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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6185. Wien, Dienstag, den 15. November 1881

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Concerte.


0002Ed. H. „Mit Würd’ und Hoheit angethan“ empfing
0003uns die Gesellschaft der Musikfreunde an der
0004Schwelle dieser Saison: sie eröffnete ihren Concert-Cyklus
0005mit Haydn’s „Schöpfung“. Fünf Jahre sind verflossen,
0006seitdem dieses Werk unter Herbeck’s unvergeßlicher Lei-
0007tung zuletzt gehört wurde. Am vorigen Sonntag bewiesen
0008der gedrängt volle Saal und die andächtige Theilnahme in
0009demselben, daß die Wiederholung der „Schöpfung“ keines-
0010wegs ein verfrühtes Wagstück war. Man hört zwar oft
0011behaupten, die Wiener seien von Haydn’s „Schöpfung“ und
0012Jahreszeiten“ durch deren vieljährige regelmäßige Wieder-
0013holung auf lange hinaus übersättigt. Die Wiener von heute
0014kaum. Weit ab von der gegenwärtigen jüngeren Generation
0015liegt jene Zeit der stabilen Oster- und Weihnachts-Akademien
0016im Burgtheater, allwo die ehrwürdige „Tonkünstler-Witwen-
0017Societät“ die zwei Haydn’schen Oratorien unfehlbar, wenn
0018auch nicht fehlerfrei abspielte. Der Protest, den wir ehedem
0019gegen diese faule Praxis einlegten, welche uns für Haydn 
0020abgestumpft und gegen alles Uebrige abgeschlossen hatte,
0021gilt nicht mehr für die Gegenwart. Da gilt im
0022Gegentheile die Mahnung, man möge jene beiden, in
0023ihrer hohen musikalischen Meisterschaft wie in ihrem
0024reinen naiven Gemüthsleben unersetzlichen Werke nicht
0025in Vergessenheit fallen lassen, sondern darüber wachen, daß
0026die Jugend sie zu hören bekomme, wenn auch nicht ganz so
0027häufig, wie seinerzeit wir Aeltere. Die Aufführung der
0028Schöpfung“, von Herrn Director Gericke geleitet, zeich-
0029nete sich durch exactes und lebensvolles Zusammenwirken aller
0030Kräfte aus. Vor Allem glänzten die Herren Rokitansky 
0031und Walter durch würdigen, stylmäßigen Vortrag. Opern-
0032sänger, welche in das Oratorium keinerlei theatralische Art
0033und Unart übertragen, sind äußerst selten. Wir möchten in
0034diesem Sinne Walter und Rokitansky „weiße Raben“ nen-
0035nen, hätte das classische Bild nicht zufällig etwas Krächzen-
0036des. Zwischen diesen beiden Meistern stand Fräulein Marie
0037Fillunger
nicht auf gleicher, doch immerhin zureichender
0038Höhe. Fräulein Fillunger, bekanntlich eine Wienerin und
0039derzeit in Frankfurt ansässig, hat sich in kurzer Zeit eine sehr
0040geachtete Stellung als Concertsängerin errungen. Ihre
0041Stimme ist ein hoher Sopran von wohllautendem Timbre,
0042aber geringer Fülle. Ueber einer kraftlosen Tiefe und Mittel-
0043lage erhebt sie sich jedoch zu einer leicht und klangvoll an-
0044sprechenden Höhe. Fräulein Fillunger bewährte durchwegs eine
0045solide Schule und ruhigen, unaffectirten Vortrag, dem jedoch
0046etwas Unfreies Gebundenes noch anhaftet. Mehr Wärme
0047und geistige Beweglichkeit hätte insbesondere die so dankbare
0048Arie „Auf starkem Fittige“ zu größerer Wirkung gehoben.
0049Im Ganzen konnte Fräulein Fillunger’s Leistung eine sehr
0050achtbare und überwiegend gelungene heißen, die auch des wohl-
0051verdienten Beifalls nicht entbehrte.


