Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6433. Wien, Dienstag, den 25. Juli 1882
[1]Briefe aus Bayreuth über Wagner’s „Parsifal“. I.
0002Ed. H. So säßen wir denn wieder in dem freund-
0003lichen bayrischen Städtchen: dem einst durch weltliche Pracht,
0004dann zweimal durch geistige Macht berühmt gewordenen
0005Bayreuth. Vor einem halben Jahrhunderte wallfahrteten
0006einzelne Jean-Paul-Schwärmer nach dieser Stätte, vor sechs
0007Jahren ganze Pilgerkarawanen von Wagner-Verehrern. Ja,
0008volle sechs Jahre sind verflossen, seit das „Bühnenfestspiel-
0009haus“ in Bayreuth sich zum erstenmale aufthat, um uns
0010die viertägigen Wunder des Wagner’schen „Nibelungenrings“
0011vorzuzaubern. Seitdem blieb das seltsame Haus auf dem
0012Berge geschlossen, die hinanführende staubig heiße Straße
0013verödet. Anders, ganz anders war es geplant gewesen.
0014Wagner hatte auf alljährliche Aufführungen gehofft, ja sogar
0015die Aussicht eröffnet, sein Theater werde in immer weiterer
0016Ausdehnung auch jede Gattung dramatischer Arbeiten auf-
0017nehmen, welche der Originalität ihrer Conception und ihres
0018wirklich deutschen Styles wegen auf eine besonders correcte
0019Aufführung Anspruch erheben können. Nun, das hat freilich
0020kein Mensch geglaubt, daß Wagner in Bayreuth je etwas
0021Anderes als seine eigenen Werke aufführen werde.
0022Letzteres ist auch ganz in der Ordnung; denn um
0023„Fidelio“ oder „Don Juan“ gut zu hören, braucht Nie-
0024mand nach Bayreuth zu reisen, noch weniger mußte
0025dafür ein eigens construirtes Theater erbaut werden.
0026Glaubwürdiger hingegen und verläßlicher mochte die andere
0027Verheißung erscheinen: die einer alljährlichen Wieder-
0028holung des „Nibelungen“-Cyklus in Bayreuth. Diese
0029Absicht hing ganz folgerichtig zusammen mit Wagner’s be-
0030stimmter öffentlicher Erklärung, er werde die Aufführung
0031seiner Nibelungen-Trilogie auf keiner andern Bühne je
0032gestatten. An der Dauerhaftigkeit dieses Verbotes, so ernst-
0033haft es ursprünglich geplant sein mochte, haben wir allerdings von
0034allem Anfang gezweifelt und schon 1876 die Prophezeiung ge-
0035wagt, es werde, nachdem einmal Europa nach Bayreuth gereist
0036sei, nunmehr Bayreuth nach Europa kommen müssen. So
0037ist es auch eingetroffen: eingetroffen zum reellen Vortheil
0038des Werkes und seines Urhebers. Der Prophet kam zu dem
0039Berge, und die Nibelungen-Trilogie wanderte in den letzten
0040sechs Jahren über alle namhaften Hof- und Stadttheater.
0041Der Wagner-Tempel in Bayreuth aber blieb geschlossen.
0042Erst jetzt öffnet er wieder seine Pforten, um ein neues Werk,
0043„Parsifal“, aufzunehmen, dem Wagner durch die Bezeichnung
0044„Bühnenweihfestspiel“ eine ganz ungewöhnliche Bedeutung
0045beilegt.
0046Mit der Wahl seines Stoffes ist Wagner in zwei-
0047fachem Sinne aufwärts gestiegen: genealogisch, von Lohen-
0048grin zu dessen Vater Parcival, und metaphysisch von einem
0049mythischen zu einem mystischen, specifisch christlichen Inhalte.
