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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6069. Wien, Donnerstag, den 21. Juli 1881

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Musikalische Reisemomente. II.

Gersau am Vierwaldstädter-See.


0003Ed. H. Man reist zur Sommerszeit nicht in die Schweiz,
0004um Musik zu hören. Sie selbst läßt sich trotzdem reichlich
0005hören, und gerade in ihrer volksthümlichsten, für dies Land
0006bezeichnendsten Form: als Chorgesang der Erwachsenen und
0007der Schuljugend. In der systematischen Pflege mehrstimmigen
0008Gesangs ruht das Schwergewicht und die Eigenthümlichkeit
0009des Musikwesens in der Schweiz. Aus kunstlosen volksthüm-
0010lichen Anfängen entwickelte sich hier zu Anfang des Jahr-
0011hunderts der vierstimmige Männergesang, unabhängig von
0012seinem fast gleichzeitigen Erblühen in Norddeutschland. Wie
0013der Männergesang, so gewann auch der gemischte Chor bald
0014eine ansehnliche Pflege und Ausbreitung, gleich jenem eine
0015mehr sittliche und patriotische Tendenz, als eine rein arti-
0016stische beobachtend. In der Schweiz vereinigen sich die zahl-
0017reichen Singstimmen, starke und geringe, mehr zu eigener
0018Uebung und Erbauung, als um öffentlichen Beifalles willen.
0019Durch die bekannten, noch stetig fortwirkenden Verdienste des
0020alten Nägeli in Zürich, der seine musikalischen Grundsätze
0021mit den pädagogischen Pestalozzi’s stützte, wurden neben
0022den Musikvereinen auch die Schulen fleißigste Pflegestätten
0023des Chorgesanges. In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat
0024auch das eigentliche Concertwesen in den Vororten ansehnliche
0025Entwicklung erfahren; Basel und Zürich namentlich wett-
0026eifern mit regelmäßiger Orchester- und Kammermusik, machen
0027auch zeitweilig durch Aufführung großer Oratorien eine
0028rühmenswerthe, von bestem Gelingen begleitete Anstrengung.
0029Auch von guten Opernaufführungen hört man in neuerer
0030Zeit, obgleich die Oper jedenfalls hinter dem Concert- und
0031Chorwesen dieses Landes zurücksteht. Opernvorstellungen
0032haben die bedeutendsten Schweizer Hauptorte doch nur in den
0033Wintermonaten, und dann nicht immer regelmäßig. So oft
0034ich im Sommer die Schweiz besuchte, ich habe nie und nir-
0035gends auch nur das kleinste Theater offen gefunden. Um so
0036angenehmer überraschte mich diesmal eine Anzeige in der
0037Luzerner Zeitung: es werde Sonntag am 3. Juli um
003812 Uhr Mittags in Altdorf von der dortigen „Theater-
0039Gesellschaft“ Lortzing’s komische Oper „Der Waffenschmied“
0040aufgeführt werden.


0041Wer an einem Sonntage den Vierwaldstädter- oder
0042Züricher See befährt, der kann auf Sang und Klang zählen.
0043Auch auf unserem Dampfschiffe formirten bald acht bis zehn
0044rüstige Männer, mit Notenheften in der Hand, einen Kreis
0045und sangen einige hübsche Liedertafelchöre. Ihr Vortrag, frisch
0046und aufrichtig, wenngleich ohne feineren Schliff, machte guten
0047Eindruck; es klang so recht wie gesungene Sonntagsfreude.
0048Die Sänger waren durchwegs Arbeiter aus der großen Ma-
0049schinenwerkstätte in Olten und trugen als Vereinszeichen eine
0050kleine messingene Locomotive auf dem Hute. Dieser Arbeiter-
0051verein besaß aber außer seinem Gesangchor auch eine kleine
0052Fanfare von etwa sechs ungefügen Blechinstrumenten, welche
0053nunmehr ihre Seele in mehr dicken als reinen Tönen aus-
0054zuhauchen begannen. An musikalischem Zartgefühle standen
0055diese schmetternden Gesellen weit unter ihren singenden Brü-
0056dern; das gellende Ueberschnappen der Dampfpfeife und das
0057Schnauben der Maschine mag sie musikalisch verwöhnt haben.
