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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6220. Wien, Dienstag, den 20. December 1881

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Hoffmann’s Erzählungen.“

Phantastische Oper von Offenbach.


0003Ed. H. Eine traurige Pflicht, die wir heute nachträglich
0004zu erfüllen haben, aber doch eine Pflicht. Es gilt, über die
0005erste Aufführung von „Hoffmann’s Erzählungen“ zu berichten,
0006die am 7. December im Ringtheater stattfand, vier-
0007undzwanzig Stunden bevor das Haus in Flammen zusam-
0008menstürzte. Wie freudig hatten wir seinerzeit die Entstehung
0009des neuen Theaters begrüßt, das als „Komische Oper“ eine
0010Lücke in unserm Opernwesen auszufüllen bestimmt war; wie
0011theilnahmsvoll beglückwünschten wir dessen vielverheißendes
0012Aufleben unter Director Jauner, welcher das tief gesunkene
0013Institut so herzhaft wieder emporzuheben begann! Nun ist
0014die glänzende Première vom 7. December zum grauenvollen
0015Requiem des Ringtheaters geworden, und die „lange Reihe
0016von Wiederholungen“, die wir ihr prophezeiten, hat sich in
0017eine lange Reihe von Leichenwagen verwandelt. Wir wissen
0018recht gut, daß die Bevölkerung Wiens, die schreckenerfüllte,
0019schmerzgebeugte, sich heute wenig darum kümmern wird, ob
0020die „Erzählungen Hoffmann’s“ gute oder schlechte Musik sind.
0021Bei diesem „letzten Werke Offenbach’s“, wie es der
0022Theaterzettel nachdrücklich betonte, denkt doch Jedermann nur
0023daran, daß es auch das letzte des Ringtheaters war.
0024Allein diese mit Spannung erwartete Oper und ihre erste
0025Aufführung auf deutschem Boden hat doch für die auswär-
0026tigen Freunde unseres Blattes ein begreifliches Interesse, hat
0027an und für sich eine künstlerische Bedeutung, und das mahnt
0028uns endlich, auch des Werkes zu gedenken, dem jener letzte
0029glänzende Abend im Ringtheater geweiht war.


0030Die Idee, den wunderlichen Berliner Kammergerichts-
0031rath E. T. A. Hoffmann zum Helden einer phantastischen
0032Oper zu machen, entsprang selbstverständlich dem Kopfe eines
0033Franzosen. Herr Jules Barbier, der als Librettist mit
0034Vortheil Goethe und Shakspeare ausbeutete („Mignon“, „Faust“, 
0035Hamlet“, „Romeo“), hat sich auch unsern Hoffmann gut
0036angesehen und denselben bereits vor dreißig Jahren zu einem
0037Drama verarbeitet. Das Stück verschwand bald von der
0038Bühne des Odéon — warum sollte es der praktische Librettist
0039nicht nachträglich als Opernstoff verwerthen? Musik ist ja
0040ein bewährter Kitt für Sprünge und Risse in der Logik, auch
0041war auf den exotischen Reiz von Hoffmann’s Märchen und
0042Phantasiestücken in Frankreich noch immer zu speculiren; gilt
0043doch Hoffmann für den populärsten deutschen Dichter in
0044Frankreich, Goethe und Heine kaum ausgenommen. Zu Ende
0045der Zwanziger-Jahre herrschte bekanntlich in Paris eine förm-
0046liche Begeisterung für Hoffmann’s Spukgeschichten; nebst
0047Weber’s „Freischütz“ waren sie den Franzosen die Incarna-
0048tion der deutschen Romantik, wo nicht des deutschen Geistes
0049überhaupt. Diese schrankenlos schweifende Phantastik mit
0050ihrem Durcheinandermischen von prosaischer Alltäglichkeit und
0051grauenvollem Gespenstertreiben übte einen berückenden Zauber,
0052ja einen nachweisbaren Einfluß auf die poetische Jugend
0053Frankreichs, die eben unter Victor Hugo’s Führung ihr
0054rothes Banner entfaltete. Finden wir nicht für den häßlichen
0055Zwerg Quasimodo, den buckligen Hofnarren Triboulet und
0056ähnliche Lieblingsfiguren der neufranzösischen Romantik Vor-
0057bilder bei Hoffmann? Haben wir nicht sogar aus neuester
0058Zeit gespenstische Erzählungen von Erckmann-Chatrian,
0059die ohneweiters Hoffmann geschrieben haben könnte? In
0060Erckmann’s Roman „Les Brigands des Vosges“ erscheinen
0061sogar nebst allerlei Vagabunden und Zigeunern auch Hoff-
0062mann
selbst und Ludwig Devrient im Räuberlager.


