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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6434. Wien, Mittwoch, den 26. Juli 1882

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Briefe aus Bayreuth über Wagner’s „Parsifal“. II.


0002Ed. H. Schon aus der Lectüre des Textbuches wird
0003jeder mit Wagner’s genialer Theaterkunst vertraute Leser
0004den Eindruck eines höchst effectvollen Bühnenstückes davon-
0005tragen. Ein ungemein geschickt gegliedertes Drama mit völlig
0006neuen, blendenden Situationen baut sich kühn vor uns auf.
0007In formeller Beziehung besitzt es glänzende Vorzüge und
0008übertrifft durch übersichtlichen Aufbau, knappere Führung und
0009wirksame Steigerung die Dichtung der Nibelungen-Trilogie.
0010Ueberdies bezeichnet es einen erfreulichen Fortschritt (oder
0011gesunden Rückschritt) in der Diction. Zwar fehlt es dieser
0012auch nicht an gequälten Wortbildungen und Sätzen, an ab-
0013sichtlicher Dunkelheit und bombastischem Aufputz, aber
0014wenigstens sind wir das kindische Geklapper der Stabreime
0015und Alliterationen los. Gegen die sprachmörderische Diction
0016des „Siegfried“ oder „Tristan“ gehalten, ist die Sprache
0017Parcival’s einfach und natürlich — soweit Richard Wagner 
0018heute überhaupt noch fähig ist, einfach und natürlich zu
0019sprechen. An der Erzählung Wolfram’s von Eschenbach hat
0020er zwar einiges Wesentliche zum Nachtheil der dramatischen
0021Motivirung geändert — wie wir bald sehen werden — aber
0022auch mit sehr praktischem Blick Alles ausgeschieden, was die Ein-
0023heit seines Planes stören konnte, z. B. die ritterliche Gestalt
0024des Gawan, der als verliebter Abenteurer das Gegenstück
0025zu Parcival bildet, sowie die ganze Tafelrunde des Königs
0026Artus, dieses weltliche Gegenstück zu dem geistlichen Bunde
0027der Gralsritter. Durch diese Ausscheidung alles Episodischen,
0028nicht streng Nothwendigen gewann Wagner eine ruhige, stetig
0029fortschreitende Handlung, die in drei wohl aufgebauten Acten
0030gleichsam sechs malerische Tableaux hinstellt, je zwei in jedem
0031Acte. Der geborene Theater-Componist verräth sich in jeder
0032Scene dieses Textbuches, so scharf und lebendig ist darin
0033Alles angeschaut, vorausgeschaut, genau wie es auf der Scene
0034unfehlbar wirken muß. Und welcher Reichthum an glänzen-
0035den scenischen Bildern, an neuen großen Effecten breitet sich 
0036im „Parsifal“ aus! Die Wandel-Decoration und die Abend-
0037malsfeier im ersten Acte, die lebenden Blumen, das Wunder
0038der Lanze und das versinkende Zauberschloß im zweiten, end-
0039lich die Leichenfeier Titurel’s und die ganze Schlußscene, es
0040sind lauter überraschend neue Beweise von Wagner’s un-
0041erschöpflicher Bühnenphantasie. In dieser fremdartig und räthsel-
0042haft flimmernden Handlung folgt Wunder auf Wunder. Wer
0043naiv genügsamen Sinnes, den Wagner’schen „Parsifal“ als eine
0044höhere Zauber-Oper auffassen mag und kann, als ein freies
0045Spiel einer im Wunderbaren schwelgenden Phantasie, der
0046hat ihm die beste Seite abgewonnen und sich den ungetrüb-
0047testen Genuß errettet. Er wird von diesem Festspielzauber
0048nichts abzuwehren haben, als die falschen Prätensionen, daß
0049alledem ein unergründlich tiefer, heiliger Sinn zu Grunde
0050liege, eine philosophische und religiöse Offenbarung. Leider
0051wird gerade auf diese angeblich tiefe, sittliche Bedeutung, auf
0052das Christlich-Mystische in Wagner’s Dichtung das größte
0053Gewicht gelegt. *) Und von dieser Seite haben wir gegen das
0066neue „Bühnenweihfestspiel“ und dessen dramatischen Gehalt
0067schwere Bedenken.


