Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6441. Wien, Mittwoch, den 2. August 1882
[1]Briefe aus Bayreuth über Wagner’s „Parsifal“. IV.
0002Ed. H. „Parsifal“, das hinfällige Drama und dank-
0003bare Opern-Libretto, bewährt seine letztere Eigenschaft auch
0004darin, daß es dem Componisten wie den Sängern, dem
0005Decorations-Maler wie dem Costümzeichner und Maschinisten
0006reichliche Gelegenheit bietet zur Lösung neuer, schwieriger
0007Aufgaben. Und glänzender als irgendwo muß dies Alles in
0008dem ideal construirten Theater von Bayreuth unter der un-
0009ausgesetzten Anleitung Richard Wagner’s, dieses ersten Re-
0010gisseurs der Welt, zusammenwirken. Das bewiesen die beiden
0011ersten Aufführungen, welche am 26. und 28. Juli mit jedes-
0012mal veränderter Besetzung stattfanden. Unter den Darstellern
0013gebührt Frau Materna der Ehrenplatz. Er würde ihr
0014zukommen, selbst wenn ihre neueste Leistung, Kundry, ge-
0015ringere Bedeutung hätte, als sie es thatsächlich hat. Denn
0016kein zweiter Name ist mit dem Dasein und Gedeihen der
0017Bayreuther Festspiele so innig verwachsen, als der Amalie
0018Materna’s, dieser ersten Ehrenbürgerin im Reiche Wahnfried.
0019Der dreimalige Cyklus der Nibelungen-Tetralogie im Jahre
00201876 wäre ohne die beispiellose Kraft und Hingebung dieser
0021Brunhilde eine Unmöglichkeit gewesen. Wir haben damals
0022zugleich mit unserer Bewunderung auch die Besorgniß aus-
0023gesprochen, es könnte die gefeierte Sängerin jenen Erfolg
0024vielleicht mit vorzeitiger Schädigung ihrer Stimme bezahlen.
0025Ihre Kundry hat uns gründlich und auf lange hinaus be-
0026ruhigt. Frau Materna hat seit dem Bayreuther Feld-
0027zuge von 1876 nicht nur nichts eingebüßt, sie hat
0028noch etwas gewonnen, ein kostbares Etwas, das selbst
0029dem „Meister“ noch unerreicht geblieben ist: Mäßigung.
0030Das Bewußtsein unerschöpflicher Stimm-Mittel führt Künstler
0031von strotzender Kraft und leidenschaftlichem Temperament
0032leicht zum Uebermaß, und unsere Wiener Opernfreunde wissen,
0033daß auch Frau Materna in Emancipation des Tones wie
0034der Mimik oft zu weit ging. Erst in den letzten Jahren
0035wirkten ihr Fidelio, ihre Doña Anna und Aïda nicht blos
0036durch mächtige Gluth, sondern zugleich durch edleres künst-
0037lerisches Maß. Einen noch überraschenderen Beweis dieser er-
0038rungenen Selbstbeherrschung liefert Frau Materna in ihrer
0039Kundry — einer Rolle, die zur grellen Uebertreibung ihrer
0040unnatürlichen musikalischen und dramatischen Contraste ge-
0041radezu herausfordert. Frau Materna ließ sich nicht dazu ver-
0042leiten; selbst im Vollgefühl und Volltrotz ihrer Kraft wurde
0043sie doch niemals unbändig. Ja in den sanften einschmeicheln-
0044den Stellen ihrer großen Scene mit Parsifal klang ihre
0045Stimme ganz besonders schön. Ihre effectvolle Gesangslei-
0046stung begleitete durchweg die sorgfältigste Ausarbeitung des
0047schauspielerischen Details. Musikalisch ist die Rolle nur im
0048zweiten Act stark bedacht, bis zur Erschöpfung anstrengend;
0049im ersten Act hat Kundry wenig, im dritten gar nichts zu
0050singen. Desto wichtiger und schwieriger ist hier ihr stummes
0051Spiel, wahre Bravour-Arien der Mimik und Action, wie
0052sie von einer Sängerin bisher nicht gefordert worden sind.
