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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6192. Wien, Dienstag, den 22. November 1881

[1]

Musik.

(Concerte. Liszt über die Juden.)


0003Ed. H. Im Vordertreffen unseres Concertwesens steht
0004zur Stunde jene Musikgattung, welche ehedem in Wien am
0005dürftigsten vertreten war: die Kammermusik. Während in
0006früherer Zeit das Quartettspiel in Wien in Dilettanten-
0007kreisen ungemein florirte, war es in der Oeffentlichkeit durch
0008Decennien auf jährlich sechs Productionen (Jansa’s, dann
0009Hellmesberger’s) beschränkt. Heute zählen wir hier nicht
0010weniger als vier gleichzeitig thätige Quartettvereine. Ich
0011weiß nicht, ob auch dieses vierblätterige Kleeblatt „Glück
0012bringen“ wird, aber Nutzen bringt es sicherlich in dem Sinne,
0013welcher jede rivalisirende Concurrenz als nützlich erkennt.
0014Wenn jetzt schon auf Hellmesberger’s Anschlagszettel
0015ein lustig rother Querstreifen verkündigt, daß sämmtliche
0016Sitze abonnirt sind, so bleibt den Zuspätkommenden noch die
0017Wahl, ob sie einen Cyklus guter Kammermusik bei Herrn
0018Grün oder bei Herrn Radnitzky hören wollen. Zu diesen
0019drei heimischen Vereinen ist schließlich noch eine reisende
0020Quartettgesellschaft als Gast hinzugetreten, die von Jean
0021Becker, dem Begründer und Primarius des berühmten
0022„Florentiner Quartetts“. Unvergessen blieb uns das erste Er-
0023scheinen dieses Quartetts (1868) in Wien und die freudige Be-
0024wunderung, die sein eminentes Zusammenspiel hervorrief. Jean
0025Becker, ein anerkannt trefflicher Musiker und Violin-Virtuose,
0026hatte in den beiden Italienern Chiostri und Masi, dann in
0027dem deutschen Cellisten Hilpert ausgezeichnete Spieler zu
0028einem noch ausgezeichneteren Ensemble vereinigt. Der beste
0029von diesen Spielern blieb doch immer: alle Vier zusammen.
0030„Es wäre ewig schade,“ schrieben wir damals, „wenn dieses
0031Quartett getrennt würde.“ Es ist getrennt worden. Theil-
0032weise Fahnenflucht hat leider auch unser bestes Wiener Streich-
0033quartett erfahren. Herr Hellmesberger hat sein Ensemble
0034nicht wenig geschädigt, indem er den bewährten Violaspieler 
0035Bachrich und den noch viel schwerer zu ersetzenden Celli-
0036sten Hummer ziehen ließ. Andererseits haben diese beiden
0037Künstler in Folge ihres Austrittes zwar ein anderes Quartett
0038verbessert, aber keineswegs ihre eigene künstlerische Stellung.
0039Also Verlust auf beiden Seiten. Was die ehemaligen Partner
0040Jean Becker’s betrifft, so sind sie seit Jahren verstreut; es
0041gibt kein „Florentiner Quartett“ mehr. Das Haupt desselben
0042ist allein zurückgeblieben und hat sich den fehlenden Rumpf
0043aus eigenen Familiengliedern construirt. Das gegenwärtige
0044Becker-Quartett ist ein Familienkreis. Da Jean Becker nur
0045zwei, nicht drei geigende Söhne, dafür aber eine clavier-
0046spielende Tochter besitzt, so hat er auf das Streichquartett
0047einfach verzichtet und begnügt sich mit Trios und Clavier-
0048Quartetten. Ob seine Unternehmung dadurch gewonnen habe,
0049ob sie uns Ersatz biete für das ehemalige „Florentiner
0050Quartett“ — wir bezweifeln es. Ein Vater mit drei musika-
0051lischen Kindern ist gewiß ein patriarchalisch gemüthvoller An-
0052blick. Aber die vier Männer von ehedem waren uns lieber.
0053Es ereignet sich selten, daß ein großes Talent ungeschmälert
0054vom Vater auf das Kind übergeht; aber vollends auf drei 
0055Kinder wird es sich wol nur zu je einem Drittheile ver-
0056erben. Wie uns bis jetzt scheinen will, gibt nur Hugo 
0057Becker, der Cellist, gegründete Hoffnung, mit der Zeit
0058seinem Vater ebenbürtig zu werden. Hanns Becker, der