0063Sollte Jules Barbier die Literaturgeschichte von Ger-
0064vinus
gelesen haben, so könnte er folgenden merkwürdigen
0065Ausspruch für sich anführen: „Hoffmann’s Werke und
0066Leben, zum Objecte einer kunsthaft behandelten Darstellung
0067gemacht, könnten wie Lichtenberg’s und Jean Paul’s Erschei-
0068nungen zu besseren Kunstwerken werden, als diese Männer
0069selbst geliefert haben.“ Zum singenden Operettenhelden hat
0070aber Gervinus unsern Hoffmann gewiß nicht damit vorge-
0071schlagen. Wie verfährt der Librettist Offenbach’s? Er drama-
0072tisirt einige von Hoffmann’s bekanntesten Erzählungen und
0073bringt den Dichter selbst in allerlei unglückliche Liebesver-
0074hältnisse zu den Heldinnen jener Geschichten. Das geschieht in 
0075so phantastisch sprunghafter Weise, daß die Handlung nicht
0076leicht zu verstehen und noch schwerer nachzuerzählen ist. Die
0077dramatische Methode des Librettisten erinnert an die Art,
0078wie der Rath Krespel in Hoffmann’s „Serapions-Brüdern“
0079sich ein neues Haus baut. Er läßt zuerst vier Mauern ohne
0080alle Oeffnungen und Gliederungen aufrichten, dann an beliebigen
0081Orten Fenster hineinbrechen, an diese Fenster Zimmer ankleben,
0082und aus diesem Wirrwarr soll dann ein stattlicher roman-
0083tischer Bau hervorgehen. Ihren Ausgang nimmt Offenbach’s
0084phantastische Oper von der literarisch berühmten Weinstube
0085„Lutter und Wegener“ in Berlin, dem Lieblingsaufenthalte
0086Hoffmann’s und Schauplatz seiner „Serapions-Brüder“.
0087Studenten sind da versammelt und erwarten, rauchend und
0088trinkend, die Ankunft Hoffmann’s, der endlich aus der Oper
0089Don Juan“ kommt. Offenbach erinnert hier durch einige
0090sinnig verwendete Tacte aus „Don Juan“ an Hoffmann’s
0091Begeisterung für Mozart, die ihn ja veranlaßt hatte, sich
0092Mozart’s Taufnamen Amadeus willkürlich beizulegen. Der
0093Studentenchor, welcher, sehr verschieden von den zahlreichen
0094Trinkliedern Offenbach’s, mit einer fast renommistischen Kraft
0095einherschreitet, schweigt endlich, und Hoffmann singt ein
0096schnurriges Lied vom „Klein-Zack“, womit der Zwerg des
0097Märchens „Klein-Zaches, genannt Zinnober“ gemeint ist. Das
0098Lied, in dessen krachende Reime die Studenten verstärkend
0099einfallen, ist von einer verwegenen Originalität und jener
0100satanisch angefachten Lustigkeit, welche sich Hoffmann aus
0101dem Punschglase zu holen pflegte. Mit spöttischem Gelächter
0102interpelliren ihn seine Zechbrüder, ob er verliebt sei. „Nicht
0103doch,“ erwidert Hoffmann, „aber ich habe drei unglückliche
0104Liebschaften durchgemacht, von deren Heldinnen ich euch
0105erzählen will.“ Alles rückt erwartungsvoll im Kreise
0106näher, und Hoffmann beginnt: „Meine erste Ge-
0107liebte hieß Olympia.“ Hier fällt der Vorhang. Es
0108ist der merkwürdigste Actschluß, der uns noch vorgekom-
0109men, bizarr und spannend wie das ganze Werk. Die folgen-
0110den Acte führen nun scenisch aus, was Hoffmann in der
0111Weinstube von seinen drei Geliebten Olympia, Antonia und
0112Giulietta erzählt. Wir befinden uns zu Anfang des zweiten
0113Actes in einem glänzenden Empfangssaale. Eine große Ge-
0114sellschaft in drolligen Rococo-Costümen tritt mit einem hübschen [2]
0115ebenso rococo klingenden Chor ein; der berühmte Dr. Spalan-
0116zani will den Gästen seine Tochter Olympia vorstellen. Diese
0117ist ein kunstvoll verfertigter Automat, der nicht blos Kopf
0118und Arme bewegen, sondern sogar singen und tanzen kann.
