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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6506. Wien, Freitag, den 6. October 1882

[1]

Hofoperntheater.

(Das neue Ballet „Melusina“. — „Die Alpenhütte“ von Ad. Adam.)


0003Ed. H. Melusina, die holde Wasserfee, hat noch lange,
0004seitdem sie den Grafen Raimund entzückt und berückt hat,
0005den gleichen Zauber, glücklicherweise ohne das gleiche Ver-
0006derben, an Dichtern, Malern, Musikern wiederholt. Und
0007zwar seltsam genug, immer an deutschen Künstlern.
0008Obwol französischen Ursprunges, schlug die Sage von der
0009schönen Melusina, der Stamm-Mutter des Hauses Lusignan,
0010viel tiefere Wurzeln im deutschen Boden, wohin sie erst
0011später aus dem Süden gelangte. Von jeher hat der deutsche
0012Volksglaube gern mit geheimnißvollen Naturgeistern, guten
0013und bösen, verkehrt, und so wurde auch Melusina ihm bald
0014eine heimische Gestalt. Die Nation, welche einen Freischütz,
0015eine Undine, einen Hanns Heiling, einen fliegenden Holländer 
0016künstlerisch verewigt hat, konnte an Melusina’s rührender
0017Gestalt nicht poetisch unbewegt vorübergehen. Zuerst hat
0018Felix Mendelssohn sie in seiner berühmtesten Ouvertüre 
0019verherrlicht; ein jüngerer Wiener Componist, Julius
0020Zellner, ist ihm dann mit einer Melusina-Symphonie 
0021nachgefolgt, welche gleichsam in vier Acten auseinanderbreitet,
0022was Mendelssohn in Einen zusammengedrängt hatte. Wir
0023besitzen eine Oper „Melusina“ von Conradin Kreutzer,
0024eine andere von L. Schindelmeißer; in neuester Zeit
0025haben sogar drei Operncomponisten fast gleichzeitig Melusinen 
0026auf die Bühne gebracht: C. Gramann in Wiesbaden,
0027Karl Mayerberger in Preßburg, Baron Perfall in
0028München. Nur in ihrem Vaterlande Frankreich hat Melu-
0029sina keine Verherrlichung in der Oper erlebt, nicht einmal
0030als Ballet-Sujet. Nachdem man dort die mythologischen und
0031antik-historischen Balletstoffe satt bekommen hatte, nahm das
0032Pariser Ballet bald die glückliche Wendung zum Märchen.
0033Mit Enthusiasmus begrüßte man das getanzte Dornröschen 
0034(„La Belle au bois dormant“), das Aschenbrödel, die Willis
0035(Giselle) und ähnliche Märchen, die einen poetischen Hauch
0036über das französische Ballet der Dreißiger- und Vierziger-
0037jahre breiteten. Nur an die schöne Melusina hat bisher kein
0038französischer Tanzpoet gedacht. In Wien ist es zwar kein 
0039„Tanzpoet“ (wie die Balletmeister sich gerne nennen hören),
0040aber doch ein des Tanzes und der Bühne kundiger Poet,
0041welcher jetzt unserem darbenden Ballet-Repertoire aufgeholfen
0042hat durch die Melusina-Sage. Der Theaterzettel bezeichnet
0043diesen dankenswerthen Mitarbeiter extra statum mit einem
0044mysteriösen Sternchen, das, wie wir hören, „Friedrich
0045Uhl“ ausgesprochen wird. Die nächste Anregung gab
0046ihm Schwind’s berühmter Bildercyklus im Belvedere.
0047Moriz v. Schwind, der Märchendichter unter den
0048deutschen Malern, hat darin die Geschichte der schönen
0049Melusina, von ihrem traumseligen Anfang durch irdisches