0059Bratschist, wird es schwerlich, die clavierspielende Tochter
0060ganz gewiß nicht. Fräulein Jeanne Becker ist eine
0061fingerfertige, accurate Pianistin ohne inneres musikalisches
0062Leben. Ihr fehlt die still wärmende Gluth und fehlt der
0063elektrisch überspringende geistige Funke, welche den Künstler
0064vom geschickten Techniker unterscheidet. Ihr Anschlag ist hart,
0065ihr rhythmisches Gefühl unausgebildet und der Vortrag zu-
0066meist von jener Unmündigkeit, welche die Prüfungs-Produc-
0067tionen fleißiger, um ein Prämium spielender Conservatori-
0068stinnen kennzeichnet. Solche Mängel mußten am fühlbarsten
0069in einer Composition hervortreten, welche (wie Brahms’ 
0070A-dur-Quartett) durchgeistigten Vortrag verlangt und eine
0071musikalisch reife Persönlichkeit voraussetzt. Sehr wahrschein-
0072lich, daß Fräulein Jeanne’s Talent für minder schwierige
0073Aufgaben ausreicht; wir haben es leider nur in dieser schwie-
0074rigsten kennen gelernt. Ueberhaupt war der Vortrag des
0075Brahms’schen Werkes kein Prachtstück auf der Becker’schen
0076Familientafel. Von genialem Wurfe und reich an ergreifenden
0077Zügen, ist diese Composition doch nicht ganz frei von der nebelhaften
0078Schwere und Unklarheit der früheren Brahms’schen Periode;
0079sie bedarf, um zu wirken, des feinsten, durchsichtigsten Zu-
0080sammenspiels. Gleich auf die ersten Tacte müssen die Spieler
0081ein helles, scharf modellirendes Licht werfen, soll der Hörer
0082sich in Tact und Rhythmus orientiren. Auch die Tempi
0083schienen uns etwas überhastet und der musikalische Gedanke
0084durch ein vorwaltendes Streben nach großem Ton und leiden-
0085schaftlichem Ausdruck getrübt. Ungleich besser, ja vorzüglich
0086gelang Beethoven’sSerenade“ in D-dur, Op. 8, welche
0087Jean Becker mit seinen zwei Söhnen vortrug. Da wirkten
0088doch drei homogene Kräfte zusammen zu einer leichteren und
0089sehr dankbaren Aufgabe. Das Trio (im Jahre 1797 com-
0090ponirt), ein Jugendwerk Beethoven’s — wenn man bei
0091Beethoven streng genommen von Jugendwerken sprechen kann
0092— überquillt von bezaubernder Heiterkeit und Naivetät. Es
0093läßt die geniale Vollkraft des späteren Beethoven ahnen, aber
0094noch keine von den Trübungen des spätesten — eine Com-
0095position, an der noch Haydn seine helle Freude haben
0096konnte. Der Vortrag wirkte durch das schwungvolle Spiel
0097des beneidenswerth jung gebliebenen Papa Becker, sowie durch
0098das vollendete Ensemble. Die Hörerschaft schien dabei förmlich
0099aufzuthauen und ruhte nicht, bis sie die Wiederholung des
0100reizenden Menuets durchgesetzt hatte. Es folgten drei Violoncell-
0101Solostücke von der Composition der Herren Henriquez,
0102Hegyesi und Popper, „Bluetten“, wie es die
0103Franzosen, „Schmarrn“, wie es wir Wiener richtiger nennen.
0104Sie wurden von Herrn Hugo Becker mit schönem Ton
0105und bedeutender Bravour erledigt, schienen uns aber
0106trotzdem wenig passend für eine „Quartett-Production“, in
0107der wir nur ernste, gehaltvolle Musik zu erwarten gewohnt
0108sind. Das letzte Stück dieser langgestreckten Soirée, ein [2]
0109Quartett des wenig bekannten Dänen Winding, habe ich
0110leider nicht mehr gehört; es wird als ein formschönes und
0111edel gedachtes Werk im Style Gade’s und Mendels-
0112sohn’s
bezeichnet. Wie ein ausdauernder Freund mir mit-
0113theilt, war er bei den Schlußtacten so ziemlich der einzige
0114noch im Saale anwesende Hörer; die übrigen hatten sich
0115theils vor, theils während des Winding’schen Quartetts leise
0116und vollständig aus dem Staube gemacht. Das kommt
0117von den zu langen Programmen und von der ungeschickten
0118Anfangsstunde halb acht, anstatt sieben Uhr. Präcis einge-
0119halten wird ja auch letztere nicht.


