0003Ed. H. Die meisten der Zuhörer dürften sich gefragt
0004haben, was denn historisch wahr sei an diesem Dogen Bocca-
0005negra und der wirren Handlung, die sich um ihn anhäuft
0006in der Verdi’schen Oper. In den gangbarsten Hilfs- und
0007Handbüchern werden sie den Namen nicht finden; wir wollen
0008ihnen die Mühe, der wir uns selbst unterzogen haben, er-
0009sparen und aus älteren Specialgeschichten des mittelalterlichen
0010Genua das Wesentliche hier zusammenstellen. Die Handlung
0011entwickelt sich aus jenen stürmischen politischen Zuständen des
001214. Jahrhunderts, da Bürgerkriege der Plebejer mit den
0013Adeligen die italienischen Freistaaten erschütterten und nament-
0014lich Genua (der Schauplatz unserer Oper) bald mit Venedig,
0015bald mit Pisa, Mailand und anderen Nachbarstädten im
0016Kampfe lag. Unzufriedene genuesische Matrosen, im Solde
0017von Philipp von Valois, empörten sich 1339 gegen ihren
0018Admiral Doria, der ihnen den Sold vorenthielt. Sie kehrten,
0019um Klage zu führen, nach Genua zurück und fanden ihre
0020Mitbürger schon voll Erbitterung gegen die Fieschi, die
0021Dorias, die Spinolas und die Grimaldi. Seit achtzehn Jahren
0022erschütterten diese vier großen Häuser durch gegenseitige
0023Eifersucht den Freistaat, den sie einer erblichen Oligarchie
0024unterwerfen wollten. Zwei ghibellinische Hauptleute, ein
0025Spinola und ein Doria beherrschten Genua; sie hatten dem
0026Volke die Wahl seiner Abbés (Volksäbte) entrissen, ein
0027Magistrat, der, wie in Rom die Tribunen, Schützer und
0028Vertheidiger des Volkes sein sollte. Die Unzufriedenen von
0029Genua forderten Rückgabe dieses Rechtes. Zwanzig von ihren
0030Mitbürgern gewählte Plebejer versammelten sich am 23. Sep-
0031tember 1329 in der Prätur, da rief einer aus dem Haufen,
0032ein Silberfolien-Fabrikant: „Wählt den Boccanegra!“
0033(Italienische Historiker schreiben den Namen theils „Bocca-
0034nigra“, theils „Boccanera“; wir bleiben hier bequemlichkeits-
0035halber bei der Verdi’schen Schreibart.) Simon Boccanegra
0036wird als ein muthiger und erfahrener Mann geschildert, der,
0037obschon von altem Adel, immer die Plebejer beschützt hatte.
0038Man rief ihn jubelnd zum neuen Abbé aus; er lehnte jedoch
0039ab. Das Volk fühlte dann, daß der Titel Volksabbé nur
0040einem Plebejer zustehe und daß Boccanegra vermöge seines
0041Ranges eine so abstehende Magistratur nicht annehmen
0042könne. „Sei denn unser Fürst, unser Doge!“ rief die Menge,
0043und die Hauptmänner drangen in ihn, die Wahl anzu-
0044nehmen. Da der zufällig ihm ertheilte Titel als Doge an
0045den Dogen von Venedig erinnerte, das Haupt eines Frei-
0046staates, der Genua glich, so blieb die neue Verfassung, die
0047sozusagen inmitten des Volksgeschreies sich entwickelte, frei
0048und republikanisch. Boccanegra machte ruhmwürdigen Ge-
0049brauch von der ihm anvertrauten Gewalt, die er durch fünf
0050Jahre behielt. Mit kraftvoller Hand zügelte er die Aus-
0051schweifungen, denen sich anfangs das Volk überließ, er rettete
0052aus den Händen der Aufrührer seinen persönlichen Feind, den
0053Guelfen Rebella Grimaldi, und unterwarf der Republik
0054alle Schlösser und Burgen auf beiden Rivieren. Indessen
0055hatte Boccanegra immerfort gegen die Umtriebe der
0056vier mächtigen Familien, die er von der Regierung ausge-
0057schlossen hatte, zu kämpfen. Sie verbündeten sich gegen ihn,
0058und Boccanegra, dieses Kampfes endlich müde, legte seine
0059Stelle nieder und ging nach Pisa. In einer der stürmischesten
0060Epochen Genuas, abermals aus einem bewaffneten Volksauf-
0061stand, erfolgte im November 1353 zum zweitenmal die Wahl
0062Boccanegra’s zum Dogen. Er verbannte sofort einige der
0063wichtigsten Edelleute und ließ nur den Plebejern Antheil an
0064der Stadtregierung. Während der Anwesenheit des Königs
0065Peter von Cypern in Genua (1363) ward der Doge, als
0066er mit dem König bei Pietro da Malacelli speiste, vergiftet
0067und erkrankte. Nun erhob sich die Gegenpartei, drang in den
0068Dogenpalast und ließ den Gabriele Adorno, einen reichen
0069Kaufmann, zum Dogen erwählen. Bald darauf starb Bocca-
0070negra und ward, da ihn die herrschende Partei des Adorno
0071haßte, fast ohne alle Begleitung begraben.
