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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6517. Wien, Dienstag, den 17. October 1882

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Dvorak’s Oper „Dimitrij“.


0002Ed. H. Eine czechische große Oper, deren Première ich
0003kürzlich in Prag beizuwohnen Gelegenheit hatte, erregt in
0004nicht gewöhnlichem Grade das Interesse der musikalischen
0005Kreise. Es ist die vieractige Oper „Dimitrij“ (Demetrius)
0006von Anton Dvorak, einem Prager Tondichter, der seit
0007geraumer Zeit den Bann czechischer National- und Local-
0008berühmtheit durchbrochen und sich mit seinen Orchester- und
0009Kammermusiken, seinen „Legenden“ und „Mährischen
0010Duetten“ in ganz Deutschland — jetzt auch schon in Eng-
0011land — einen geschätzten Namen gemacht hat. Von drama-
0012tischen Arbeiten Dvorak’s sind uns bisher nur zwei kleinere
0013komische Opern („Der Bauer ein Schelm“ und „Dick-
0014schädel“) dadurch bekannt geworden, daß ein deutscher Ueber-
0015setzer und ein deutscher Verleger sich dafür fanden; heitere,
0016anspruchslose Singspiele, in welchen ein gesundes, melodiöses
0017Talent glücklich Herr wird über etwas altväterische Comödien-
0018stoffe. Eine weit höhere Aufgabe hat sich Dvorak in seiner
0019neuen großen Oper „Dimitrij“ gestellt. Das Textbuch, die
0020Geschichte des „falschen Demetrius“ behandelnd, ist von einer
0021talentvollen jungen Dame, Frau Marie Cervinka, der
0022Tochter des bekannten Czechenführers Rieger, verfaßt, welche
0023ihre genaue Kenntniß der russischen Geschichte obendrein
0024in einer ausführlichen Vorrede documentirt. Das Be-
0025streben nach möglichster Wahrung des Geschichtlichen scheint
0026die Textdichterin vornehmlich geleitet zu haben; das Schiller’-
0027sche Fragment benützt sie fast gar nicht und nur sehr spär-
0028lich die so bühnenwirksame Fortsetzung desselben von Heinrich
0029Laube. Mancher mochte gleich mir erwartet haben, die pracht-
0030volle Exposition Schiller’s, den polnischen Reichstag, als im-
0031posanten Eingang der Oper Demetrius wiederzufinden. Diese
0032Scene bereitet freilich durch die lange, ganz unentbehrliche
0033Erzählung des Demetrius der musikalischen Wiedergabe große
0034Schwierigkeiten. Hingegen mußten die schroffen Gegensätze,
0035die immer stürmischer aufwogende Massenbewegung in dieser
0036Scene einen dramatischen Componisten zum lohnendsten Auf-
0037gebot seiner Kräfte reizen. Es hätte eine Exposition gegeben,
0038ähnlich jener in Meyerbeer’s „Afrikanerin“, wo gleich-
0039falls der Held, Vasco de Gama, vor einem großen
0040aufgeregten Tribunal seine Sache vorträgt und vertheidigt.
0041Die czechische Dichterin hat offenbar im Interesse einer
0042knapperen und einheitlicheren Handlung die Oper gleich in
0043Moskau beginnen lassen und behält diesen Schauplatz bis zu
0044Ende bei.


