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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6206. Wien, Dienstag, den 6. December 1881

[1]

Hofoperntheater.

(„Undine“, romantische Zauberoper von Lortzing.)


0003Ed. H. „Der Genius der Poesie küßte den schlafenden
0004Frühling, und dieser schlug lächelnd die Augen auf, und alle
0005Rosen dufteten und die Nachtigallen sangen, und was die
0006Rosen dufteten und was die Nachtigallen sangen, das hat
0007unser trefflicher Fouqué in Worte gekleidet, und er nannte
0008es Undine.“ Dieser Ausspruch Heine’s über die
0009Undine“ von Motte-Fouqué ist auf die gleichnamige Oper 
0010von Lortzing leider nicht anzuwenden. Der liebenswürdige
0011Componist des „Wildschützen“ und des „Waffenschmied“ war
0012nicht das richtige Medium für die Geisterwelt. Mit der
0013Naturwüchsigkeit und dem Humor eines holländischen Genre-
0014malers wußte er uns die komischen und die gemüthlichen
0015Figuren des deutschen Spießbürgerthums zu zeichnen: auf-
0016geblasene Bürgermeister, keifende Haushälterinnen, muth-
0017willige Lehrjungen, dummstolze Junker, durstige Trunkenbolde
0018und hungernde Schulmeister, dazwischen irgend ein echt
0019deutsches, gefühlvolles Mädchen, einen gemüthlichen Vater,
0020einen treuen Liebhaber. Lortzing konnte groß sein in dieser
0021kleinen Welt. Aber für märchenhafte Erscheinungen, für
0022Elementargeister wie Undine fehlten auf seiner Palette die
0023Farben. In nüchterner Tagesbeleuchtung erscheinen Lortzing’s
0024Geister gemüthlich, bürgerlich, höchstens durch die Kleidung unter-
0025schieden von uns anderen Sterblichen. Nichts von dem unheim-
0026lich-süßen Grausen, mit dem wir bei Weber und Marschner 
0027dämonische Mächte in das Menschenleben hereinragen sehen.
0028Wie gewaltig drohen die Erdgeister „Hanns Heiling’s“, wie
0029berückend singen die Meermädchen im „Oberon“, wie phan-
0030tastisch tanzen beim Mondlichte die Elfen im „Sommer-
0031nachtstraum“! Unwillkürlich drängt zu solchen Vergleichen
0032Lortzing’s „Undine“, da sie bei Weber, Marschner, Spohr 
0033gar häufige Anlehen macht und trotz alles Nachahmens,
0034Probirens und Anlaufens doch nicht hinauskommt über das
0035so liebgewohnte und wohnliche irdische Jammerthal.


0036Daß Lortzing von diesem Märchen sich verlockt fühlte,
0037ist begreiflich. Fouque’s liebliche Undine gehört ja zu den
0038romantischen Hausgöttern der Deutschen, und wenn ihr viel-
0039leicht noch etwas zu mangeln schien, so war es der verstär-
0040kende Zauber der Tonwelt. Schon E. Th. A. Hoffmann 
0041— der „Phantasie-Hoffmann“ oder „Callot-Hoffmann“, wie
0042man ihn zur raschen Unterscheidung von zahlreichen Namens-
0043vettern nennt — hat die „Undine“ als dreiactige Oper com-
0044ponirt. Es ist derselbe geistvolle Erzähler, dessen Phantasie-
0045stücke und Märchen in Aller Händen sind, und dessen wun-
0046derliche Figur uns nächstens in Offenbach’s nachgelassener
0047Oper „Les contes d’Hoffmann“ leibhaftig entgegentreten
0048soll. Der Dichter Hoffmann war zugleich passionirter Maler
0049und Musiker. Als Componist ragte er über den gewöhnlichen
0050Diletanttismus weit hinaus; seine Oper „Undine“ wurde
00511816 im Berliner Hoftheater mit großer Pracht aufgeführt
0052und in verhältnißmäßig kurzer Zeit dreiundzwanzigmal gegeben.
0053Auch in Prag kam sie zur Aufführung und durfte sich da
0054einer warm anerkennenden, theilweise bewundernden Kritik
0055Karl Maria Weber’s rühmen. Es ist auffallend, daß Hoff-
0056mann sich das Libretto nicht selber schrieb, sondern den
0057Dichter des Originals, Friedrich de la Motte-Fouqué, um
0058diesen Liebesdienst ersuchte. Ob Lortzing wol das Fouqué-
0059Hoffmann’sche Operntextbuch je zu sehen bekam? Es unter-
0060scheidet sich wesentlich von dem seinen, indem es keine komi-
0061schen Nebenpersonen einführt und der Geisterwelt, besonders
0062in den nachdrücklicher behandelten Rollen Undinens und
0063Kühleborn’s, einen weiteren Spielraum gönnt. Lortzing hat
0064bekanntlich die Textbücher zu seinen Opern selbst verfaßt. Das
0065Sujet nahm er stets anderswo her, aus irgend einem ver-
0066gessenen Schauspiele oder einer alten Erzählung, die Aus-
0067arbeitung war sein Eigen und zeugte (vor Allem im „Czar
0068und Zimmermann“) von entschiedenem Talente und großer
0069Leichtigkeit. An dem Textbuche zur „Undine“ arbeitete er
0070schon schwerer; der Stoff lag doch zu sehr außerhalb seiner
0071Domäne. „Ich habe jetzt,“ schreibt er 1843 an Freund
0072Düringer, „die Fouqué’sche Undine unter meiner dichteri-
0073schen Feder und versuche sie zu einer romantischen Oper zu
0074gestalten. Leider aber reichen meine Kräfte hier nicht aus,
0075und ich muß mir einen ernsten Versmacher anschnallen,
0076da der Text mehr tragisch wird.“