0050Glück und Unheil bis zum tragisch-versöhnenden Schluß
0051zusammenhängend dargestellt. Diese Bilder, entzückend durch
0052ihre reine Schönheit wie durch ihren musikalischen Stimmungs-
0053zauber, haben fast die Deutlichkeit gesprochener Erzählung.
0054Ja, für ein bühnenkundiges Auge bilden sie, wie sie sind,
0055ein vollständiges Scenarium zu einer mit Pantomime, Tanz
0056und Musik auszufüllenden Handlung. Der Autor des neuen
0057Ballets hielt sich in der That getreu an die Schwind’schen
0058Illustrationen, die sogar dem Textbuche in niedlichen kleinen
0059Photographien, gleichsam als Orientirungs-Kärtchen, beigedruckt
0060sind. Damit hatte er sich jeden Zugang zu der Grill-
0061parzer
’schen Operndichtung „Melusina“, an die wir an-
0062fangs dachten, versperrt. Nur den lustigen Knappen Troll 
0063und die zwei Schwestern Melusina’s, Plantina und Meliora,
0064hat er bis auf die Namen beibehalten, den beiden letzteren
0065im wohlerkannten Interesse schöner Gruppirung eine dritte
0066Schwester beigesellend. Grillparzer, der sein dreiactiges Opern-
0067Libretto bekanntlich für Beethoven gedichtet — vergeblich ge-
0068dichtet — hatte, verändert die Volkssage in vielen wesent-
0069lichen Punkten, wie mich dünkt, nicht immer zum Vortheile
0070derselben. Ritter Raimund führt da Melusinen nicht als
0071Gattin heim auf sein Schloß, sondern lebt bei ihr, liebes-
0072trunken, in ihrem Zauberpalaste wie Tannhäuser im Venus-
0073berg. Allmälig erwachende Sehnsucht nach der Heimat, nach
0074menschlichem Verkehre und eigener Thätigkeit drängt ihn endlich
0075fort. Melusina gibt ihm willig Urlaub und einen Ring
0076dazu, mittelst dessen er sie beliebig zu sich rufen kann.
0077Nur an einem bestimmten Tage in der Woche dürfe er es
0078nicht, will er nicht sich selbst zugleich mit ihr verderben.
0079Raimund schwört es ihr zu und kehrt in die Heimat zurück, 
0080wo seine Verwandten und Freunde ihn zurückhalten und aus
0081der Bezauberung zu erretten suchen. Er läßt sich bereden, seine
0082Cousine Bertha zu freien und den Ring Melusina’s von sich
0083zu werfen. Da erhebt sich vor ihm eine haarumflatterte,
0084schuppenbedeckte Gestalt aus dem Boden und hascht nach dem
0085Ringe. Raimund, plötzlich von Reue und wiedererwachender
0086Liebe erfaßt, will den Ring zurück und verfolgt das Ge-
0087spenst, das vor ihm her flüchtet, bis sie Beide an Melusina’s
0088Brunnen anlangen. „Den Ring, meinen Ring!“ „Hier
0089nimm ihn, sieh’!“ Der Brunnen stürzt zusammen, ein
0090Grabmal wird sichtbar mit der Aufschrift „Raimund“. Die Erde
0091öffnet sich vor dem Grabmal, die Gestalt wirft den Ring
0092hinab. „Und sei’s im Grab, ich hol’ ihn!“ ruft Raimund 
0093und sinkt, von einer andern schwarzen Gestalt erfaßt, todt
0094zu Boden. An diese grauenvollen Scenen schließt sich unmit-
0095telbar eine Art Apotheose. Auf Wolken, die sich aus dem
0096Grabmal erheben, steigt Melusina, reich geschmückt, empor,
0097ihr zu Füßen kniend Raimund. „Tod versöhnt! Treue
0098gekrönt!“ singen die Schwestern, und ein Geisterchor schließt
0099das Ganze mit dem echt Grillparzer’schen Spruche:


0100Wem sich höh’re Mächte künden, /
0101Muß auf ewig sich verbinden, /
0102Oder nahen mög’ er nie: /
0103Halben Dienst verschmähen sie. /


0104Grillparzer hat im Interesse des dramatischen Fort-
0105ganges leider getilgt, was nach meiner Empfindung den
0106schönsten Zauber unseres Märchens ausmacht: die Heirat
0107Melusina’s mit Raimund, und ihr langes glückliches Familien-
0108leben — die ganze von irdischem Glücke beglänzte Mitte
0109zwischen dem unheimlichen Zauber des Anfangs und des
0110Endes. Nach Grillparzer’s Libretto wäre ein Ballet kaum
0111möglich gewesen, nach Schwind’s Bildern ist es möglich und
0112in anmuthigstem Gelingen wirklich geworden. Einige Mono-
0113tonie läßt sich freilich bei scenischer Ausbreitung eines durch-
0114aus zarten, einfach sich abspinnenden Märchenstoffes nicht
0115vermeiden. Demungeachtet haben wir das Ballet Melusina 
0116mit aufrichtigem Wohlgefallen gesehen; ein echt poetisches
0117Product, das sich von dem banalen runk und Spectakel
0118der meisten neuen Ballette fein und vornehm abhebt. Die ge-
0119treu nach Schwind gestellten Tableaux erfreuen Aug’ und
0120Herz; das Hochzeitsfest, die Familienscene, Melusina mit [2]
0121ihren Nixen im Bade mögen wol für die schönsten darunter
0122gelten. Mindestens gleiches Lob gebührt jedoch einer Scene,
0123die zu keinerlei äußerem Glanz Anlaß bietet: „Die bösen
0124Zungen“. Es ist eine Art pantomimisch durchgeführter Ver-
0125leumdungschor, der unübertrefflich gespielt wird und von
0126Doppler mit einer ganz reizenden Musik ausgestattet ist.
0127Bei dem ersten Erscheinen Melusinens und auch später noch
0128läßt Doppler das Hauptmotiv der Mendelssohn’schen Ouver-
0129türe anklingen; ein geschicktes Citat zugleich und eine feine
0130Huldigung. Außerdem wird man in Doppler’s Melusina-
0131Musik einen sehr graziösen Walzer der Blumenmädchen im
0132ersten Act und einen frischen Bauerntanz im zweiten bemer-
0133ken. Das Unmotivirte, Lückenbüßerhafte mancher Tänze, die
0134nothgedrungen in die Lücken der Handlung eintreten müssen,
0135ist in keinem Ballet zu vermeiden, war es vollends nicht in
0136der Melusina. Ohne das systemisirte große Pas de deux,
0137dieses unveräußerliche Kronrecht der Prima Ballerina, würde
0138diese (Fräulein Cerale) wenig von ihrer Oberherrlichkeit
0139behalten in einem Ballet, wo die Melusina alles Uebrige be-
0140herrscht. Die wohlerzogene Comtesse Blaniferte spielt neben
0141der Wassernixe Melusina ungefähr dieselbe zurückgesetzte Rolle,
0142wie Bertalda neben der Undine, Kunigunde neben der Loreley,
0143Erik neben dem fliegenden Holländer und was es an solchen
0144anständigen und vortheilhaften Heiratspartien in Nixen- und
0145Gnomen-Opern noch sonst gibt. Für die poetische Gestalt der
0146Melusina besitzt das Hofoperntheater an Fräulein Abel eine
0147geradezu unvergleichliche Repräsentantin. Die weniger dank-
0148baren Rollen des Ritters Raimund und seines Knappen
0149wurden von den Herren Frappart und Price mit ge-
0150wohnter Sorgfalt und Gewandtheit gespielt.