0120Ein sehr gut besuchtes und erfolgreiches Concert gab
0121Herr Ignaz Brüll in Gemeinschaft mit dem sächsischen
0122Concertmeister Herrn Lauterbach. Letzterer hob ein
0123neues Violin-Concert seines Freundes Brüll aus der Taufe,
0124ein wohlgebildetes, wenngleich schmächtiges Kindlein, das
0125von den Gästen mit zärtlichen, für den Vater wie für den
0126Pathen gleich schmeichelhaften Liebkosungen begrüßt wurde.
0127Für unsern modernen, an kräftigere und gewürztere Musik
0128gewöhnten Geschmack ist Brüll’s Violin-Concert von einer
0129fast spartanischen Einfachheit; gemüthlich, bequem, anspruchs-
0130los, will es weder durch starke Originalität der Themen,
0131noch durch complicirte Polyphonie oder contrapunktische
0132Kunst auffallen. Allein innerhalb seines bescheidenen Gebietes
0133fließt es melodiös gefällig und mit jener anmuthigen Natür-
0134lichkeit dahin, welche dem „Goldenen Kreuz“ einen so weiten
0135Kreis von Freunden erobert hat. Findet diese dankbare
0136Composition obendrein einen so vollendet geschmackvollen
0137Interpreten wie Lauterbach, so kann freundliche Auf-
0138nahme ihr kaum irgendwo entgehen. Auch zwei charakteri-
0139stische Clavierstücke von Brüll, „Idylle“ und „Etude“, fan-
0140den lebhaften Anklang. Daß wir in dem Componisten
0141Brüll auch einen ganz eminenten Clavierspieler besitzen,
0142ist unseren Lesern nichts Neues mehr. Aber zu unserer
0143immer neuen Freude bewies es Brüll auch diesmal, indem
0144er auf einem durch seltene Kraft und Klangschönheit auf-
0145fallenden Concertflügel von Ehrbar die C-dur-Phantasie,
0146Op. 17, von R. Schumann — eine der schwierigsten 
0147Aufgaben der modernen Clavier-Literatur — meisterhaft
0148vortrug.


0149Das zweite „Philharmonische Concert“ trug
0150an der Spitze seines Programmes die Ouvertüre zu „König
0151Lear“ von Berlioz. Sie blieb aber dort haften und löste
0152sich vom Anschlagzettel ebensowenig los, als vor zwei Jahren,
0153wo die Philharmoniker sie gleichfalls angekündigt und gleich-
0154falls nicht gespielt haben. Statt des wilden Tongewitters
0155von Hector Berlioz wurde ein bequemeres Stück wieder un-
0156versehens vorgeschoben: Gluck’s Ouvertüre zu „Iphigenia
0157in Aulis“ mit dem poetisch verhauchenden Schlusse von
0158Richard Wagner. Eine neue Bekanntschaft, die wir dem
0159zweiten Philharmonischen Concerte verdanken, ist der könig-
0160liche Hof-Pianist Herr Heinrich Barth aus Berlin.
0161Die echt germanische, kraftstrotzende Erscheinung dieses blond-
0162vollbärtigen Künstlers mochte in ängstlichen Gemüthern die
0163Besorgniß erregen, er werde vielleicht das Clavier zusammen-
0164schlagen. Um so angenehmer war man überrascht, als Herr
0165Barth ein überaus zartes, elegantes und geschmackvolles
0166Spiel entfaltete, das, ohne weichlich zu werden, doch gerade
0167durch seine Mäßigung und ruhige Anmuth gefiel. Herr
0168Barth spielte Beethoven’s G-dur-Concert, wol das schwie-
0169rigste des Meisters, mit großem Erfolge. Den Schluß machte
0170Schumann’s Es-dur-Symphonie Nr. 3, die sogenannte
0171rheinische“. Sie stammt aus Schumann’s letzter Periode,
0172deren düstere Wolkenschatten schwer genug auf ihr lasten.
0173Der erste Satz schreitet noch energisch, fast trotzigen Muthes
0174einher; wie ein unverhoffter lieblicher Sonnenblick ergänzt
0175hierauf das menuetartige Allegretto in C-dur. Alles Weitere
0176hören wir mit sehr getheilten Empfindungen: so fliegt ein
0177stolzer Adler mit gebrochenen Schwingen. Die Symphonie 
0178erlebte unter Hanns Richter’s Leitung eine glänzende
0179Aufführung, aber nur in den beiden ersten Sätzen einen
0180aufrichtigen bedeutenden Erfolg.


