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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6357. Wien, Dienstag, den 9. Mai 1882

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Joseph Haydn.


0002Ed. H. Herr C. F. Pohl — bekanntlich Archivar und
0003Bibliothekar der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien —
0004ist das Muster eines gewissenhaften und gründlichen Musik-
0005historikers. Er läßt sich viel lieber den Vorwurf übertriebener
0006Genauigkeit gefallen — falls er solchen „Vorwurf“ über-
0007haupt anerkennt — als daß er einen Band seiner Haydn-
0008Biographie aus Händen gäbe, so lange möglicherweise noch
0009irgend ein Detail in der Ferne schimmert, das er noch nicht
0010ergründet oder bewiesen hat. Aus diesem ehrenwerthen
0011Beweggrund ließ uns Pohl an die sechs Jahre lang auf
0012den zweiten Band seines „Haydn“ *) warten, dessen erster
0015uns doch begierig genug gemacht hatte auf die Fortsetzung.
0016Wir haben jenen ersten Band seinerzeit (zu Weihnachten 1875)
0017hier besprochen und als wichtige Bereicherung unserer Musik-
0018literatur mit aufrichtiger Freude begrüßt. Eine leise Klage
0019über allzu große Ausführlichkeit konnten wir dem ersten und
0020können wir auch dem zweiten Bande nicht ersparen, und
0021wenn (nach einem geistreichen Worte von Ehlert) Kürze
0022die Höflichkeit der Schriftsteller ist, so dürfen wir unsern
0023Freund Pohl — was ihm gewiß noch nie passirte — einen
0024unhöflichen Mann nennen. Haben wir mit diesem Stoß-
0025seufzer unserem kritischen Gewissen genug gethan, so können
0026wir Pohl’s zweiten Band nunmehr aus vollem Herzen loben
0027und nur loben. Er bringt viel Neues und Interessantes.
0028Im ersten Bande hatten wir Haydn’s Kinderjahre in
0029Rohrau und Hainburg mitgelebt und hierauf den jungen
0030Sängerknaben nach Wien in das Capellhaus von St. Stephan
0031begleitet. Theilnehmend folgten wir seinen freudlosen mühe-
0032vollen Lehrjahren.