0068Wie die meisten Wagner’schen Werke gerade in ihrem
0069von glänzender Hülle umgebenen dramatischen Kern krank
0070und dürftig sind, weil die Personen weniger aus freiem
0071Willen als unter dem Zwange einer übersinnlichen Macht
0072handeln, so auch der „Parsifal“. Und dieser noch weit mehr,
0073als irgend eines der früheren Wagner’schen Stücke. Es fehlt
0074jedem darin Handelnden, was erst zum dramatischen Charakter
0075macht: die freie Selbstbestimmung in Gutem und Bösem.
0076Gut oder böse in diesem Sinne, also dramatisch, ist weder
0077der Tugendheld Parsifal, noch sein teuflisches Gegenstück 
0078Klingsor, noch endlich die willenlos zwischen Beiden hin- und her-
0079gezerrte Kundry — von der erleuchteten Gralsgesellschaft nicht
0080zu reden. Vorerst ist Parcival selbst, seine Schuld und nach-
0081folgende sittliche Läuterung in Wagner’s Fassung unver-
0082ständlich. Parcival ist der unerfahrene, gutmüthige Jüng-
0083ling der Tölpeljahre, ein Lieblings-Charakter zahlloser mittel-
0084alteriger Romane, den zuerst Wolfram von Eschenbach durch
0085tiefere Auffassung erklärt hat. Im ersten Acte ist er bei
0086Wagner ganz charaktergemäß gehalten; eine Art zahmerer
0087Siegfried. Er schießt in jugendlicher Jagdlust einen Schwan,
0088ohne Arges dabei zu denken, antwortet auf jede Frage mit
0089„Das weiß ich nicht“ und läßt sich willenlos auf die Grals-
0090burg führen, wo er all die Wunder und räthselhaften
0091Menschen, die ihn umgeben, stumm anstaunt. Das ist voll-
0092kommen begreiflich. Ganz unbegreiflich ist es dagegen, wie
0093derselbe „reine Thor“ sich im zweiten Acte plötzlich als einen
0094furchtbaren Sünder erkennen kann, welcher schwere Schuld
0095abzubüßen hat. Hier rächt sich die Aenderung, die Wagner 
0096an der Parcival-Sage und an Wolfram’s Erzählung vor-
0097genommen hat, eine Aenderung, welche die psychologische
0098Motivirung des Helden und die folgerichtige Entwicklung der
0099Handlung geradezu vereitelt. Nach der Sage und der Er-
0100zählung Wolfram’s soll der kranke Amfortas einer Offen-
0101barung des Grals zufolge von einem reinen Jüngling er-
0102löst werden, welcher unabsichtlich den Weg zur Gralsburg
0103findet und dort aus freien Stücken an den König
0104die theilnehmende Frage richtet, was ihm fehle
.
0105Durch diese bloße Frage soll Amfortas geheilt und der
0106Fragende an seinerstatt König werden. Da man aber
0107dem Knaben Parcival als Lebensregel eingeschärft hatte, nicht
0108viel zu fragen, so unterläßt er die Frage auch dort, wo sie
0109sich ziemte und von ihm erwartet werden durfte: beim An-
0110blick des siechen Amfortas. Parcival verläßt die Gralsburg,
0111ohne sich einer Schuld bewußt zu sein. Erst als die Grals-
0112botin Kundry die gräßlichsten Verwünschungen über ihn aus-
0113stößt und ihn an Artus’ Tafelrunde als einen Verräther
0114anklagt, weil er die Erlösung des Amfortas, die in seiner
0115Hand gelegen, durch sein Schweigen vereitelt
0116habe
, weiß Parcival, was er verschuldete, und hadert mit
0117Gott, der Solches zulassen konnte. Mit sich zerfallen, ver-[2]
0118zweifelnd, gelangt er endlich zu einem alten Einsiedler,
0119Trevrizent, der sein Lehrer und Erlöser wird, indem er ihn
0120über den Gral aufklärt und über sein eigenes Innere.