0058Aber wer mag eine sittlich und social so erfreuliche Erschei-
0059nung nach reiner Intonation und Stimmung taxiren? Un-
0060sere
Stimmung ist stets die allerbeste, wenn wir solch einen
0061sonntäglichen Arbeiterausflug, bei dem nicht blos geschrien
0062und gezecht wird, beobachten.


0063Eine anspruchslose Gesangsproduction anderer Art hat-
0064ten wir kurz zuvor auf demselben Dampfschiffe auf der Fahrt
0065von Luzern nach Gersau erlebt. Es war ein wunderschönes
0066lustiges Wetter, und die blauen Wellen tanzten förmlich im
0067Glanze der Morgensonne. Die Hälfte des Verdecks war dicht
0068angefüllt von einer Schaar kleiner Mädchen, welche unter der
0069Obhut eines feinen jungen Geistlichen und dreier ehrwürdi-
0070ger Gouvernanten einen Ferienausflug über den See mach-
0071ten, wahrscheinlich um sich über Tell’s Platte und das Rütli 
0072verheerend zu verbreiten. Das war nun ein fröhliches Drän-
0073gen und Treiben auf dem Schiffe. Es wimmelte von
0074knospender Weiblichkeit, welche für die gute Zucht, wenngleich
0075nicht für die Schönheit des schweizerischen Nachwuchses tröst-
0076liche Aussicht eröffnete. Unermüdlich liefen die Mädchen trepp-
0077auf treppab, vom Verdeck in die Cajüten und wieder aus den
0078Cajüten aufs Verdeck, ein buntes, bewegtes Leben. Da sam-
0079melte sich endlich wieder auf einen Wink des Lehrers die
0080Mehrzahl der kleinen Schiffsschwärmerinnen, rückte regelrecht
0081auf den Bänken zusammen und stimmte ein heiteres Chor-
0082lied an. Als unmittelbare und doch geregelte Aeußerung ge-
0083meinsamer Fröhlichkeit wirkte dieser Pensionats-Gesang er-
0084freulich, musikalisch klang er ziemlich derb und unrein. Die
0085Mädchen sangen ohne feinere Tonempfindung, Alles gleich
0086stark. Die Frage, ob die ungemeine Bevorzugung des Chor-
0087gesanges in unserer Zeit (in Schulen, Vereinen und Concerten)
0088nicht eine nachtheilige Rückwirkung auf den Sologesang übe, hatte
0089sich mir oft aufgedrängt, und die alte Wahrnehmung, daß die
0090Schweiz, diese fleißigste Werkstätte des Chorsingens, so selten einen
0091ausgezeichneten Solosänger hervorbringt, flocht sich mir natur-
0092gemäß in jene Frage ein. In diesem Lande, wo jetzt jeder
0093Sonntag irgend ein Sängerfest bringt, zu dem zahlreiche
0094kleine Chorvereine zuströmen, wie Bächlein in den See, mußte
0095ich der trefflichen Bemerkungen gedenken, welche der Wiener
0096Specialist Professor Dr. Störk in seiner kürzlich erschie-
0097nenen Broschüre „Sprechen und Singen“ über diesen Punkt
0098vorbringt. Er nennt den Chorgesang „der Stimme sichersten
0099Ruin, sowol für Kinder als für Erwachsene“, und erklärt
0100Kinder von acht bis zwölf Jahren für unfähig, längere Zeit,
0101gar eine ganze Stunde lang, unbeschadet der Leistungsfähigkeit
0102ihrer zarten Kehlkopfmusculatur zu singen. Ein paar Stun-
0103den anstrengenden Chorgesangs in der Schule kann die beste
0104Stimme für alle Zukunft ruiniren. Ohne den musikalischen
0105Nutzen und den gemüthlich veredelnden Einfluß des Singens
0106in der Schule zu leugnen, behauptet doch Störk, daß das-
0107selbe für spätere Zeiten auf die eigentliche musikalische Aus-
0108bildung im Gesang von schädlichster Wirkung sei, und räth,
0109man möge Schüler, bei denen sich besonders günstige Anla-
0110gen für den Gesang zeigen, sehr bald mit dem Schulgesang [2]
0111aufhören lassen. Wenn Störk schließlich den Chorgesang,
0112wie er eben in der Schule geübt wird, als das richtigste
0113Mittel bezeichnet, um das Gehör für seine musikalische Wahr-
0114nehmungen abzustumpfen und die Individualisirung des Ge-
0115sanges zu verhindern, so kann der Musiker leider nicht umhin,
0116das herbe Wort des Arztes zu unterschreiben.