0033Es liegt eine eigene Ironie des Schicksals darin, daß
0034Haydn, dem man so gerne den „Zopf“ vorwirft, aus dem
0035Capellhause verwiesen wurde, weil er in jugendlichem Ueber-
0036muthe einem Mitschüler den Zopf abgeschnitten hatte. Hun-
0037gernd und frierend sah sich hierauf der Knabe, von aller Welt
0038verlassen, auf der Straße. Man kennt das Weitere: die un-
0039verhoffte erste Hilfe durch brave Leute, die es Haydn ermög-
0040lichten, ein Dachkämmerchen im Michaelerhause zu miethen,
0041und das günstige Geschick, das ihn mit zwei berühmten Be-
0042wohnern dieses Hauses, mit Metastasio und Porpora,
0043zusammenführte. Wir verließen am Schlusse des ersten
0044Bandes Haydn als Capellmeister des Fürsten Paul Anton
0045Eszterhazy in Eisenstadt. Mit der Uebersiedlung Haydn’s
0046und der fürstlichen Capelle nach Eszterhaz und mit einer
0047anschaulichen Schilderung dieses Ortes beginnt der zweite
0048Band von Pohl’s Werk. Das Lustschloß Eszterhaz hatte der
0049prachtliebende Fürst Nikolaus aus einem Sumpfe hervor-
0050gezaubert und zu einem zweiten Versailles ausstaffirt. Heute
0051ist dort Alles wieder öde und verlassen, nur Trümmer der
0052ehemaligen Herrlichkeit erzählen von der glänzenden Zeit,
0053die Haydn in Eszterhaz verlebt hat. Hier residirte der Fürst
0054den größten Theil des Jahres mit seinem zahlreichen Hof-
0055staate, seiner Musikcapelle und den Opernsängern. Pohl 
0056beschreibt uns das prachtvolle Schloß, den Park, das Theater,
0057es ist eine märchenhafte fremde Welt, die sich uns da auf-
0058thut — und liegt doch nur hundert Jahre hinter uns. In
0059einem besonderen Gebäude, welches im Parterre 17, im
0060ersten Stock 37 Zimmer hatte, wohnten die Musiker und
0061Sänger. Es befanden sich darunter elf Ehepaare, welche je
0062zwei Zimmer zur Verfügung hatten; nur Haydn mit seiner
0063Frau waren drei Zimmer eingeräumt. Die Orchestermit-
0064glieder wohnten je zwei in einer Stube. In dem geräu-
0065migen, geschmackvoll ausgestatteten Schloßtheater wurde täg-
0066lich gespielt; der Anfang war um 6 Uhr; Zutritt hatten
0067alle fürstlichen Beamten und Diener, wie auch die zufällig
0068anwesenden Fremden. Zweimal in der Woche war Oper, die
0069übrigen Tage Schau- und Lustspiel; hier erlebte Haydn’s
0070erste Oper ihre Première. Das Opernpersonal bestand aus
0071fünf bis sechs Sängern und eben so viel Sängerinnen, meistens
0072Italiener, das von Haydn dirigirte Orchester aus sechzehn
0073bis zweiundzwanzig Mitgliedern. Die Aufführungen waren
0074weithin berühmt. „Wenn ich eine gute Oper hören will,“
0075sagte Maria Theresia, „gehe ich nach Eszterhaz.“
0076Nach einer solchen Opernvorstellung, der ein Maskenball
0077folgte, wurde Haydn der Kaiserin vorgestellt und benützte
0078die Gelegenheit, sie an den „recenten Schilling“ zu erinnern,
0079den er einst als Sängerknabe im Schloßgarten zu Schön-
0080brunn auf ihren Befehl ausgemessen bekam, weil er trotz 
0081wiederholter Abmahnung auf den Baugerüsten herumgeklettert
0082war. „Sieht Er, lieber Haydn,“ antwortete Maria Theresia,
0083gutmüthig scherzend, „der Schilling hat doch seine guten
0084Früchte getragen!“ — Außer dem Opern- und Schauspiel-
0085hause hatte der Fürst auch ein eigenes Marionetten-
0086Theater
, das nach Art einer Grotte gebaut und mit
0087bunten Steinen, Schnecken und Muscheln phantastisch aus-
0088gelegt war. Als überraschend schön rühmte man dessen Deco-
0089rationen und Maschinerien, sowie die kunstvoll gearbeiteten,
0090reich gekleideten Marionetten von ansehnlicher Größe. Die
0091Rollen wurden hinter der Scene von Mitgliedern des Schau-
0092spiels gesprochen und gesungen. Für dieses Marionetten-Theater,
0093das in hoher Gunst bei dem Fürsten und seinen Gästen
0094stand, hat Haydn eine Anzahl kleiner Opern geschrieben. **)


0105Das Schauspiel wurde von den besten wandernden
0106Truppen besorgt, welche abwechselnd auf eine Reihe von
0107Monaten in Eszterhaz engagirt waren und auch große clas-
0108sische Stücke spielten. Haydn schrieb unter Anderm die
0109Zwischenactsmusik zu „Hamlet“, „König Lear“ und „Götz
0110von Berlichingen“.


