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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6261. Wien, Dienstag, den 31. Januar 1882

[1]

Hofoperntheater.

(„Die Zwillingsbrüder.“ — „Der Widerspenstigen Zähmung.“ — „Don Juan.“ — Auber’s hundertjähriges Jubiläum.)


0004Ed. H. Schubert’s einactiges Singspiel „Die
0005Zwillingsbrüder
“ präsentirte sich unserem Publicum
0006vor acht Tagen als vollständige Novität — wenigstens hat
0007keiner von den Zuhörern so alt ausgesehen, daß er schon
0008vor 62 Jahren zu den Theater-Habitués gehören konnte. Im
0009Jahre 1820 erschienen Schubert’s „Zwillingsbrüder“ als
0010Posse in Einem Acte“ zum erstenmale im Kärntnerthor-
0011Theater, brachten es aber kaum zu einem Halbdutzend Wieder-
0012holungen. Einactige Operetten waren zu jener Zeit sehr be-
0013liebt im Hofoperntheater, das sie später fast gänzlich ver-
0014bannte, um sie wieder in neuester Zeit als willkommene
0015Balletzugaben zurückzurufen. Die französische Opéra comique
0016lieferte uns in den drei ersten Decennien dieses Jahrhunderts
0017ein stattliches, aber noch immer nicht ausreichendes Contin-
0018gent von solchen Singspielen, so daß einheimische Componisten
0019fleißig nachhelfen mußten. Die Stücke selbst waren meist
0020possenhafter Natur und Schenk’sDorfbarbier“ das be-
0021liebteste von allen. Als Schubert die „Zwillingsbrüder“
0022componirte, war er dreiundzwanzigjährig und hatte bereits
0023mehrere seiner schönsten Tondichtungen geschaffen, aber noch
0024keinen dramatischen Versuch auf die Bühne gebracht. Ein
0025Auftrag für das Hofoperntheater mußte ihm äußerst werth-
0026voll sein, und so ging er denn — überhaupt nicht wählerisch
0027in Operntexten — wohlgemuth an das possenhafte Libretto,
0028das seinem Talente nur einen niedrigen und kurzen
0029Flug gestattete. Die Handlung dreht sich um zwei
0030Brüder, die ob ihrer Aehnlichkeit fortwährend verwechselt wer-
0031den — ein Lustspielmotiv, das so uralt ist, daß es eigentlich
0032gar nicht mehr veralten kann. Von den „Menächmen“ des
0033Plautus bis zu Shakspeare’s „Comödie der Irrungen“ und
0034dem durch Fichtner’s virtuose Darstellung berühmten
0035Doppelgänger“ von Holbein — wie viele Wanderungen
0036und Wandlungen desselben Themas! Noch in neuester Zeit
0037bewährte es seine Wirkung in Adam’s ergötzlicher komischer
0038Oper „Der Brauer von Preston“ und in Lecocq’sGi-
0039roflé-Girofla“. Schubert’s Libretto behandelt das Thema mit 
0040wenig Witz in derb Kotzebue’schem Geschmack, erweckt aber
0041doch in einigen Scenen die Lachlust der Zuschauer. Es wirkt
0042immer komisch, wenn derselbe Mensch, den wir eben tüchtig
0043essen und trinken gesehen, nach zwei Minuten zurückkommt
0044und flehentlich um ein Frühstück bittet, da er noch nüchtern
0045sei, und was solcher Wunderdinge mehr sind. Auf der Bühne
0046halten sie natürlich Alle einander für verrückt; wir im Par-
0047terre sind aber die Gescheiten, haben Alles längst errathen
0048und freuen uns sehr unserer Pfiffigkeit. Die Schubert’sche
0049Musik hat uns einen durchaus freundlichen Eindruck gemacht.
0050Dem kleinbürgerlichen Stoff und Costüm gemäß ist Alles
0051knapp und einfach gehalten; den romantischen Duft, den
0052ritterlichen Glanz, der Schubert’s „Häuslichen Krieg“
0053so warm vergoldete, darf man in den „Zwillings-
0054brüdern“ nicht suchen. Diese beiden Singspiele sind zwar
0055musikalisch Verwandte, aber keineswegs Zwillingsbrüder.
0056Die Partitur zum „Häuslichen Krieg“ überströmt von genialer
0057Ursprünglichkeit und enthält keine Nummer, die von einem
0058Andern als von Franz Schubert herrühren könnte; sie ist
0059ein monumentales Werk gegen das Liederspiel von den ehren-
0060werthen Gebrüdern Spieß. Letzteres möchten wir darum nicht
0061mißachtet wissen. Gleich der Einleitungschor ist allerliebst
0062und von echt Schubert’schem Stimmungszauber. Von den
0063übrigen Nummern sind die von Herrn Scaria wirksam
0064vorgetragene Baß-Arie „Mag es stürmen“, dann das fein
0065instrumentirte Quartett in B-dur: „Zu rechter Zeit“, das
0066resolut dreinfahrende Quintett mit Chor „Packt ihn“ beson-
0067ders ansprechend. Ein bischen naiven Sinn muß freilich
0068Jeder ins Theater mitbringen, der ein einactiges Singspiel
0069vom Jahre 1820 hören will. Dann wird er sich nicht ent-
0070täuscht, sondern freundlich angesprochen fühlen von dem klei-
0071nen rothbackigen Wesen, in dem so viel Jugend, Liebe und
0072Sangeslust steckt. Besondere Erwähnung verdient noch die
0073von Herrn Scaria eingelegte Baß-Arie „Menschliche Herzen
0074ringen und streben“, welche Herr Capellmeister Fuchs nach
0075einer Skizze von Schubert ausgeführt und instrumentirt hat.
0076Sie schlägt einen ernsteren pathetischen Ton an, der auf
0077vornehmere Abkunft als die der „Zwillingsbrüder“ hindeutet.
0078In der That stammt sie aus Schubert’s unvollendeter Oper
0079Sakuntala“, deren Original-Manuscript im Besitze des
0080Herrn Nikolaus Dumba  ist. Nur ein kleiner intimer
0081Kreis kennt den Schatz Schubert’scher Manuscripte, welchen 
0082Dumba — bekanntlich selbst ein vorzüglicher Schubert-Sänger
0083— mit Glück und Verständniß nach und nach gesammelt hat. *) 
0101Es wäre sehr zu wünschen, daß alle noch ungedruckten
0102Schubert’schen Compositionen aus Dumba’s Sammlung nach
0103vorhergegangener genauer Revision und Redaction durch an-
0104erkannte Schubert-Autoritäten, wie Nottebohm und
0105Brahms, veröffentlicht würden. Einiges daraus dürfte die
0106Bühne, sehr Vieles die Concertprogramme bereichern, Alles
0107endlich die musikalische Welt interessiren und erfreuen. Einer
0108künftigen Gesammt-Ausgabe aller Schubert’schen Werke würde
0109durch die Veröffentlichung der Dumba’schen Manuscripte nicht
0110nur nicht präjudicirt, sie würde durch diese erst möglich. Eine
0111genauere Präcisirung des Planes gehört nicht hieher; wir
0112wollten hier nur die Idee anregen, welche gewiß einem
0113Wunsche aller Schubert-Verehrer entgegenkommt und die als
0114eine wahrhaft künstlerische und patriotische von Seite Ni-
0115kolaus Dumba’s
jeder Förderung gewiß sein kann.