0117Endlich landete unser musikalisches Dampfschiff an der
0118Endspitze des Sees, in Flüelen, von wo uns ein rasches
0119Fuhrwerk bald auf staubiger Landstraße nach Altdorf brachte.
0120Die poetische Andacht, mit der wir den Boden von Tell’s
0121Apfelschuß und all die übrigen Stätten in den Urcantonen
0122betreten, ja die bloßen Namen so mancher Bergspitzen, Ge-
0123wässer, Ortschaften hier vernehmen, ist das eigenste Werk
0124Schiller’s; er hat uns das Schweizerland, das er nie-
0125mals selbst gesehen, zuerst erschlossen und verherrlicht, und
0126wandelt hier Jedem von uns ein unsichtbarer Führer beglückend
0127zur Seite. Diese verklärende, ungemessene Popularität, welche
0128ein Gedicht, Schiller’s „Tell“, einem ganzen Lande verlieh,
0129ist ohne Beispiel in der Literaturgeschichte. Die Schweiz hat
0130das anerkannt und durch ein Denkmal ausgesprochen, das
0131in seiner Einfachheit zu den schönsten und rührendsten gehört.
0132Es ist ein aus dem See aufsteigender mächtiger Felsblock,
0133auf dessen vorderer geglätteter Fläche die goldene Inschrift
0134prangt: Dem Dichter des Telldie dankbare
0135Schweiz
. — Altdorf also, auf dem sich die bewegteste
0136Scene des Schiller’schen Dramas aufbaut, sollte uns heute
0137durch eine Opernvorstellung interessant werden. Ich erfuhr
0138bald, daß die auf den Anschlagzetteln genannte „Theater-
0139Gesellschaft“ keineswegs aus Künstlern vom Fach, sondern
0140durchwegs aus Dilettanten besteht — Orchester, Chor und
0141Sänger — welche jährlich eine bis zwei Vorstellungen ver-
0142anstalten, in musikalischen Mißjahren auch gar keine. Die seltsame
0143Mittagsstunde hatten sie gewählt, um auch den entfernteren
0144Anwohnern und fremden Touristen den Besuch der Oper zu
0145erleichtern. Leider absorbirte das gleichzeitige „Eidgenössische
0146Festschießen“ in Luzern ein großes Publicum und ließ dem
0147Waffenschmied“ in Altdorf nur ein kleines. Die Vorstel-
0148lung fand in einem weißgetünchten, mäßig großen Saale des
0149Gemeindehauses statt, in welchem drei Wandlampen mit dem 
0150einschleichenden Tageslichte sich zu einer petroleumduftigen
0151Dämmerung vereinigten. Vor einer ansehnlichen Zahl höl-
0152zerner Bänke erhob sich die Bühne, tief genug für die An-
0153sammlung eines Dutzends Choristen und gerade so hoch,
0154daß die Sänger nicht mit dem Kopfe oben anstießen. Es
0155schlug 12 Uhr, und zu meinem großen Schrecken gab der
0156Capellmeister sofort das Zeichen zur Ouvertüre. Denn ich
0157gewahrte in dem bescheidenen Orchester, in welchem auch ein
0158junges Mädchen tapfer mitgeigte, weder eine Flöte, noch ein
0159Fagott, noch ein Violoncell. Ich schmeichle nicht gerne, aber
0160diese Orchesterleistung gehörte zu den grausamsten. Ein
0161Fremder neben mir, der beschwichtigend äußerte, „für Alt-