0151Vor dem Ballet wurde die nahezu fünfzig Jahre alte
0152einactige Oper von Adolph Adam: „Die Alpenhütte“ (Le
0153chalet), gegeben. Die Handlung des Stückes ist fast iden-
0154tisch mit Goethe’s Singspiel „Jery und Bätely“. Eine
0155junge Bäuerin, die in einer einsamen Alpenhütte wohnt und
0156aus Liebe zur Selbstständigkeit jeden Freier abweist, wird
0157durch die (absichtlich zu ihrer Bekehrung) ausgeführten Excesse
0158eines fremden Eindringlings und seiner Kameraden von der
0159Gefährlichkeit ihrer Isolirung überzeugt und reicht nun einem
0160bisher verschmähten braven Bauernjungen, der ihr Schutz ge-
0161währte, ihre Hand. In der Benützung des Goethe’schen Sing
0162spieles bewährt Scribe einen scharfen theatralischen Blick.
0163Die drei Hauptpersonen läßt er im Wesentlichen unverän-
0164dert, nur verwandelt er den Eindringling aus dem Goethe’-
0165schen fremden Abenteurer in Bätely’s unerkannt zurückkehren-
0166den Bruder. Die vierte Person Goethe’s, den Vater Bätely’s,
0167streicht der französische Librettist gänzlich, offenbar damit das
0168Mädchen völlig einsam und nur auf sich allein gestellt er-
0169scheine. Aus den knappen Liedchen Goethe’s werden theils
0170Arien, theils längere Strophenlieder, denen Landleute und
0171Soldaten eine anspruchslose, wirksame Chorunterlage bieten.
0172Freilich, die zierlichen, duftigen Blüthen Goethe’scher Lyrik,
0173die auch in diesem bescheidenen Singspiele nicht fehlen,
0174sie ließen sich weder verpflanzen noch ersetzen. Goethe’s „Jery
0175und Bätely“ wurde vielfach componirt. Christian Keyser,
0176des Dichters Jugendfreund, machte den Anfang, ihm folgten
0177Winter, Reichhardt, Conradin Kreutzer, Bierey,
0178Rietz und Andere, zuletzt eine talentvolle, feingebildete Dame,
0179Frau Ingeborg v. Bronsart in Weimar. Keine von allen
0180diesen Compositionen vermochte tiefere Spuren zurückzulassen
0181und das Goethe’sche Gedicht auf der Bühne lebendig zu er-
0182halten. Hingegen hat die französische Nachbildung, die „Alpen-
0183hütte“, es zu einer unerhörten Popularität gebracht. Im
0184Jahre 1834 zum erstenmale in der Opéra Comique gegeben,
0185hat sie schon im Jahre 1873 daselbst ihre tausendste 
0186Aufführung erlebt. Es ist ein leicht hingeworfenes, aber an-
0187muthiges Werk, voll natürlicher Frische und Aufrichtigkeit,
0188dramatisch empfunden, fein instrumentirt und vor Allem von
0189eminent französischem Charakter. Vor der Uebertreibung,
0190Adam seinen Meistern Boieldieu oder Auber gleich-
0191zustellen, braucht man wol nicht mehr eigens zu warnen;
0192ebensowenig möchten wir das oft gelesene Urtheil unterschrei-
0193ben, „Die Alpenhütte“ sei Adam’s bestes Werk. Der einzige
0194erste Act des „Postillon von Lonjumeau“ hat mehr Geist
0195und musikalische Erfindung, als die ganze „Alpenhütte“.
0196Ihren Werth behält letztere trotzdem. Es geht ein frischer,
0197aufrichtiger Zug durch diese Musik, der uns gegen einzelne
0198veraltete und banale Stellen milder stimmt.


0199Mit Theilnahme lesen wir, was Ad. Adam selbst über
0200die Schicksale seines „Chalet“ erzählt; durch seine schlicht
0201und bescheiden abgefaßte Selbstbiographie wird er uns als
0202Mensch ebenso sympathisch wie als Künstler. Nur durch 
0203einen glücklichen Zufall und nach schweren Bemühungen er-
0204rang er das von Scribe und Melesville verfaßte kleine
0205Libretto und mußte sich dabei der unerhört harten Bedin-
0206gung fügen, daß er, der Componist, nur auf ein Drittheil
0207der Tantième Anspruch habe, während zwei Drittheile den
0208Librettisten zufallen sollten. Die „Alpenhütte“ war Adam’s
0209erster Erfolg. Trotzdem dieser Erfolg sich gleich anfangs
0210glänzend anließ, wollte sich doch kein Verleger für das Werk
0211finden. Adam verzweifelte. Endlich kam ein junger Verleger,
0212der es wagen wollte, ihm 4000 Francs für die Partitur zu
0213geben, zahlbar nach Jahr und Tag, „wenn das Ding sich
0214gut verkauft“! Boieldieu, bereits schwer krank und dem
0215Tode nahe, wohnte der ersten Aufführung bei und sagte:
0216„Ich wünschte, diese Musik wäre von mir.“ Dies war das
0217höchste Lob, das beglückendste Urtheil, das Adam in
0218seinem ganzen Leben vernommen. Es tröstete ihn über die
0219geringschätzige Miene, mit welcher manche Musiker und Kri-
0220tiker, darunter sehr angesehene, auf die „Alpenhütte“ herab-
0221sahen, die sie eine Schnaderhüpfel-Oper (un opéra pont-neuf)
0222nannten. Immer wieder mußte sich Adam vorwerfen lassen,
0223daß er zu schnell arbeite und nicht jedes Werk gleich gewissen-
0224haft feile. Adam antwortete mit folgendem aufrichtigen Be-
0225kenntniß: „Ich versichere, daß mit verschwindend kleinen
0226Ausnahmen alle meine Werke, die besten wie die schwächsten,
0227mit der gleichen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit geschrieben wur-
0228den; bei dem einen war ich mehr, bei dem andern weniger
0229glücklich inspirirt, das ist der ganze Unterschied. Ich habe
0230Le chalet“ in vierzehn Tagen geschrieben, den „Toreador“
0231in acht Tagen, „Giselle“ in drei Wochen — sind das etwa
0232meine schwächsten Compositionen? Ich glaube nicht. Andere,
0233auf die ich viel mehr Zeit und Mühe verwendete, haben weit
0234geringeren Erfolg erzielt. Was meine Opernmusik betrifft,
0235so habe ich keinen andern Ehrgeiz, als sie klar, leichtfaßlich
0236und amüsant zu machen. Daß ich nur leichte Musik machen
0237kann, das gebe ich gerne zu.“ Es stimmt dieses Geständniß
0238fast wörtlich überein mit dem, was J. Offenbach, eine
0239verwandte Natur von noch größerem Talent und noch größerer
0240Leichtfertigkeit, zu antworten pflegte, wenn aufrichtige Freunde
0241ihn baten, weniger und langsamer zu componiren. Auch
0242seine besten Arbeiten waren diejenigen, die in wenigen
0243Tagen, in Einem Zuge guter Laune hingeschrieben waren. [3]
0244Adam wie Offenbach waren rasche, improvisatorische Talente,
0245welche, ganz unter der Gewalt ihres eigenen Temperamentes
0246stehend, flüchtig schreiben, viel schreiben, immerfort schreiben
0247mußten. Sie wären bei bestem Willen außer Stande ge-
0248wesen, ein in acht Tagen componirtes Werk dadurch besser
0249zu machen, daß sie es acht Wochen nachfeilend im Pulte be-
0250halten hätten.