0050Die Seele des Ganzen ist der „heilige Gral“, d. i. die auf dem
0051Berge Montsalvat von den Gralsrittern gehütete wunderthätige
0052Schüssel oder Schale, in welcher Joseph von Arimathiä das
0053Blut des Gekreuzigten aufgefangen haben soll. Sie hat schon
0054im „Lohengrin“ als eine unsichtbare, von ferne hereinwir-
0055kende Macht die Katastrophe („Mich ruft der Gral!“) her-
0056beigeführt. Im „Parsifal“ bildet der Gral den sichtbaren
0057Mittelpunkt und die alle Motive regierende oberste Macht
0058des Dramas. Nur ein völlig Reiner, der den Weg dahin
0059nicht sucht, kann zum Gral gelangen und in dessen Ritter-
0060schaft aufgenommen werden. Parcival ist dieser unschul-
0061dige, weltfremde Jüngling, „der reine Thor“, der, hiezu be-
0062rufen, seine höhere Sendung erst versäumt, verfehlt, um
0063nach schweren Prüfungen und allmäliger sittlicher Läuterung
0064sie schließlich zu vollbringen. Bekanntlich hat der ritterliche
0065Sänger Wolfram von Eschenbach auf Grund ver-
0066schiedener Sagen und hauptsächlich nach dem Gedichte des
0067Franzosen Chrétien de Troyes Anfangs des dreizehnten Jahr-
0068hunderts den Parcival in einem ebenso weitläufigen als tiefsinni-
0069gen und farbenreichen Epos verherrlicht und darin den Sagenkreis
0070vom heiligen Gral mit jenem von der ritterlichen Tafelrunde
0071des Königs Artus vereinigt. Wolfram von Eschenbach, der
0072— das gerade Gegentheil von Richard Wagner — weder
0073lesen noch schreiben konnte, hat Letzterem als vorzüglichste,
0074wenngleich nicht ausschließliche Quelle gedient. Es fügt sich
0075hübsch, daß der neueste Parcival, der Wagner’sche, in
0076demselben Lande, Bayern, ja in demselben fränkischen Gau
0077jetzt aufersteht, wo vor sechshundert Jahren Wolfram’s Hei-
0078mat gestanden. Eschenbach liegt südöstlich von Anspach, also
0079nicht gar weit von Bayreuth. Zu Wiedenberg, vermuthlich
0080Wehlenberg bei Anspach, hatte er sein Haus und lebte dort
0081mit Frau und Kind, arm, aber zufrieden. Er starb, ein
0082hoher Fünfziger, um das Jahr 1220 und wurde in der
0083Frauenkirche zu Eschenbach begraben. So erinnert denn der
0084bayrische Nordgau, welcher auch Bayreuth einschließt, un-
0085mittelbar an den unübertroffenen ersten Dichter des Parcival:
0086an Wolfram von Eschenbach. In sein Gedicht dürften sich
0087wol nur die Gelehrten unter unseren Lesern, Literarhisto-
0088riker und Germanisten, vertieft haben. Ein viel größerer
0089Kreis ist über Wolfram und seinen „Parcival“ aus älteren
0090Literaturwerken informirt, neuestens vielleicht aus Wilhelm
0091Hertz’ sorgfältiger Monographie, oder endlich aus der treff-
0092lichen lieferungsweise erscheinenden Literatur-Geschichte von
0093Wilhelm Scherer. Einen dritten Kreis bildet die ansehn-
0094liche Minorität, welche Wolfram von Eschenbach wahrscheinlich
0095nur als den melodiösen Abendstern-Sänger in Wagner’s
0096„Tannhäuser“ kennt. Für das Verständniß des „Bühnenweih-
0097festspiels“ sollte auch dies hinreichen, da ein rechtschaffenes
0098Drama, gesprochen oder gesungen, sich selber erklären soll,
0099ohne gelehrte Vorstudien.
0100Indem wir den Inhalt der Wagner’schen Dichtung
0101nacherzählen, sehen wir von dem „Parcival“ Wolfram’s vor-
0102läufig ganz ab und wollen erst später einige für das Drama
0103wichtige Abweichungen notiren. Wagner’s „Parsifal“ —
0104doch halt! wir müssen nothwendig einen Augenblick bei dem
0105Namen des Helden verweilen, dessen Bayreuther Schreibart
0106schon manche Verwirrung veranlaßt hat. Wolfram nennt
0107seinen Helden „Parcival“; von dem französischen Zeit-
0108worte percer („Fürwahr, dein Nam’ ist Parcival; recht
0109mitten durch bedeutet er“.) Chrétien de Troyes nennt
0110ihn „Perceval“ (Thaldurchstreifer), was jener ersten Bedeu-
0111tung verwandt ist.