0045Das Volk von Moskau, Bojaren, Priester, Krieger,
0046füllen den Platz vor dem Kreml, wehklagend über den plötz-
0047lichen Tod des Czars Boris Godunow und über die Noth
0048des Vaterlandes. Die Polen stehen siegreich vor
0049den Thoren der Stadt, an ihrer Spitze der Prä-
0050tendent Demetrius, der angebliche, lange todtgeglaubte
0051Sohn des Czars Iwan. Trotz der Warnung des
0052Bojaren Schuisky eilt das Volk freudig dem Demetrius 
0053entgegen und will ihn sofort krönen, falls die Czarin-Witwe
0054Marfa ihn öffentlich als ihren todtgeglaubten Sohn an-
0055erkennt. Marfa erwidert anfangs mit Kälte und Wider-
0056streben die herzliche Begrüßung des Demetrius; allein ge-
0057rührt von dem edlen, milden Wesen des jungen Mannes
0058und getrieben von Rachegefühlen gegen die Familie ihres
0059Verfolgers Boris Godunow, umarmt sie ihn schließlich mit
0060dem Ausrufe: „Mein Sohn!“ Das Volk jauchzt, die bis
0061jetzt geschlossenen Thore des heiligen Kreml öffnen sich, und
0062Demetrius zieht mit Marfa feierlich ein. — Der zweite Act
0063beginnt mit einem Zwiegespräche zwischen Demetrius und der
0064ihm eben angetrauten Marina, der Tochter des polnischen
0065Fürsten Mnischek. Demetrius begrüßt sie liebevoll, doch nicht
0066ohne zärtliche Vorwürfe wegen ihrer eigensinnig beibehaltenen
0067polnischen Tracht und Sitte. Aus ihrer hochmüthigen Er-
0068widerung erkennt er nur zu deutlich, daß nicht Liebe, son-
0069dern nur Herrschsucht und Ehrgeiz Marina an ihn gefesselt
0070haben. Die vornehmen Polen erscheinen, Marina ergreift
0071den Becher und singt ein Lied auf Polens Ruhm, während
0072im Saale ein Mazur getanzt wird. Der Unmuth auf
0073russischer Seite wird immer lauter, Demetrius be-
0074schwichtigt endlich den heraufziehenden Sturm. Die Scene
0075verwandelt sich in eine Vorhalle zu der Czarengruft. 
0076Demetrius ist eben eingetreten, als Xenia (Axinia), die
0077Tochter des verstorbenen Boris, angstvoll hereinstürzt,
0078von frechen polnischen Edelleuten verfolgt. Demetrius ver-
0079treibt die Eindringlinge. Xenia dankt ihrem unbekannten
0080Retter, ihr Duett erräth rasch entflammende gegenseitige
0081Neigung. Demetrius verbirgt sich hierauf hinter einem Grab-
0082denkmal, als er seinen Gegner Schuisky mit den Verschworenen
0083eintreten sieht. Dieser ermuntert seine Gefährten, den Usur-
0084pator zu stürzen, und will hier am Grabe Ivan’s beschwören,
0085daß Demetrius nicht dessen Sohn sei. „Schwöre nicht!“ ruft
0086ihm hervortretend Demetrius zu. Die Verschworenen, über-
0087rascht, bitten um Gnade, und Schuisky wird gefesselt dem
0088Gerichte übergeben. — Der dritte Act spielt im Krönungs-
0089saale. Demetrius, an seiner Seite Marfa und Marina,
0090empfängt die Bojaren, welche ihn ihrer Ergebenheit versichern.
0091Da stürzt Xenia herein und bittet um Gnade für Schuisky,
0092der im Hintergrund der Bühne eben zum Schaffot geführt
0093wird. Demetrius begnadigt den Schuisky, Xenia aber erkennt
0094nun in dem Czar ihren Retter und heimlich Geliebten, und
0095sinkt ohnmächtig zu Boden. Ein großes leidenschaftlich er-
0096regtes Duett zwischen Demetrius und Marina schließt den
0097Act. Letztere wirft ihrem Gemal vor, Xenia zuliebe den Hoch-
0098verräther begnadigt zu haben, und als Demetrius sich auf
0099sein göttliches Recht beruft, schleudert sie ihm die höhnischen
0100Worte ins Gesicht: „Und du glaubst, daß du der Czar bist?