0077Lortzing gliedert die Handlung der Hauptsache nach
0078folgendermaßen: Die Oper beginnt in der Fischerhütte bei
0079Undine’s Pflege-Eltern mit einer Familienscene, der sogleich 
0080die Vermälung Undine’s mit dem Ritter Hugo folgt. Bei
0081Fouqué und Hoffmann sehen wir Kühleborn gleich anfangs
0082Undine wiederholt und dringend warnen vor einer Verbin-
0083dung mit dem Ritter, überhaupt mit dem Menschengeschlechte
0084— eine, wie wir glauben, unentbehrliche Motivirung, welche
0085bei Lortzing gänzlich fehlt. Der zweite Act spielt auf dem
0086Schlosse Bertalda’s, der Tochter Herzog Heinrich’s,
0087welche, in den Ritter Hugo verliebt, ihn zum Gatten er-
0088wählen will. Da erscheint Hugo und stellt Undine als seine
0089junge Frau vor. Von Stolz und Eifersucht getrieben, erklärt
0090nun Bertalda, sofort die Werbung des Königs von Neapel 
0091anzunehmen. Der neapolitanische Gesandte, in welchem die
0092Zuschauer längst den Wasserfürsten Kühleborn erkannt haben,
0093singt nun zur Mandoline ein Lied, dessen Inhalt dem ver-
0094sammelten Hofstaate enthüllt, daß Bertalda nicht von fürst-
0095lichem Geblüt, sondern die Tochter armer Fischerleute ist. Mit
0096Bertalda’s Beschämung und unter allgemeiner Verwirrung
0097schließt der Act. Hugo hat aus Undine’s eigenem Munde
0098erfahren, daß sie eine Nixe sei. Das Verhältniß quält
0099ihn, er verstößt Undine und entflieht mit Bertalda.
0100Kühleborn erscheint, umgeben von seinen Wassergeistern,
0101und nimmt die verlassene Undine liebend wieder auf.
0102Mit dieser Scene schließt recht effectvoll der dritte Act. Im
0103vierten und letzten Acte feiert Hugo seine Vermälung mit
0104Bertalda. Es schlägt Mitternacht. In dem Prunksaale mitten
0105durch das festliche Gewimmel der Tanzenden schreitet langsam
0106und schweigend die verhüllte Gestalt Undinens. Ein Blitz-
0107schlag, Hugo versinkt mit Undinen, während das Schloß in
0108Trümmer zusammenstürzt. Wasserfluthen strömen immer
0109mächtiger herbei und füllen bald die ganze Bühne, deren
0110glänzend erleuchteter Hintergrund uns in einer Art von
0111Apotheose Hugo mit Undinen vereint zeigt, über welche
0112Kühleborn segnend die Hand hält.