*)
Eigennamen unzweifelhaft französischen
0118Ursprungs aus dem Persischen und Arabischen her-
0119leiten wollen, ist eine gelehrte Schrulle, in welcher bis-[2]
0120her nur Joseph Görres sich gefallen hat; seine
0121„falschen Herleitungen“ hat schon Gervinus gerichtet.
0122Wagner, der es wahrlich nicht bedarf, wol aber liebt, in
0123Kleinigkeiten groß, in Nebendingen originell zu sein, leitet
0124den unanfechtbar französischen Namen gewaltsam aus dem
0125Arabischen her, um ihm die Bedeutung „reiner Thor“ aufzu-
0126zwingen. Er läßt seinen Helden im zweiten Acte von der
0127Verführerin Kundry philologisch aufklären: „Dich nannt’ ich,
0128thör’ger Reiner, Fal parsi — dich, reinen Thoren:
0129Parsifal!“ Uns scheint der Umstand, daß der Name
0130Parcival seit 600 Jahren durch einen unserer größten
0131Dichter in der Literatur eingebürgert ist, ausreichend, um
0132daran festzuhalten und jede willkürliche Abänderung zu
0133ignoriren. Den Titel des Wagner’schen Festspieles hat
0134man natürlich buchstabentreu „Parsifal“ zu citiren; im
0135Uebrigen wird die nichtwagner’sche Welt nach wie vor
0136„Parcival“ schreiben. Und nun vom Parcival zum „Parsifal“!
0137Der erste Aufzug beginnt in einer Waldlandschaft in
0138den nördlichen Gebirgen des gothischen Spanien. Wir
0139sehen unter Bäumen schlummernde Ritter und Knappen sich
0140erheben, um dem kranken Gralskönig Amfortas ein Heil-
0141bad zu bereiten. Dieser ist schlaflos von „starken Bresten“,
0142die Schmerzen kehren „immer sehrender“ ihm zurück. Wie
0143wir aus dem Munde des Ritters Gurnemanz erfahren,
0144war Amfortas eines Tages ausgezogen, um mit seiner Lanze
0145— derselben, womit einst dem Heiland die Seite durch-
0146stochen worden — den bösen Zauberer Klingsor zu „be-
0147heeren“, wurde aber von diesem des „wunden-wundervollen
0148Speers“ beraubt und mit einer Wunde, die sich nie schließen
0149will, heimgeschickt. Nun kommt die abschreckend wilde, dienst-
0150bereite Gralsbotin Kundry „hastig, fast taumelnd“ auf
0151die Bühne gestürzt; sie bringt aus Arabien einen Balsam
0152zur Heilung des kranken Königs und wirft sich ermüdet zur
0153Erde. Kaum hat Amfortas das Bad genommen, das „sein
0154Weh’ staut“, als wirrer Lärm immer näher kommt. Ein
0155fremder Jüngling, Parsifal, ist unversehens in den Wald
0156gedrungen und hat mit dem Pfeil einen Schwan erlegt, der
0157eben über den heiligen See flog. Man führt den Frevler
0158vor Gurnemanz, der ihn ins Verhör nimmt. Auf die Fragen:
0159Wo bist du her? Wer ist dein Vater? Wer sendete dich des
0160Weges? Wie heißt du? antwortet der Jüngling jedesmal
0161mit: „Das weiß ich nicht“. In Gurnemanz steigt die Ver-
0162muthung auf, daß dieser wildfremde Knabe, welcher von
0163selbst den Weg in den heiligen Wald gefunden, der zur
0164Rettung des kranken Königs Auserwählte sei. Denn ein
0165Orakel — ein sehr dunkles allerdings — hat dem König
0166zum Troste verkündet: „Durch Mitleid wissend — der reine
0167Thor; harre sein — den ich erkor.“ Gurnemanz heißt den
0168Jüngling ihm folgen; der Weg zur Gralsburg auf dem
0169Montsalvat öffnet sich ihnen von selber, eine Wandel-Deco-
0170ration markirt das Fortschreiten des Paares durch Felsen-
0171wände und Felsenthore. Endlich finden sie sich in einem Saal,
0172der sein Licht einzig durch eine Oeffnung in der gewölbten