0121Reuig und mit Gott versöhnt, findet Parcival nach langen
0122Irrfahrten und schweren Prüfungen wieder den Weg zum
0123Gral und tritt vor Amfortas mit der Frage: „Oheim, was
0124fehlt dir?“ Der kranke König erhebt sich geheilt und über-
0125trägt seine Krone auf Parcival. So erzählt Wolfram den
0126Hergang; die Lösung ist poetisch und verständlich. Indem
0127aber Wagner das Motiv der Frage ganz wegläßt, wird
0128uns unverständlich, was denn Parcival verschuldet hat und
0129was er eigentlich hätte thun sollen, um die Heilung
0130des Königs, dem Orakel entsprechend, zu bewerkstelligen.
0131Bei Wolfram lautet der Ausspruch des Grals ganz klar;
0132bei Wagner ist er wirklich dunkler, als wir es selbst von
0133Orakeln gewohnt sind: „Durch Mitleid wissend, der reine
0134Thor: — Harre sein, den ich erkor.“ Wir bekennen auf-
0135richtig, das nicht zu verstehen. Vergeblich fragen wir und
0136müssen immer wieder fragen, wie es denn kommt, daß
0137Wagner’s „Parsifal“, der von Niemandem mit einem Worte
0138über sein Versäumniß aufgeklärt und keiner Schuld sich be-
0139wußt ist, plötzlich, und zwar während der Liebesscene im
0140zweiten Acte, in Reue und Zerknirschung umschlägt, aus
0141einem reinen Thoren ein reiner Heiliger wird. Ohne einen
0142Gedanken an den kranken König, ohne einen Schatten von
0143Schuldbewußtsein reitet Parsifal im zweiten Acte „kindisch
0144jauchzend“ auf Abenteuer und gelangt in Klingsor’s Zauber-
0145schloß mitten unter die verführerischen Mädchen. Kundry,
0146zur reizenden Fee umgewandelt, gibt ihm „der Liebe ersten
0147Kuß“ und Parsifal springt mit dem Ausrufe: „Amfortas!
0148die Wunde, die Wunde!“ auf und stürzt verzweifelt auf
0149die Knie:


0150Erlöser, Heiland, Herr der Huld! /
0151Wie büß’ ich Sünder solche Schuld?! /


0152Das begreife wer kann. Kundry selbst scheint es nicht
0153zu begreifen, da sie den Parcival fragt: „So war es mein
0154Kuß, der welt-hellsichtig dich machte?“ Wie im dritten
0155Acte die dogmatischen, so häufen sich im zweiten die psycho-
0156logischen Wunder. Unter letzteren ein sehr häßliches: daß in
0157Parsifal das Bild seiner sterbenden Mutter benützt wird,
0158ihn in sinnliche Ekstase zu heben. Diese Vermengung des 
0159heiligsten Gefühls mit den unheiligsten wirkt um so ab-
0160stoßender, als sie hier vollständig unnöthig und unnatürlich
0161ist. Nach dem entscheidenden Kuß macht sich der welt-hell-
0162sichtig Gewordene von Kundry los und auf den Weg zu
0163Amfortas, ausgerüstet mit der heiligen Lanze, die von ihm
0164nicht einmal erkämpft, sondern ihm durch ein Wunder als
0165gebratene Taube in die Hand geflogen ist. Dieses fernlie-
0166gende, alte Märchenmotiv von dem Speer, welcher allein
0167die Wunden, die er geschlagen, wieder heilt — bei Wolfram 
0168kommt es nicht vor — hat Wagner in seinen „Parsifal“
0169eingeführt, wahrscheinlich um ein Mirakel mehr und einen
0170glänzenden Actschluß zu gewinnen. Wagner’s Ausleger, die
0171oft noch tiefsinniger und unverständlicher sind, als er selbst,
0172verehren gerade in dieser Lanze „die Heilsthat des wissend
0173gewordenen Mitleids“. Nach unserer Empfindung sticht
0174Wagner mit diesem Wunderspeer seinem eigenen Drama ins
0175Herz. Nicht eben wunderbar, aber sehr wunderlich fällt es
0176auf, daß wir von Parsifal, dem Helden des Stückes, keine
0177einzige geistige oder leibliche Heldenthat zu sehen bekommen,
0178höchstens die rein negative der Standhaftigkeit gegen sinn-
0179liche Reizung. Mit wachsendem Erstaunen beobachten wir,
0180wie sich im Verlaufe des Stückes ein größerer Heiligenschein um
0181das Haupt des reinen Thoren wölbt, bis dieser unter Wagner’s
0182Händen förmlich zum Erlöser der Menschheit emporwächst.
