Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5998. Wien, Dienstag, den 10. Mai 1881

[1]

Italienische Oper.


0002Ed. H. Wir haben die italienischen Sänger im Hof-
0003operntheater nunmehr ein halbdutzendmal gehört und dürfen
0004eine erste Besprechung wol wagen. Keineswegs ein defini-
0005tives Urtheil über die ganze Gesellschaft, denn das Beste soll
0006ja, wie man versichert, erst nachkommen: die Primadonna
0007Durand, der Tenor Barberini und Andere. Um so
0008besser. Die bisherigen Vorstellungen sind stets bei gut be-
0009suchtem, meistens bei ausverkauftem Hause und unter leb-
0010haftem Beifall vor sich gegangen. Freuen wir uns, daß
0011wenigstens die Absicht der Intendanz, dem Publicum durch
0012einige Wochen eine angenehme Abwechslung zu bieten, erreicht
0013ist. Eine rigorose Kritik wird dieser italienischen Stagione
0014allerdings kein überschwengliches Loblied singen. Sowol das
0015Repertoire als die Sänger sind nicht so, wie wir sie er-
0016wartet haben. Als im vorigen Sommer das Project einer
0017italienischen Opernsaison hier auftauchte, nahmen wir zu
0018demselben sofort Stellung und hießen eine vier- bis sechs-
0019wöchentliche gute italienische Oper unter der ausdrücklichen
0020Bedingung willkommen, daß ihr Repertoire großentheils
0021Novitäten enthalte. Für eine italienische Gesellschaft
0022ohne Sterne erster Größe vermochten wir eine ausreichende
0023Berechtigung nur darin zu erblicken, daß sie neben den
0024besten dem deutschen Repertoire fremden älteren Opern uns
0025jene Novitäten bringe, die seit zwanzig Jahren in Italien 
0026nachhaltige Erfolge errungen haben: Verdi’sDon Carlos“
0027und die (umgearbeitete) „Forza del destino“, Boito’s 
0028Mefistofele“, „I promessi sposi“ von Ponchielli,
0029Ruy Blas“ von Marchetti, „I Guarani“ von Go-
0030mez
etc. Das große Ankündigungs-Placat der italienischen
0031Stagione hat uns in diesem Punkte enttäuscht; es verkündigt
0032nicht eine einzige Novität. Also wieder die guten und nicht
0033guten alten Bekannten! Die Intendanz soll es an Be-
0034mühungen, einige hervorragende Novitäten zu erwerben, nicht
0035haben fehlen lassen; sie scheiterten an dem bekannten Des-
0036potismus der großen italienischen Musikverleger. Das sind
0037ganz seltsame Zustände. Nicht nur spannen die beiden Auto-
0038kraten, welche das ganze Musikwesen Italiens, Sänger und 
0039Componisten, in ihrer Hand haben, ihre Preise abschreckend
0040hoch (so daß z. B. eine in Prag mit geringen Kosten er-
0041worbene Oper wie „Don Carlos“ hier fast unerschwinglich
0042wird), sie garniren diese Geldforderungen obendrein mit Bedin-
0043gungen erschwerendster Art. Zuerst daß die Wiener Hof-
0044oper, wenn sie eine italienische Partitur erwerben will, be-
0045stimmte vom Verleger dictirte Sänger dafür engagiren
0046müsse. Diese Sänger combiniren wiederum die Gelüste ihrer
0047Habsucht und ihrer Eitelkeit, und wollen nur unterschreiben,
0048wenn man sie zuvor ihre Paraderollen in gewissen todtge-
0049hetzten Opern singen läßt, die man gar nicht zu geben ge-
0050willt war. Es würde uns kaum überraschen, wenn einer
0051dieser Verlagspaschas auch noch einen Bräutigam für seine
0052Tochter oder Ordens-Decorationen für seine Söhne als
0053Nebenprovision von Wien verlangte. So zerschlugen sich
0054denn verschiedene Unterhandlungen um neue Opern. Das
0055hätte freilich nicht gehindert, daß die Italiener Cimarosa’s 
0056gegenwärtig wieder hochbeliebte „Astuccie femiline“, Per-
0057golese’s
Serva Padrona“ und ähnliche in Wien unbe-
0058kannte ältere Meisterwerke aufführten.


