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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5955. Wien, Sonntag, den 27. März 1881

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Concerte.


0002Ed. H. Was kommt dort von der Höh’? Unmittelbar
0003vom Gipfel einer tragischen Tondichtung herab in den Kreis
0004lustiger Studenten, welche das „Fuchslied“ und andere
0005Burschenlieder singen? Es ist Johannes Brahms, den selbst
0006die verwegensten Füchse nicht den „ledernen“ zu nennen
0007wagen. In der That hat Brahms unmittelbar nach seiner
0008(im vorletzten Philharmonischen Concert aufgeführten) „Tragi-
0009schen Ouvertüre“ eine „Akademische Fest-Ouvertüre“ com-
0010ponirt, die sich aus Themen von Studentenliedern aufbaut.
0011Sie beginnt pianissimo mit einem eigenthümlich prickeln-
0012den Allegro-Motiv von stakkirten Achtelnoten, fast wie leises
0013Sporenklirren, dem nach einer Weile das weihevolle Lied
0014Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ in feierlichen
0015hohen Trompeten-Accorden folgt. Gemeinsam mit dem ersten
0016(Brahms angehörigen) Allegro-Motiv durchgeführt, nimmt
0017es unversehens den Refrain des Burschenliedes „Landes-
0018vater“ auf: „Hört, ich sing’ das Lied der Lieder! Hört es,
0019meine deutschen Brüder!“ Zwanglos und doch überraschend
0020schließt sich daran das drollige „Fuchslied“: „Was kommt
0021dort von der Höh’?“ Die Fagotte, die Humoristen
0022des Orchesters, klopfen zuerst leise damit an, das
0023Fortissimo aller Instrumente antwortet jubelnd mit
0024dem Refrain. Wie nun der Componist alle diese Motive
0025mit einander und gegen einander verwebt, stets fein und
0026geistreich und doch in keinem Tacte unklar oder überladen,
0027das ist ganz köstlich zu hören. Das „Gaudeamus igitur!“
0028hat sich Brahms weislich für den Schluß aufgespart;
0029von sausenden Violin-Passagen umspielt und umwettert, er-
0030hebt sich diese friedliche Marseillaise des Studentenlebens in
0031voller Pracht und krönt das Fest der Burschenschaft. Denn nur
0032ein Componist, der, wie Brahms, alle Künste des Contra-
0033punktes so in seiner Macht hat, daß er mit ihnen anmuthig
0034spielt, vermag ein zugleich kunstvoll combinirtes und populär
0035wirkendes Stück dieser Art zu schreiben. Denn ein musikali-
0036scher Festcommers edelster Form ist es, zu welchem hier der
0037neugraduirte Doctor der Philosophie seine früheren Com-
0038militonen einladet und die Würdenträger der altberühmten
0039Breslauer Universität. Diese Ehrenpromotion unseres
0040Brahms, welche durch die Stichelreden Richard Wagner’s
0041nichts an ihrem Glanze verlor, war indessen nur der äußere
0042Anlaß zur Composition der „Fest-Ouvertüre“ — bei Brahms 
0043ist der innere Impuls das Wichtigere. Aus den „Studenten-
0044liedern“, welche er in seiner Fest-Ouvertüre feiert, klin-
0045gen ebenso viele theure Jugenderinnerungen; er hat
0046sie mit Joachim in den Studentenkreisen Göttingens oft
0047und begeistert gesungen. Insbesondere die beiden ernsten
0048Burschenlieder „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“
0049und der „Landesvater“, der nur Einmal des Jahres und
0050mit besonders feierlichen Ceremonien im Commers gesungen
0051wird, sind ihm ans Herz gewachsen — denkwürdige und be-
0052deutungsvolle Wahrzeichen in der Geschichte der deutschen
0053Burschenschaft. In Wien, wo das Studentenleben erst spät sich
0054regte und nur spärliche Berührungspunkte mit der Oeffent-
0055lichkeit fand, sind eigentlich nur „Gaudeamus“ und das
0056Fuchslied“ allgemein bekannt und populär geworden; eine
0057Bewegung vergnügten Wiedererkennens rauschte sachte durch
0058die Reihen der Zuhörer, als das letztgenannte Lied aus der
0059Brahms’schen Fest-Ouvertüre auftauchte. Das neue Werk
0060wurde im letzten Philharmonischen Concert unter Hanns
0061Richter’s
Leitung meisterhaft gespielt und vom Publicum
0062mit aufrichtigem und ungewöhnlich warmen Beifalle aufge-
0063nommen. Das Programm brachte uns außerdem drei werth-
0064volle alte Bekannte: Spohr’s Ouvertüre zu „Jessonda“,
0065Volkmann’s D-moll-Symphonie und Beethoven’s 
0066Violin-Concert. Letzteres wurde von einem jungen belgischen
0067Virtuosen, Herrn Ovide Musin, mit kleinem Ton, aber
0068sehr zierlicher Technik und vornehm kühlem Ausdrucke gespielt.