0111Der ganze Musikerstand in Eszterhaz bildete nach Pohl’s
0112Schilderung sozusagen Eine große Familie, die treu zusammen-
0113hielt und in gegenseitiger Erheiterung Ersatz suchte für den
0114gänzlichen Mangel an lohnenden Ausflügen und sonstiger
0115Unterhaltung. Das Leben mag zeitweise ziemlich locker gewesen
0116sein, und auch Haydn blieb nicht vor Versuchung bewahrt.
0117Zum erstenmale erfahren wir durch Pohl Authentisches über
0118Haydn’s Liebesverhältniß mit der Sängerin Luigia Pol-
0119zelli
. Sie war 19 Jahre alt, als sie 1779 mit ihrem
0120Gatten, dem Violinspieler Polzelli, in die fürstliche Musik-
0121capelle aufgenommen wurde. Dem Fürsten schienen Beide
0122nicht behagt zu haben; er wollte sie noch vor Ablauf ihres
0123zweijährigen Contractes entlassen; offenbar geschah es [2]
0124auf Haydn’s Verwendung, daß sie dennoch bis zur Auf-
0125lösung der Capelle (1790) im Dienste verblieben,
0126obgleich der immer kränkliche Polzelli keine Dienste mehr
0127leistete. Haydn hatte eine heftige Neigung zu der Sängerin
0128gefaßt, welche ihrerseits mehr von Habsucht als von Liebe
0129beseelt erscheint. Jedenfalls hat sie ihm viel Geld gekostet.
0130Nach der Auflösung der fürstlichen Capelle verschaffte ihr
0131Haydn Engagements an kleinen italienischen Bühnen. Nach
0132Piacenza, Bologna, überallhin folgt ihr Haydn’s Liebe
0133und — sein Geld. Er beabsichtigte sogar, nach seiner ersten
0134Londoner Reise selbst nach Italien zu gehen, um die Polzelli 
0135wiederzusehen. „Ich schätze dich und liebe dich“ — schreibt
0136er ihr — „wie am ersten Tage, und bin immer betrübt,
0137wenn ich nicht im Stande bin, mehr für dich zu thun. Doch
0138habe Geduld, vielleicht kommt jener Tag, an dem ich dir
0139zeigen kann, wie sehr ich dich liebe.“ Aber dieser Tag wollte
0140nicht kommen, selbst dann nicht, als das beiderseitige
0141Hinderniß durch den Tod Signor Polzelli’s und der Frau 
0142Haydn’s behoben war. Luigia Polzelli heiratete noch vor
0143Haydn’s Ableben den Sänger Franchi in Bologna; sie ist
0144erst 1832, zweiundachtzigjährig, in Kaschau gestorben. Haydn,
0145den man sonst als ein Muster von Sittenstrenge anzusehen
0146gewohnt ist, hat für dieses Liebesverhältniß wenigstens Eine
0147Entschuldigung: seine unglückliche Ehe. Er hatte bekanntlich
0148in seinem neunundzwanzigsten Jahre die älteste Tochter des
0149Perrückenmachers Keller in Wien geheiratet, oder besser: sich
0150aus Gutmüthigkeit von ihr heiraten lassen, nachdem ihre von
0151ihm begehrte jüngere Schwester es vorzog, ins Kloster zu
0152gehen. Frau Haydn ward die größte Dissonanz in dem Leben
0153ihres so harmonischen Gatten. Boshaft, geizig und bigott, vergällte
0154sie ihrem Gatten so consequent das Leben, daß er sie nach
0155dreißigjähriger Quälerei schließlich ins Exil schicken mußte,
0156wo sie (in Baden bei Wien) im Jahre 1800 starb. Obwol
0157wir im Zeitalter der literarischen „Rettungen“ leben, hat
0158doch noch Niemand den Muth gehabt, diese Frau weißzu-
0159waschen, welche der gutmüthige Haydn kurzweg als „una
0160bestia infernale“ bezeichnet. Mit einem geistreichen Citat legt
0161Pohl diesem die Worte aus Lessing’s „Jungen Gelehrten“
0162in den Mund: „Man wird es zugestehen müssen, daß ich
0163keine andere Absicht gehabt habe als die, mich in den Tugen-
0164den zu üben, die bei Erduldung eines solchen Weibes nöthig 
0165sind.“ Das einmal aufgetauchte, auch schon für ausgebreitete
0166Betteleien verwerthete Gerücht, Haydn sei der Vater des
0167jüngeren „Polzelli“, wird von Pohl mit überzeugenden
0168Gründen widerlegt.