0059Was die Gesangskräfte unserer Stagione betrifft, so
0060bezeichnet man sie ungefähr als das Beste, was gegenwärtig
0061in Italien florirt; in Italien selbst, nicht einbegriffen die
0062wälschen Opernbühnen von Petersburg, Paris und London,
0063welche alljährlich den Rahm abschöpfen und mit Gold auf-
0064wiegen. Musikkundige Freunde, die eben aus Rom, Florenz,
0065Neapel zurückgekehrt sind, schildern uns den Zustand der
0066dortigen Opernbühne als trostlos. Ihnen erschien, unmittel-
0067bar nach diesen Reise-Eindrücken, die jüngste „Cenerentola“-
0068Vorstellung im Hofoperntheater als eine Musteraufführung.
0069Für uns hingegen steht diese „Cenerentola“ im Schatten
0070einer unvergeßlichen schöneren Vergangenheit. Wie oft haben
0071wir mit fröhlichem Behagen diese süßen Melodien aus dem
0072Munde der Artôt, Calzolari’s, Everardi’s und Zucchini’s
0073eingesogen! Mit dem Ensemble dieser glänzenden Talente
0074können sich die gegenwärtigen Gäste des Hofoperntheaters
0075nicht messen. Der Anblick der Signora Biancolini 
0076hat uns sehr überrascht, um nicht zu sagen: umgeworfen.
0077Eine gewaltige Frau in den besten und dicksten Jahren, mit
0078einer derbsinnlichen, überaus populären Physiognomie. Wie
0079sie als Cenerentola, mit kühn unterschlagenen Armen, im 
0080braunen Hauskleid, mit Schürze und Haube, vor der Kaffee-
0081maschine dastand, glaubten wir die leibhafte Mère Angôt zu
0082sehen. Sie öffnet den Mund, wir hören einige dragonerhaft
0083tiefe und starke Töne — nein, das muß der Père Angôt 
0084sein! Erholt man sich von der Ueberraschung und findet sich
0085ab mit dieser Folio-Ausgabe des schüchternen Aschenbrödel,
0086so zieht man alsbald den Hut vor der ausgezeichneten Ge-
0087sangskünstlerin. Der Umfang ihrer Stimme ist ungewöhn-
0088lich, die tiefere Lage von jener dröhnenden Kraft und Fülle,
0089die nur italienischen Altistinnen eigen. Mittellage und Höhe
0090klingen etwas verbraucht, letztere neigt im Forte leicht zum
0091Distoniren. Die Stimme der Biancolini ist überraschend,
0092merkwürdig — wir könnten sie schön nennen, zerfiele sie
0093nicht in zwei ganz verschiedene Register, die sich scharf con-
0094trastirend von einander abheben. Die virtuose Schulung dieser
0095Stimme erregt Bewunderung. Eine Oper mit einer Bravour-
0096Arie zu schließen, ist ein gewagter Einfall, dem wir in drei
0097Rossini’schen Opern begegnen: in der verschollenen „Sigil-
0098ara“, in der „Italienerin in Algier“, endlich in „Ceneren-
0099tola“. Man höre die Schlußarie in letzterer Oper von der
0100Biancolini — das ist Bravour in der eigentlichsten Bedeutung
0101des Wortes, herausfordernde, unfehlbare Virtuosität, mit
0102der siegesgewissen Freude des Könnens und Gelingens.