0069Von Virtuosen-Concerten der letzten Woche können wir
0070das der talentvollen und gründlich gebildeten Pianistin Fräu-
0071lein Marie Baumeyer nur vom Hörensagen loben,
0072desgleichen die Vorträge des bereits rühmlich bekannten Cel-
0073listen Sigmund Bürger. Hingegen war es uns ver-
0074gönnt, neuerdings die außerordentliche Bravour des Pianisten
0075Alfred Grünfeld zu bewundern. Er spielte vor einem
0076dichtgedrängten, im Applaudiren unermüdlichen Publicum
0077eine Reihe von Concertstücken, unter welchen uns die be-
0078kannte von Liszt bearbeitete Bach’sche Orgelfuge ganz be-
0079sonders imponirte. Herr Grünfeld spielte sie mit vollkom-
0080mener Deutlichkeit und ungeschwächter Ausdauer, in einer
0081wahrhaft orgelmäßig brausenden Tonfülle und mit rühmens-
0082werther Enthaltsamkeit vom Pedalgebrauch. Zum erstenmale
0083hörten wir auch den jüngern Bruder des Concertgebers,
0084Herrn Heinrich Grünfeld, einen Cellisten von tüch-
0085tiger, gesunder Anlage und bedeutender, wenngleich noch nicht
0086abgeklärter Technik. Im jugendlichen Kraftgefühle läßt er
0087sich noch gerne ungenirt gehen und führt mitunter einen
0088etwas derben Bogen. Auf absolute Reinheit und feinere,
0089mannichfaltigere Nuancirung des Tones möge er zunächst
0090bedacht und auf das Beispiel seines Bruders Alfred auf-
0091merksam sein. Dieser erwies sich in dem jüngsten Concerte
0092als ein guter, fast zu guter Bruder; er würde uns mehr
0093erfreut haben, hätte er seinen Heinrich etwas weniger spielen
0094lassen. Es gibt gewiß keinen musikalischen Menschen, der das
0095Violoncell nicht liebt; woher kommt es, daß es als Concert-
0096Instrument uns doch so schnell ermüdet? Meistentheils daher,
0097daß jeder Cellist nicht blos seine schöne Cantilene, sondern
0098ganz besonders auch seine Bravour produciren will, welche
0099doch — will sie die Natur des Instrumentes respectiren —
0100in enge Grenzen gebannt ist. Da beginnt denn in schnellstem
0101Tempo ein unbarmherziges Springen und Schleifen, ein
0102grobes Schnarren auf den tiefsten und kindisch lispelndes
0103Violinspiel auf den höchsten Noten, wo es, insbesondere bei
0104Doppelgriffen, ohne falsche Töne selten abgeht. Das Alles
0105ist ebenso schwer zu spielen, als auf die Dauer langweilig
0106zu hören. Herr Heinrich spielte die A-dur-Sonate von Beet-
0107hoven, drei kleinere Solostücke und ein Violoncell-Concert 
0108von Heinrich Hofmann, und darin eine Cadenz so [2]
0109lang und langweilig, wie eine ausgewachsene Cello-Compo-
0110sition. Dieses Violoncell-Concert leidet an gespenstischer
0111Magerkeit der Ideen und dürfte auf jenen Theil der deut-
0112schen Kritik, welcher Miene machte, Herrn Heinrich Hof-
0113mann für ein Genie zu halten, recht herabmunternd
0114wirken. Wie gesagt, von den beiden Grünfelds hören
0115wir den Alfred lieber, hören ihn sogar gern, freilich
0116weit mehr als Spieler, denn als Componisten. Ein
0117Lied von ihm mit dem sehr bedenklichen Titel: „So hat noch
0118Niemand mich geküßt!“ scheint bereits eine unvermeidliche
0119Zugabe aller Grünfeld’schen Concerte zu sein. Wer auf jedem
0120dieser zahlreichen Programme liest: „So hat noch Niemand
0121mich geküßt!“ Fräulein Hermine X. „So hat noch Niemand
0122mich geküßt!“ Fräulein Elsa Y. u. s. w., der denkt unwill-
0123kürlich, es handle sich da um sonderbare weibliche Don
0124Juans, die nach längerem nachdenklichen Blättern in ihrem
0125Leporello-Register endlich etwa bei Postnummer 1003 aus-
0126rufen: „So hat noch Keiner mich geküßt!“ Wir beantragen
0127eine Aenderung des Titels, ohne deßhalb zu glauben, daß
0128uns das umgetaufte Lied besonders gefallen werde. Es be-
0129ginnt mit Schumann und endet mit Verdi. Auch die übrigen
0130uns bekanntgewordenen Lieder von Grünfeld verrathen sehr
0131wenig Originalität und fristen sich mit recht wohlfeilen
0132Effecten. Die Sängerin, die am 22. März auch „noch Nie-
0133mand so geküßt“ hatte, erzählte uns dies mit schöner, kräf-
0134tiger Mezzosopran-Stimme und recht feurigem Vortrage.