0116Nach einer Pause von sieben Jahren wurde im Hof-
0117operntheater „Der Widerspenstigen Zähmung
0118von H. Götz — mit Frau Lucca in der Hauptrolle —
0119wieder aufgeführt und äußerst beifällig aufgenommen. Be-
0120kanntlich hat Herbeck diese Oper des damals ganz unbe-
0121kannten Componisten 1875 mit besonderer Liebe hier einstu-
0122dirt und aufgeführt. Von Wien, wo die Novität einen
0123achtungsvollen, aber weder enthusiastischen noch nachhaltigen
0124Erfolg errang, bahnte sie sich den Weg fast auf alle Büh-
0125nen Deutschlands; durch Minnie Hauck gelangte sie sogar
0126nach England und Amerika. Daß Götz’Widerspenstige“ [2]
0127einen festen Platz in den deutschen Repertoires behauptet,
0128spricht für die Bildung und den ernsten Sinn des Publi-
0129cums; denn diese Musik hat wenig sinnlich packenden Reiz
0130und verlangt sehr aufmerksame, ja willig entgegenkommende
0131Zuhörer. Der Componist zeigt sich vom ersten bis zum letz-
0132ten Tacte als gewissenhafter Künstler, als feine, vornehme
0133Natur. Was seiner „komischen Oper“ fehlt, ist der Lustspiel-
0134ton, die melodiöse Frische, das leichte Blut. Er bringt zu
0135viel künstliche und schwere Musik, überhaupt zu viel Musik.
0136Seine dramatische Methode ist vorwiegend Wagnerisch:
0137der Schwerpunkt des musikalischen Gedankens liegt meistens
0138im Orchester, die Singstimmen verflechten sich darein mehr
0139declamatorisch als melodieführend und streben vor Allem
0140nach prägnanter Ausgestaltung der Phrase und des Wortes.
0141Der Componist hat sich seinerzeit in einem Briefe an Herbeck 
0142sehr darüber beklagt, daß die gesammte Wiener Kritik sich
0143durch den Styl der „Widerspenstigen“ an die „Meister-
0144singer“ erinnert fand, welche Götz auf der Bühne gar nicht
0145und in der Partitur nur ganz flüchtig kennen gelernt habe;
0146das hebt jenen Eindruck und jenes Urtheil nicht auf. Wie
0147der Richter im Civilprocesse, so urtheilt auch der Kritiker
0148nach den vorliegenden Acten. Und man wird für die rast-
0149lose Geschäftigkeit der Orchester-Begleitung, für die irrlichte-
0150rirende Declamation, kurz für den ganzen Styl der „Wider-
0151spenstigen“ in der gesammten Opern-Literatur kein anderes
0152Vorbild aufzeigen können, als eben die „Meistersinger“.
0153Diese sind ungleich genialer, jene ist musikalisch maß- und
0154rücksichtsvoller. Hätte Götzens feine, sorgsam ausgefeilte
0155und interessante Musik nur auch den frischen, flotten Lust-
0156spielton, der uns nirgends vergessen läßt, daß es sich hier
0157um ein heiteres Spiel handle! Mit ihrer pathetischen Decla-
0158mation, ihrem aufgeregten Orchesterspiele drückt diese Musik
0159schwer auf die Handlung, anstatt sie wie ein einströmendes
0160Gas leicht in die Höhe zu tragen. Wir fanden somit neuer-
0161dings bestätigt, was wir vor sieben Jahren über die Vor-
0162züge und Mängel dieser komischen Oper geäußert. Wenn
0163uns demungeachtet die „Widerspenstige“ heute ein viel leb-
0164hafteres Vergnügen bereitete, als bei ihrer ersten Aufführung, so
0165haben wir es vornehmlich der unvergleichlichen Darstellung
0166der Katharina durch Frau Lucca zu danken. Hier erlebten wir
0167wieder einmal, was eine geniale Natur, die sich beherzt auf
0168eine ihr homogene Aufgabe stürzt, aus dieser zu machen ver-
0169mag. Ein fast ungeahntes neues Leben strömte mit der 
0170Lucca in die ganze Oper. Wie charakteristisch gleich ihr
0171erstes Auftreten oder vielmehr Hereinstürmen während der
0172Dienstboten-Revolte im ersten Act. Unter der rothen Perrücke
0173schienen ihre Augen noch größer aufzuflammen, ihre Gestalt
0174zu wachsen, während jeder Muskel des Gesichts, jeder Finger
0175an den beredten Händen mitspielend ihre Scheltworte beglei-
0176tete. Das Bedeutendste in Frau Lucca’s Leistung war viel-
0177leicht ihre erste Scene mit Petruchio, die verächtliche Gleich-
0178giltigkeit, mit der sie seine Werbung anhört und ihm —
0179noch immer mit beleidigender Ruhe — die Thür weist. Als
0180er aber, statt zu gehen, sich bequem im Lehnstuhle installirt
0181und immer herausfordernder wird mit seiner Liebeswerbung,
0182da muß man die ganze Scala von Hohn und Entrüstung
0183sehen, welche das Mienen- und Geberdenspiel der Lucca 
0184durchmißt. Hier bricht noch keineswegs die Liebe zu Petruchio 
0185hervor, wol aber der Respect vor seiner männlichen Ueber-
0186legenheit. Im dritten Acte, unter den demüthigenden Vor-
0187fällen der Hochzeitsfeier, widersetzt sich Katharina noch
0188immer voll leidenschaftlicher Gereiztheit, aber der Ausdruck
0189des Hohnes ist bereits gewichen. Ebenso trefflich wie den
0190Uebergang vom zweiten zum dritten Acte vollzieht die Lucca 
0191den noch schwierigeren zum vierten Acte; von trotziger
0192Auflehnung zu resignirt duldendem Gehorsam und schließlich
0193zur gewaltsam durchbrechenden Liebe, die ihren Stolz, ihre
0194Freude findet in der selbstlosen Hingebung an den Willen
0195des Gatten. Hat uns die Lucca in den drei ersten Acten als
0196Keiserin höchlich ergötzt, so weiß sie uns im vierten zu tiefstem
0197Mitleid zu rühren durch den Herzenston ihrer Klage. Ein
0198einziges kleines Fleckchen wünschten wir hinweg von dem so
0199meisterhaften Bilde: es ist der lange Triller, womit Frau
0200Lucca eigenmächtig jene rührende Arie schließt, ganz im
0201Widerspruche zu der Situation und dem Style der ganzen
0202Oper. Es mag eine verzeihliche Schwäche heißen, wenn eine
0203große Sängerin durchaus ihren Triller produciren will —
0204eine Schwäche bleibt es doch. Daß die ganze Oper durch
0205Frau Lucca’s lebensvolle, ununterbrochen interessirende Dar-
0206stellung ein neues, reizenderes Gesicht gewonnen hatte, wurde
0207von den Zuhörern sofort empfunden und anerkannt; die
0208Widerspenstige“ erntete ungleich mehr Beifall als vor sieben
0209Jahren. Das Haus widerhallte nicht blos von lautem Beifall,
0210man hörte häufig, was noch werthvoller, jenes leise, ver-
0211gnügte Murmeln der Zustimmung oder Ueberraschung, wie
0212es sonst nur im Burgtheater vernommen wird. Ja, diese 
0213Katharina reiht sich als eine neue Perle an die Carmen,
0214Frau Fluth, Despina und all die Rollen, in welchen die
0215Lucca durch starke, fast trotzige Grazie so unnachahmlich
0216wirkt. Auch ihre Zerline in „Don Juan“ nähert sich durch
0217kräftige, dabei stets anmuthige Natürlichkeit diesen Gestalten.