0103In manchen Eigenheiten erinnerte uns die Biancolini an
0104die Borghi-Mamo und die Brambilla. Die echten Contra-
0105Altistinnen des Südens haben alle, nicht blos im Tone,
0106sondern auch in Haltung und Erscheinung etwas Männliches,
0107Gewaltsames. Die Borghi-Mamo, eine Coloratur-
0108Sängerin ersten Ranges, war eckig und unliebenswürdig;
0109wenn sie als Rosina im „Barbier“ den Finger scherzhaft
0110drohend erhob, glaubte man eine verkleidete Lady Macbeth 
0111zu sehen. Auch die Brambilla imponirte durch das ge-
0112waltige Erz ihrer Stimme und den heroischen Wurf ihres
0113Vortrages selbst in heiteren Coloratur-Partien, aber der
0114eigenthümlich hyänenhafte Ausdruck ihrer Koketterie hat sich uns
0115tief eingeprägt. Die Grazien, die bei der Borghi-Mamo und
0116der Brambilla ausgeblieben waren, hatten sich bei der nächsten
0117Cenerentola, Désirée Artôt, bereitwilligst eingefunden.
0118Weniger stimmgewaltig, war sie desto feiner und liebens-
0119würdiger; sie ließ auch keine der spärlichen Gelegenheiten
0120vorübergehen, in welchen Rossini’s „Aschenbrödel“ auf die [2]
0121Bravoursängerin vergißt und einen innigeren Ausdruck
0122wenigstens zuläßt. In jenen „Cenerentola“-Vorstellungen
0123der Sechziger-Jahre standen alle Hauptdarsteller auf gleicher
0124Höhe; sie waren der letzte Nachhall einer verloren gegangenen
0125großen Gesangskunst; gegenwärtig überragt die Biancolini 
0126ihre ganze Umgebung. Wer mag wol das trockene Stimm-
0127chen des Tenoristen Piazza und seinen leblosen Vortrag
0128hören, ohne mit Wehmuth an die früheren „Prinzen“
0129Carrion und Calzolari zu denken? Sie zählten
0130damals schon zu den älteren Herren, aber wie verjüngten sie
0131sich im Gesange! Und der treffliche Bariton Everardi,
0132wie köstlich sang und spielte er den Stallmeister Dandini;
0133wie verstand er es, diese Figur in eine feinere Bildungs-
0134schichte zu ziehen, ohne die komische Wirkung abzuschwächen!
0135Der gegenwärtige Vertreter dieser Rolle, Signor Verger,
0136verhält sich zu Everardi, wie Herr Piazza zu Calzolari. Er
0137hat eine jener trockenen, phantasielosen Stimmen, denen es
0138schwer gemacht ist, die Herzen zu gewinnen. Jetzt ist dieser
0139Stimme auch der letzte Schmelz abgestreift, und von dem
0140Humor, den die Rolle erfordert, hat ihr Besitzer keine
0141Ahnung. Bleibt noch der Baßbuffo Signor Bottero, eine
0142alte künstlerische Reputation in seinem Vaterlande. Wahr-
0143scheinlich würde man sie hier für bar angenommen haben,
0144hätte man Bottero in seinen guten Tagen gekannt, wie
0145seinen Collegen Zucchini. Zur Stunde reicht er für die
0146Rolle des Don Magnifico nicht mehr aus und erfüllt auch
0147als Schauspieler keineswegs die gehegten Erwartungen. Die
0148für die Ensemble-Nummern so wichtigen Schwestern Cene-
0149rentola’s wirken heute nicht, wie ehemals, durch wohlgeschulte
0150schöne Stimmen; insbesondere der Gesang der Signora
0151Cesari hat mit der Bösartigkeit und Falschheit des dar-
0152gestellten Fräuleins mehr als die nöthige Aehnlichkeit. Diri-
0153gent der Vorstellung war Signor Raphael Kuon, dessen
0154Name uns wie eine aus Kuh und Kohn gebildete große
0155Terz klingt. Wäre dieser Raphael ohne Hände geboren, er
0156würde vielleicht ein großer Capellmeister geworden sein; vor-
0157läufig scheint er zwei Hände zu viel zu haben, mit welchen
0158er mancherlei Confusion zu Stande bringt.