0183In der Scene, wo Kundry als büßende Magdalena ihm die
0184Füße wäscht und mit ihren Haaren abtrocknet, schlüpft
0185Parsifal leibhaftig in die Gestalt Christi hinein. Zum Schlusse
0186senkt sich gar eine weiße Taube als Verkörperung des heiligen
0187Geistes auf sein Haupt herab, während unsichtbare Stimmen
0188„Höchstes Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“ singen.
0189Was der Wagner’sche Parsifal gethan hat, um diese ver-
0190schämte Identificirung mit dem Heiland zu rechtfertigen,
0191müssen uns Andere sagen, und Andere mögen auch ent-
0192scheiden, ob durch solche Scenen wirklich der Geist echten
0193Christenthums gefördert werde. Wir fragen uns nur, wenn
0194wir Momente aus dem Leben Jesu also leicht maskirt im
0195Parsifal“ antreffen, warum Wagner es nicht vorzog, Jesum
0196selbst in einem „Bühnenweihfestspiel“ zu verherrlichen? Wir
0197meinen dies im vollkommenen Ernste. Etwas von der Ein-
0198richtung des Oberammergauer Passionsspiels — dessen Aus-
0199schließlichkeit und seltene periodische Wiederkehr — scheint 
0200ohnehin dem Begründer der Bayreuther Festspiele vorge-
0201schwebt zu haben. Die Person und das Leben des Heilands
0202sind ja im höchsten Sinne dramatisch, und es ist nicht ein-
0203zusehen, warum ein berufener Dichter nicht mit demselben
0204frommen Muthe an ein solches Drama gehen sollte,
0205wie zum Beispiel Munkacsy an eine moderne und
0206realistisch gehaltene Darstellung des historischen Christus.
0207Friedrich Hebbel trug sich lange mit dem Plane
0208eines Christus-Dramas, „der gewaltigsten aller Tra-
0209gödien“, starb jedoch vor dem ersten Federzuge. An
0210künstlerischem Muthe steht Wagner gewiß nicht hinter
0211Hebbel zurück; auch darf er mehr wagen, als Hebbel wagen
0212durfte oder irgend Jemand heute wagen darf. „Das letzte
0213Abendmal Christi mit seinen Jüngern“, nach dem Gemälde 
0214Lionardo da Vinci’s gruppirt, böte sicherlich ein tausendmal
0215ergreifenderes, wenn auch weniger prunkvolles Bild, als das
0216Liebesmal der Gralsritter im „Parsifal“, das doch nur eine
0217durchsichtige Maskerade jenes Letzten Abendmals ist. Wahr-
0218haft christlichen Gemüthern dürfte das Urbild wahrscheinlich
0219weniger Anstoß erregen, als die ernsthafteste Parodie.