0162dorf“ sei dieses Orchester doch ganz gut, hätte verdient,
0163wegen Beleidigung dieser Stadt angeklagt zu werden. Zum
0164Glücke gingen die meisten der gegeigten Uebelthaten in dem
0165Höllenfeuer der Blechmusik rasch unter. Meine Besorgniß, wie denn
0166die ganze Oper mit diesem cello-, flöten- und fagottlosen, überhaupt
0167gottlosen Orchester werde durchzubringen sein, erwies sich jedoch
0168als überflüssig, denn nach der Introduction mit dem Chor
0169der Schmiede legte der Capellmeister die Partitur gelassen
0170beiseite und accompagnirte alle folgenden Arien, Duette und
0171Terzette auf dem Pianino, um erst wieder bei dem zweiten
0172Finale die Orchestermächte zu entfesseln. Dieses Pianino war
0173das Rettungsboot der Oper. Der Capellmeister, Herr An-
0174gela
, steuerte dasselbe ganz vortrefflich und verdient über-
0175haupt für seine Beherrschung so drangvoller Verhältnisse das
0176aufrichtigste Lob. Er war die musikalische Seele dieses un-
0177geberdigen Körpers und hat das Verdienst, daß letzterer nir-
0178gends geradezu versagte oder in seine Atome zerfiel. Was
0179die Solisten betrifft, so behauptete der Darsteller des Waffen-
0180schmiedes, ein Altdorfer Kaufmann, durch seine recht frei
0181behandelte, kraftvolle Baßstimme eine große Ueberlegenheit
0182über das gesammte Personal und brachte auch schauspielerisch
0183die behäbige Figur angemessen heraus. Weniger glücklich war
0184der Darsteller des ritterlichen und galanten Grafen Liebenau 
0185— ein stattlicher, bartumwaldeter Ingenieur der Gotthard
0186bahn, der gewiß bei den gefährlichsten Tunnelsprengungen
0187mehr Fassung gezeigt hat, als heute in der Oper. Der Mann
0188sang mit einer ängstlich gequetschten Stimme und ging dabei 
0189in kurzem Trab, gesenkten Kopfes, furchtsam hin und her,
0190wie ein verdrießlicher Bär im Käfig. Er war fortwährend in so
0191grausamer Verlegenheit, daß man ihn für die leidende Un-
0192schuld in der Comödie halten mochte und herzlich bedauerte.
0193Wie dieser Graf Liebenau, so hatten auch sein Knappe
0194Georg, der Ritter Adelbert und die beiden Damen von der
0195sonst als gütig bekannten Mutter Natur sehr wenig Stimme
0196erhalten und auch nur ebenso viel Talent. An den recht ge-
0197fälligen und wohlerhaltenen Costümen frappirte mich ein
0198fremdartiges und doch wieder wohlbekanntes Etwas, das ich
0199mir anfangs nicht recht zu erklären wußte. Sie paßten offen-
0200bar nicht recht in diese Oper. Wie kommt es, daß Liebenau,
0201ganz gegen sein Incognito, als Schmiedgeselle ein roth-
0202sammtenes Wamms mit weißen Puffen trägt, der andere
0203angebliche Schmiedgeselle Georg ein schwarzsammtenes mit
0204Goldborten, während ihr Herr und Meister, der reiche
0205Waffenschmied, in unscheinbarem braunen Tuchkleide auftritt?