0159Von tragischen Opern hörten wir Donizetti’s 
0160Lucia“ und Verdi’sRigoletto“. Zwei gute Deutsche mit 
0161italienisirten Namen sangen die Hauptpartien: unsere
0162Bianchi und Herr Perotti. Wie in den deutschen
0163Vorstellungen, so entfesselt Fräulein Bianchi auch in den
0164italienischen den stürmischesten Beifall. Diese mit so schätz-
0165baren Vorzügen und echt künstlerischem Geiste ausgestattete
0166Sängerin besitzt die Sympathien des Wiener Publicums in
0167einem Maße, wie sie kaum einer ihrer Vorgängerinnen zu
0168Theil geworden. Ueber dem zauberhaften Klang ihrer Kopf-
0169stimme, über ihrem virtuosen Triller- und Passagenschmuck
0170scheint man die Schwächen dieser Künstlerin völlig zu über-
0171sehen, Schwächen, welche eher zu- als abnehmen und die
0172wir darum in warnender Absicht erwähnen. Wir meinen
0173das Zittern der Stimme in der tieferen und Mittellage, das
0174bei der Bianchi allerdings nicht aus Unart und Geschmack-
0175losigkeit entspringt, wie bei so vielen Sängerinnen kräftigster
0176Constitution, sondern aus einer Schwäche des Organs.
0177Fräulein Bianchi gelingt es kaum mehr, eine ruhige Canti-
0178lene plastisch hinzustellen; was nicht in die Region der
0179Kopfstimme hinaufreicht, erscheint in zitternden Linien, dabei
0180matt und farblos. Bei ihrem ersten Gastspiel erschien uns
0181diese Schwäche weit geringer, als in ihren jüngsten Leistun-
0182gen: Lucia und Gilda; die Stimme klang damals frischer,
0183der Ansatz fester. Die weiten Räume unseres Opernhauses
0184scheinen diesem zarten Organismus weniger gut anzuschlagen,
0185als das kleinere Theater in Karlsruhe; sie legen ihm die
0186Pflicht größerer Schonung auf. Theilweise liegt es wol an
0187derselben physischen Ermüdung, daß Fräulein Bianchi auch
0188die volle Entschiedenheit und Mannichfalt des dramatischen
0189Ausdruckes nur selten erreicht. Ihrer Lucia und Gilda man-
0190gelte die Lebendigkeit, der rasche Pulsschlag, die Blutwärme.
0191Fast alle Rollen der Bianchi gleichen einander, weil sie in
0192dasselbe blasse, zitternde Mondlicht getaucht, von denselben
0193klagenden Accenten durchweht sind. Gilda und Lucia sind
0194allerdings keine dramatisch scharf geprägten Charaktere, sie
0195bringen der Darstellerin keine frappanten geistreichen Nuan-
0196cen fertig entgegen, man kann sie höchstens hineinlegen.
0197Roger, der unvergleichliche dramatische Sänger, erzählt in
0198seinen Memoiren, wie sehr Jenny Lind als Lucia ihn
0199durch einen neuen dramatischen Zug überrascht habe. „In
0200der Scene nach Edgar’s Fluch schleppt sie sich nicht zu den 
0201Füßen des Geliebten fort, wie dies alle übrigen Lucias bis
0202zum Schlusse des Actes thun; sobald Edgard sie zurück-
0203gestoßen, bleibt sie unbeweglich. Eine Bildsäule! Ein schwaches
0204Lächeln zieht eisig über ihre Gesichtszüge; sie heftet das
0205stiere Auge auf den Tisch, wo sie den unheilvollen Heirats-
0206contract unterzeichnet hat, und wie der Vorhang herabsinkt,
0207sieht man den Wahnsinn in ihr aufsteigen. Es lief mir kalt
0208über den Rücken.“


0209Herr Perotti (Prott) sang den Edgardo in „Lucia“ und
0210den Herzog in „Rigoletto“ mit großer Sorgfalt und gutem
0211Gelingen. Eine starke, hinreißende Wirkung hindert sein ge-
0212preßtes Organ, das trotz einzelner kräftig herausgeschleuderter
0213hoher Töne doch zu den sogenannten Halsstimmen gehört.