0135Fräulein Elsa Wagner dürfte, wenn sie vollends einige
0136Fehler der Aussprache ablegt, eine willkommene Acquisition
0137für die Opernbühne werden.


0138Gut besucht und äußerst beifällig aufgenommen war das
0139Concert des Akademischen Gesangvereins im
0140großen Musikvereinssaale. Alle Nummern des umfangreichen
0141Programms wurden exact, mit frischem, kräftigem Ausdrucke
0142vorgetragen. Das Programm selbst drängte allerdings zu der
0143Frage, warum das eigentlich „Akademische“, Studentische
0144darin gar so wenig Berücksichtigung gefunden. Ein einziger
0145Chor, der letzte, erinnerte daran, daß wir einen Studenten-
0146verein vor uns hatten, Hiller’sDeutschland über Alles“,
0147dessen nationale Tendenz im Publicum einen (vielleicht nicht 
0148vorhergesehenen) demonstrativen Jubel hervorrief. Aber nicht
0149blos der engere Begriff eines „akademischen“, auch der weitere
0150eines Männergesang-Vereins kam in dieser Production nur
0151sehr nebenbei zur Erscheinung. Die singenden Frauen und
0152Mädchen spielten die größere Rolle neben den Männern.
0153Auf acht mit Frauenstimmen „gemischte“ Chöre und drei von
0154einer Dame gesungene Lieder kamen nur fünf Männerchöre;
0155somit herrschte das weibliche Element vor dem männlichen in
0156dem Verhältnisse von elf zu fünf. Das scheint uns doch nicht
0157ganz dem starken Selbstbewußtsein zu entsprechen, welches den
0158jüngsten Jahresbericht des Akademischen Gesangvereins durch-
0159weht. Von den zahlreichen Novitäten des Programms hat
0160außer dem erwähnten Hiller’schen Chor eine anmuthige
0161Composition aus Engelsberg’s Nachlaß: „Am Ge-
0162stade“, am meisten gefallen, ferner ein kleiner, frischer
0163Chor von Max Zenger: „Hanns und Grete“.
0164Von der Composition Herrn Weinwurm’s hörten wir
0165ein sentimentales Tenor-Solo: „Der Ungenannten“, mit
0166Brummstimmen, einer Begleitungsform, die aus dem Alt-
0167modischen nachgerade ins Komische überschlägt. Unsere lange
0168feststehende Ueberzeugung, daß Herr Weinwurm ein äußerst
0169schwacher Tondichter ist, wurde durch dieses neueste Lebens-
0170zeichen nicht erschüttert. Hingegen bewährte er sich wieder
0171als gewandter Arrangeur von Volksliedern. An seinem Ta-
0172lente in dieser Richtung würden wir nicht gezweifelt haben,
0173auch wenn uns der erwähnte „Jahresbericht des Akademi-
0174schen Gesangvereins“ die rührende Geschichte vorenthalten
0175hätte, es sei Weinwurm schon als Kind so fein musikalisch
0176gewesen, daß er nie eine „Kanne“ schlechtweg, sondern stets
0177eine „Gießkanne“ (gis-Kanne!) verlangt habe. Aufrichtige
0178Anerkennung gebührt Fräulein Pauline Kner, welche mit
0179schöner, rein intonirender Stimme und echt musikalischem,
0180ungeziertem Ausdrucke drei Lieder von Brahms vortrug.