0053Frau Materna hat nicht nur singend im zweiten Act, son-
0054dern auch schweigend im dritten unsere Erwartungen über-
0055troffen. Das Widersprechende, Unnatürliche und Abstoßende
0056dieser Kundry zu tilgen, wird Niemandem gelingen, es
0057zu starker Wirkung zu erheben, gelingt Frau Materna.
0058Ueber den Glanz ihrer Leistung herrscht nur Eine Stimme.
0059Neben Frau Materna gebührt Herrn Reichmann als
0060Amfortas der nächste Platz. Entzückend klangvolle, weiche
0061Stimme, seelenvoller Vortrag und edles Spiel wirkten hier
0062zu vollkommenem Eindrucke zusammen. Durch Reichmann
0063wird die leidende, erst am Schlusse zu einem dramatischen
0064Momente sich aufraffende Gestalt des siechen Königs bedeu-
0065tend und sympathisch. Wien darf sich zu dem Erwerbe dieses
0066Künstlers neuerdings gratuliren. Ein vortrefflicher Gurnemanz
0067ist Herr Scaria, schon durch seine bis in die kleinste
0068Sylbe deutliche Aussprache unschätzbar für derlei wagnerisch
0069redselige Greise. Nur sein altersschwaches Zittern und Zappeln
0070im dritten Acte scheint uns nicht recht im Einklange mit der
0071Würde dieser Rolle; Gurnemanz soll „zum hohen Greise
0072gealtert“, aber nicht zum alten Kinde herabgekommen sein.
0073Herr Winkelmann (Parsifal) war sehr befriedigend im
0074ersten Acte, im zweiten gerieth er leider ins Schreien und
0075kam erst im dritten wieder daraus. Den Zauberer Klingsor
0076sang der Bassist Herr Hill aus Schwerin mit kräftiger
0077Stimme und großem theatralischen Aplomb; an die manie-
0078rirte Aussprache dieses Sängers, welcher zu Gunsten der
0079Tonfülle oft unrichtig vocalisirt, kann man sich allmälig ge-
0080wöhnen. Die kleine, aber wichtig eingreifende Partie des
0081Titurel war in Herrn Kindermann’s bewährten Händen.
0082Dieser unverwüstliche Veteran wird, ein zweiter Titurel, der-
0083einst noch im Grabe singen und gut singen. In der zweiten
0084Aufführung des „Parsifal“ hatten die Herren Reichmann,
0085Hill und Kindermann ihre Rollen beibehalten;
0086Kundry, Parsifal und Gurnemanz waren anders als am
0087ersten Abende besetzt. Fräulein Marianne Brandt war
0088auch als Kundry die geistreiche Darstellerin und eminent ge-
0089schulte Sängerin, die wir durch ihr Wiener Gastspiel hoch-
0090schätzen gelernt. Für die verwilderte unheimliche Zauberin
0091im ersten Acte eignete sich ihre hagere Figur und ein eigen-
0092thümlich hohler Klang der Stimme ganz außerordentlich. Auch
0093die Stellen, die Kundry, in bläulichem Lichte vor Klingsor
0094auftauchend, zu singen, zu schreien, zu lachen und zu wim-
0095mern hat, brachte sie ganz ausgezeichnet. Fräulein Brandt
0096war mit Einem Worte unübertrefflich in Allem, was unheim-
0097lich und gespenstisch ist in dieser Rolle. Für die große Liebes-
0098und Verführungsscene im zweiten Acte besitzt sie zwar alle
0099Mittel der Kunst, aber nicht der Natur. Wenn der Zuschauer
0100auch absehen mochte von dem hier nicht ganz entsprechenden
0101Aeußern, der Hörer wurde doch stets gemahnt an die Unzu-
0102länglichkeit ihrer Stimm-Mittel. Fräulein Brandt erfreute
0103anfangs noch durch die klare und feine Auseinandersetzung
0104des erzählenden Theiles; die folgende große Scene, welche
0105in anhaltend hoher Stimmlage die Affecte bis zum Zerreißen
0106spannt, vermochte sie hingegen nur mit äußerster Anstrengung
0107zu bewältigen. Herr Gudehus war in Gesang und Spiel
0108ein tüchtiger Parsifal; seine Stimme klang frischer als die
0109Winkelmann’s, wurde aber gleichfalls in den Kraftstellen des
0110zweiten Actes unschön übertrieben. Wir glauben, daß sich
0111aus dem Parsifal mehr machen läßt und daß sowol Winkel-
0112mann als Gudehus eines Tages selbst mehr daraus machen
0113werden. Uneingeschränktes Lob verdient der Gurnemanz des
0114Herrn Siehr. Dieser treffliche Bassist, unseren Lesern aus
0115einem erfolgreichen Wiener Gastspiel in bester Erinnerung,
0116hob die mehr umfangreiche als gesanglich dankbare Rolle
0117durch die Macht seiner ehernen, in den tiefsten Chorden
0118noch klangvollen Baßstimme, sowie durch warmen, echt musi-[2]
0119kalischen Vortrag. Einfach und würdevoll in der Repräsen-
0120tation, vermied er es auch im dritten Acte, durch
0121allzu realistische Ausmalung greisenhafter Hinfälligkeit
0122aus dem Style des „Bühnenweihfestspiels“ zu fallen.
