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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6137. Wien, Mittwoch, den 28. September 1881

[1]

Allerlei neue Musik.


0002Ed. H. Wiener-Neustadt, das Eldorado hoffnungsvoller
0003Vaterlandsvertheidiger, gestaltet sich in neuester Zeit auch zu
0004einem beliebten Wallfahrtsorte für unsere jüngeren Compo-
0005nisten. Es hat sich daselbst in der Person des Herrn Eduard
0006Wedl ein rühriger patriotischer Verleger erhoben, dem
0007es offenbar weniger um kaufmännischen Gewinn zu thun ist,
0008als um Förderung einheimischer Talente. Er läßt deren
0009Compositionen sehr hübsch stechen — in Leipzig natürlich,
0010wie denn bekanntlich der österreichische Musikverlag zum
0011größten und elegantesten Theile typographisch abhängig ist
0012vom Auslande. Bis jetzt sind es lauter österreichische Musen-
0013söhne, welche den bereits zu ansehnlicher Höhe gediegenen
0014Notenberg des Herrn Wedl aufgerichtet haben, zum Civil-
0015ruhm der militärisch schon sattsam berühmten „Neustadt“.


0016Zu den erfreulichsten Novitäten dieses Verlages zählen
0017wir „Vier Lieder für gemischten Chor“ (Op. 29) von
0018Julius Zellner. Die Literatur dieses Zweiges ist weit
0019spärlicher bedacht, als jene für den Männerchor, um so
0020willkommener muß unseren chorvereinten Damen und Herren
0021das neue Zellner’sche Heft erscheinen. Es gehört zu dem
0022Besten, was dieser Componist — der stets sorgfältig und
0023gediegen, aber nicht immer originell schreibt — geleistet hat.
0024Seine Chorlieder sind einfach und doch ausdrucksvoll bewegt,
0025zwei Eigenschaften, die sich nicht eben häufig zusammenfinden
0026in der neuesten Vocalmusik, wo das Einfache nach gekünstelter
0027Naivetät schmeckt und jedes leidenschaftliche Gefühl gleich ins
0028Maßlose, Theatralische sich versteigt. Die Modernen verlangen
0029ja heute von dem einfachsten Liede zuerst, daß es so „distin-
0030guirt“ als möglich klinge und eine Welt von harmonischem
0031und rhythmischem Tiefsinn berge. In J. Zellner’s neuen
0032Chören, besonders in den zwei ersten, waltet ein herzlicher
0033und doch feiner Ton. Wir hätten nur gegen die schwer zu
0034intonirende Stelle: „O wär’ ich doch der Adler!“ ein kleines
0035Bedenken; ist doch nicht jeder Chorsänger ein fernhintreffen-
0036der Adler.