0119Hoffmann hält die reizende Olympia für ein lebendiges
0120Wesen und verliebt sich augenblicklich in sie. Seine Romanze
0121in F-dur („Ah, vivre deux“), eine monoton begleitete, an-
0122fangs mehr declamirte als gesungene Musik, jedoch zu voll-
0123austönendem Schluß sich steigernd, hat etwas ungemein An-
0124ziehendes in ihrer ans Krankhafte streifenden Sensibilität.
0125Hoffmann’s junger Begleiter Nikolaus neckt ihn deßhalb mit
0126einem graziösen heitern Strophenlied, dem einzigen Musikstücke
0127vielleicht, das an frühere Offenbach’sche Weisen, namentlich
0128der „Prinzessin von Trapezunt“ — die ja auch ein Automat
0129ist — erinnert. Die Bravour-Arie, mit welcher sich nun
0130Olympia producirt, wirkt mit ihren ruckweise heraus-
0131gestoßenen Tönen und spieldosenartigen Passagen sehr
0132charakteristisch, ohne irgendwie ins Ungraziöse zu fallen.
0133Die Gäste stellen sich nun zu einem gemächlichen, ländler-
0134artigen „Walzer“ an, dessen anmuthig wiegende Melodie
0135durch einige kühne Harmonisirungen nicht unangenehm ge-
0136würzt wird. Die ganze Sing- und Tanzscene Olympia’s ist
0137echter Offenbach, aber von der feinsten Sorte. Hoffmann 
0138walzt entzückt mit Olympia und wird von ihr, deren Räder-
0139werk nicht stillestehen will, fast zu Tode getanzt. Athemlos
0140sinkt er in einen Sessel, während sie solo zur Thür hinaus-
0141wirbelt. Da hört man draußen einen furchtbaren Krach —
0142Olympia liegt zertrümmert. Der boshafte alte Optiker
0143Coppelius, der für Olympia’s so täuschend verfertigte Augen
0144seine Bezahlung nicht erhalten hatte, rächt sich an Spalan-
0145zani, indem er die kostbare Puppe zerbricht. Die Geschichte
0146mit dem schönen Automaten (auch in dem Ballet „Coppelia“
0147von Delibes benützt) stammt aus Hoffmann’s Erzählung
0148Der Sandmann“; bei dem wüthenden Handgemenge der
0149beiden alten Mechaniker am Schlusse dieses Actes scheint
0150dem Librettisten das noch seltsamere Duell zwischen den
0151Physikern Liuvenhoek und Swammerdam vorgeschwebt zu
0152haben, die bei Hoffmann statt mit Pistolen mit con-
0153centrirten Lichteffecten gegen einander losgehen. Der fol-
0154gende Act versinnlicht uns die zweite Liebesgeschichte. 