0181Bald nach dem „Akademischen“ ist der Wiener 
0182Männergesang-Verein
mit einem großen Concerte
0183hervorgetreten. Das Programm war reichhaltig, die Ausfüh-
0184rung meisterhaft, der Erfolg glänzend. Der Chor „März-
0185nacht“ — gewiß ein zeitgemäßes Eröffnungsstück — machte
0186den Anfang. Es ist auffallend, wie sehr Conradin 
0187Kreutzer, der bevorzugte Componist der schwäbischen Dichter-
0188schule, das kleine Gedicht Uhland’s vergriffen hat, welches lautet:


0189Horch, wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in
0190der Nacht hin!
0191Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!


0192Während hier nur Eine Situation, Eine Empfindung
0193geschildert ist, das beglückende Frühlingsnahen in dem nächt-
0194lichen Sturm, theilt der Componist das Gedicht in zwei con-
0195trastirende Hälften; er malt zuerst so wild, als es ohne In-
0196strumental-Begleitung nur angeht, ein tosendes Unwetter, und
0197läßt mit Beginn der zweiten Zeile einen vollständigen Deco-
0198rations- und Beleuchtungswechsel eintreten, sich an dem „lieb-
0199lichen Frühling“ so fröhlich und bequem erfreuend, als wäre
0200dieser seit Wochen vollständig etablirt. Von den älteren
0201Nummern des Programms machte wieder Schubert’s 
0202Gesang der Geister über den Wassern“ den tiefsten Ein-
0203druck; die erste, langsame Hälfte dieses Chors gehört zu dem
0204Herrlichsten, was Schubert geschaffen hat, und die Ausführung
0205desselben zu den vollendetsten Leistungen des Wiener
0206Männergesang-Vereins. Es fehlte auch nicht an interessanten
0207Novitäten, darunter ein „Altdeutscher Hymnus“ für Doppel-
0208chor von Robert Volkmann. Sei es das Bestreben, „alt-
0209deutsche“ Kraft recht wuchtig und knorrig auszudrücken, sei
0210es die Verlockung, unter schwierigen Bedingungen contra-
0211punktische Meisterschaft zu üben — den verehrten Tondichter hat
0212es zu einer schwerfälligen und complicirten Schreibweise ver-
0213leitet, welche in dem Hörer ein klares Tonbild und eine
0214tiefere Empfindung nicht aufkommen läßt. Sehr gefällig
0215wirkte auch in diesem Concerte ein neuer Chor von Engels-
0216berg
: „Der Jägersmann“, eine freundliche, durch ungemeinen
0217Wohlklang bestechende Composition des uns so früh entrissenen
0218Componisten. Die Gesangvereine dürfen sich auf das bevor-
0219stehende Erscheinen des musikalischen Nachlasses von Engels-
0220berg
freuen; er enthält viele reizende Chöre aus des Com-
0221ponisten frischester Zeit. Unter den Novitäten des Concertes
0222trug ein Chor von Kremser: „Nachtlied“ (Text nach dem
0223Englischen von Mautner) den Preis davon. Die Composition
0224ist zart und stimmungsvoll, namentlich in der überraschenden
0225Harmonisirung des Refrains ungemein glücklich. Auf anhal-[3]
0226tendes Begehren des Publicums wurde die zweite Strophe
0227des „Nachtliedes“ wiederholt. Auch eine geschickte Wahl der
0228instrumentalen Zwischennummern ist dem Programme nach-
0229zurühmen. Die Brüder Thern erregten mit ihrem unüber-
0230trefflichen Zusammenspiel in C. M. Weber’sPolacca
0231brillante“ einen Beifallssturm, den sie nur durch die Zugabe
0232des Marsches aus den „Ruinen von Athen“ beschwichtigen
0233konnten, und der treffliche Clarinettist Herr Syrinek 
0234entzückte das Publicum mit zwei Sätzen eines Mozart-
0235schen Concerts. Schließlich ist Herr August Krämer 
0236nicht zu vergessen, der mit zwei Liedern von Brahms 
0237und Grünfeld lebhaften Beifall erntete. Herr
0238Kremser hat die beiden letzten Concerte des Wiener
0239Männergesang-Vereins allein vorbereitet und dirigirt; sie
0240gehörten zu den glänzendsten Productionen desselben. Der
0241Verein dürfte sich kaum länger der Ueberzeugung verschließen,
0242daß er eines zweiten Chormeisters nicht bedarf, so lange er
0243über eine so bewährte und ausdauernde Kraft wie Krem-