0169Einen erfreulicheren Eindruck, als dieses nichts weniger
0170als ideale Liebesverhältniß mit der Polzelli, macht die aus-
0171dauernde edle Freundschaft, welche Haydn mit Frau v. Gen-
0172zinger
in Wien verband. Sie war die Gattin des Arztes
0173Peter Leopold Genzinger, der 1780 für seine großen Ver-
0174dienste von Maria Theresia in den Adelsstand erhoben wurde.
0175Eine kunstsinnige, namentlich sehr musikalische Dame, war
0176Frau v. Genzinger zur Zeit, als sie Haydn kennen lernte,
0177Mutter von sechs Kindern. So oft Haydn von Eszterhaz
0178nach Wien kam, war er bei Genzingers im Schottenhofe
0179ein willkommener Gast, ließ sich von der Tochter vorsingen, von
0180der Mutter auf dem Clavier vorspielen und setzte sich selbst als Aus-
0181übender zum Quartett. Seine zahlreichen Briefe an Frau v. Gen-
0182zinger (zuerst von Karajan 1861 veröffentlicht), charakterisirt
0183eine seltsame Mischung von respectvoller, ja ceremoniöser
0184Höflichkeit mit inniger, echt freundschaftlicher Hingebung. In
0185diesem Familienkreise fühlte sich Haydn am glücklichsten. Nur
0186zu schnell verflog ihm jedesmal die Zeit seines Besuches in
0187Wien; die Dienstpflicht ruft ihn immer wieder nach Esterhaz,
0188wo er mit jedem Jahre sich einsamer und unbefriedigter
0189fühlte. „O könnt’ ich nur,“ schreibt er der Freundin, „eine
0190Viertelstunde bei Ihro Gnaden seyn, um meine Widerwär-
0191tigkeiten auszuschütten und von Euer Gnaden Trost einzu-
0192hauchen. Ich unterliege bey unsrer dermahligen Regierung
0193vielen Verdrießlichkeiten, welche ich aber hier mit Stillschwei-
0194gen übergehen muß.“ „Nun in Gottes Namen,“ heißt es
0195weiter, „es wird auch diese Zeit vorübergehen und jene wieder
0196kommen, in welcher ich das unschätzbare Vergnügen haben
0197werde, neben Euer Gnaden am Clavier zu sitzen, Mozart’s
0198Meisterstücke spielen zu hören und für so viele schöne Sachen
0199die Hände zu küssen.“


0200Außer Genzingers waren es hauptsächlich die Familien
0201v. Greiner, Martinez, Weigl und Frieberth,
0202dann das musikalische Haus des Hofrathes v. Kees, wohin
0203sich Haydn gezogen fühlte. Außerdem hatte er in Wien 
0204immer Geschäftliches mit Artaria abzumachen und wollte von
0205Opern und Concerten möglichst profitiren. In Wien be-
0206trachteten ihn die tonangebenden Musiker mehr als einen
0207Fremden in Folge seiner Stellung in Ungarn, wollten ihn
0208auch lange nicht als ebenbürtig oder gar überlegen aner-
0209kennen. Haydn klagt über eine „Menge von Neidern und
0210Feinden“. Er empfand deren Einfluß zunächst bei einer
0211Oper, die er im Auftrage des Kaisers für das National-
0212Theater geschrieben hatte und deren Aufführung hintertrieben
0213wurde. Specielle Gegner hatte Haydn in den Achtziger-Jahren
0214im Musikzimmer des Kaisers, wo Musikdirector Kreibich 
0215und Kammerdiener Strack Alles aufboten, Haydn’s Quar-
0216tette fernzuhalten, was ihnen nicht schwer fiel, da Kaiser
0217Joseph ohnehin von Haydn’s „Spässen“ nicht viel hielt.