0052So oft es über Haydn’sche Musik zu referiren gibt,
0053möchten wir mit dem „Ceterum vero censeo“ schließen, es
0054möge unser geehrter Freund C. F. Pohl mit dem zweiten
0055Bande seiner Haydn-Biographie nicht zu lange säumen. Das
0056Buch gleichen Inhalts, mit welchem der schnellfertige
0057A. Reißmann dem bedächtigen Pohl zuvorgekommen ist,
0058macht das Bedürfniß nach einer quellenmäßig genauen
0059Bearbeitung nur noch augenscheinlicher. Ueber ästhetisch-kri-
0060tische Urtheile ist es mißlich, zu streiten. Wenn Reißmann 
0061den „Jahreszeiten“ Haydn’s „nicht die Bedeutung“ beimißt,
0062wie der „Schöpfung“, da schon der Stoff dem Genius
0063Haydn’s nicht dieselbe Weihe und Spannkraft zu verleihen
0064vermochte u. s. w., so können wir dagegen eben nur einfach
0065bemerken, daß wir der entgegengesetzten Meinung sind und
0066die „Jahreszeiten“ für das reichere, lebensfrischere und dem
0067Talente Haydn’s weit homogenere Werk halten. Mit po-
0068sitiven Daten verhält es sich aber anders, und man wäre
0069geradezu irregeführt, wenn man Reißmann’s Angabe
0070(Seite 222) glauben wollte, daß die erste Auffüh-
0071rung der „Schöpfung“ im März 1799 „im Wie-
0072ner National-Hoftheater
“ stattgefunden habe.
0073Die „Schöpfung“ wurde zuerst von einer Gesellschaft
0074musikliebender Cavaliere, welche die Ehre der ersten Auffüh-
0075rung Wien sichern wollte (die „Schöpfung“ war ursprüng-
0076lich für London bestimmt) im fürstlich Schwarzen
0077berg’schen Palais auf dem Mehlmarkte am 19. Januar
00781799 aufgeführt und ebendaselbst am 19. März zu Haydn’s
0079Benefice wiederholt. Von der Tonkünstler-Societät wurde
0080die „Schöpfung“ im Burgtheater erst am 22. und 23. De-
0081cember desselben Jahres gegeben, und zwar — der erste
0082Fall seit dem Bestehen dieses Vereins — bei verdoppelten
0083Eintrittspreisen. Haydn’s „Jahreszeiten“ wurden gleichfalls
0084zuerst von jenem adeligen Liebhaber-Concert im Schwarzen-
0085berg’schen Palais, und zwar am 24. und 27. April 1801 
0086aufgeführt und gelangten abermals erst zu Weihnachten
0087durch die Tonkünstler-Societät ins Burgtheater. Wahr bleibt,
0088daß Haydn’s „Schöpfung“ gegenwärtig das respectable Alter
0089von 82 Jahren zählt und trotzdem am letzten Sonntag
0090wieder mit dem Zauber echter Jugend alle Gemüther er-
0091wärmte und erfrischte. Zwischen ihr und der heutigen Musik
0092liegt eine Welt. Man frage sich nur: welchem unserer Zeit-
0093genossen könnte man den Drang zumuthen, die naive Fröm-
0094migkeit und die eigenartige Begabung, die Schöpfungs-
0095geschichte in Tönen zu verherrlichen? Und wollte es einer
0096wagen, es würde wol statt einer Schöpfung aus dem Chaos
0097ein Chaos aus der Schöpfung werden.