0244ser
verfügt. Die ursprünglichen Statuten des Männer-
0245gesang-Vereins verlangen allerdings die Anstellung zweier
0246Chormeister mit gleichen Rechten und Pflichten; allein es
0247steht in der autonomen Macht des Vereins, diesen Para-
0248graph wenigstens in seiner obligatorischen Fassung abzu-
0249ändern. Vom künstlerischen Standpunkte empfiehlt es sich un-
0250bedingt, daß Ein Dirigent die ganze Verantwortlichkeit für
0251die Wahl wie für die Ausführung der Programm-Nummern
0252trage. So halten es mit Recht von jeher alle namhaften
0253Vereine und Concert-Gesellschaften Wiens: die Philharmo-
0254niker und die Gesellschafts-Concerte, der Singverein, die Sing-
0255Akademie, der Akademische Gesangverein u. s. w. Eine Zwei-
0256theilung der artistischen Leitung wirkt eher schädlich als vor-
0257theilhaft. Für den Fall zeitweiliger Erkrankung oder Verhin-
0258derung des Dirigenten kann immerhin ein Stellvertreter
0259designirt werden, dessen supplirende Thätigkeit jedoch nur
0260vorübergehend sein soll. Die Ernennung eines zweiten Chor-
0261meisters erscheint uns somit nach den gesammelten Erfahrun-
0262gen überflüssig, aus administrativem wie aus künstlerischem
0263Gesichtspunkte; ganz zu schweigen von dem finanziellen Uebel-
0264stande, daß wol der systemisirte Gehalt der beiden Chor-
0265meister zusammengenommen ein anständiges Honorar für 
0266einen tüchtigen Dirigenten heißen könnte, hingegen auf zwei
0267vertheilt diese Bezeichnung kaum verdient.


0268Zuletzt, und darum leider nicht mit der gebührenden
0269Ausführlichkeit, berichten wir über das Concert des Pianisten
0270Karl Heymann. Er hat Vollendetes geleistet und dabei
0271immer Originelles. Das ist’s, was Heymann von der großen
0272Mehrzahl der Virtuosen, selbst der glänzendsten, unterscheidet.
0273Er scheint jede Melodie aus dem Innersten heraufzuholen,
0274jeden Tact mitzuleben, an jeder Note Freude zu haben.
0275Seine riesige Bravour erweckt durch ihre Beseelung, vor
0276Allem durch die unglaubliche Mannichfaltigkeit der Anschlags-
0277nuancen, ein immer waches Interesse. Wir kennen keinen
0278Virtuosen, der an verschiedenartigen Abstufungen und Klang-
0279wirkungen des Staccato oder Legato, des Piano oder Pia-
0280nissimo so unerschöpflich wäre, wie Heymann. Keiner unserer
0281großen Virtuosen dürfte diese zephyrgleiche Zartheit und Leich-
0282tigkeit erreichen, mit welcher Heymann seine Etüde „Elfen-
0283spiel“ wie ein Luftgebilde hinzaubert. Und welch überraschende
0284Kraft und Tonfülle entfesselt er in der Bach’schen Orgel-
0285phantasie, in welcher er die einzelnen Stimmen des
0286polyphonen Gewebes deutlich wie auf einer Partitur vor
0287uns ausbreitet! Welcher Adel des Ausdruckes in seinem
0288Vortrage des herrlichen G-moll-Quartettes von Brahms,
0289welcher originelle Wechsel von feinstem nervösen Flimmern
0290und Blitzen mit tollkühnem Heldenmuthe in Liszt’s dritter
0291Ungarischer Rhapsodie“! Unsere freundlichen Leser, die
0292nicht gewohnt sind, ihren gegen Clavier-Virtuosität etwas
0293blasirten Kritiker in Ausrufungen schwelgen zu sehen,
0294mögen daraus wenigstens den individuellen Eindruck ent-
0295nehmen, den Heymann’s Spiel ihm hinterlassen hat. Von
0296dem „Unbeschreiblichen“, was in Liszt’s Clavierspiel lebte
0297und unwiderstehlich bezauberte, ist viel auf Heymann über-
0298gegangen. Ich gestehe ohne Zaudern, daß ich seit Liszt 
0299keinem Pianisten mit so lebhaftem Interesse Tact für Tact
0300gefolgt bin, wie dem kleinen großen Heymann. Sein Concert
0301bot überdies noch eine andere Merkwürdigkeit: die Sängerin
0302Miss Risley, deren aus dem Contra-Alt bis in die hohe
0303Sopranlage gleichmäßig hinaufwachsende, kraftvolle und wohl-
0304lautende Stimme ohne Uebertreibung ein Phänomen genannt
0305werden kann.