0206Ja, ich täusche mich kaum, es sind Costüme aus „Wil-
0207helm Tell
“. Kann man gerade Altdorf eine erklärliche Vor-
0208liebe für dieses Costüm und einen geschichtlichen Anspruch darauf
0209absprechen? Gewiß, dieser Waffenschmied ist der leibhafte
0210Werner Staufacher, seine Gesellen Liebenau und Georg sind
0211Ulrich von Rudenz und Melchthal, und selbst die furchtbare
0212rothe Feder auf dem Haupte des schwäbelnden Komikers
0213verkündet laut die Schreckensmär von Geßler’s Hut.


0214Trotz ihrer Unzulänglichkeit, vielleicht gerade durch die-
0215selbe, erregte die Altdorfer Dilettanten-Oper unser lebhaftes
0216Interesse. Sie zeigte von neuem zweierlei: zuerst, wie viel
0217dazu gehört, sich auch nur die nothwendigste Technik des
0218Theaterspielens anzueignen, sodann wie mühsam gerade die
0219Deutschen mit dieser Schwierigkeit kämpfen. Strenge Kritiker
0220sollten mitunter durch solche Dilettanten-Vorstellungen sich
0221in Erinnerung bringen, daß es schon etwas bedeuten will,
0222auf der Bühne anständig gehen und stehen, vollends sich
0223mimisch ausdrücken zu können. Es bleibt eben eine Kunst,
0224deren ABC gelernt sein muß. An richtigem Verständniß der
0225Rolle fehlte es gewiß keinem unserer Altdorfer, Alles war
0226verstanden, Alles studirt mit heißem Bemühen, aber nichts
0227von dem Allen wollte an die Oberfläche treten, nichts die [3]
0228schwere Decke von Verlegenheit durchbrechen. Dieses schüch-
0229terne, recht eigentlich verschämte Wesen, dieses In-sich-Hinein-
0230spielen und Vor-sich-her-sprechen ist vor Allem ein Charakter-
0231zug der Deutschen. Die Altdorfer Dilettanten (mit Aus-
0232nahme des Waffenschmiedes) sahen immer aus, als ob sie
0233sich schämten, etwas Anderes als sich selbst vorstellen zu
0234sollen. Jeder schien sich heimlich zuzuflüstern, daß es sich für
0235ihn, den Beamten, den Lehrer, den Ingenieur, den Kauf-
0236mann nicht schicke, in öffentlicher Versammlung sich auf den
0237anmuthigen Verführer oder den dummdreisten Kerl zu spielen.
0238Die Damen vollends, sittsame Bürgerstöchter, bringen es nicht
0239über sich, auf der Bühne herzhaft lustig oder leidenschaftlich
0240verliebt zu sein. In manchen Momenten scheinen sie schon
0241willens, aus sich herauszugehen, wenigstens mit halbgespannten
0242Segeln einmal aus ihrem bürgerlichen Ich in die offene See
0243der Dichtung auszulaufen, aber sofort weichen sie wie
0244Hamlet scheu vor dem wirklichen Wagestück. Im Vortrage
0245koketter oder komischer Arien, welche gleichzeitig eine degagirte
0246Mimik verlangen, wird man junge Dilettantinnen noch zag-
0247hafter finden, als im Tragischen; sie verleugnen da selbst
0248das Bischen Temperament, das sie besitzen. Die meisten An-
0249fängerinnen, wenn sie nicht ausgesprochenes Spieltalent haben,
0250machen es in solchen Fällen, wie des Waffenschmieds Töch-
0251terlein oder ihre Muhme Irmentraut in Altdorf, welche
0252Beide während ihrer Arien stets mit kleinen Schritten tact-
0253mäßig auf und nieder gingen und dazu mit der rechten Hand
0254eine kurze, periodisch wiederkehrende Bewegung machten. Auch
0255brachten es Beide in der Mimik nicht über einen unver-
0256änderlich gleichgiltigen Gesichtsausdruck und sehen doch zu
0257Hause gewiß recht fröhlich oder nach Umständen traurig aus.