0098Auch die „Philharmoniker“ haben seither ihre
0099Concerte begonnen. Aller Anfang ist schwer; wenn man aber
0100Wagner’s dramatische Oberherrschaft auch für die sym-
0101phonische Musik proclamirt und mit seiner „Meistersinger“-
0102Ouvertüre die Philharmonischen Concerte eröffnet, dann wird
0103der Anfang unpassend und geschmacklos. Das „Meistersinger“-
0104Vorspiel gehört vor die Oper, und da bekommen wir es ja
0105regelmäßig sehr schön zu hören; wir bedürfen seiner nicht im
0106Concerte, wo es theils unverständlich, theils durch seine
0107Massenhaftigkeit athemerdrückend wirkt. Obendrein gefiel
0108Herrn Hofcapellmeister Richter die sonderbare Zusammen-
0109stellung, auf die Wagner’sche Ouvertüre unmittelbar ein
0110Bach’sches Concert und Beethoven’s Pastoral-Sym-
0111phonie folgen zu lassen. Die Bach’sche Composition ist das
0112letzte der sogenannten Brandenburg’schen (dem Mark-
0113grafen von Brandenburg im Jahre 1720 gewidmeten)
0114Concerte, dessen erstes in F-dur die Philharmoniker im
0115vorigen Jahre gespielt haben. Das sechste Concert steht in
0116B-dur und ist ursprünglich für zwei Bratschen, zwei Gamben,
0117Violoncell und Contrabaß mit Cembalo geschrieben, ein so-[2]
0118genanntes „Concerto grosso“. Die Gambe war ein fünf- 
0119und mehrsaitiges Streichinstrument, das wie das Violoncell
0120zwischen den Knien gehalten wurde; längst außer Gebrauch
0121gekommen, ist es bei den Philharmonikern durch die Viola
0122ersetzt worden. Das B-dur-Concert fesselt durch seine höchst
0123kunstreiche, theilweise tiefsinnige Erfindung, verlangt aber sehr
0124aufmerksame, vorbereitete Hörer. Entschieden angesprochen hat
0125das gesangvolle Adagio, dessen zierliche Triller-Guirlanden
0126mit bezaubernder Delicatesse ausgeführt wurden. Bei kleinerer
0127Besetzung hätte die ganze Composition besser und richtiger
0128gewirkt. Sie ist auf feines, klares Detail und intime Wir-
0129tung berechnet, mehr Kammermusik als Orchestermusik in
0130unserem Sinne. Von sämmtlichen Streichinstrumenten unseres
0131großen Orchesters vorgetragen, verlor das Concert an Deut-
0132lichkeit wie an Grazie.


0133Weit mehr Interesse bot ein zweites „Philharmonisches
0134Concert“, von dem ich den Lesern erzählen möchte. Es war
0135in Pest, wohin ich gern der Ueberredungskunst eines musik-
0136begeisterten Freundes folgte, um die erste Aufführung von
0137Brahms’ neuem Clavier-Concert in B-dur zu hören.
0138Brahms selbst spielte den Clavierpart und dirigirte außerdem
0139seine „Akademische Ouvertüre“ und seine Erste Symphonie.
0140Fürwahr, ein auserwähltes Programm! Von guter Vorbe-
0141deutung war uns gleich der Eintritt in den „Redoutensaal“, der,
0142unserem großen Musikvereinssaale an Raum nicht nachstehend, von
0143einem erwartungsfreudigen und lebhaft theilnehmenden Publi-
0144cum dicht gefüllt war. Das Concert dirigirte Herr Alexander
0145Erkel mit bescheidener, vielleicht allzu apathischer Zurück-
0146haltung. Er ist ein Sohn des alten Franz Erkel, der seiner
0147Nation ein halbes Dutzend ungarischer Opern und ungefähr
0148ebensoviel musikalisch begabte Söhne geschenkt hat. Das
0149Orchester ist das der ungarischen Oper, verstärkt durch
0150zahlreiche, aus Liebe zur Kunst mitwirkende Dilettanten.