0037Feine und geistreiche Züge finden sich in den neuen
0038Liederheften von Jacob Fischer und Hermann 
0039Grädener, bei unleugbarer Neigung zu musikalischem
0040und declamatorischem Raffinement. J. Fischer trifft in
0041seinen Volksthümlichen Liedern (Op. 7) sehr glücklich den Ton
0042rumänischer, ruthenischer und serbischer Nationalität. In
0043H. Grädener’s Liedern (Op. 15) herrscht ein mehr dra-
0044matisches Leben, das mitunter ein recht überschwengliches und
0045gährendes. Der häufige Wechsel zwischen zweitheiligem und
0046dreitheiligem Tact in ein und demselben Liede beginnt als
0047moderner Effect stark einzureißen; er muß declamatorisch
0048streng motivirt und musikalisch zart ausgeglichen sein,
0049um nicht als willkürliche Sonderbarkeit zu erscheinen.
0050Was mich in dem Grädener’schen Hefte störend berührt, ist
0051die höchst moderne Orthographie der Textworte. Da lesen
0052wir z. B. „Mein Bul’ hat mich verjaget — tut meinem
0053Herzen we“! Die ganze Lächerlichkeit und Ungereimtheit
0054dieser Schreibweise kann sich drastischer nicht offenbaren, als
0055in diesem einzigen „we“, das auf einer langsamen halben
0056Note gesungen wird. Wäre ich Verleger, so ließe ich mir
0057von keinem Autor solche leserverscheuchende Orthographie oder
0058Kakographie aufdringen; ebensowenig würde ich als Autor
0059sie mir von einem Verleger octroyiren lassen. Oder sollten
0060hier wirklich zwei Menschen in der unglaublichen Todfeind-
0061schaft gegen den armen Buchstaben h einig gewesen sein?
0062Als gefällig und dankbar, bei mäßiger Originalität, empfeh-
0063len sich auch einige Lieder von Adolph Müller junior.
0064(Op. 20, 21.) Sämmtliche bei Wedl erschienenen Lieder-
0065hefte erfreuten uns durch eine praktische Neuerung, die all-
0066gemeine Nachfolge verdient: die Singstimme ist nämlich nicht
0067blos partiturgemäß über der Clavierbegleitung, sondern über-
0068dies selbstständig auf einem abgesonderten Blatte gedruckt,
0069wie die Violinstimme bei Sonaten für Clavier und Geige
0070u. dgl. Dadurch ist dem Sänger das üble Dilemma erspart,
0071sich entweder ein zweites Exemplar, das er in Händen halte,
0072zu kaufen, oder angestrengten Auges, in vorgebeugter Hal-
0073tung, aus dem Exemplar des begleitenden Pianisten zu singen.
0074Von den zahlreichen Clavierstücken, welche in Wiener-Neustadt 
0075das Tageslicht erblickt haben, verdienen ein „Impromptu“
0076und „Idyll“ (Op. 37) von Ignaz Brüll erwähnt zu
0077werden, zwei etüdenartige Salonstücke von sehr gefälliger Er-
0078findung und mittlerer Schwierigkeit. Ferner „zwölf Varia-
0079tionen über ein eigenes Thema“ (Op. 6) von Stephan 
0080Stocker, einem tüchtigen Musiker von ernster Richtung
0081und wählerischem Geschmacke.


0082Nach diesen Novitäten aus österreichischem Verlage
0083mögen einige im deutschen Reiche erschienene neue Compo-
0084sitionen hier gewürdigt werden. Wohlgemerkt: einige, einige
0085wenige, beileibe nicht alle uns seit Jahresfrist „zur Be-
0086sprechung“ zugeschickten. Die „Neue Freie Presse“ ist — wie
0087wir den geehrten Verlegern und Componisten leider verrathen
0088müssen — keine Musikzeitung und hat weder die Pflicht noch
0089die Passion, auch nur das Bessere einer fast unübersehbaren
0090Musik-Production zu besprechen, geschweige denn das Alltäg-
0091liche und Unbedeutende. Die aufrichtige Freude, die uns eine
0092neue musikalische Bekanntschaft von Bedeutung gewährt,
0093theilen wir gerne unseren Lesern mit, behalten uns aber voll-
0094kommen freie Hand vor und lassen uns (wie Bismarck sagt)
0095nicht „drangsaliren“ durch unermüdliche schriftliche Mahnun-
0096gen, doch endlich irgend eine mit lithographirten „Bemer-
0097kungen für die geehrten Herren Musik-Referenten“ begleitete
0098Symphonie eingehend zu würdigen.