0101Otrepnew bist du, ein Leibeigener!“ Sie enthüllt ihm nun
0102mit leidenschaftlicher Schadenfreude das ihm bisher verborgen ge-
0103bliebene Geheimniß seiner niedrigen Herkunft. Demetrius beginnt
0104das Vertrauen in sein Recht zu verlieren und erklärt fortan alle
0105Bande der Liebe und Dankbarkeit zwischen ihm und Marina 
0106für zerrissen. Erschreckt von der unerwarteten Wirkung ihrer
0107Worte, gesteht Marina zerknirscht, daß sie ihm früher nur
0108Liebe geheuchelt habe, aber jetzt, von seinem männlichen Muthe
0109besiegt, ihn wirklich liebe. Sie will ihm ihren Glauben und
0110ihre Nationalität opfern, vergebens — Demetrius stößt die
0111Flehende voll Verachtung von sich. Der vierte und letzte
0112Act spielt in einem Vorhofe mit Garten vor Schuisky’s
0113Hause; hier begegnet Demetrius der Xenia und gesteht ihr
0114seine Liebe, die sie ihrerseits erwidert, doch nur, um ihm [2]
0115zugleich Lebewohl zu sagen für immer. Zwei von Marina 
0116gedungene Meuchelmörder schleichen ihr nach und ermorden
0117sie im Garten. Zu Tode getroffen wankt Xenia herein und
0118stirbt auf der Scene. Es entsteht Lärm, Demetrius, vom
0119Volke umgeben, eilt herbei und schwört an der Leiche Axinia’s,
0120Rache zu nehmen an dem Mörder, wer es auch sei. Da
0121führt Schuisky die verschleierte Marina aus einem Verstecke
0122hervor; man zeiht sie der Anstiftung des Mordes, und sie
0123bekennt sich ohne Zaudern dazu. Sie sieht ihr Leben nun
0124verwirkt, doch soll auch Demetrius, der sie verstoßen, mit
0125ihr zu Grunde gehen. Laut ruft sie ins Volk: „Dein Czar
0126ist ein Betrüger, ist ein Otrepnew!“ Demetrius verlangt Be-
0127weise. Nochmals soll Marfa, und zwar auf das ihr vom
0128Patriarchen vorgehaltene Kreuz beschwören, daß Demetrius 
0129ihr Sohn sei. Anfangs schwankend, entschließt sie sich endlich
0130dennoch aus Liebe und Mitleid zu dem falschen Eide. Schon
0131hat sie die Hand auf das Kreuz gelegt, da ruft ihr Deme-
0132trius zu: „Schwöre nicht! Ich will den Thron nicht durch
0133Betrug behaupten.“ Damit hat er sich selbst sein Urtheil
0134gesprochen; eine Kugel Schuisky’s streckt ihn nieder.


0135Wie man selbst aus dieser nothdürftigen Erzählung ent-
0136nehmen wird, enthält die Oper „Dimitrij“ gewaltige dra-
0137matische Momente. Wenn man die Demetrius-Geschichte aus
0138ihren rein politischen und staatsrechtlichen Umhüllungen zu
0139schälen weiß, so bleibt ein unverwüstlicher dramatischer Kern,
0140der geradezu herausfordert zu theatralischer Bearbeitung.
0141Vollends zur Opernbearbeitung für einen Componisten, dessen
0142Specialität in der angeborenen und ausgebildeten Vertraut-
0143heit mit slavischer Musik wurzelt. In der Lösung dieser
0144Aufgabe hat die hochgebildete Verfasserin des Librettos ohne
0145Zweifel Talent und Geschicklichkeit bewiesen. Diese Aner-
0146kennung schließt allerdings manches Bedenken gegen ihr Text-
0147buch nicht aus. Bedenklich erscheint fürs erste das fort-
0148währende psychologische Schwanken der drei Hauptpersonen.
0149Marina sehen wir im ersten und im vierten Acte sich genau
0150in demselben Widerstreit der Gefühle zwischen Anerkennung
0151und Nichtanerkennung des Sohnes abkämpfen. Marina über-
0152schlägt aus der Geringschätzung und Abneigung gegen Deme-
0153trius plötzlich in heiße Liebe und hierauf wieder in tödtlichen 
0154Haß. Schlecht motivirt und von häßlichstem Eindruck ist der
0155an Xenia begangene Mord. In unserer Oper weiß Marina von
0156Xenia nichts weiter, als daß ihr zuliebe Demetrius den Schuisky 
0157begnadigt hat. Das mag für eifersüchtige Regung hinreichen,
0158aber doch gewiß nicht für Meuchelmord. Wenn Marina die
0159Beiden wenigstens bei ihrer Umarmung überrascht hätte und hin-
0160gerissen von leidenschaftlicher Eifersucht selbst den Dolch — nein,
0161nicht einmal der Dolch wäre hier am rechten Platze; es
0162genügte, wenn die rachsüchtige Marina bei diesem Anblicke
0163sofort das Volk herbeigerufen und ihm laut das Geheimniß
0164des falschen Demetrius, der sie verrathen, verkündigt hätte.