0181Zum Schlusse noch eine literarische Curiosität. Die be-
0182rühmte Verlagshandlung Breitkopf & Härtel läßt bekanntlich
0183Liszt’sGesammelte Schriften“ in prachtvoller Ausstattung
0184neu erscheinen. Das Buch über Chopin machte den Anfang, 
0185die Monographie über die Zigeunermusik ist eben hinzu-
0186gekommen. Mit letzterem, 1859 erschienenen Werke: „Les
0187Bohémiens et leur musique
“ genau bekannt, be-
0188gnügte ich mich, die neue Auflage flüchtig zu durchblättern,
0189da ich in ihr einen ganz unveränderten Wiederabdruck der
0190ersten zu erkennen glaubte. Steht doch sogar das ursprüng-
0191liche Datum „Weimar, le 2 Avril 1859“ am Schlusse der
0192„Nouvelle édition“. Da blieb mein Auge plötzlich doch auf
0193einer Stelle haften, die mir ganz fremd und neu erschien:
0194einer Strafpredigt gegen die Juden. Ich entdeckte bald, daß
0195Liszt wirklich in diese sonst gänzlich unveränderte neue Aus-
0196gabe volle zehn Seiten, die in der ersten Auflage fehlen,
0197gleichsam heimlich eingeschmuggelt hat. Sie stammen aus
0198neuester Zeit, wie schon die Berufung auf das vaticanische
0199Concil von 1870 und eine Anspielung auf Goldmark’s
0200Königin von Saba“ darthut. Die erste Auflage enthielt
0201allerdings auch mehrere Capitel über die Juden; bei Liszt 
0202darf man ja nicht fragen, was denn die Juden in
0203einer Abhandlung über Zigeunermusik zu schaffen hätten?
0204Liszt’s schrankenlos schweifende Redseligkeit, welche die
0205Lectüre seiner Bücher zu einer aufreibenden Mühsal macht,
0206hat eben auch Alles ausschütten wollen, was er über die
0207Juden weiß und denkt. Auch in der ersten Auflage der
0208Bohémiens“ spricht Liszt manches Bedenken gegen den
0209Charakter der Juden aus, bleibt aber im Tadel maßvoll
0210und spart auch das versöhnende Lob nicht. Ganz anders in
0211der neuen Auflage von 1881, wo der Judenhaß in hellen
0212Flammen auflodert und sogar in dem Vorschlage einer Ver-
0213treibung aller Juden aus Europa nach Palästina eine prak-
0214tische Wendung nimmt. Eben im Begriffe, die Hauptsätze
0215dieser höchst merkwürdigen neuesten Bekenntnisse Liszt’s für
0216unsere Leser ins Deutsche zu übertragen, erhalte ich eine in
0217Pest erschienene Broschüre, die mir die Hälfte der Arbeit er-
0218spart. „Franz Liszt über die Juden“ heißt diese
0219Flugschrift von „Sagittarius“, hinter welchem latini-
0220sirten Pseudonym wir wol den geschätzten Musik-Kritiker des
0221Pester Lloyd, Herrn Max Schütz, vermuthen dürfen. Wer
0222eine vollständige Uebersetzung der Liszt’schen Judenpredigt [3]
0223mit sehr treffenden Bemerkungen darüber wünscht, der findet
0224Beides in der Pester Broschüre. An ihrer Hand wollen wir
0225hier einen kleinen Gang durch Liszt’s neu verjudetes Buch
0226wagen.