0151Ich zählte zehn Contrabässe und möchte die Stärke des
0152ganzen Orchesters nicht viel geringer anschlagen, als die
0153unserer Philharmoniker. Es war eine Freude, zu sehen, mit
0154welcher Lust und Hingebung die Spieler, fast durchwegs
0155junge Leute, ins Zeug gingen, mit welcher Andacht ihre
0156Blicke an Brahms hingen, von dem sie in den Proben viel
0157gelernt hatten. Ganz vortrefflich hielten sich besonders die 
0158Blechinstrumente. Brahms äußerte sich ungemein zufrieden,
0159wenn es ihm auch musikalisch in Pest nicht so gut wurde,
0160wie kürzlich in Meiningen, wo Bülow sein Orchester durch
0161täglich angestrengte Probe und geistvoll eindringendes Studium
0162zu einer erstaunlichen Vollendung gebracht haben soll. Bülow 
0163läßt auch keine der im Instrumentenbau aufkommenden
0164neuen Verbesserungen unbeachtet. Für Musiker erwähnen wir
0165beispielsweise, daß das Meininger Orchester fünfsaitige
0166Contrabässe verwendet, welche bis ins C hinabreichen, also
0167eine große Terz tiefer, als unsere viersaitigen Basse. Auch
0168hat Bülow statt der gewöhnlichen Bratschen die etwas größer
0169gebauten, kräftigeren Violen von Ritter eingeführt,
0170und Pauken neuester Construction, die augenblicklich
0171durch einen einfachen Pedaltritt umgestimmt werden
0172können. Das Pester Orchester besitzt keineswegs die
0173ins Feinste ausgestaltende Virtuosität unserer Philharmoniker,
0174ebensowenig wie sein Concertsaal sich akustisch mit unserem
0175großen Musikvereinssaal messen kann. Der Pester „Redouten-
0176saal“ ist, wie sein Name bezeugt, nicht für Concertzwecke
0177gebaut, er ist viel zu hoch und zu stark durchbrochen von
0178Galerien und riesigen Bogenfenstern, um nicht einen stören-
0179den Nachhall zuzulassen, welcher die Klarheit polyphoner
0180Orchestermusik beeinträchtigt. Woher mag es wol kommen,
0181daß uns die Musik hier dennoch einen wärmeren, stimmungs-
0182volleren Eindruck hinterließ, als gemeiniglich in unseren so
0183trefflichen Wiener Orchester-Concerten? Der Zauber liegt in
0184der Abendstunde. Der Abend bei Kerzenbeleuchtung ist musi-
0185kalischer Stimmung ungleich günstiger als die nüchterne,
0186taghelle Mittagsstunde, welche bei uns den Orchester-Concerten
0187gehört. Das ist wieder einer der Vortheile mittelgroßer
0188Städte, daß sie nicht täglich Opern bringen, somit ihr Orchester
0189an freien Abenden für große Concerte zur Verfügung haben.
0190Der Abend sammelt, der Vormittag zerstreut uns; dieser taugt
0191der Arbeit, dem Studium, dem Geschäfte, jener dem poetischen
0192Genießen. Deshalb können wir nicht recht an die Nachricht
0193glauben, daß unsere „Gesellschaft der Musikfreunde“ ihr all-
0194jährliches außerordentliches Abendconcert in der Charwoche
0195auflassen wolle. Wien hat doch jährlich, Alles in Allem, nur
0196zwei große Abendconcerte, in denen Chor und Orchester zu-
0197sammenwirken! Wenn man zur Entschuldigung jenes Vor-
0198habens anführt, daß das Chardienstags-Concert nichts ein-
0199trage, so liegt dies, unseres Erachtens, zumeist an dem üblen
0200Gebrauche, welchen die Direction seit einigen Jahren davon
0201macht. Die frühere Theilnahme eines dankbaren, zahlenden
0202Publicums wird zurückkehren, sobald das Chardienstags-
0203Abendconcert wieder großer classischer Musik zugewendet wird,
0204anstatt einer persönlichen Wohldienerei für Liszt. Es
0205müssen nur fünf bis sechs Männer in der Direction den
0206Muth haben, gegen die alljährliche Aufführung von Graner
0207Messen, Dante-Symphonien, Straßburger Glocken und der-
0208gleichen zu protestiren, welche der „Gesellschaft“ die größten
0209Opfer an Zeit, Geld und Arbeit aufbürden und doch kein
0210anderes Resultat bringen, als ein sicheres Deficit der Kasse
0211und eine sichere Langweile des Publicums. Beides hat die
0212Direction nicht zu fürchten bei der Aufführung anerkannter
0213classischer Werke oder bedeutender, das allgemeine Interesse