0099Wir beschränken uns heute auf die neuesten Composi-
0100tionen von Anton Dvorak und von E. S. Engels-
0101berg
. Die in Simrock’s hochangesehenem Verlage so-
0102eben erschienene Novität von Dvorak führt den Titel:
0103Legenden für das Clavier zu vier Händen“, Op. 59. Diese
0104zehn Stücke gehören zu dem Reizendsten, was in neuerer
0105Zeit für das Clavier geschrieben ist. Die Bezeichnung „Le-
0106genden“ rechtfertigt ein gewisser erzählender, episch maßhal-
0107tender Ton, welcher die ganze Reihe charakteristisch durch-
0108zieht, bald zu geheimnißvollem Flüstern gedämpft, bald zu
0109lebhafter Schilderung sich erhebend. Was da erzählt wird,
0110kann freilich Niemand sagen; doch fühlt man, daß das Wun-
0111derbare, Märchenhafte dabei eine Hauptrolle spielt. Dvorak 
0112ist zu sehr echter Musiker, um mit Notenköpfen malen zu
0113wollen; er bindet die Phantasie des Hörers an kein poeti-
0114sches Programm, er verschmäht sogar (zu unserer unver-
0115holenen Befriedigung) einzelne Ueberschriften. Gewiß würde
0116ein mit Heine’s „Klangbildertalent“ begnadeter Poet die
0117schönsten Geschichten heraushören. Für uns haben dergleichen
0118Deutungen keinen reellen Werth; wir halten uns an die
0119Musik selbst, und diese quillt in den „Legenden“ aus kry-
0120stallener Tiefe, erquickend und reichlich. Was ist’s, das in [2]
0121Dvorak’s Musik uns gleich so sympathisch anzieht und mit
0122weicher, warmer Hand festhält? Ihre Unmittelbarkeit und
0123gesunde Frische. „Froh wird man bei ihm,“ um ein
0124einfaches und doch treffendes Wort anzuwenden, womit
0125Fr. Vischer den Novellisten Gottfried Keller charakterisirt.
0126Die Unmittelbarkeit dieser Melodien strömt uns Lebensgefühl
0127ins Herz. In Dvorak’s köstlichen „Liedern aus Mähren“
0128(zweistimmig), in seinen „Slavischen Tänzen“, der As-dur-
0129Rhapsodie, dem Sextett für Streichinstrumente fühlten wir
0130schon diese eigenthümliche würzige, frische Luft wehen; sie
0131dünkte uns vielleicht nur zu stark durchdrungen von dem
0132exotischen Dufte czechischer Flora. Dvorak, der stets nur un-
0133ter Slaven gelebt, und zwar ein Sohn des Volkes im
0134Volke, hat sich mit dem Geiste slavischer National-Melodien
0135so innig erfüllt, daß man besorgen durfte, er möchte diesem
0136bestrickenden, aber einseitigen Reize sich allzusehr gefangen
0137geben. Seine „Legenden“ zeigen, daß Dvorak der nationa-
0138len Anklänge nicht bedarf, um eigenthümlich Schönes zu
0139schaffen; er spricht darin die Sprache Schumann’s und
0140Brahms’. An Schumann’sKlänge aus Osten“ erinnert
0141nach Form und Stimmung manche der Legenden; vielleicht
0142haben jene Schumann’schen Charakterstücke Anregung dazu
0143gegeben, sowie Brahms’ köstliche „Ungarische“ zu den
0144Slavischen Tänzen“. (Für die Popularität der Brahms’-
0145schen Composition findet sich, beiläufig gesagt, ein merk-
0146würdiger Beleg in Daudet’s Roman „Les Rois en exil“,
0147wo in der Schilderung eines Pariser Ballfestes beim Duc
0148de Rosen die Tänzer und Tänzerinnen sich in verzücktem
0149Wirbel drehen „bei den magischen Klängen eines Walzers
0150von Brahms“.) In den früheren, insbesondere den größe-
0151ren Werken von Dvorak störten uns mitunter ermüdende
0152Wiederholungen, nachlässig bequeme Durchführungssätze, leere
0153Strecken, die nur Lückenbüßerdienst verrichteten, nach welchen
0154freilich immer wieder etwas bestechend Schönes, ein uner-
0155warteter glücklicher Einfall auftauchte. Dergleichen ernüch-
0156ternden, abspannenden Partien begegnet man nirgends in
0157den „Legenden“. Hier könnten wir nicht das Mindeste hinzu- 
0158oder wegwünschen; überall ist die Form aufs schönste erfüllt
0159und abgerundet. Dvorak’s Motive sind meistens kurz, aber
0160prägnant und glücklich erfunden; sie erscheinen bei jeder
0161Wiederkehr neu, in wechselnder Beleuchtung. Nur ein Meister 
0162harmonischer und contrapunktischer Kunst konnte diese Legen-
0163den schreiben, so wenig kunstvoll und gelehrt sie auf den
0164ersten Blick aussehen. Eben darin, in ihrer Unauffälligkeit,
0165liegt der größte Reiz dieser Kunst bei Dvorak; er verfährt
0166damit eher heimlich, verschämt, als prahlend und aufdringlich.
0167An der kräftigen Gedrungenheit seines Satzes merken wir, daß
0168der Componist eine strenge Schule hinter sich hat; er macht
0169uns diese Schule nicht vor. Alle harmonische Blüthenfülle,
0170alles contrapunktische Geranke entspringt bei ihm unmittelbar
0171und natürlich aus der musikalischen Idee. Wie er uns nicht
0172durch die Mysterien gelehrter Kunststücke blenden will, so
0173verschmäht er auch die weltschmerzlichen Mienen und den
0174interessanten selbstmörderischen Wurf, worin sich junge
0175Componisten so ungemein gefallen. Dvorak sagt uns die lieb-
0176lichsten, sinnreichsten Dinge so schlicht, als ob sich das Alles
0177von selbst verstünde — der echte Poet. Leicht entgehe ich der
0178Versuchung, dem Leser ein Bild von den einzelnen „Legen-
0179den“ zu geben. Musik läßt sich wol im Allgemeinen charakte-
0180risiren, im Einzelnen aber nicht nacherzählen. Sollte ich
0181meine besonderen Lieblinge nennen, so wären es zunächst die
0182erste und zweite Legende mit ihren seelenvoll singenden Mittel-
0183sätzen, dann die vierte in C-dur, deren markiges, fast
0184schroffes Thema im Verlaufe immer neue Blüthen und
0185Früchte ansetzt, ferner die fünfte mit dem wundervoll rück-
0186kehrenden zarten Refrain, endlich die letzte Legende mit ihren
0187prachtvoll modulirenden Steigerungen. Vielleicht ist sie die
0188schönste von diesen zehn Legenden, vielleicht ist’s eine andere;
0189darüber wird es verschiedene Meinungen geben innerhalb der
0190Einen allgemeinen: daß sie alle schön sind.