0218Frau Lucca sang die Zerline, mit der sie 1874 ihr
0219Gastspiel in der Komischen Oper eröffnet hatte, jetzt zum
0220erstenmale im Hofoperntheater, am 27. Januar, dem Ge-
0221burtstage Mozart’s. Unbekümmert um blos Conventionelles,
0222schafft sie auch diese Rolle ganz und voll aus sich heraus.
0223Da ist nichts von jener unaufhörlich lächelnden und an der
0224Schürze zupfenden Koketterie der meisten Zerlinen; Frau
0225Lucca lächelte nicht und hatte gar keine Schürze an. Mit
0226einer köstlichen Unbefangenheit, um nicht zu sagen Dumm-
0227lichkeit, schaut sie dem Don Juan während der ganzen ersten
0228Scene in’s Gesicht; erst während seines zweimaligen Aus-
0229rufes im Duette: „O komm’! O komm’!“ fliegt ein leuch-
0230tender Schein über ihr Antlitz, das zweitemal stärker und
0231nachhaltiger, bis sie mit dem entschlossenen „Wolan!“ ihm
0232in die offenen Arme eilt. Dieser gefährliche Uebergang war
0233bewunderungswürdig ausgeführt — man erwäge nur, wie
0234wenig Zeit Mozart seiner Zerline dazu gönnt. Auch die
0235Arie „Schmähle, schmähle“ schmückt die Lucca mit originellen,
0236naturwahren Zügen und schließt sie nach allerhand Schmei-
0237cheln und Streicheln mit einem kleinen Backenstreich. Auch
0238die Ohrfeigen der Lucca unterscheiden sich von einander durch
0239tiefsinnige Auffassung: was Masetto abbekommt, ist ein
0240neckischer Gießkannenspritzer gegen den Rheinfall auf Petru-
0241chio
’s Wange.