0214erweckender Novitäten. Zu letzteren gehört das berühmte Re-
0215quiem von Hector Berlioz, das, vor zwei Jahren von Director
0216Kremser mit aufopfernder Mühe vorbereitet, in letzter Stunde
0217von den „Burggrafen“ der Direction beseitigt wurde. Eine
0218solche Novität ist ferner A. Dworak’s großes „Stabat Mater“,
0219ein an Schönheiten reiches, neues Werk, das Herr Gericke 
0220zur Aufführung am Chardienstag-Abende befürwortet hat, um
0221gleichfalls an dem Interdict von Directions-Mitgliedern zu
0222scheitern, welche nicht eine einzige Note dieser Composition
0223kennen. So wird denn Wien mit der Aufführung dieses
0224geistlichen Werkes, sowie des Berlioz’schen hinter allen er-
0225denklichen Musikstädten zurückbleiben, an jene vormärzliche
0226Epoche erinnern, wo ihm mit der Aufführung von Mendels-
0227sohn’s „Paulus“ fast die gesammte Provinz voranging. Pest 
0228hat bei viel bescheideneren Mitteln auch schon wiederholt Wien 
0229den Vortritt abgewonnen. Es brachte in der Oper früher
0230als Wien Novitäten, wie: „Jean de Nivelle“, „Paul und
0231Virginie“, „Der König von Lahore“ (wodurch diese freilich
0232nicht besser geworden sind). Desgleichen im instrumentalen
0233Fache Brahms’ Violin-Concert und jetzt dessen
0234Clavierconcert in B. Letzteres Werk hoffen wir, wenn
0235auch später als die meisten Städte Deutschlands, doch
0236noch in Wien zu hören, versparen uns daher eine ein-
0237gehende Schilderung. Nur die Thatsache sei hier constatirt, [3]
0238daß in Pest der Eindruck des neuen Concerts — nur einiger-
0239maßen getrübt durch das für den großen Raum ganz unzu-
0240reichende Clavier — ein allgemein begeisternder war.


0241Da wir die Akustik des Pester Redoutensaales nicht
0242rühmen konnten, wollen wir wenigstens der heiteren, farben-
0243bunten Wirkung seiner mit orientalisch-maurischen Motiven
0244stark versetzten innern Architektur erwähnen. Von Außen
0245recht stattlich, erträgt der Saal doch keinen Vergleich mit den
0246reineren, edleren Verhältnissen unseres Hansen’schen Musik-
0247palastes. Dennoch hat das Pester Bauwerk vor dem Wiener
0248Eines voraus, einen kleinen negativen Vorzug: in den
0249Nischen seiner Hauptfaçade nisten keine verschrobenen Ton-
0250künstler-Statuen, vor denen der Vorübergehende ängstlich
0251den Schritt beschleunigt. Ein etwas kurzsichtiger Fremder,
0252den ich kürzlich zu unserem Musikvereine führte, meinte
0253anfangs, wir stünden vor einer orthopädischen Anstalt, deren
0254Front die wichtigsten Verkrümmungen und Auswüchse des
0255menschlichen Körpers in phantastisch drapirten Statuen
0256illustrire. Was ich ihm als „Beethoven“, „Schubert“,
0257Weber“, „Schumann“ vorstellte, hielt er für plastische
0258Exempel von freiwilligem Hinken, englischer Krankheit, Rück-
0259gratsverkrümmung und Armverrenkung, sogar mit verschönernden
0260Anflügen von Kropf und „Tic douloureux“. Wenn ich nun auch
0261solche orthopädische Tendenz bestreiten mußte, die Lächerlich-
0262keit dieser in den unnatürlichsten Windungen sich aufreiben-
0263den Tondichter vor dem Musikverein vermochte ich nicht zu
0264leugnen. Bereitet sie doch mir und Anderen eine fortwäh-
0265rende Qual. Sollen denn wirklich, so fragen wir, unsere
0266größten, theuersten Meister den Wienern für alle Zeit in
0267dieser abschreckenden Gestalt eingeprägt werden, eingeprägt
0268bleiben? Vermag man wirklich bessere Statuen nicht aufzu-
0269bringen, so lasse man getrost die Nischen leerstehen, so lange
0270leerstehen, bis sich die Mittel finden, sie würdig auszufüllen
0271mit ästhetisch gedachten und gradgewachsenen Figuren. Der
0272Pester Concertsaal ist nicht der erste, der mich durch seine
0273unbemakelte Front an das heimische Mißgeschick erinnert;
0274hat doch die bescheidenste Tonhalle etwas voraus vor
0275unserem Musikpalaste, so lange dieser nicht befreit ist von
0276seinen monumentalen Gelenks-Rheumatismen.