0072Verdi’s Textdichter, Piave, hat nur einige Hauptumrisse
0073der historischen Gestalt Boccanegra’s beibehalten (seine Er-
0074wählung durch das Volk und spätere Vergiftung), im
0075Uebrigen aber eine ganz willkürliche Romanfigur daraus ge-
0076macht.
*)
Von anderen historischen Personen nimmt der
0083Librettist lediglich den Namen und schmückt damit irgend eine
0084ganz frei erfundene Figur. Den nachmaligen Dogen Adorno
0085macht er zum heißblütigen Liebhaber-Tenor, den „Gold-
0086spinner Paolo“, der im Vorspiele die Wahl Boccanegra’s
0087beantragt, zum Intriganten und Bösewicht der Handlung.
0088Einzelne historische Namen (Grimaldi, Fieschi etc.) fliegen als
0089prahlerischer Flitter fortwährend durch den Text; sogar von
0090Petrarca wird ein zum Frieden mahnender Brief in der
0091Rathsversammlung vorgezeigt und von Paolo verhöhnt. Die
0092freie Benützung geschichtlicher Thatsachen, insbesondere so
0093dunkler, fernliegender Thatsachen wird Niemand dem Libret-
0094tisten verargen, wenn er es nur versteht, eine spannende zu-
0095sammenhängende Handlung daraus zu gewinnen, und lebendige
0096Charaktere, die unser Interesse erregen. Piave erzielt leider
0097das gerade Gegentheil.
0098Boccanegra kommt im Vorspiele als junger Mann nach
0099Genua, um seine Geliebte, die Tochter des stolzen Patriziers
0100Fiesco, wiederzusehen — er findet sie als Leiche. Der erste
0101Act spielt fünfundzwanzig Jahre später. Boccanegra’s Tochter,
0102die Enkelin Fiesco’s, von Beiden längst todtgeglaubt, ist als
0103Kind, Gott weiß wie, in Pisa gerettet worden und lebt unter
0104dem Namen Amelia Grimaldi bei Genua. Sie liebt einen
0105jungen Edelmann, Gabriel Adorno, der um sie wirbt. Um
0106ihr persönlich die Begnadigung ihrer vermeintlichen Brüder
0107(Grimaldi) mitzutheilen, erscheint der Doge Boccanegra bei
0108Amelia und erkennt in ihr seine Tochter. Es folgt eine große
0109Rathsversammlung im Dogenpalaste. Adorno stürzt, vom
0110Pöbel verfolgt, herein; er hat einen gewissen Lorenzino
0111ermordet, in dessen Haus die gewaltsam entführte Amelia
0112gebracht worden war. Adorno hält den Dogen für den Ur-
0113heber der Entführung und dringt mit dem Schwerte auf ihn
0114ein; Amelia wirft sich schützend zwischen Beide. Der zweite [2]
0115Act spielt im Zimmer des Dogen. Da kommen und gehen
0116die bedenklichsten Leute ungehindert ein und aus: der gefan-
0117gene Adorno, der gefangene Fiesco, endlich Paolo, der Gift
0118in den Becher des Dogen schüttet. Boccanegra trinkt das
0119Gift, ein im Interesse der Oper langsam wirkendes, da er
0120ja noch den ganzen dritten Act zu singen hat. Vorläufig
0121macht es ihn blos schläfrig; kaum ist er aber eingeschlum-
0122mert, als schon Adorno mit gezücktem Dolche an den Schla-
0123fenden heranschleicht. Amelia erscheint wieder zu rechter Zeit
0124und fällt dem Mörder in den Arm. Nun erst erfährt dieser,
0125daß Amelia nicht die Geliebte, sondern die Tochter des grei-
0126sen Dogen ist, und beschließt sofort, für Boccanegra zu
0127kämpfen. Wie gerufen sind auch schon wieder „Feinde“ be-
0128waffnet zur Stelle. („Und frage nicht, wo Feinde sind —
0129die Feinde kommen mit dem Wind,“ sang Herwegh einst an
0130den König von Preußen.) Im dritten Acte sehen wir Bocca-
0131negra langsam an den Folgen des zweiten sterben; in seiner
0132Todesstunde vereinigt er Amelia mit Adorno. Auf seinen
0133Wunsch besteigt Adorno den Thron, Paolo das Schaffot.