0155Sie spielt in Cremona, wo Hoffmann die junge Sängerin
0156Antonia nach langen Irrfahrten wiedergefunden hat. Er
0157liebt sie und will sie heiraten. Sie willigt mit schmerzlicher
0158Resignation in seine Werbung, hat sie doch eben ihrem Vater
0159(Krespel) geloben müssen, nie mehr zu singen und jeden
0160Gedanken an die Bühne für immer aufzugeben. Antonia’s
0161Romanze von der Turteltaube ist höchstens eine gewisse äußere
0162Eleganz nachzurühmen, ihr Duett mit Hoffmann enthält
0163nebst einigen gezwungenen Phrasen auch manche sehr aus-
0164drucksvolle Stelle. Da taucht plötzlich die gespenstische Ge-
0165stalt des Doctors Miracle auf, der, feindselig gegen Krespel 
0166und eifersüchtig auf Hoffmann, deren Pläne durchkreuzt. Bei
0167dem Terzett der drei Männer gleitet uns eine kalte Schlan-
0168genhaut über den Rücken. Die Musik ist von einer phan-
0169tastischen Aufgeregtheit, von einer dämonischen Gewalt,
0170welche man Offenbach nie zugetraut hätte. Miracle, der (wie
0171Hoffmann’s „Magister Tinte“) zu einem riesigen schwarzen
0172Gespenste zu wachsen und wild umherzuflattern scheint, ver-
0173führt Antonia wieder zum Singen. Er streicht wüthend
0174seine Geige, belebt endlich gar das lebensgroße Porträt von
0175Antonia’s verstorbener Mutter, welche, nun mitsingend, das
0176dämonische Duett zu einem Terzett macht, das immer
0177stärker, immer leidenschaftlicher anschwillt, bis endlich Antonia 
0178im Singen todt zur Erde fällt. Zu spät dringen Vater
0179Krespel und Hoffmann herein; während sie an Antoniens
0180Leiche niederstürzen, fällt der Vorhang. Ueber diese
0181Scene des Grauens breitet sich mildernd und versöh-
0182nend ein ungemein zartes Orchester-Ritornell, die
0183Wiederholung der Barcarole: „Belle nuit, nuit
0184d’amour“, welche — zweistimmig mit Chor hinter
0185der Scene gesungen — den Act lieblich eingeleitet hatte.
0186Nach kurzer Pause hebt sich zum letztenmale der Vorhang:
0187wir befinden uns wieder in Lutter’s Weinstube, ganz wie
0188am Schlusse des ersten Actes. Hoffmann, umringt von seinen
0189Zuhörern, hat auserzählt, die Studenten stimmen noch einmal
0190ihren Trinkchor an. Die kokette Sängerin Stella und der
0191Rath Lindorf, auch ein dämonisch-räthselhafter Mensch,
0192kommen mit einander aus dem Theater. Stella, eine frühere
0193Flamme Hoffmann’s, drängt sich schmeichelnd an diesen, der
0194sie aber zurückstößt und „dem Satan Lindorf“ überläßt. Ein-
0195sam in der Schänke zurückbleibend, wird Hoffmann in seinen
0196melancholischen Träumen von einer auftauchenden Muse ge-
0197tröstet und zu unsterblichem poetischen Schaffen aufgemuntert.