0214Von den Italienern hat er mehr und Besseres angenommen,
0215als den Namen: eine sorgfältige Phrasirung und correcte,
0216deutliche Aussprache des Italienischen. An zierlicher, geschmack-
0217voller Malerei ließ es Perotti namentlich als Edgardo nicht
0218fehlen; leider hat er wenig Farben auf der Palette. Als
0219Herzog von Mantua elegant in Spiel und Erscheinung,
0220wurde er durch seinen Hofnarren zu gefährlichem „Loslegen“
0221verführt, was sich bei so gearteten lyrischen Tenoren fast
0222immer durch Distoniren rächt. — Eine neue, vom Publicum
0223mit lauter Acclamation begrüßte Erscheinung ist der Bariton
0224Aldighieri. Er überragte als Lord Asthon und Rigo-
0225letto seine ganze Umgebung an Stimme und südlicher
0226Leidenschaftlichkeit, wie an heroischer Stattlichkeit des Wuchses.
0227Seine Stimme hat Mark und Fülle, wenngleich nicht mehr
0228den Schmelz der Jugend; sie erhebt sich mit Leichtigkeit in
0229die Tenorlage und ist großer Kraftentwicklung, ebensosehr
0230aber zarter Nuancen fähig. Mit diesen Vorzügen muß
0231man allerdings auch die unvermeidlichen Gewohnheiten echt
0232italienischer Baritone in Kauf nehmen: das Losarbeiten
0233auf den Effect, sei es durch Entfesselung eines Fortissimo-
0234Donners, dem oft ein unmotivirtes Pianissimo als contra-
0235stirendes Schweifchen angehängt wird, sei es durch manierirte
0236und übertriebene Phrasirung, sei es endlich durch das leidige
0237Tremoliren, welches dem leidenschaftlichen Zorne wie der
0238sentimentalen Zärtlichkeit erst das rechte Salz geben soll. In
0239seinen ausgesuchtesten und selbstgefälligsten Effecten mahnt er
0240ein wenig an Beneventano, dessen sich gewiß viele [3]
0241unserer Leser noch erinnern. Er war ein Sänger von pracht-
0242voller Stimme und außerordentlicher Schulung, dabei aber
0243so potenzirter Italiener und „schöner Mann“, daß er zum
0244unfreiwilligen Komiker wurde. So weit geht der verständi-
0245gere Aldighieri glücklicherweise nicht, aber doch hatte er in
0246der „Lucia“ Kraftmomente, wo der Geist Beneventano’s sicht-
0247bar in Pfauengestalt über ihm schwebte.


0248Außer den genannten Opern brachten die Italiener eine
0249Art Potpourri von abenteuerlicher Mischung; es enthielt
0250zwei Soloscenen des Buffo Bottero, ein Ballet von
0251Frappart („Margot“) und als traurigen Schluß die
0252Gruftscene aus Vaccaj’sMontecchi und Capuletti“. Be-
0253kanntlich lebt diese Oper des sonst gänzlich verschollenen
0254Componisten nur noch stückweise, nämlich in ihrem vierten
0255Acte, fort, welcher als Kukuks-Ei in die Bel-
0256lini
’sche Oper gleichen Namens gelegt zu werden
0257pflegt. Heute ist der Bellini’sche Romeo, mit
0258oder ohne Vaccaj’schen Schlußact, freilich selber so
0259gut wie verschollen. Nur selten nimmt sich irgend eine italie-
0260nische Altistin noch seiner an, um an seinen Liebesklagen und
0261Todesseufzern ihre Stimme im ganzen Umfang auszuhän-
0262gen. Das that denn auch Signora Biancolini mit
0263großem Effect und vielem Beifall. Uns hat sie als Cene-
0264rentola weit besser gefallen; offenbar ist sie mehr für das
0265heitere als für das tragische Fach geschaffen. Als Romeo 
0266vermochte sie selbst am Grabe der Julia die lächelnde Miene
0267nicht abzulegen und schien weit weniger vom Schmerz um