0165Der Meuchelmord an Xenia, empörend und unnöthig, hat
0166obendrein die schlimme Folge, daß die ganze Theilnahme des
0167Zuschauers sich auf dieses holde, unschuldige Opfer wirft
0168und der Untergang des Demetrius, die eigentliche tragische
0169Katastrophe, uns verhältnißmäßig ungerührt läßt. Was den
0170Helden selbst betrifft, so ist er ohne psychologisches Schwanken
0171allerdings undenkbar; liegt doch das Tragische dieses Charakters
0172darin, daß er anfangs von seinem Rechte, seiner hohen Ab-
0173stammung fest überzeugt ist und später an diesem Glauben
0174irre wird. In der Oper, welche grübelnder Dialektik nicht
0175nachfolgen kann und für das Abwägen von Gründen und
0176Gegengründen nicht so feines Maß besitzt, wie das gesprochene
0177Wort, müßten diese beiden Hälften in Demetrius’ Seelen-
0178zustande um so schärfer und sinnenfälliger auseinandergehalten
0179werden. Auch manche technische Bedenken lassen sich nicht
0180unterdrücken; in unserem Libretto finden sich an Stellen, wo
0181die Handlung gebieterisch zu raschem Fortgang drängt, lange
0182Reflexionen, Dialoge oder Monologe, die den Componisten
0183natürlich zu längerem Verweilen und Ausbreiten ver-
0184führen. Braucht doch Musik ihrer innersten Natur
0185nach viel mehr Zeit, als das gesprochene Wort.
0186Solche empfindliche Stockungen schädigen zum Beispiel die
0187Scene der verfolgten Xenia in der Gruft, wo Demetrius,
0188anstatt die Kerle vom Flecke weg zu verjagen, noch eine gute
0189Weile mit ihnen singt, um Xenia im Vordergrunde sich aus-
0190beten zu lassen. In jedem der drei letzten Acte begegnen wir
0191mehr oder minder ermüdenden Längen. Die empfindlichste
0192dehnt sich unmittelbar vor der Katastrophe aus: der Patriarch 
0193hält Marfa das Kreuz zum Schwur vor. Alles harrt in
0194athemloser Spannung des entscheidendsten Momentes; da
0195senkt der Patriarch das Kreuz wieder, wie ein Schütze die
0196bereits angelegte Flinte, und — ein imposantes Gesangs-
0197Ensemble baut sich breit und ruhig vor uns auf, ein werth-
0198volles Musikstück, das wir aber an dieser Stelle zu genießen
0199nicht die Geduld haben. Gegen die Oekonomie der Oper
0200scheint es uns auch zu verstoßen, daß Demetrius vier 
0201Duette hat, zwei mit Marina, zwei mit Xenia, hingegen kein
0202einziges Frauenduett vorkommt. Dergleichen Rücksichten werden
0203oft von begabtesten Autoren übersehen, die noch nicht recht
0204vertraut sind mit den praktischen Erfordernissen der Bühne.