0218„Mein Unglück ist nur der Aufenthalt auf dem Lande,“
0219schreibt Haydn einmal an Artaria. Allein gerade diese Stel-
0220lung bei Eszterhazy führte auch wieder unendliche Vortheile
0221für Haydn’s Entwicklung mit sich, und Abbé Vogler be-
0222hauptete mit Grund, daß Haydn um nichts so sehr zu be-
0223neiden sei, als um diese Stellung, in der er bei seinen
0224Talenten ein großer Mann habe werden müssen. Wie sehr
0225kam ihm der beständige Verkehr mit dem Orchester zu statten!
0226Pohl drückt dies sehr hübsch mit dem Worte aus: „Das
0227Orchester war ihm eine lebendige Partitur, in der er nach
0228Belieben streichen und zusetzen konnte.“ Haydn’s Thätigkeit
0229in Eszterhaz ist erstaunlich. Er hat dort ein Dutzend italie-
0230nischer Opern, 63 Symphonien, 44 Streichquartette, fünf
0231Messen, das Oratorium „Il ritorno di Tobia“, die „Sieben
0232Worte am Kreuz“, viele Ouvertüren, Concerte, Kammer-
0233musiken und Lieder geschrieben. Die rührende Geschichte von
0234Haydn’s „Abschieds-Symphonie“ erzählt Pohl, abweichend
0235von der mythisch gewordenen Auslegung, folgenderweise:
0236Der Fürst hatte aus Raummangel den Musikern be-
0237fohlen, Weib und Kinder aus Eszterhaz zu entfernen
0238und sie nach dem benachbarten Eisenstadt zu schaffen.
0239Vergebens wendeten sich die armen Ehemänner an ihren
0240Papa Haydn, der es aber diesmal nicht unternahm, als ihr
0241Fürsprecher vor den Fürsten zu treten, sondern nur ein
0242schalkhaftes Lächeln für sie hatte. Erst bei der nächsten
0243Orchesterprobe wurde ihnen sein humoristischer Kriegsplan
0244klar. Man weiß, wie im Finale dieser Symphonie die
0245Musiker, einer nach dem andern, ihren Platz räumen und
0246die Lichter löschen, bis nur noch zwei Violinen übrig bleiben. [3]
0247Als sich nun Haydn anschickte, den Letzten zu folgen, trat
0248der Fürst gerührt an ihn heran und sagte: „Ich habe Ihre
0249Absicht wohl durchschaut, die Musiker sehnen sich nach
0250Hause; nun gut, morgen packen wir ein.“ Die Geschichte ist
0251für Haydn’s schalkhaftes und gutherziges Wesen höchst be-
0252zeichnend.


0253An Mittheilungen rein musikalischen Inhalts, über
0254Haydn’s Art zu dirigiren, zu componiren u. s. w., ist
0255Pohl’s zweiter Band sehr reich. Der Verfasser weiß sich, bei
0256aller Liebe und Verehrung für Haydn, doch von Ueber-
0257schwenglichkeit und blinder Bewunderung frei zu erhalten,
0258und beweist dies namentlich in seiner Kritik des Oratoriums
0259Il ritorno di Tobia“, dann der sehr überschätzten „Sieben
0260Worte“, endlich der Opern und der Lieder Haydn’s.
0261Unter letzteren war uns Eines: „Der schlaue Pudel“ (ge-
0262wöhnlich die „Pudel-Romanze“ genannt) immer merkwürdig
0263gewesen. Wie Pohl erzählt, schrieb es Haydn in Folge der Auf-
0264forderung einer Officierstochter aus Coburg. Der eingeschickte Text
0265(20 Strophen!) schilderte die Schlauheit eines Pudels, der
0266einen weggelegten Thaler richtig aufzufinden wußte. Die Ein-
0267senderin, die in einen Hauptmann, den Besitzer des Pudels,
0268verliebt war, hoffte durch eine Ueberraschung ihn fester an
0269sich zu ketten, und da er ein Verehrer Haydn’s war, bat sie
0270nun diesen, das kleine Abenteuer in Musik zu setzen, doch
0271bemerkte sie zugleich, daß sie arm sei und daher hoffe, er
0272werde sich mit dem beigelegten Ducaten begnügen. Haydn 
0273componirte das Lied, schickte es sammt dem Ducaten an die
0274Schöne ab, erbat sich aber scherzweise von ihr ein Paar
0275Strumpfbänder zur Strafe, daß sie ihn für eigennützig und
0276ungalant halten konnte. Die Bänder, aus rother und weißer
0277Seide, mit einer gemalten Guirlande und Vergißmeinnicht,
0278kamen richtig an, und Haydn bewahrte sie sorgfältig bei seinen
0279Juwelen auf.