0198Ende. Eigentlich war uns, wie wir erwähnten, die Erzählung
0199von drei Liebschaften Hoffmann’s versprochen; auf den
0200zweiten Act mit dem Automaten Olympia und dem dritten
0201mit der Sängerin Antonia folgt auch wirklich in Offenbach’s
0202Original-Partitur ein vierter, welcher in Venedig spielt und
0203von der schönen Sünderin Giulietta handelt. Dieser vierte
0204Act wurde in Wien und wird auch in Paris stets weg-
0205gelassen. Seltsam, wie das ganze Stück, ist gewiß der Um-
0206stand, daß der Ausfall eines Actes den dramatischen Zu-
0207sammenhang keineswegs alterirt; es könnten ebenso gut zwei
0208Acte hinzugefügt, als einer weggenommen werden. Die Grund-
0209lage dieser Oper ist nicht sowol eine organisch entwickelte
0210Handlung, als ein Potpourri aus Hoffmann’schen Erzählungen
0211— Potpourris kann man aber beliebig um einige Scenen
0212verlängern oder kürzen. Nicht zu leugnen ist aber, daß gerade
0213das Sprunghafte, Willkürliche in diesem Libretto, sein traum-
0214haftes Durcheinander zwischen wirklichen Personen und ge-
0215spenstischen Erscheinungen die Stimmung Hoffmann’scher Poesie
0216merkwürdig widerspiegelt. Der beklemmende Nebel in diesem
0217dritten Acte ist ganz derselbe, der bei der Lectüre Hoffmann’-
0218scher Märchen sich immer dichter und dichter um uns schlingt,
0219bis wir schließlich nicht mehr unterscheiden können, was Wirk-
0220lichkeit und was Hexenspuk sei. Auf den ersten Blick glaubten
0221wir, der dritte Act des Offenbach’schen Librettos mit dem
0222unbegreiflichen Dr. Miracolo, dem singenden Porträt und
0223der sterbenden Antonia sei ungeschickt gemacht, hätte ver-
0224ständlicher motivirt werden sollen und können — nachträglich
0225gewannen wir die Ueberzeugung, daß Absicht war, was wir
0226für Unvermögen gehalten, und daß die Autoren wirklich das-
0227jenige erzielen gewollt, was sie erreicht haben: das wilde,
0228berückende Traumgetümmel der Hoffmann’schen Phantasiestücke.


0229Von der Musik Offenbach’s können wir nur sagen, daß
0230sie uns überrascht hat, überrascht in günstigem Sinne. Sie
0231streift selbst in ihren schwächeren Nummern weder an den
0232nachlässig schlendernden, noch an den ausgelassen frechen
0233Vaudevilleton, den Offenbach in seinen travestirenden Ope-
0234retten häufig anschlägt. In ihren besten Nummern hin-[3]
0235gegen erreichen „Les contes d’Hoffmann“ eine geist-
0236reiche Charakteristik, eine Zartheit und dramatische Verve,
0237wie wir sie früher nur vereinzelt und ausnahmsweise
0238bei ihm fanden. Daß sich Offenbach gerade diesem Stoffe
0239leidenschaftlich hingab, erscheint seinen Freunden nicht so
0240unerklärlich. Hoffmann’s Gespensterwelt übte stets einen
0241starken Reiz auf ihn; in seinen letzten Jahren sah der Arme
0242selber aus wie irgend ein durchsichtig blasser, schwermüthig
0243lächelnder Geist aus den „Serapions-Brüdern“. Die Sehn-
0244sucht, irgend etwas Größeres, Werthvolleres zu hinterlassen,
0245das den verbleichenden Glanz seiner „Bouffes“ überdauern,
0246von ernsterem Können und Wollen Zeugniß geben sollte,
0247hatte wol Offenbach gegen das Ende seiner Laufbahn ergriffen
0248und immer heftiger bedrängt. Während er seine Operetten in
0249kürzester Zeit mit fabelhafter Leichtigkeit hinwarf und, ge-
0250drängt von den unersättlichen Theater-Directoren, den ersten
0251Act einer Novität schon auf der Bühne probiren mußte,
0252bevor er den letzten zu componiren anfing, gönnte er seinen
0253Contes d’Hoffmann“ mehrere Jahre Zeit, auszureifen. Er
0254widmete dieser Partitur seine besten Mußestunden, feilte und
0255besserte immer wieder daran, bis ihm endlich der Tod das
0256Notenpapier unter der Feder wegzog. Bis auf einige Lücken
0257in der Instrumentirung, die Herr Guiraud geschickt aus-
0258füllte, lag das Werk fertig da und wurde im Februar dieses
0259Jahres zum erstenmale in der Opéra Comique aufgeführt.