0173Kuppel erhält. Glockenklänge ertönen und Gesang unsicht-
0174barer Knaben. Die Gralsritter nehmen Platz an langen
0175Tafeln, König Amfortas wird auf seinem Ruhebett herein-
0176getragen. Aus einer Nische im Hintergrund ertönt die kla-
0177gende Stimme des greisen Titurel, der im Grabe weiter-
0178lebt, täglich neubelebt durch Wunderkraft des Grals. Er
0179fordert seinen Sohn Amfortas auf, sein heiliges Amt zu ver-
0180richten und den Gral zu enthüllen. Unter bitteren Klagen
0181über seine eigene Unwürdigkeit gehorcht Amfortas und ent-
0182hüllt das heilige Gefäß, während die Knabenstimmen die
0183Formel des christlichen Abendmals intoniren: „Nehmt hin
0184mein Blut um uns’rer Liebe willen! Nehmt hin meinen
0185Leib, auf daß ihr mein gedenkt.“ Der Gral erglüht in
0186Purpurlicht, die Tische zeigen sich mit Brot und Wein be-
0187setzt und die Ritter setzen sich zu der durch den Gral ge-
0188spendeten Abendmalzeit. Parsifal bleibt stumm und regungs-
0189los sowol bei dem ungeahnten Glanz, als bei den Schmer-
0190zensrufen des Königs. Auf die Frage des Gurnemanz, ob
0191er wisse, was er gesehen hat — schüttelt Parsifal den Kopf,
0192worauf ihn der Ritter zu einer Seitenthür hinausstößt mit
0193den recht unpoetischen Worten: „Lass’ du hier künftig die
0194Schwäne in Ruh’ und suche dir, Gänser, die Gans!“
0195Damit schließt der erste Act.
0196Der zweite Aufzug versetzt uns in Klingsor’s Zauber-
0197reich, „jenseits der Berge“. Der böse Zauberer ruft Kundry:
0198„Hieher, Kundry, zu deinem Meister herauf!“ Die Gerufene
0199erscheint in bläulichem Lichte aus der Tiefe, einen „gräßlichen
0200Schrei“ ausstoßend und dann in ein „Klagegeheul“ aus-
0201brechend. Wer ist diese Kundry? Wie kommt sie, die stets
0202hilfreiche Botin des Grals, jetzt hieher als dienender Dämon
0203Klingsor’s? Ein Räthsel im ersten Acte, erscheint sie uns
0204im zweiten nur als ein anderes neues Räthsel, und was uns
0205den Schlüssel geben soll zu diesen beiden entgegengesetzten
0206Erscheinungen Kundry’s, ist nur ein noch größeres drittes
0207Räthsel. Kundry ist nämlich nicht blos die treue Dienerin
0208der Gralsritter und zugleich die verderbliche Helfershelferin
0209des teuflischen Klingsor, sie ist noch obendrein ein mythischer
0210Rest, eine lebendige Versteinerung aus der Zeit Christi!
0211Die böse Herodias, welche beim Anblicke des blutigen Hauptes
0212des Täufers gelacht hat, und jene herzlose Jüdin, die den
0213Heiland auf seinem Todesgange verlachte, seither als ein
0214weiblicher Ahasver zu ewigem qualvollen Leben und
0215ewigem Lachen verdammt — das Alles ist Wagner’s
0216Kundry in Einer Person. Klingsor, der zeitweilig
0217Macht hat über sie, verwendet sie zur Verführung der zu-
0218reisenden Gralsritter. Auf sein Geheiß erscheint sie jetzt in
0219jugendlicher Schönheit, sie, die wir im ersten Acte abstoßend
0220häßlich gesehen. Sie hat vor Zeiten den König Amfortas
0221verführen helfen, heute soll sie ihre Künste an Parsifal er-
0222proben, der sich eben „kindisch jauchzend“ der Burg nähert.
0223Ein Zaubergarten voll üppiger Blumenpracht empfängt den
0224„reinen Thoren“. Von allen Seiten stürzen schöne Mädchen
0225in flüchtig übergeworfener Kleidung herbei, umringen ihn erst
0226scheltend, dann kosend, hüllen sich endlich in reizende Blumen-
0227gewänder und setzen ihm mit verliebten Schmeicheleien zu.