0123Diese Leistungen der Solosänger wuchsen mit den gleich vor-
0124züglichen des Chores und des Orchesters zu einem tadellosen
0125Ensemble zusammen. Der Blumenmädchen-Chor erheischt ein
0126ungemein präcises Ineinandergreifen der Stimmen; er war
0127prachtvoll einstudirt, desgleichen die Chöre im Gralssaale,
0128die wegen der vielen mitwirkenden Knabenstimmen und der
0129räumlichen Entfernung der drei singenden Gruppen von ein-
0130ander bedeutende Schwierigkeiten bieten. Das von Herrn
0131Hofcapellmeister Levy dirigirte Münchener Opern-Orchester
0132behauptete tapfer seinen guten Ruf. Die Vertiefung des
0133Orchesters, eine der wohlthätigsten Reformen Wagner’s, be-
0134währte sich abermals, insoferne die Singstimmen niemals
0135gedeckt wurden. Aber auch die schädliche Uebertreibung dieser
0136im Principe so richtigen Maßregel, daß nämlich das Orchester
0137nicht blos sehr vertieft, sondern mittelst eines Blechdaches
0138förmlich zugedeckt ist, machte sich fühlbar, wie bereits im
0139Jahre 1876: ein glänzendes Fortissimo, ein Jauchzen und
0140Schmettern der Musik ist aus dieser Gruft heraus unmög-
0141lich. Solche packende Effecte werden allerdings hier viel
0142seltener beabsichtigt, als in den „Nibelungen“; „Parsifal“ ist
0143auffallend discret instrumentirt. In der Kunst der
0144Orchestrirung hat Wagner nicht gealtert; sie zeigt sich im
0145„Parsifal“ zur förmlichen Magie ausgebildet und zaubert
0146zu jeder wechselnden Stimmung die wunderbarsten Klänge
0147in unendlich verschiedenartigen Schattirungen. Die Kunst
0148moderner Maschinerie und Decorations-Malerei erprobte
0149sich im „Parsifal“ noch vortheilhafter als in den
0150„Nibelungen“. Man hat auch in Bayreuth Manches zu-
0151gelernt. Der in maurischem Style (der Kathedrale in Burgos)
0152nachgebildete Gralssaal ist von imposanter Schönheit; auch
0153die Waldlandschaft im ersten und die Blumen-Au im dritten
0154Acte gehören zu den stimmungsvollsten Bildern. Nur der
0155Zaubergarten Klingsor’s präsentirt sich gar zu grotesk mit
0156seinem grellen Roth und den plumpen Blumencolossen. Auch
0157die Costüme der Blumenmädchen hatte ich mir kleidsamer
0158gedacht. Die bloßen Füße waren das einzige Originelle daran.
0159In jedem gelungenen Ballet sieht man schönere und sinnigere
0160„fleurs animées“. Wahrscheinlich wollte Wagner an Ballet-
0161mäßiges nicht erinnern — gleichviel, die Scene selbst erinnert
0162stark daran. Ohne Fehl arbeitet die Maschinerie (Wandel-
0163Decoration, Versenkungen, der fliegende Schwan u. s. w.)