0113Was die Musik zur „Undine“ betrifft, so läßt sie jenes
0114volle, fröhliche Behagen nicht aufkommen, mit dem wir
0115Lortzing’s komische Opern genießen. Wir fühlen, daß Lortzing 
0116hier auf ungewohntem Boden stehe, sich unfrei und unlustig
0117bewege. Was die starke Seite dieser Oper sein sollte, das
0118Romantische, wird ihre Schwäche. Der Componist mochte
0119sich dessen bewußt sein und brachte, um doch zeitweilig auf
0120sein eigenstes, unbestrittenes Gebiet flüchten zu können, [2]
0121komische Nebenfiguren an, die mit der Haupthandlung nichts
0122zu thun haben. Die munteren Strophenlieder und kleinen Duette
0123des Knappen Veit und des Kellermeisters Hanns gehören zu
0124den gelungeneren Stücken der Oper, wie denn Lortzing über-
0125haupt in knappen, liedmäßigen Formen und im Ausdrucke fröh-
0126licher oder behaglicher Stimmung am glücklichsten ist. Trotzdem
0127ist der breite Raum, den diese Lieder (die obendrein fast alle
0128bei Weinbegleitung vom Trinken handeln) einnehmen, kaum
0129zu rechtfertigen. An der frischen Laune und dem leichten
0130melodiösen Flusse des ersten Trinkduetts zwischen Veit und
0131Kühleborn und des letzten („Im Wein ist Wahrheit“) zwi-
0132schen Veit und Hanns kann man Gefallen finden; die
0133Strophenlieder hingegen, banal in Text und Musik, streifen
0134doch gar zu nahe an unsere gewöhnlichen Possencouplets.
0135Immerhin klingen die munteren Lieder in „Undine“ natür-
0136lich, anspruchslos und zweifellos Lortzingisch. Die großen
0137Arien hingegen (Bertalda’s, Undinens und die hier weg-
0138gelassene Hugo’s) setzen sich aus verbrauchten flachen Phrasen
0139zusammen. Weder die tapfere Ritterlichkeit Hugo’s, noch die
0140Leidenschaft Bertalda’s bringen es zu einem kräftigen, über-
0141zeugenden Ausdrucke, sie bleiben conventionell und erinnern
0142an die hausbackene Sprache alter Rittergeschichten. Etwas
0143besser ist Undine gerathen, welche mehr auf dem Niveau des
0144Kindlichen, Naiv-Sentimentalen gehalten ist. Ihr Abschied
0145im ersten Acte läßt einen seelenvollen Vortrag wenigstens zu,
0146wie wir von Fräulein Bianchi gesehen haben. Aber im
0147zweiten Acte macht Undine vergebliche Anstrengungen,
0148sich höher zu geben, und geräth namentlich in dem
0149E-dur-Allegro ihrer großen Arie („Zu neuem Leben
0150bin ich erwacht“) in bedenkliche Geschmacklosigkeit. Recht frisch
0151klingen die Hochzeitschöre im ersten Acte; unter den großen
0152Ensembles hebt sich wenigstens eines, das Finale des dritten
0153Actes, zu bedeutenderer Wirkung. Dieses Finale ist stimmungs-
0154voll und von nicht gewöhnlichem musikalischen Wohllaute.
0155Die langsam wogende Neunachteltact-Melodie, welche (ein
0156Leitmotiv vor R. Wagner) zuerst in der Ouvertüre,
0157dann in mehreren Scenen der Oper bedeutungsvoll anklingt,
0158breitet sich hier selbstständig zu einem klangvollen und charakte-
0159ristisch begleiteten Chorsatz aus. Gehoben von der poetischen
0160Situation, schließt dieses Musikstück den dritten Act ebenso
0161harmonisch wie effectvoll ab.