0242Die Aufführung der „Widerspenstigen“, um auf diese
0243zurückzukommen, gehört zu den allerbesten des Hofopern-
0244theaters. Alles harmonisch ineinandergreifend, fein abge-
0245stimmt, nichts Ungenügendes oder Störendes den ganzen
0246Abend hindurch. Herr Sommer singt den Petruchio mit
0247guter Wirkung. Wen erquickt nicht diese prächtige Bariton-
0248stimme, die so gesund und mühelos ausströmt, weich, kräftig,
0249noch vom Thau der Jugend glänzend! Für eine musikalisch
0250und dramatisch so schwierige Partie ist wol Herr Sommer 
0251heute noch ein bischen jung — das gibt sich — und ver-
0252fügt nicht ganz über den Ausdruck geistiger Ueberlegenheit.
0253Vortrefflich begonnen, drohte die Rolle ihm schließlich über
0254den Kopf zu wachsen; doch blieb er, Dank seiner beneidens-
0255werthen Mittel, stets eine rechte Ohren- und Augenweide. [3]
0256Wir freuen uns aufrichtig dieser neuesten Leistung des Herrn
0257Sommer, theils weil sie an sich des Guten so viel enthält,
0258theils weil sie eine neue Bürgschaft dessen ist, was unser
0259jüngster Sänger einst leisten kann und wird. Außer den
0260beiden Hauptrollen war noch der geckenhafte Freier Hortensio 
0261neu besetzt. Herr Horwitz gibt ihn sehr ergötzlich und theilt
0262mit Herrn Mayerhofer (Baptista) das Verdienst, das
0263komische Element in dieser Oper kräftig an die Oberfläche
0264zu bringen. Endlich findet das sanfte Liebespaar Bianca und
0265Lucentio in Frau Dillner und Herrn Müller be-
0266währte und sympathische Darsteller, welche durch die Art,
0267wie sie im dritten Act den Virgil übersetzen, den heftigsten
0268Gegner der lateinischen Gymnasial-Studien bekehren könnten.