0205Die künstlerische Bescheidenheit und Einsicht, die man ebenso-
0206sehr der Textdichterin als dem Componisten des „Dimitrij“
0207nachrühmt, bürgen dafür, daß Beide sich gerne zu mancher nach-
0208träglichen Kürzung und Abänderung verstehen werden, von deren
0209Zweckmäßigkeit sie jetzt der lebendige Eindruck der Aufführung
0210überzeugt haben dürfte. *) Dadurch würde das Werk an Er-
0214folg und Verbreitung ungemein gewinnen. Dvorak’s „Dimi-
0215trij“ ist reich an schöner und origineller Musik, das Werk
0216eines echten, bedeutenden Talentes. Der Componist hält sich
0217ebenso ferne von Trivialität wie von unfruchtbarer Grü-
0218belei; er geht starken Effecten nicht aus dem Wege und ge-
0219winnt sie vornehmlich in den großen Ensemble-Nummern
0220und Chören. In letzteren herrscht polnischer und russischer
0221Musikcharakter und ist hier an rechter Stelle. Das Slavische
0222ist der natürliche Athem dieser Musik, nicht künstliche Inha-
0223lation. Doch wird keineswegs kokettirt mit slavischer National-
0224weise, sie dominirt in dieser czechischen Oper weniger, als in
0225Erkel’s Opern die magyarische. In ihrer kräftigen, frischen
0226Sinnlichkeit erinnert Dvorak’s Oper mitunter an italienische
0227Musik von der Art der Verdi’schen „Aïda“. Sogenannte
0228Leitmotive finden wir im „Dimitrij“ ebensowenig, als irgend
0229welche directe Anklänge an Wagner’schen Styl. Von den
0230wirksamen Nummern wollen wir hier nur einige namhaft
0231machen. Schwungvoll und von scharfem dramatischen Ge[3]
0232präge sind gleich die Chöre im ersten Acte, farbenprächtig ist
0233der imposante Einzugsmarsch. Im zweiten Acte ragt die
0234träumerische weiche Cantilene Dimitrij’s und im wirksamsten
0235Gegensatze der mazurartige Tanz der Polen hervor; endlich
0236in der Gruftscene der rührende Gesang der geretteten Xenia.
0237Der dritte Act erreicht in dem der Begnadigung Schuisky’s
0238folgenden Ensemble einen imposanten Höhenpunkt, nach welchem
0239das allzu lange Schlußduett zwischen Marina und Dimitrij,
0240trotz mancher schöner Einzelheiten, etwas abfällt. Das Duett
0241Dimitrij’s mit Xenia im vierten Acte wirkt durch Stellen
0242von zartestem Reize, das Finale durch seltene Klangschön-
0243heit und grandiosen Aufbau. Inwieweit Dvorak’s Musik,
0244deren dramatische Kraft sich auf den Höhepunkten der
0245Handlung überzeugend offenbart, auch dem einzelnen Worte,
0246der einzelnen Wendung des Textes gerecht werde, vermag ich
0247bei meiner sehr mangelhaften Kenntniß der Sprache nicht zu
0248beurtheilen, wie denn überhaupt dieser Bericht nur als das
0249Lichtbild eines ersten Eindruckes, nicht als eigentliche Kritik
0250aufgenommen werden möge.


0251Die Aufführung der neuen Oper in dem czechischen
0252Interims-Theater (einem geräumigen Holzbau vor dem Roß-
0253thore) gelang, namentlich von Seite der Damen, recht
0254glücklich; auch das Orchester nahm sich unter der tüchtigen
0255Leitung des Capellmeisters Anger nach Kräften zusammen.
0256Eine musterhafte Aufmerksamkeit bewies das Publicum, das
0257Kopf an Kopf gedrängt, der ungewöhnlich langen Oper bis
0258zur letzten Note andächtig lauschte, trotzdem die Hitze in dem
0259Theater (das kurz zuvor eine stark besuchte Nachmittags-
0260Vorstellung absolvirt hatte) bis zur Unerträglichkeit gestiegen
0261war. Daß das Publicum nach jedem Acte in einen betäuben-
0262den Jubel ausbrach und nicht müde wurde, Herrn Dvorak 
0263zu rufen, freute mich aufrichtig um des ebenso bescheidenen
0264als talentvollen Componisten willen. Für den absoluten
0265Werth des Kunstwerkes will solcher Erfolg im czechischen
0266Theater ungefähr so viel bedeuten, wie das Furore einer
0267national-ungarischen Oper in Pest. Wichtiger erschien mir
0268das übereinstimmend günstige Urtheil zahlreicher deutscher
0269Musikfreunde, welche Dvorak’s Oper schnell liebgewonnen
0270und ihr den günstigsten Erfolg auf unseren großen Bühnen
0271prophezeit haben.

Fußnoten
  • *)Wie wir eben erfahren, hat die zweite und dritte Aufführung
    des „Dimitrij“ in Prag bereits mit erheblichen Kürzungen stattge-
    funden und mit noch glänzenderem Erfolge als die erste.