0134Die Hauptpersonen, welche diese unsinnige Handlung
0135ruckweise vorwärtsschieben, sind schön costümirte Holzpuppen
0136ohne Fleisch und Knochen. Den mit seiner schuftigen Um-
0137gebung stark contrastirenden Edelmuth Boccanegra’s accep-
0138tiren wir gerne; aber daß er einem bösen Narren, wie
0139diesem Adorno, der ihn im Schlafe ermorden will, die
0140einzige Tochter zur Frau gibt und ihn dem Volke ange-
0141legentlich als den würdigsten Dogen recommandirt — das
0142geht doch über die Grenzen selbst opernmäßiger Großmuth
0143hinaus. Daneben dieser abscheuliche Liebhaber Adorno und
0144die unbegreifliche Amelia, die zweimal den gegen ihren Vater
0145losgehenden Mordjüngling abwehrt, aber trotzdem das einzige
0146ihn aufklärende und entwaffnende Wort: „Boccanegra ist
0147mein Vater“ nicht ausspricht! Was Amelia’s Großvater,
0148der Urgreis Fiesco, eigentlich mit der Handlung zu schaffen
0149hat, macht uns das größte Kopfzerbrechen. Er braucht nur
0150aufzutreten, um uns immer von neuem confus zu machen.
0151Im Vorspiele hat er eine lange Unterredung mit dem ihm
0152nur zu wohlbekannten Boccanegra. Da er in den
0153folgenden Acten unter dem Namen „Andrea“ auftritt, so
0154müssen wir vermuthen, er sei nach Boccanegra’s Erwählung
0155verbannt worden, dürfe sich nur heimlich, unter falschem
0156Namen nach Genua schleichen und dem Dogen ja nicht in
0157die Nähe kommen. Aber siehe da! in der feierlichen Raths-
0158sitzung erblicken wir unsern Fiesco-Andrea unter den Raths-
0159herren, dicht an der Seite des Dogen! Im dritten Act
0160kommt es noch besser. Fiesco spricht den Dogen an —
0161„welche Stimme!“ ruft Boccanegra (der eben mit ihm das
0162ganze zweite Finale gesungen hat) erschrocken aus. „Du
0163hörtest sie schon einmal,“ entgegnet ihm der Uralte, „kennst
0164du mich?“ „Fiesco!!“ Ist das nicht, um verrückt zu wer-
0165den? Sehr unklar bleibt den Zuhörern auch Paolo und
0166dessen plötzliche Wandlung aus Boccanegra’s Freund und
0167Begleiter zu dessen Todfeind und Mörder. An dieser Un-
0168klarheit trägt aber die Direction des Hofoperntheaters
0169größere Schuld, als der Textdichter. Man höre. Paolo hat
0170den Dogen gebeten, für ihn den Brautwerber zu machen bei
0171der schönen Amelia. Nachdem aber Boccanegra in dieser
0172eben seine Tochter wiedererkannt hat, ist er weit entfernt,
0173Paolo zu willfahren. Nach dem Duett zwischen Boccanegra
0174und Amelia (mit welchem in Wien die Scene schließt)
0175bringt das Textbuch folgendes kurze Gespräch zwischen Boc-
0176canegra und dem auf Bescheid harrenden Paolo:
0177Paolo. Sie sagte? Doge. Lass alle Hoffnung schwinden!
0178Paolo. Nimmer vermag ich’s. Doge. Ich will es. (Geht ab.)
0179Paolo. Du willst? Vergaßest du, was du mir schuldest? Pietro
0180(hinzutretend). Wie ging es? Paolo. Zurückgewiesen! Pietro.
0181Was wirst du thun? Paolo. Sie rauben. Des Abends wandelt
0182sie allein am Strande des Meeres; man bringt sie in mein Fahr-
0183zeug; es nimmt Lorenzo’s Wohnung alsdann sie auf.
0184Dieses kurze Gesprach, welches einzig und allein Licht
0185verbreitet über alles Folgende, indem es uns den plötzlichen
0186Haß Paolo’s gegen Boccanegra erklärt und uns belehrt, daß
0187Paolo Amelien entführen wird — es ist im Hofopern-
0188theater vollständig gestrichen! Und doch ist es so unumgäng-
0189lich nothwendig, daß ein einsichtsvoller Dramaturg es aus
0190Eigenem hinzufügen müßte, falls es nicht im Textbuch stünde.