0164und verkündet den Preis des jungen Brand, der seinen be-
0165rühmten Vater bald erreicht haben dürfte. Bringt man zu
0166allen diesen Vorzügen der Bayreuther Aufführung die An-
0167wesenheit Wagner’s in Anschlag, der, von Anfang an deren
0168belebende Seele, für das Publicum Gegenstand der höchsten
0169Verehrung war, so wird man den großen Erfolg der beiden
0170ersten Parsifal-Abende begreifen. Im Theater selbst erlaubt
0171man sich freilich, auf Wagner’s Wunsch, kein Beifallszeichen:
0172es herrschte „im Interesse des Kunstwerkes“ eine fast be-
0173klemmende Todtenstille. Aber was ich von Urtheilen in den
0174Zwischenacten und nach der Vorstellung vernahm, lautete —
0175abgesehen von der Klage über allzu große Längen und mono-
0176tone Strecken — überwiegend günstig.
0177Die Frage, ob denn „Parsifal“ wirklich allen Bühnen
0178definitiv vorenthalten und auf ein zeitweiliges (für die Dauer
0179doch sehr zweifelhaftes) Erwachen in Bayreuth beschränkt
0180bleiben solle, drängt sich natürlich auf alle Lippen. Wagner
0181selbst hat bekanntlich in einem offenen Briefe aus Palermo
0182(April 1882) den „durchaus unterschiedlichen Charakter
0183dieses Werkes“ nachdrücklich betont und will jede Aufführung
0184desselben außerhalb Bayreuths schon dadurch unmöglich
0185gemacht haben, daß er „mit dieser Dichtung eine unseren
0186Operntheatern mit Recht abgewendet bleiben sol-
0187lende Sphäre beschritt“. Trotzdem will uns diese „Un-
0188möglichkeit“ schlechterdings nicht einleuchten. Auf das Be-
0189fremdende, selbst Unschickliche, das in den kirchlichen Scenen
0190des „Parsifal“ liegt, wurde allerdings in unserm Berichte
0191selbst hingewiesen. Aber wann und wo hat Unschickliches je
0192ein Hinderniß gebildet für die Aufführung Wagner’scher
0193Opern? Ich finde die brünstige Liebesscene des sich ver-
0194mälenden Geschwisterpaares Sigmund und Sieglinde in der
0195„Walküre“ tausendmal anstößiger, als die religiösen Bilder
0196im „Parsifal“, welche für strenggläubige Christen ärgerlich,
0197doch keinesfalls für das menschliche Gemüth empörend sind,
0198wie die genannte, mit Schopenhauer’s „Infam!“ gestempelte
0199Scene. Ich muß hier gleich bemerken, daß die kirchlichen
0200Scenen im „Parsifal“ mir bei der Aufführung beiweitem
0201nicht den anstößigen Eindruck gemacht haben, wie ich und
0202Andere ihn aus der Lectüre des Textbuches vermuthet hatten.
0203Es sind religiöse Handlungen, die uns vorgeführt werden,
0204aber bei aller ernsten Würde durchaus nicht im Styl der
0205Kirche, sondern vollkommen im Styl der Oper „Parsifal“
0206ist eine Oper, mag man ihn immerhin Bühnenfestspiel oder
0207Bühnenweihfestspiel taufen. Nicht einmal eine „geistliche
0208Oper“ im Sinne Anton Rubinstein’s kann er heißen, denn
0209in einer solchen wäre der üppig-weltliche zweite Act des
0210Parsifal einfach unmöglich. Wie in diesem zweiten Acte
0211aus dem frommen Mönchsgewand der alte prächtige Theater-
0212teufel herausspringt, der Wagner des Venusberges, das ist
0213übrigens gar zu reizend.
0214Warum sollte Wagner’s „Parsifal“ auf keinem Theater
0215erscheinen dürfen? Ist denn das Bayreuther „Festspielhaus“,
0216für welches Wagner den „Parsifal“ geschrieben, kein Theater?