0191Letzteres Gesammt-Urtheil dürfte ungefähr auch über
0192die neu erschienenen Chöre und Männerquartette von
0193Engelsberg (Eduard Schön) verlauten. Es sind die
0194ersten von Alwin Cranz in Hamburg verlegten und
0195sehr nett ausgestatteten zwölf Helfte aus dem Nachlasse des
0196uns früh geraubten Componisten. Er selbst hat die Ver-
0197öffentlichung dieser in voller Frische geschaffenen Melodien
0198nicht mehr erleben sollen. Mein armer Schön! Und doch
0199auch wieder reich und hoch bevorzugt! Auf seinen Namen,
0200sein Lied sehen wir jetzt Ehren gehäuft, um die ihn Größere
0201beneiden dürften. Ein Denkmal ist ihm auf dem Marktplatze
0202seiner Vaterstadt Engelsberg gesetzt, deren Namen er 
0203musikalisch in alle Welt verbreitet hat. Mit Festreden und
0204Festgesängen feierten dort die ganze Bevölkerung und zahl-
0205reiche fremde Deputationen sein Andenken. Hätte der beschei-
0206dene Mann, der sich selbst nie zu den ernsten Musikern von
0207Fach zählte, einmal bei Lebzeiten vernommen, daß ihm
0208eine Statue auf öffentlichem Platze bevorstehe — ich glaube,
0209er wäre vor Scham und Schrecken in den Boden gesunken.
0210Schrieb er doch seine Compositionen eigentlich ohne Absicht
0211auf Veröffentlichung, nur zu seinem und seiner Freunde
0212Privatvergnügen; er mußte gebeten und gedrängt werden,
0213zeitweilig etwas aus dem aufgestapelten Schatze seiner Ma-
0214nuscripte dem Publicum preiszugeben. Dann aber versteckte er
0215mit einer Art jungfräulicher Scham seinen Namen auf dem
0216Anschlagezettel und sich selbst bei der Aufführung, so hart-
0217näckig der jubelnde Zuruf der Versammlung ihn aus
0218seinem Incognito herauszulocken versuchte. Andere erfreut
0219zu haben mit seinen Melodien, erfüllte ihn mit reiner, von
0220Eitelkeit unberührter Freude; den außerordentlichen und weit-
0221reichenden Erfolg seiner Chöre betrachtete er fast wie einen
0222unverdienten Glücksfall. Er wollte es nicht zugeben, daß
0223ein frisches, unverdorbenes Talent wie das seine heutzutage
0224eine Seltenheit und der reichsprudelnde Quell der Melodien
0225eine kostbare Himmelsgabe sei. Wahr, natürlich und innig
0226sein in der Musik, schien ihm etwas so Selbstverständliches,
0227wie ehrlich sein im Leben — davon sei ja kein Aufhebens zu
0228machen. Wir Anderen wußten aber recht wohl, was so ge-
0229sunder Humor, so reizvolle Frische und Anmuth des Ge-
0230sanges werth seien in einer auf das Gewaltsame gestellten
0231Kunstepoche. Engelsberg hielt sich, seine Begabung lieber
0232unter- als überschätzend, weise innerhalb des bescheidenen
0233Compositionskreises, den er mit vollkommener Sicherheit und
0234Anmuth beherrschte. Es ist sehr möglich, daß Engelsberg’s
0235echtes Talent sich noch ansehnlich gestreckt und eines Tages
0236auch größere Aufgaben bewältigt hätte, wäre es ihm,
0237dem vielbeschäftigten Staatsbeamten, vergönnt gewesen,
0238ganz und ungetheilt der Kunst zu leben, der er doch
0239nur in unsicheren Mußestunden, halbverstohlen schön
0240thun durfte. Demungeachtet muß die Kritik sich vor
0241Uebertreibungen hüten, durch welche sie ein Unrecht gegen
0242Größere beginge. Wenn in den jüngsten Festreden Engels-
0243berg als einer unserer „musikalischen Heroen“ und „großen [3]
0244Meister“ gefeiert, auch in Einem Athemzuge mit Franz
0245Schubert genannt wurde, so heißt das nicht blos die Wahr-
0246heit, sondern auch die ehrliche Bescheidenheit unseres Schön 
0247im Grabe verletzen. Da er selbst dagegen nicht mehr prote-
0248stiren kann, so thue ich es in seinem Namen — und nie-
0249mals fühle ich mich im Leben so sehr als Schön’s wahrer
0250Freund wie jetzt, da ich ihn im Tode gegen unbesonnene
0251Ueberschätzung verwahre. Glaube ich doch fast sein kindlich
0252frohes, laut schmetterndes Gelächter zu hören, mit dem er
0253solche Erhebung zum „großen Meister“ beantwortet hätte.
0254Engelsberg war weder groß noch Meister, aber der liebens-
0255würdigste und gemüthvollste Sänger, die holdeste Lerche, die
0256sich je in ein Ministerial-Bureau verflattert hatte, und der
0257es vom Himmel gegeben war, uns manchmal Momente des
0258Glückes zu bereiten, wie sie nicht immer in der Macht
0259„großer Meister“ liegen.