0280Eine ganz neue Entdeckung, die wir Pohl verdanken,
0281ist Haydn als — Freimaurer. Für einen Mann von
0282Haydn’s correct religiöser Gesinnung klingt das einigermaßen
0283überraschend. Mit Leib und Seele wie Mozart war nun
0284allerdings Haydn nicht dabei; seine Freimaurerschaft bildet
0285eine flüchtige, kaum bekannt gewordene Episode in seinem
0286Leben. Nach Pohl’s Vermuthung mag sein Freund und
0287Gönner v. Greiner Haydn zum Eintritte in die Loge 
0288„Zur Eintracht“ aufgemuntert haben, wo dieser am 4. Fe-
0289bruar 1785 auch feierlich installirt wurde. Der „Herr
0290v. Weber“, welcher bei dieser Feierlichkeit als Haydn’s
0291Pathe fungirte, ist aller Wahrscheinlichkeit nach Franz Anton
0292v. Weber, der Vater Karl Maria Weber’s.


0293Zu den erfreulichen Partien des Buches gehört Alles,
0294was das persönliche Verhältniß zwischen Mozart und
0295Haydn betrifft. Mit Rührung und wahrer Erhebung lesen
0296wir, mit welcher neidlosen Anerkennung diese beiden Meister
0297sich gegenseitig schätzten und bewunderten. Ein solches Ver-
0298hältniß ist jederzeit selten, in unseren Tagen aber am aller-
0299seltensten. Als der Componist L. Kozeluch in Mozart’s
0300Gegenwart an den Quartetten Haydn’s zu mäkeln wagte,
0301rief Mozart ihm heftig zu: „Herr, wenn man uns Beide
0302zusammenschmilzt, wird noch lange kein Haydn daraus!“
0303Und Haydn, der nach einer Aufführung des „Don Juan“
0304in einer Gesellschaft, welche Vieles an der Oper zu tadeln
0305fand, um seine Meinung gefragt wurde, erwiderte: „Ich
0306kann den Streit nicht ausmachen, aber das weiß ich, daß
0307Mozart der größte Componist ist, den die Welt hat.“ —
0308Der zweite Band schließt mit der Auflösung der fürstlichen
0309Capelle in Eszterhaz und mit Haydn’s Abreise nach London 
0310am 15. December 1790. Pohl hat, um auch die gesammte
0311Umgebung Haydn’s zu schildern, zwischen die eigentliche
0312Biographie eine „Wiener Chronik“ eingeschoben, welche über
0313die Musikpflege bei Hofe, beim Adel und in Privathäusern,
0314über die Theater und musikalischen Akademien, über den
0315Stand der Kirchenmusik, des Musikhandels und des Instru-
0316mentenbaues zur Zeit Haydn’s das Wichtigste mittheilt. Von
0317großem Werthe für den Musiker ist das als Anhang bei-
0318gegebene „Chronologisch-thematische Verzeichniß der Composi-
0319tionen Haydn’s“, eine eben so mühsame als sorgfältige Arbeit,
0320die in dieser Vollständigkeit zum erstenmale vorliegt. Sehr
0321hübsch ist das Titelkupfer, ein Brustbild Haydn’s, nach
0322einem auf Elfenbein gemalten Aquarellporträt aus den Acht-
0323ziger Jahren. Wir schließen unsere Anzeige von Pohl’s reich-
0324haltigem zweiten Bande mit dem Wunsche, der Verfasser
0325möge den dritten recht bald nachfolgen lassen. Die beste Vor-
0326arbeit dazu hat er ja bereits selbst verfaßt und im Jahre
03271867 publicirt: die werthvolle Monographie „Haydn und
0328Mozart in London“.

Fußnoten
  • *)Joseph Haydn. Von C. F. Pohl. 2. Halbband. Leipzig,
    Breitkopf und Härtel, 1882.
  • **)Es ist eigentlich schade, daß dieses possirliche Vergnügen
    gänzlich ausgestorben ist und nur in einigen untergeordneten Volks-
    theatern Italiens noch einen bescheidenen Schlupfwinkel innehat.
    Stendhal, der im vorigen Jahrhundert zu Neapel in feingebil-
    deten Kreisen Marionetten-Theatern aufführen sah, war ganz entzückt
    davon, insbesondere von dem geheimnisvoll improvisirten Dialog. Er be-
    merkt, daß die Leute, unbekümmert um Gesten und Mimik, viel
    besser sprechen, als wenn sie auf der Scene wären, und ruft schließ-
    lich aus: „Könnte man dieses Genre nicht nach Paris verpflanzen:
    Es bietet eines der lebhaftesten Vergnügen.“