0220So wie Parsifal nur von übersinnlichen Mächten regiert
0221und unversehens vom guten dummen Jungen zum „Erlöser
0222des Erlösers“ begnadet wird, so ist auch Kundry ein
0223willenloses Werkzeug bald in des Grals, bald in Klingsor’s
0224Hand. Bei Wolfram von Eschenbach sind die wilde Grals-
0225botin Kundry und die schöne Verführerin des Parcival 
0226(„Orgeluse“) ganz verschiedene Personen; Wagner verschmilzt
0227beide Gegensätze in die Eine Figur Kundry. Neu und inter-
0228essant mag man diese Figur nennen, menschlich begreiflich ist
0229sie nicht, und was Alles mit diesem hysterischen Unwesen bei
0230Wagner gemeint ist, dürfte ohne gelehrten Commentar kaum
0231Jemand errathen. Eine verwandte Gestalt ist Klingsor,
0232ein sonderbarer gefallener Engel, der, als Selbstverstümmler
0233vom Gral zurückgestoßen, zum bösen Zauberer ward. Auch er
0234ist ein blutloses Abstractum, das uns wie Kundry durch mancherlei
0235Widersprüche und Räthsel in seinen Erzählungen verwirrt.
0236Der sieche Amfortas bleibt eine rein leidende Gestalt, von deren
0237„sehrenden Schmerzen“, blutenden Wunden, Bädern und Medi-
0238camenten so viel gesprochen wird, daß wir mehr ein klinisch-
0239pathologisches als ein tragisches Mitleid mit ihr empfinden.
0240Je weiter die Handlung fortschreitet, desto willkürlicher, my-[3]
0241stischer, symbolischer wird sie. Die menschliche Natur in uns
0242verliert schließlich jede Fühlung mit diesen in lauter heiligen
0243Mirakeln kreisenden Begebenheiten und den abnormen Ueber-
0244und Unmenschen, die sich vor uns wie an einem göttlichen
0245Marionettendraht bewegen. An welchem von ihnen kann
0246man mit warmer, echt menschlicher Theilnahme hängen?
0247Lohengrin ist doch nur in der Schlußscene der über-
0248sinnliche Ritter, der seraphische Soldat, der blindlings seinem
0249Kriegsherrn, dem Gral, folgen und Elsa verlassen muß —
0250das Stück hindurch handelt und fühlt er menschlich, und die
0251ihn umgeben gleichfalls. Im „Parsifal“ hingegen ist der
0252heilige Gral Alles, bedeutet Alles, entscheidet Alles. Was ist
0253uns der Gral? Eine legendenhafte Curiosität, dem Bewußt-
0254sein des Volkes wie der Gebildeten wildfremd, ein längst
0255vergessenes Requisit phantastischen Aberglaubens. Die hyste-
0256rische Exaltation, welche in Wagner’s „Parsifal“ unablässig
0257die heilige Schüssel und die heilige Lanze und das heilige
0258Blut anschwärmt, findet heute keinen Widerhall in deutschen
0259Geistern, deutschen Herzen, und wird ihn niemals finden.
0260Selbst Calderon, der für die katholischen Spanier des
026116. Jahrhunderts dichtete, hat sich kaum so hoch ins Mystisch-
0262Religiöse verstiegen; von dem romantisch-katholischen Schwärm-
0263geist Zacharias Werner gar nicht zu reden. Wenn Wagner’s
0264officieller Interpret, Herr v. Wolzogen, behauptet, Wagner 
0265habe aus dem Epos Wolfram’s von Eschenbach „den allgemein
0266menschlichen Grundgedanken genommen und vertieft“, so scheint
0267uns eher das Gegentheil richtig. Das Mystische, Religiös-
0268Symbolische hat Wagner daraus aufgefangen, im Vergröße-
0269rungsspiegel aufgefangen, hingegen gerade das echt Mensch-
0270liche dieser lebensvollen, reichbewegten Dichtung unterdrückt.