0217Ist es etwa eine Kirche oder ein Concertsaal? Es ist ein
0218Theater, in welchem „Parsifal“ wie jede andere Oper von
0219Theatersängern in Costüm und mit dem denkbar glänzendsten
0220Opern-Apparat gespielt, und zwar vor einem fortwährend
0221wechselnden, zahlenden Publicum gespielt wird. Warum sollte
0222eine Aufführung des „Parsifal“ überall das religiöse Gefühl
0223beleidigen, nur gerade in Bayreuth nicht? An dem ernsten
0224Vorsatze Wagner’s, den „Parsifal“ in Europa zu verbieten,
0225zweifeln wir keinen Augenblick; er mag äußere Gründe
0226haben ihn für Bayreuth zu reserviren. Aber aus inneren,
0227dem Werke entnommenen Gründen vermögen wir die sitt-
0228liche Unmöglichkeit einer Aufführung „Parsifal’s“ auf anderen
0229Bühnen nicht zu begreifen. Wir würden das Verbot auch
0230aufrichtig bedauern. So wie es schade gewesen wäre um die
0231enormen Kosten und Anstrengungen des „Nibelungenrings“,
0232die auch „nur für Bayreuth“ aufgewendet sein sollten, so
0233wäre es auch schade und noch mehr schade um „Parsifal“.
0234Er ist leichter ausführbar als die Tetralogie, geschlossener,
0235wirksamer; seine Musik ist (mit einziger Ausnahme der
0236Kundry-Scenen) einfacher, ruhiger, edler. Zweckmäßige Kür-
0237zungen als unumgänglich vorausgesetzt, dürfte „Parsifal“
0238für die Bühnen sogar werthvoller und erfolgreicher werden. [3]
0239Seit einem Vierteljahrhundert sind wir in Deutschland bettel-
0240arm an lebensfähigen neuen Opern und scheinen von Jahr zu
0241Jahr in dieser Verarmung fortzuschreiten — man braucht kein
0242„Wagnerianer“ zu sein, um den drohenden Verlust des „Parsifal“
0243aufrichtig zu beklagen. Das wissen wir sehr gut, daß Wagner
0244der größte lebende Opern-Componist ist und in Deutschland
0245der einzige, von dem in historischem Sinne ernsthaft die
0246Rede sein kann. Er ist der einzige deutsche Componist seit
0247Weber und Meyerbeer, den man aus der Geschichte der dra-
0248matischen Musik nicht hinwegdenken kann. Selbst Mendels-
0249sohn und Schumann, von Rubinstein und den Neueren nicht
0250zu reden, können wir uns wegdenken, ohne daß in der Ge-
0251schichte der Oper eine Lücke entstünde. Zwischen diesem Zu-
0252geständnisse und der ekelhaften Vergötterung, die mit Wagner
0253getrieben und von ihm patronisirt wird, liegt freilich eine
0254unendliche Kluft.
0255Nach Allem, was hier laut oder halblaut geäußert wird,
0256scheint eine Parsifal-Wiederholung im nächsten Jahre nichts
0257weniger als sicher zu sein. Was dann? Und wenn selbst
0258für Wagner’s Lebenszeit der „Parsifal“ den Bühnen wirklich
0259vorenthalten bliebe — was dann? Fehlt einmal Wagner’s
0260Persönlichkeit, der magnetische Blick und die starke Hand, die
0261Alles, Künstler und Zuhörer, in das kleine Bayreuth heran-
0262zieht und hier festhält, so wird Niemand, Niemand nach ihm
0263ein Gleiches zu vollbringen im Stande sein. Mit Wagner
0264wird voraussichtlich das Bayreuther Festspielwesen erlöschen,
0265aber gewiß nicht sein „Parsifal“. Die großen Bühnen wer-
0266den diese interessante fromme Oper ohne viel religiöse
0267Scrupel geben, und das Publicum von Wien, München,
0268Berlin wird sie, wie das hiesige, naiv anschauen und an-
0269hören, ohne einen Augenblick zu glauben, daß es sich in der
0270Kirche befinde. Die Menschen werden sich so lange an „Ni-
0271belungen“ und „Parsifal“ erfreuen, bis sie es eines Tages
0272überdrüssig sind, sich von blos „unendlicher“ Melodie herum-
0273schaukeln und von stereotypen Leitmotiven leiten zu lassen.
0274Zur selben Zeit erscheint dann wol für die Oper ein neuer
0275„reiner Thor“, d. h. ein naiver Tondichter von genialer
0276Naturkraft, vielleicht eine Art Mozart, welcher Meister über
0277den „Meister“ wird und die lange dramatisch gemaßregelte
0278Menschheit zur Abwechslung wieder musikalisch beherrscht.