0191Ueberhaupt gewahrten wir in der Scenirung dieser Oper
0192mehr die effectvoll schmückende, in allem Aeußerlichen tüchtige
0193Hand des Regisseurs, als den tiefer eindringenden Blick des
0194Dramaturgen, wie folgendes zweite Beispiel darthut. Der
0195Doge weiß, daß Paolo der Entführer Ameliens ist; er will
0196ihm dies zu erkennen geben, ihn moralisch erschüttern, ohne ihn noch
0197vor dem versammelten aufgeregten Volke zu entlarven. „Es
0198ist ein Verräther unter uns,“ spricht der Doge mit Nach-
0199druck. „Ihn, den verruchten Buben, soll mein Donnerwort
0200treffen: Fluch dem Verräther! Und du, Paolo, sollst die
0201Worte wiederholen.“ Paolo wiederholt die Worte, er soll sie
0202im Innersten erschüttert nachsprechen, „erschrocken und bebend“,
0203wie das Textbuch vorschreibt, aber mit jener erzwungenen
0204äußeren Fassung des Heuchlers, der sein Leben davon ab-
0205hängig weiß. Paolo mag erbleichen und zittern, aber muß
0206aufrecht stehen bleiben wie ein angeklagter Mörder, der im
0207entscheidenden Momente einen Meineid schwört, um sich nicht
0208selbst an den Galgen zu bringen. Statt dessen stürzt im Hof-
0209operntheater der Darsteller des Paolo, nachdem er jenen
0210Fluch nachgesprochen, reuig auf die Knie und verbirgt sein
0211Angesicht mit beiden Händen, während die Menge mit Fingern
0212nach ihm zeigt. Durch diese ganz falsche Auffassung der ge-
0213nannten Scene wird die Absicht des Dichters in ihr Gegen-
0214theil verkehrt: Paolo, statt nur in seinem Gewissen geängstigt
0215zu werden, klagt sich durch sein reuig verzweifelndes Beneh-
0216men selber an, ist vor allem Volke geständig und könnte
0217somit unmöglich, wie es der Fall ist, im nächsten Acte im
0218Besitze seines früheren Ehrenamtes unbehelligt und erhobenen
0219Hauptes einhergehen. So wurde denn die Handlung des
0220„Boccanegra“ in der Wiener Aufführung noch confuser, als
0221sie es schon von Haus aus ist.
0222Unter den verschiedenartigen schädlichen Operntexten sind
0223die unverständlichen, verworrenen fast noch nachtheiliger für
0224die musikalische Wirkung, als die einfach langweiligen. Auch
0225in Verdi’s „Boccanegra“ läßt unser Interesse an der Musik
0226von dem Augenblicke nach, wo wir der Handlung nicht mehr
0227mit theilnehmendem Verständnisse folgen können und wach-
0228sendes Aergerniß nehmen an den Widersprüchen einer zusam-
0229menhanglosen Handlung. Die Oper, gegenwärtig ein Zug-
0230stück in Italien, ist bekanntlich schon vor 26 Jahren com-
0231ponirt und hat damals in der Fenice entschiedenen Mißerfolg
0232erlebt. Dieses Fiasco erklärt Fétis damit, daß Verdi sich [3]
0233im Boccanegra die deutsche Zukunftsmusik zum Vorbilde ge-
0234nommen habe, „une fantaisie“, die ihm übel bekommen
0235mußte. Davon vermögen wir selbst in der neuen, moderne-
0236ren Umarbeitung dieser Oper nichts zu erblicken, wol aber
0237ein treueres dramatisches Anschmiegen, schärfere Accente und
0238eine gewähltere Instrumentirung — Vorzüge, welche auf den
0239Styl der späteren Verdi’schen Opern vorausdeuten. Sehr
0240natürlich: Boccanegra, unmittelbar zwischen der „Siciliani-
0241schen Vesper“ und dem „Maskenball“ componirt, steht am
0242Eingange von Verdi’s letzter Periode, seiner Maniera terza.