0271Wie schön und rührend ist bei Wolfram Parcival’s steter
0272Gedanke an seine Frau! Diese treue Liebe und das unaus-
0273gesetzte Streben nach häuslichem Familienglück vermag in ihm
0274der Gral nicht zu unterdrücken. Sobald Parcival die früher ver-
0275säumte mitleidige Frage an Amfortas gethan und das Königreich
0276angetreten hat, vereinigt er sich mit seiner Frau, der holden
0277Conduiramur, und seinen beiden Söhnen Lohengrin und
0278Kardeiz. Von alledem keine Spur bei Wagner, dessen christ-
0279liches Ideal offenbar das Cölibat bedingt. Es wird uns als
0280Wagner’s größte That gepriesen, daß er „den Gral, das
0281höchste christlich-religiöse Ideal“, verherrlicht habe. Aber wem 
0282unter uns ist denn der Gral ein religiöses Ideal? Wem ist
0283er es jemals gewesen? Das Christenthum unserer Zeit ist
0284ein ganz anderes als das wundersüchtige der heiligen Grals-
0285ritter, und vielleicht kein schlechteres. Es ist über Shakspeare 
0286treffend gesagt worden, daß er nirgend religiös und doch
0287überall religiös sei. Die christliche Ekstase im „Parsifal“ bildet
0288den geraden Gegensatz zu Shakspeare’s dichterischer Gesund-
0289heit und mahnt nicht selten an die gereimten Andachtskrämpfe
0290der deutschen Pietisten.


0291Ist das wirklich Wagner, wird man fragen, der-
0292selbe Richard Wagner, der in seinem berühmten Buche „Die
0293Kunst und die Religion“ (1850) gegen die „beklagens-
0294werthe Einwirkung des Christenthums
“ so
0295energisch kämpfte? **)


0316Damals also faßte Wagner das Christenthum als
0317einen feindseligen Gegensatz gegen die echte Kunst und gegen
0318die einzig wünschenswerthe natürliche Entwicklung der
0319Menschen auf — heute scheint er, ins andere Extrem um-
0320schlagend, nur in den christlichen Mysterien das Heil der
0321Kunst zu finden. Wenn Wagner an der Schwelle seines
0322siebzigsten Jahres für seine Person fromm geworden, so
0323wäre dies nicht das erste Beispiel solcher Wandlung und
0324ginge weiter keinen Menschen an. „Religiosität ist die Wein-
0325gährung des sich bildenden und die faule Gährung des sich 
0326zersetzenden Geistes,“ sagt Grillparzer. Fast ahnen wir einen
0327sich zersetzenden Geist, wenn ein großer Künstler in
0328Gral’s Reliquien und Heiligen-Mirakeln die Mission der
0329deutschen Kunst erblickt und damit die „Regeneration des
0330Menschengeschlechtes“ bewerkstelligen will. Wagner’s eigene
0331Aeußerungen, noch mehr die seiner Mitarbeiter und Jünger
0332sprechen für solche Generalisirung seines neuesten Ideals,
0333wie denn Wagner’s gesammte Theorie nur das seinem 
0334eigenartigen Talente Entsprechende zum allgemeinen und aus-
0335schließlichen Kunstgesetze erhebt. Trotz der Anstrengung von
0336hundert Wagner-Vereinen in der christlichen Mystik die ret-
0337tende Zukunft der Kunst zu begrüßen, wird die Gegenwart
0338wol kaum nöthig haben, Goethe’s Feldzug gegen die „neu-
0339deutsche religiös-patriotische Kunst“ ernstlich wieder aufzu-
0340nehmen. Wir wollen — wie Scherer mit Bezug auf Wagner’s
0341Nibelungen ausrief — im Sinne Goethe’s weiterleben und
0342weiterwirken, „unbekümmert um den barbarischen Unsinn halb-
0343verstandener nordischer Mythologie, die man uns als neues
0344Evangelium aufdrängen will“. Auch das allerneueste Kunst-
0345Evangelium, das der christlichen Mystik, dürfte im „Parsifal“
0346trotz der glänzendsten Verkörperung isolirt bleiben. Sie
0347würde, gleich der Wiederbelebung jener abgestorbenen Götter-
0348welt, nur geistige Rückbildung bewirken und die Kunst zur
0349Verarmung führen, anstatt zum Reichthum.