0269Gestern, am 29. Januar, feierte Frankreich und mit
0270diesem wol die ganze musikgebildete Welt das hundertjährige
0271Jubiläum der Geburt Auber’s. Im Jahre 1820 erschien
0272die erste erfolgreiche Oper Auber’s, „La Bergère châte-
0273laine“, im Jahre 1868 seine letzte, „Le premier jour de
0274bonheur“. So hat dieser merkwürdige Mann durch ein halbes
0275Jahrhundert für die Oper gewirkt, immer thätig, immer
0276jugendfrisch, eine lange Reihe von Werken hinterlassend, die
0277großentheils heute noch zu den Zierden des Repertoires und
0278zu unseren Lieblingsopern gehören. Wie tief insbesondere die
0279Wiener Oper dem Componisten der „Stummen von Portici“,
0280der „Ballnacht“, des „Fra Diavolo“ und des „Schwarzen
0281Domino“ verpflichtet ist, davon geben unsere theatralischen
0282Jahrbücher Kunde. Es hätte sich für das Hofoperntheater
0283wohl geschickt, den hundertsten Geburtstag Auber’s durch die
0284Mustervorstellung einer seiner Opern zu feiern. Keinerlei
0285Schwierigkeit stand dem im Wege, und wenn schon der
028629. Januar für die Redoute vorbestimmt war, so konnte
0287doch am Vorabende die „Stumme von Portici“ oder der
0288Schwarze Domino“ anstandslos erscheinen. Am liebsten
0289hatten wir freilich „Fra Diavolo“ mit der Lucca als
0290Zerline dazu ausersehen. Die Künstlerin, welche jüngst die
0291Zerline im „Don Juan“ zum Geburtstage Mozart’s ge-
0292sungen, hätte gewiß auch gern Auber zu Ehren mit ihrer
0293andern unvergleichlichen Zerline eine Festvorstellung des
0294Fra Diavolo“ geschmückt. Zum Lobe gereicht es dem Hof-
0295operntheater sicherlich nicht, den 29. Januar 1882 ebenso
0296vollständig ignorirt zu haben, wie es den 15. December 1875,
0297den hundertsten Geburtstag Boieldieu’s, ignorirt hat.

Fußnoten
  • *)Die Dumba’sche Sammlung enthält folgende dramatische 
    Composition von Franz Schubert: „Fierabras“, Oper in drei
    Acten; „Die Freunde von Salamanka“, komisches Sing-
    spiel in zwei Acten; „Des Teufels Lustschloß“, Oper in drei
    Acten; „Die Zauberharfe“, Singspiel in drei Acten; „Die
    Bürgschaft
    “, Oper in drei Acten (der dritte Act unvollendet);
    Fernando“, Singspiel in einem Acte; „Sakuntala“, Skizze
    einer Oper, unvollendet; „Der Graf von Gleichen“ (Text von
    Bauernfeld, Skizze theilweise instrumentirt von Herbeck); „Adrast
    (Text von Mayerhofer), Fragment einer Oper. Ferner zahlreiche
    Bruchstücke und Skizzen aus unvollendeten, nicht näher benannten
    Opern von Schubert. Außer diesen sämmtlich ungedruckten drama-
    tischen Compositionen besitzt Dumba noch an Schubert’schen Manu-
    scripten: fünf Symphonien, drei Ouvertüren, achtzehn Messen-
    Einlagen, fünf Kammermusiken, fünfzehn Clavierwerke, drei Canta-
    ten, neunundzwanzig Chöre, siebzig Lieder und Arien, die zum großen
    oder größten Theile gleichfalls noch unveröffentlicht sind.