0243Aber nicht blos mit halbem Gesichte, sondern mit Dreiviertel-
0244Profil blickt „Boccanegra“ nach rückwärts, ist also selbst vom
0245Verdi’schen Standpunkte mehr Vergangenheits- als Zukunfts-
0246musik. Am emsigsten mag die nachbessernde und nachschaffende
0247Hand des Maëstro im Vorspiel und im ersten Acte gewaltet
0248haben; hier finden wir das Feuer seiner Jugend bei der ge-
0249steigerten Kunst seines Alters. Hier herrschen der süße
0250Wohllaut, die feurige Sinnlichkeit und der leidenschaft-
0251lich dramatische Zug des früheren Verdi, theils ab-
0252geklärt, theils gewürzt durch die feineren Elemente
0253seines späteren Styles. Gleich die Instrumental-Einleitung
0254des Vorspiels und die folgenden mehr im Conversationstone
0255gehaltenen Scenen fesseln durch jene Lebenswärme und eigen-
0256thümlich erwartungsvolle Spannung, welche Verdi solchen
0257vorbereitenden Scenen zu geben versteht. Die wehmüthige
0258Cavatine Fiesco’s, mit welcher sich das von ferne herüber-
0259tönende „Miserere“ vermischt, ist von echter Empfindung
0260und schönstem Wohlklange. Das folgende Duett zwischen
0261Boccanegra und Fiesco athmet ein starkes Pathos und ge-
0262winnt einen packenden Abschluß durch das herbeiströmende
0263Volk, das jubelnd die Erwählung Boccanegra’s verkündigt,
0264während er selbst in Schmerz um die todte Geliebte versunken
0265ist. Die lieblichsten Momente der Oper bringt die erste Hälfte
0266des ersten Actes. Mit feiner, etwas koketter Grazie ist die
0267Einleitung instrumentirt; ein blühender Zwiegesang zwischen
0268Clarinette und Violoncell unter tremolirenden hohen Geigen-
0269accorden, welche leises Vogelgezwitscher nachahmen. Die Arie
0270Amelia’s in Es-dur und ihr Liebesduett mit Adorno — aller-
0271dings von einigen banalen Regungen vorübergehend geschüttelt
0272— wirken durch melodischen Reiz und leidenschaftlichen Zug.
0273Geringer und wie von Absichtlichkeit durchkältet ist das Duett
0274zwischen Adorno und Fiesco. Hingegen gehört das folgende
0275zwischen Amelia und Boccanegra in seinem dramatisch ent-
0276wickelnden Theile, wie in dem lyrischen Zwischensatze Amelia’s
0277(„Grave d’anni della pia“) zu den besten Duetten Verdi’s.
0278An die große Scene im Dogenpalaste, welche den ersten
0279Act schließt, hat der Componist besondere Sorgfalt gewendet,
0280und das Feuer ist ihm nicht ausgegangen bei der Arbeit.
0281Das Finale ist übersichtlich und effectvoll aufgebaut; von
0282schöner musikalischer Wirkung namentlich der langsame,
0283pathetische Fis-dur-Satz, über welchem die Melodie
0284der Sopranstimme („Pace!“) wie ein silbernes Band weht.
0285Wir sind am Ende des ersten Actes, für uns ist es das
0286Ende der Oper. Was in den beiden letzten Acten folgt, sind
0287fast lauter bekannte Melodien, conventionelle Phrasen, ver-
0288brauchte Effecte. Der alte Verdi, aber in übler Laune, zer-
0289streut, ermüdet. Es sprühen wol hin und wieder hellere Fun-
0290ken auf, besonders gegen den Schluß der Oper, aber sie ver-
0291knistern eindruckslos in der feuchten Dämmerung des Ganzen.
0292Die Oper „Boccanegra“ ist in ihrer ersten Hälfte entschieden
0293hörenswerth und erfreulich und sehenswerth vom Anfang bis
0294zu Ende wegen ihrer prachtvollen Ausstattung. Frau Ma-
0295terna hebt die Rolle der Amelia durch ihre glänzende
0296Stimme und leidenschaftlichen Vortrag. Dramatisch zu
0297schaffen gibt es nichts in dieser Rolle, noch weniger in der
0298des Fiesco, welche uns lediglich durch die prachtvolle Stimme
0299unseres Rokitansky erfreut. Dankbarer und charakteri-
0300stischer ist die Titelrolle, welcher Herr Beck (obwol von den
0301Proben merklich ermüdet) den stets wohlthuenden Schwung
0302seiner echten Künstlernatur lieh. Herr Broulik suchte sich
0303als Adorno zu mäßigen, leider nicht in der rechten Weise,
0304denn sein anhaltend tonloses, trockenes Mezzavoce wirkte nicht
0305viel erbaulicher, als seine unmittelbar darauf gesetzten For-
0306tissimodrucker. Sehr lobenswerth war Herr Horwitz in der
0307nicht umfangreichen, aber wichtigen und heikligen Rolle des
0308Bösewichtes Paolo. Ein großes Verdienst um die gelungene
0309und lebhaft applaudirte Vorstellung hat Herr Jahn, der
0310das Orchester dirigirt.