-
0376schweifung wol wagen.

Fußnoten
  • *)Für Fachmänner seien hier die neuen Erfindungen Stein-
    way’s kurz angedeutet: 1. Am Flügel die Anwendung von Zar-
    gen
    aus gebogenem Langholz. Die eine Zarge trägt den Resonanz-
    boden und hilft, weil sie an keiner Stelle von Querholz unterbrochen
    ist, vermöge ihrer Langholzfasern jede örtliche Erschütterung des
    Resonanzbodens durch die Ränder auf alle Theile desselben ver-
    breiten. Die zweite Zarge bildet die Verstärkung und die äußere
    Form der Wand des Instrumentes. Dadurch wird eine außer-
    ordentliche Klangfülle selbst in sehr kleinen Flügeln erreicht. (Es ist
    interessant, daß Fr. Ehrbar in Wien, unabhängig von Steinway,
    auf dieselbe Idee der Anwendung von Zargen, analog dem Geigen-
    bau, gekommen und die Ausführung fast vollendet hat; leider ist er mit
    dem fertigen Resultat noch nicht vor die Oeffentlichkeit getreten.)
    2. Die zweite Neuerung besteht in einem sehr einfachen Spreiz-
    system
    , welches, dem außerordentlich starken Saitenzug von circa
    60,000 Pfund begegnend, nicht der Richtung der Saiten folgt, den
    ganzen Druck auf Einen todten Punkt des Stimmstockes vereinigt
    und dem Piano eine Stimmungshältigkeit von bisher nicht ge-
    kannter Dauer verleiht. 3. Eine dritte Erfindung bewirkt die Siche-
    rung des Resonanzbodens gegen Durchbiegen und besteht in einer
    Compression des Resonanzbodens in wagrechter Lage auf solchen
    Theilen, welche durch ihre Entfernung vom Stege weniger klingende
    Schwingungen geben. Steinway nennt diese einfache Vorrichtung,
    welche die tonleitenden Eigenschaften der Rippen von einer auf die
    andere überträgt, den „Tonpulsator“. 4. In dem Pianino
    eine neue Hochmechanik, welche direct, ohne Zwischenwerk und
    Abstraction, leicht und präcis arbeitet etc.
  • **)Die sogenannten „Vorarbeiter“ (sechzehn an der Zahl) in
    Steinway’s Fabrik beziehen jeder einen festen Jahresgehalt von
    zehntausend Mark, der „Superintendant“ genannte oberste
    Fabriksbeamte sogar 25,000 Mark. Die Fabrik liefert per Woche
    achtzig bis ins letzte Detail vollendete Claviere zum Verkauf.