0227„Die wahren Juden,“ schreibt Liszt, „bleiben heute noch,
0228was sie waren. Man findet sie überall wieder, finster unter der
0229Maske erkünstelter Redseligkeit; immer wieder böswillig, gehässig,
0230aber scheinbar dienstfertig, ränkevoll, aber unterwürfig . . . Wie
0231eine Heuschreckenschaar überfielen sie die Presse, bemächtigten
0232sich der periodischen Erscheinungen, rissen die Leitung der Ge-
0233danken an sich und schienen sich festzusetzen im Verschleiße der
0234öffentlichen Meinung. Endlich begannen die Christen einzusehen,
0235daß sie in ihrem eigenen Lande von den beiden Hauptquellen des
0236Reichthums und der Macht vertrieben worden waren: von dem
0237Geldhandel, der Bank, und vom Austausche der Gedanken, der
0238Presse, vertrieben von denjenigen, die sich französische, deutsche,
0239englische Bürger nannten und immerfort Juden blieben. Nach-
0240dem diese Thatsache abnorm ist, könnte sie eines Tages eine ge-
0241waltsame Reaction hervorrufen. Und die lange Geschichte der
0242Verfolgungen, welche die Exilirten von Judäa über sich ergehen
0243ließen, hat vielleicht noch nicht ihr letztes Wort ge-
0244sprochen
. Wird diese Reaction wieder jenen vehementen
0245Charakter an sich tragen, der an die Gräuel des Mittelalters
0246erinnert? Hoffen wir, daß dies nicht geschehen wird.“


0247Für die Kunst spricht Liszt den Juden eigentlich allen
0248Beruf ab, denn „der Jude vermag nichts zu schaffen,
0249nichts aus Eigenem zu gestalten, höchstens nachzuempfinden,
0250nachzumachen“.


0251„Wie auf der Bühne und in der Malerei, so ist die Kunst
0252der Juden auch in der Musik nach der christlichen Schablone
0253gerathen. Sie machen nicht einmal den Versuch, sich von unseren
0254Methoden zu emancipiren. Meyerbeer that nichts, als die
0255italienische und deutsche Schule zu vereinigen, neben einander zu
0256stellen; die Combination war neu und sicherte ihm eine beispiel-
0257lose Popularität, aber es war nichts als bloße Combi-
0258nation
. Mendelssohn hat nur das gethan, was Hän-
0259del
vor ihm that, allerdings mit neueren, den Gewohnheiten
0260unserer Zuhörer angepaßten Mitteln. Die Juden thun nichts
0261Anderes, als die Elemente, welche wir schaffen, umzusetzen,
0262zu combiniren.“


0263Wir erinnern bei dieser Gelegenheit, wie ganz anders,
0264wie anerkennend, ja bewundernd Liszt in früheren Auf-
0265sätzen gerade über Mendelssohn und Meyerbeer geurtheilt hat!
0266Unglaublich, wie jetzt eine vorgefaßte Meinung und absicht-
0267lich großgezogene Antipathie das frühere richtige Urtheil
0268Liszt’s verkehren, ja ihn bewegen konnte, einen vollkommenen
0269Unsinn niederzuschreiben, wie obige Worte über Mendels-
0270sohn und Meyerbeer. Wenn die seit einem halben Jahr-
0271hunderte gefeierten Werke jener beiden Meister wirklich nur
0272„mittelst Combination“ hergestellt, nicht „geschaffen“ sind,
0273dann begreift man nicht, warum die Juden statt des Einen
0274Mendelssohn und Meyerbeer deren nicht längst einige Dutzende
0275haben!


0276Zur Lösung der nach seiner Meinung äußerst brennen-
0277den Judenfrage gelangt Liszt mittelst folgenden Gedanken-
0278ganges:


0279„Der Glaube an den Messias, den Erlöser, verbietet dem
0280Juden aufs strengste, irgend etwas zu thun, um sein Volk in
0281das Vaterland zurückzuführen. Wenn aber die Juden, befreit von
0282den Verfolgungen des Mittelalters, ihre gegenwärtige Lage im
0283Schoße der christlichen Gesellschaft immer erträglicher und gün-
0284stiger gestaltet finden, immer geeigneter für ihre Habgier (à leur
0285rage de tout accaparer), wenn es ihnen beliebt, jeden Versuch
0286einer Rückkehr nach Palästina von sich zu weisen, weil sie von
0287Gott ein Wunder erwarten zu ihren Gunsten — haben die
0288Christen einen Grund, wie Jene, dieses Wunder abzu-
0289warten
? . . . Der Jude hat nicht aufgehört, das Geld zu
0290monopolisiren; ja, er ist so weit gegangen, ein Land in der
0291Stunde der Gefahr zu erwürgen, indem er die Schnüre des
0292Geldbeutels mit gutem Vorbedacht zu- oder aufschnürte, wie die
0293Büchse der Pandora. Die Kleingewerbe, den Kleinhandel von
0294ehemals hat er mit dem Großhandel, mit der Bank-Industrie
0295vertauscht, deren unumschränkter Beherrscher er mit verblüffender
0296Raschheit geworden ist. Der Jude brüstet sich mit all der moder-
0297nen Freiheit, um die christlichen Wahrheiten anzugreifen; er
0298bemächtigte sich der Presse, damit es ihm eher gelinge,
0299alle die Grundlagen der Gesellschaft wankend zu machen.
0300Gleichwie er den Gott von Golgatha haßt, so haßt er
0301all die Macht, die Vornehmheit, die Schönheit der Gesellschaft,
0302die Jenen anbetet. Er ist daher der geborene Widersacher alles 
0303dessen, was ihren Bestand und ihr Wohlsein, ihre Blüthe und
0304ihren Ruhm ausmacht. Unter dem Vorwande, daß er in allen
0305den Geheimbünden Christen antreffe, gehört er vorzugsweise allen
0306den Rotten (escouades) an, die an der Untergrabung der be-
0307stehenden Ordnung arbeiten, sei es unter welcher Herrschaft, unter
0308welchem Vorwande immer, vorausgesetzt, daß sie zu dem Umsturze
0309desjenigen beitragen, was da ist; zuerst den Thron, dann den
0310Altar, oder auch zuerst die Gesetze der Religion, dann die Gesetze
0311der Politik. Da es der Natur der Dinge widerspricht, daß ein
0312Volk gleich einem Schmarotzerthier auf Kosten des andern Volkes
0313lebe, in den Falten seiner Eingeweide sich einniste, so will es das
0314Geschick, daß die Christen diese fremde Race aus ihrem Schoße
0315herauszerren, welche sie zerfleischt (que ce soient les chrétiens
0316qui arrachent cette race étrangère de leur sein qu’elle déchire),
0317um sie in ihr wahres Land, in ihr Vaterland zurückzubringen,
0318mit ihren eigenen Händen, die vielleicht noch einmal von dem
0319Blute Jener roth werden können?“


0320„Ce qu’à Dieu ne plaise,“ fügt der Abbé scheinheilig hinzu.
0321Zu diesem Behufe schlägt Franz Liszt vor, Palästina sei
0322neutral zu erklären und unter den Schutz der Großmächte zu
0323stellen, deren Banner auf dem Heiligen Grabe wehen sollen, wo
0324auch, wie allen übrigen durch die Tradition geheiligten Orten,
0325christliche Soldaten die Wacht zu halten hätten. Die Christen
0326dürfen dies nicht von sich weisen, denn es handelt sich um ihre
0327eigene Erhaltung. Wenn die Juden sich weigerten, so müssen sie
0328mit Gewalt transferirt, nöthigenfalls über die Grenze gejagt
0329werden (chassant au besoin jusqu’à ses confins).


0330Ob es von dem Einflusse Richard Wagner’s, des
0331großen Judenfeindes, herrühre oder von Liszt’s geistlicher
0332Umgebung in Rom, jedenfalls ist es ein trostloses Schau-
0333spiel, einen geistreichen, bisher auch wohlwollenden und hu-
0334manen Menschen wie Liszt zu solch schmutzigem Abgrunde
0335von Gehässigkeit herabsinken zu sehen, Arm in Arm mit
0336Leuten wie Stöcker und Istoczy. In der That macht
0337diese neueste Phase des alten Herrn einen zu pathologischen
0338Eindruck, als daß man sich so recht con amore über ihn lustig
0339machen könnte. Ernsthaft kann man ihn noch weniger neh-
0340men, obwol er seine antisemitischen Recepte vollkommen ernst-
0341haft verkündigt. So mag sich denn Jeder damit im Stillen
0342beliebig amüsiren oder ärgern.