0258Unsere deutschen Dilettanten sind nicht blos genirt in ihrer
0259Rolle, das Spielen selbst genirt sie. Der Südländer ist von
0260Haus aus frei von diesem Alp der Verschämtheit; er zieht
0261nicht sofort die Fühlhörner ein bei leisester Berührung mit
0262der Oeffentlichkeit. Im Sommer pflegen oft kleine italienische
0263Sängergesellschaften von vier bis sechs Personen über den
0264Gotthard herüberzukommen und sich zu produciren. Mit
0265einer oder zwei Guitarren stellen sie sich im Hausflur oder
0266vor den Hotels auf und singen Arien, Duette, auch ganze Scenen 
0267aus italienischen Opern, ohne jeglichen theatralischen Apparat,
0268in ihrem schäbig flotten Alltagsgewand. Obwol nicht auf der
0269Scene, werfen sie sich doch sofort in volle dramatische Action,
0270singen und spielen mit jenem offenen Feuer, mit jener
0271„Disinvoltura“, welche die natürliche Mitgift des Romanen
0272ist. Mit Ausnahme etwa eines älteren ausgesungenen Teno-
0273risten oder einer verblühten Sopranistin, welche mit den
0274Resten einer besseren Gesangsbildung das lärmende Ungestüm
0275des Ensembles abdämpft, besteht dieses aus lauter jungen
0276rohen Naturalisten. Sie stehen an musikalischer und allge-
0277meiner Bildung gewiß tief unter unseren deutschen Dilet-
0278tanten von Altdorf und anderswo, aber wie hoch übertreffen
0279sie diese in natürlicher Lebendigkeit und angeborenem drama-
0280tischen Trieb! Wie dringt bei ihnen jeder Gedanke, jede
0281Empfindung gleich sinnenfällig an die Oberfläche, roh, aber
0282deutlich! Dabei welche Freude am eigenen frischen Comödien-
0283spiel, welche Wollust der Frescomalerei! Haben diese fahrenden
0284Sänger aus Wälschland hinreichend die Luft erschüttert und
0285ihr Honorar eingeheimst, dann verabschieden sie sich mit
0286einer graziösen Schwenkung des Hutes, mit einer weitaus-
0287ladenden verbindlichen Handbewegung, wie sie mancher deutsche
0288Opernsänger zeitlebens nicht erlernt.


0289Trotz aller seiner Mängel verließ ich den Musentempel
0290im Gemeindehause zu Altdorf mit dem Gefühle der Sym-
0291pathie und Achtung für die wackeren Bürger, welche viele
0292Wochen lang ihre freien Abende dem Studium einer guten
0293deutschen Oper widmen. Sie erweitern damit ihren Horizont
0294nach ungeahnten Weltgegenden des Geistes und bieten vielen
0295ihrer Schweizer Mitbürger den seltenen, vielleicht ganz neuen
0296Genuß, eine ganze Oper zu hören. Daß die Veranstalter
0297nicht Fachmusiker, sondern durchwegs Dilettanten sind, ver-
0298pflichtet natürlich den Besucher und vollends den Bericht-
0299erstatter zu freundlichster Nachsicht. Zur Nachsicht — aber
0300auch zum ewigen Stillschweigen? Ich glaube nicht; denn eine
0301öffentliche Production, die sich in Zeitungen und Placaten
0302ankündigt und ein Eintrittsgeld von zwei Francs festsetzt,
0303darf sich auch nicht wehren gegen öffentliches Urtheil, vor-
0304ausgesetzt, daß dieses billig sei, wie die Altdorfer Vorstellung
0305selbst.