0260Offenbach bezeichnet dasselbe nicht als „Operette“, sondern
0261als „Opéra fantastique“. An dem Erfolge in Paris und in
0262Wien hätte er seine Freude erlebt. Unbefangener als ehedem
0263begannen nun die Pariser Kritiker, unter denen Offenbach 
0264wenig Freunde zählte, über ihn zu urtheilen. Es
0265ist bemerkenswerth, daß einer der angesehensten französischen
0266Musik-Kritiker, Herr E. Reyer, welcher früher von Offenbach 
0267äußerst geringschätzig zu sprechen liebte, seinen Bericht über
0268Hoffmann’s Erzählungen“ im Journal des Débats mit fol-
0269genden Worten schließt: „Ich zweifle — schrieb ich vor eini-
0270gen Jahren — daß jemals ein bedeutendes Werk aus der
0271Feder hervorgehen werde, welche die Excentricitäten des Or-
0272pheus und der schönen Helena geschrieben hat. Ich sehe
0273nun, daß ich mich getäuscht habe
.“ Vielleicht wer-
0274den auch einige von den sehr tugendhaften und sehr classi-
0275schen deutschen Kritikern, welche sich in der Verachtung Offen-
0276bach’s gefallen und von seinen Operetten sprechen, als ob
0277Jedermann dergleichen machen könnte, sich zu ähnlichem Ge-
0278ständnisse herbeilassen und einräumen, daß, um die Partitur
0279von „Hoffmann’s Erzählungen“ zu schreiben, man mehr sein
0280müsse, als ein „Bänkelsänger und Cancan-Componist“.


0281Ist nun dieses letzte Werk Offenbach’s wirklich sein
0282bestes? Ja und Nein. Sein bestes in dem Sinne, wie —
0283um einen höheren Vergleich zu Hilfe zu nehmen — „Wil-
0284helm Tell“ die beste Oper von Rossini ist. Der „Barbier“
0285ist doch noch besser. Musikalisch bedeutender und reiner sind
0286Hoffmann’s Erzählungen“, als die früheren Operetten des-
0287selben Autors; allein dem gespenstischen Stoffe fehlen
0288fast gänzlich diejenigen Elemente, in welchen Offenbach’s
0289eigenthümliches Talent unumschränkt waltete: Komik,
0290parodirender Witz und ausgelassene Fröhlichkeit. Wenn zum
0291Meister macht, was Keiner uns nachmachen kann, was ganz
0292unser Eigen ist, so ist Offenbach Offenbach geworden durch
0293seine musikalischen Lustspiele und Possen, durch die „Hochzeit
0294bei Laternenschein“, „Fortunio“, „Helena“, „Pariser Leben“,
0295Prinzessin von Trapezunt“ etc. Diese Fülle leicht hinströmen-
0296der Melodie, diese unwiderstehliche Heiterkeit und Komik,
0297dieser nur Offenbach eigene musikalische Witz, sie fehlen bis
0298auf einen den zweiten Act erhellenden leichten Schimmer in
0299den dämonischen „Erzählungen Hoffmann’s“. Es sind andere,
0300ohne Frage ernstere Vorzüge, welche uns in Offenbach’s
0301letztem Werke fesseln. Die musikalische Erfindung ist originell
0302und geistreich mit einem Stich ins Bizarre, der aber hier
0303nicht fehlen durfte; der dramatische Ausdruck wahr und stark,
0304die Instrumentirung bei großer Einfachheit von bezaubern-
0305dem Wohlklang. Im Ganzen also ein merkwürdiges, in sei-
0306ner Art alleinstehendes Werk, das uns bald erfreut, bald
0307aufregt, immer interessirt, niemals langweilt. Die Wiener
0308Aufführung stand unter dem tüchtigen Orchester-Commando
0309des jüngeren Hellmesberger und wurde hauptsächlich
0310durch Fräulein Jona und Herrn Wilke getragen, denen
0311sich die Herren Ferenczy, Lindau und Fräulein Stahl 
0312verdienstlich anschlossen. Mögen sie Alle bald in einer freund-
0313lichen Wendung ihres Geschickes Lohn finden für den letzten
0314vergnügten Abend, den sie uns im Ringtheater bereitet haben.