0268die Geliebte erfüllt, als von dem Verlangen, ihre Stimme
0269ins schönste Licht zu stellen. Jedenfalls ein natürlicheres
0270Gelüste, als das des Signor Bottero, sich als brillanten
0271Clavierspieler zu produciren. Denn einen andern Sinn
0272können wir in den ersten der beiden von Bottero gespielten
0273Scenen aus „Don Bucefalo“ nicht entdecken. Mit dieser
0274vielgenannten, in Deutschland gar nicht gekannten komischen
0275Oper des Maestro Antonio Cagnoni hat es folgende
0276Bewandtniß. Don Bucefalo ist ein passionirter Dilettant
0277und Componist, ein „Musik-Fex“ auf gut Wienerisch. Er
0278hält einen Trupp Landleute, die singend vor seinem Fenster
0279in Frascati vorbeiziehen, auf und macht Opern-Choristen
0280aus ihnen. Zur Primadonna wählt er eine junge Frau,
0281Namens Rosa, welche, an einen Soldaten verheiratet, sich für 
0282eine Witwe ausgibt, um sich an den Bewerbungen alter
0283und junger Anbeter zu ergötzen. Don Bucefalo probirt
0284seine Oper, von der er sich die größten Triumphe verspricht,
0285zuerst am Clavier mit der Primadonna, dann mit den
0286Choristen, die er als römische Krieger costumirt. Während dieser
0287Probe erscheint unerwartet der Gatte Rosa’s und führt die
0288improvisirte Primadonna zur großen Verzweiflung Bucefalo’s
0289mit sich fort. Dies ist der wesentliche Inhalt der Oper,
0290welche (1847 zum erstenmale in Mailand gegeben) nunmehr
0291seit dreißig Jahren eines der beliebtesten Repertoirestücke aller
0292kleineren Opernbühnen in Italien bildet. Von den zahlreichen
0293übrigen Opern des Maestro Cagnoni (geboren 1828 in
0294Gadiasco) hat keine einzige den Erfolg seines „Bucefalo“
0295auch nur entfernt erreicht. Wir sind von diesem wenig ent-
0296zückt, somit nicht allzu begierig nach der Bekanntschaft der
0297übrigen. An der Musik zum „Bucefalo“ ist kaum etwas zu
0298rühmen, als ihre natürliche Heiterkeit und Anspruchslosigkeit;
0299Geist und Originalität wird man schwerlich darin finden.
0300Aber ihr Ton ist echt italienisch und die Komik des Stückes
0301gleichfalls; ein Buffo von kecker Laune, der als Don Buce-
0302falo das ganze Stück trägt, wird somit ein lachlustiges ita-
0303lienisches Opernpublicum leicht ergötzen. Die beiden Scenen,
0304welche uns Bottero im Hofoperntheater ganz allein vor-
0305spielte, zeigen uns den musiktollen Don Bucefalo zuerst in
0306der Arbeit des Componirens, dann des Dirigirens. Er sucht
0307am Clavier Melodien und geräth also probirend in die aller-
0308bekanntesten Opernthemen. Herr Bottero erwies sich in
0309dieser langausgesponnenen Scene, wie gesagt, als fertiger
0310Pianist, aber als ziemlich gewöhnlicher Komiker. Herr
0311Tewele als Richard Faust am Clavier ist ungleich er-
0312götzlicher. Die zweite Scene, Bucefalo vor dem Orchester
0313seine „Symphonie“ dirigirend und alle möglichen Instrumente
0314nachahmend, ist hier bereits durch Zucchini bekannt.
0315Bottero hat den „Bucefalo“ creirt, wird aber von
0316Zucchini, den der liebe Gott dafür creirt hat, entschieden
0317übertroffen. Eine namhafte Wirkung hat weder der Eine
0318noch der Andere mit dieser Buffomusik hervorgebracht, welche
0319nur in der Luft Italiens gedeiht und in den Räumen des
0320Wiener Hofoperntheaters vollends verathmet, wie ein Vogel
0321unter der Luftpumpe.