0228Er will ihnen entfliehen, da erscheint Kundry jugendlich
0229schön in „leicht verhüllender phantastischer Kleidung“ und ruft
0230ihn beim Namen. Sie erzählt ihm von seiner Mutter
0231Herzeloide, wie diese ihn liebte und starb. Kundry gibt
0232ihm „als Muttersegens letzten Gruß der — Liebe ersten
0233Kuß!“ Mit diesem Kuß geht urplötzlich in Parsifal eine
0234„furchtbare Veränderung“ vor sich; aus dem Taumel er-
0235wachender, rasender Sinnlichkeit geräth er unvermittelt in
0236das Extrem religiöser Ekstase. Er denkt urplötzlich an Am-
0237fortas Wunde, klagt sich schwerster Schuld an und stößt
0238endlich Kundry, die ihn immer glühender bedrängt, heftig
0239von sich. Auf ihren Hilferuf erscheint Klingsor auf der Burg-
0240zinne und schleudert den heiligen Speer gegen Parsifal. Der
0241Speer bleibt jedoch über dem Haupte des „reinen Thoren“
0242in der Luft schweben. Parsifal ergreift ihn und schwingt ihn, [3]
0243damit die Gestalt des Kreuzes bezeichnend. Klingsor’s Zauber-
0244schloß versinkt wie durch ein Erdbeben.
0245Der dritte Act spielt geraume Zeit später, wenigstens
0246finden wir Gurnemanz „zum hohen Greise gealtert“, als
0247Einsiedler wieder. Anmuthige Gegend im Gralsgebiet; es ist
0248Charfreitag. Gurnemanz findet in der Hecke die Kundry
0249leblos und erstarrt, er erweckt sie zum Leben; ihre Erschei-
0250nung ist die alte, unschöne, aber die frühere Wildheit ist von
0251ihr gewichen. Parsifal tritt auf in schwarzer Rüstung, die
0252heilige Lanze in der Hand, und sucht den Weg zu Amfortas.
0253Mit höchstem Entzücken begrüßt Gurnemanz die Heilsbotschaft
0254von der wiedergewonnenen Lanze. Parsifal erscheine zu rechter
0255Zeit als Retter, denn heute, am Charfreitage, solle bei Titurel’s
0256Leichenfeier der Gral zum letztenmale enthüllt werden und
0257dann für immer verborgen bleiben. Die Drei ziehen zur
0258Gralsburg, nachdem sie uns noch ein überraschendes lebendes
0259Bild aus dem Neuen Testament geboten haben: die büßende
0260Kundry wäscht dem Parsifal die Füße und trocknet dieselben
0261mit ihrem aufgelösten Haar, während Gurnemanz ihm mit
0262Balsam das Haupt salbt und als König des Grals
0263begrüßt. Parsifal schöpft mit der Hand Wasser aus der
0264Quelle und tauft damit Kundry auf den Christen-
0265glauben. Die Wandel-Decoration aus dem ersten Acte
0266führt sie bald zur Gralsburg, wo die Ritter in tiefster
0267Trauer den Katafalk des todten Titurel umstehen.
0268Amfortas reißt verzweifelnd sein Gewand auf, entblößt die
0269offene Wunde und verlangt den Tod von der Hand der
0270Gralsritter. Da erscheint Parsifal, und mit den Worten:
0271„Nur Eine Waffe taugt — die Wunde schließt der Speer nur,
0272der sie schlug“ — berührt er mit der heiligen Lanze die Wunde
0273des Königs. Dieser strahlt „in heiliger Entzückung“ und schwankt
0274vor großer Ergriffenheit. Parsifal aber hebt den Speer hoch
0275empor, und siehe! von seiner Spitze fließt heiliges Blut. Der
0276Gral wird enthüllt und leuchtet. Der todte Titurel erhebt
0277sich segnend im Sarge, während eine weiße Taube, das Sym-
0278bol der heiligen Dreifaltigkeit, sich aus der Kuppel auf Par-
0279sifal’s Haupt herabsenkt. Kundry sinkt entseelt zu Boden,
0280während Amfortas und Gurnemanz kniend dem neuen
0281Könige des Grals huldigen und leise der mystische Schluß-
0282chor ertönt:
0283„Höchsten Heiles Wunder!
0284Erlösung dem Erlöser!“