0350Wir wissen recht gut, daß jeder Wagner’schen Oper
0351Unrecht geschieht, wenn man ihr Textbuch abgetrennt von
0352der Musik und der ganzen scenischen Darstellung beurtheilt.
0353Indem wir dies dennoch versuchten, haben wir uns nur den
0354eigenen Ansprüchen Wagner’s gefügt, welcher seinen Text-
0355büchern Werth und Bedeutung selbstständiger Dichtungen
0356vindicirt und darum auch letztere Jahr und Tag vor Er-
0357scheinen der Partitur als unabhängige Dramen in Buchform
0358veröffentlicht. Diesem Anspruche Wagner’s mußte für die
0359„Parsifal“-Dichtung um so sicherer genügt werden, als diese
0360in dem großen Wagner’schen Lager mit einem Taumel von
0361Bewunderung begrüßt worden ist. In allen Opern Wagner’s
0362hat die Musik die Fehler seiner Dichtungen zu mildern und
0363deren Vorzüge hoch zu steigern gewußt. Diese Erfahrung
0364wird sich ohne Zweifel auch im „Parsifal“ wiederholen,
0365dessen erster Aufführung wir mit Spannung entgegengehen.

Fußnoten
  • *)Um ungefähr den Maßstab kennen zu lernen, mit welchem
    das neue Ereigniß gemessen wird und gemessen sein will, möge der
    Leser irgend eine auf „Parsifal“ bezügliche Stelle in Wagner’s offi-
    ciellem Organe, den „Bayreuther Blättern“, aufschlagen. Da heißt
    es z. B.: „Wer an Bayreuth glaubt, in dem Sinne des
    Wagner’schen Glaubens, der gehört zum echten Bayreuther Patronat.
    Unsere Blätter werden es versuchen, diesen erhabenen Glauben,
    der uns beseelt, auch für ihre neuen Leser in Wissen umzuprägen,
    und wo das Wissen wiederum verstummen muß vor der Heiligkeit
    des göttlichen Geheimnisses, da wird der „Parsifal“ uns Allen
    gemeinsam mit seinen beseligenden Weiheklängen die Freudenkunde
    offenbaren: Der Glaube lebt!“ Wir enthalten uns jeder Glosse.
  • **)Wir citiren einige Stellen aus jenem älteren Glaubens-
    bekenntniß Wagner’s: „So viel erkennt der redliche Dichter auf den
    ersten Blick, daß das Christenthum weder Kunst war, noch irgend-
    wie aus sich die wirklich lebendige Kunst hervorbringen konnte ... Die
    Heuchelei ist der hervorstechendste Zug, die eigentliche Physiogno-
    mie der ganzen christlichen Jahrhunderte, bis auf unsere Tage,
    und zwar tritt dieses Laster ganz in dem Maße immer greller und
    unverschämter hervor, als die Menschheit aus ihrem inneren unver-
    siegbaren Quell und trotz des Christenthums sich neu er-
    frischte und der Lösung ihrer wirklichen Aufgabe zureifte ... Der
    künstlerische Ausdruck dieser neuen Welt konnte sich immer nur im
    Gegensatze, im Kampfe gegen den Geist des Christen-
    thums
    geltend machen ... Die ritterliche Poesie war die ehrliche
    Heuchelei des Fanatismus. In Wahrheit konnte das christliche Kunst-
    ideal sich nur als fixe Idee, als Gebilde eines Fieber-Paroxysmus
    kundgeben, weil es eben außerhalb der menschlichen
    Natur
    Ziel und Zweck hernehmen und daher seine Verneinung,
    sein Ende in dieser Natur finden mußte. Die menschliche Kunst der
    Zukunft wird in dem ewig frisch grünenden Boden der Natur 
    festwurzeln.“