0162Es geht uns eigentlich nahe, daß wir an der Musik
0163zur „Undine“ nicht weit mehr Bedeutendes und Ausgezeichnetes
0164rühmen können, als eben geschah. Verstimmt es uns doch
0165selber jederzeit, wenn von Lortzing respectwidrig oder auch
0166nur lieblos gesprochen wird. Die Kritik hat ihn zu seinen
0167Lebzeiten meistens von oben herab behandelt, gnädig oder
0168auch ungnädig. Jetzt wissen wir recht gut, daß nach
0169dem bescheidenen Lortzing Keiner gekommen ist, der einen
0170zweiten „Czar und Zimmermann“ oder „Waffenschmied“
0171zu schreiben im Stande war. Ohne je selbst den Anspruch
0172auf Größe und Nachruhm zu erheben, ist Lortzing ein Lieb-
0173ling des deutschen Volkes geworden und geblieben. Er ist
0174uns werth durch seine köstlichen Schöpfungen auf dem bei
0175uns so verwahrlosten Felde der komischen Oper, lieb und
0176sympathisch durch seine Persönlichkeit, ehrwürdig durch das
0177echt deutsche Martyrium seines Lebens. Wenn wir auch
0178Undine“ für die schwächste seiner uns bekannten Opern er-
0179klären müssen, sie ist deßhalb noch keineswegs zu verwerfen.
0180Sie besitzt unleugbare prunklose Tugenden, und wir gestehen,
0181daß dieselben bescheiden auftretenden Tugenden uns jetzt theil-
0182nehmender, dankbarer vorgefunden haben, als vor dreißig
0183Jahren. Denn diese Tugenden nennen sich: Einfachheit,
0184Natürlichkeit, reiner Sinn für Form und Wohllaut, mit
0185Einem Worte musikalisches Empfinden und Gestalten. Daß
0186darin etwas liegt, das auch ohne Größe und Genialität ein
0187Werthvolles ist, das empfinden wir am klarsten, seitdem
0188unser Ohr von dramatischer Gewaltthätigkeit und musikali-
0189scher Verzerrung hinreichend zermartert worden. Wir fühlen
0190uns von Lortzing’s „Undine“ nirgends tief ergriffen oder
0191hoch entzückt, aber auch nicht verletzt, gequält, zur Feind-
0192seligkeit getrieben. In Deutschland, wo namentlich in
0193den mittleren und kleineren Städten ein musikalisch
0194anspruchsloseres Völkchen lebt, ist Lortzing’s „Undine“ heut
0195noch ein beliebtes Repertoirestück. Jene ehrbare, mehr zur
0196Moral als zur Genialität neigende Genügsamkeit, welche sich
0197gern ohne Aufregung an dem Gemisch zahmer Ritter-Romantik
0198und kleinbürgerlicher Komik ergötzt, ist nun freilich in Wien 
0199nicht heimisch. Sie war es nicht einmal im Jahre 1847,
0200da Lortzing’s „Undine“ zum erstenmale (am 20. October) im
0201Theater an der Wien gegeben und ziemlich kühl aufge-
0202nommen wurde. Als sie nach längerer Pause, im December, 
0203unter Lortzing’s persönlicher Leitung daselbst wiederholt wurde,
0204fand sie ein halbleeres Haus.


0205Wenn jetzt, nach so langer Zeit, „Undine“ im Hofopern-
0206theater eine neue fröhliche Auferstehung feiert, um, wie wir
0207glauben, nicht so schnell wieder zu versinken, so haben dabei
0208die vortreffliche Aufführung und glänzende Ausstattung das
0209hervorragendste Verdienst. Vor Allem ist Fräulein Bianchi 
0210zu rühmen, welche in der gänzlich schmucklosen, nur auf
0211seelenvollen Vortrag berechneten Titelrolle einen großen Erfolg
0212erlebte. Ein dreigestrichenes c und cis, ein Triller auf dem
0213hohen b das ist Alles, was Fräulein Bianchi diesmal
0214aus Eigenem bescheiden hinzuthat. Sie schlug in der Ab-
0215schiedsscene Töne von rührender Herzlichkeit an und ließ das
0216stimmungsvolle dritte Finale wie in Silberklängen verhauchen.
0217Herr Sommer erntete als Kühleborn reichlichen Beifall;
0218seine Stimme klang prächtig, sein Vortrag würde noch ge-
0219winnen, wenn er sich im dritten Finale von überschweng-
0220licher Sentimentalität frei hielte. Den Herren Schitten-
0221helm
(Veit) und Mayerhofer (Hanns) gebührt ein
0222sehr namhaftes Verdienst um den Erfolg des Abends. Sie
0223sangen und spielten vortrefflich, hatten aber auch neben
0224Undine und Kühleborn die einzigen halbwegs dankbaren
0225Rollen. Herr Müller verschmähte es als gewissenhafter
0226Künstler, sich an seiner undankbaren Partie durch nachlässigen
0227Vortrag zu rächen. Beifall ist nicht zu holen mit diesem
0228Ritter Hugo, den nach dem frommen Wunsche aller Te-
0229noristen nicht Undine, sondern der Teufel holen soll. Hoffent-
0230lich werden wir Herrn Müller demnächst wieder besser
0231beschäftigt sehen. Bertalda ist neben Undine die leidenschaft-
0232lichere, dramatischere Partie; sie verlangt ein ausgiebiges
0233Organ und energischen Ausdruck. Fräulein Riegl gab sich
0234mit dieser undankbaren und keineswegs leichten Aufgabe die
0235löblichste Mühe. Diese fleißige junge Sängerin, welche in
0236Coloratur-Partien, aber nur in solchen, Vorzügliches leistet,
0237wird leider seit einiger Zeit ganz falsch verwendet — siehe
0238die Königin in „Hamlet“, Micaëla in „Carmen“, Helene 
0239im „Häuslichen Krieg“, Bertalda in „Undine“ und hoffent-
0240lich nicht „so weiter“. Die Oper ging unter Herrn Capell-
0241meister Fuchs’ sorgfältiger Leitung präcis von statten und
0242erfreute sich — wie wir bereits gemeldet — einer durchaus
0243günstigen Aufnahme.