0260Die zwölf neu erschienenen Chöre aus Engelsberg’s Nach-
0261laß weisen seine alten bekannten Vorzüge auf und das unver-
0262kennbare Engelsberg’sche Gepräge. Engelsberg hatte ohne
0263Frage sein eigenes „cachet“, man wird es an keinem der
0264neuen Chöre vermissen. Am wenigsten befriedigte uns die
0265erste Nummer: „Akme und Septimius“, ein Gedicht, dessen
0266spröder Stoff und antikes Versmaß kaum völlig in Musik
0267lösbar sind. „Margherita“ hingegen und „Das Bienchen“
0268(beides Gedichte von Paul Heyse), zeichnen sich durch
0269zarte Empfindung und lebensvolle Rhythmik aus, der „Sta-
0270tistische Bericht“ durch unwiderstehliche possenhafte Komik.
0271Unter den sentimentalen und elegischen Stücken ragen ins-
0272besondere drei hervor: „Das Minnelied“ (von Silberstein),
0273Die Gestirne“ (von Waldmüller) und das „Morgenlied“
0274(von J. Rodenberg) mit Bariton-Solo; sie athmen bei tiefer
0275Empfindung eine melodiöse Süßigkeit, die wie Akazienduft
0276auf den Hörer eindringt. Wie erklären wir uns das Wunder,
0277daß Engelsberg, den die schwierigsten, verantwortlichsten
0278Staatsgeschäfte tagsüber festhielten und oft bis in den Traum
0279verfolgten, beim Componiren immer die Frische und Heiter-
0280keit des Gemüthes wiederfand, welche seine Musik so sonnig
0281durchleuchten? Es war wol der Lohn eines nur von Pflicht-
0282treue und Wohlwollen geleiteten reinen, vorwurfsfreien Lebens.