0251Adam’s „Alpenhütte“ ist in Wien zu verschiedenen
0252Zeiten immer wieder aus längerem Schlummer geweckt wor-
0253den, ohne das Wachbleiben dann länger zu vertragen. Auch
0254diesmal hat sich die Direction des Hofoperntheaters mit dem
0255gleichen Experimente verrechnet, es wäre denn, sie gäbe sich
0256mit einer sogenannten „anständigen“ oder „recht freund-
0257lichen“ Aufnahme zufrieden. Das Einstudiren der durchwegs
0258neu besetzten „Alpenhütte“ hat ebensoviel Zeit und Mühe ge-
0259kostet, wie die Vorbereitung einer neuen einactigen Oper. Es
0260hätte sich also wol verlohnt, das neue Ballet auch mit einem
0261neuen Singspiele einzuleiten. Eine kräftig packende Wirkung
0262kann die „Alpenhütte“ heute nicht mehr hoffen, es wäre denn,
0263daß die Lucca das Schweizermädchen gibt und zwei als
0264Schauspieler gleich hochstehende Sänger ihr secundiren. Fräu-
0265lein Marie Lehmann ist eine ausgezeichnete Gesangs-
0266künstlerin, gewandt und musikalisch wie Wenige. Allein es
0267fehlt ihr die Gabe, eine Gestalt zu individualisiren, mit fri-
0268schem, quellendem Leben zu erfüllen, vollends eine Gestalt aus
0269dem Volke, ein Naturkind wie Goethe’s Bätely. Gestalt,
0270Physiognomie, Klang der Stimme, Sprechweise — Alles
0271athmet bei Fräulein Lehmann eine gewisse verständige
0272Nüchternheit und Correctheit, einen kühlen Hauch nord-
0273deutscher Bildung, der viel Respect, aber wenig Liebe ein-
0274flößt. Die Herren Schittenhelm und Sommer, als
0275Sänger an Fräulein Lehmann nicht hinanreichend, waren
0276trotzdem viel wirksamer, weil frischer und natürlicher. Un-
0277serem fleißigen und talentvollen Spieltenor möchten wir nur
0278empfehlen, seine allzu große Beweglichkeit zu mäßigen und
0279seine Charakteristik beschränkter braver Bauernjungen nicht
0280bis zu jener drastischen Geistesform zu steigern, welche ein
0281hübsches wienerisch-griechisches Wort als „Trottelosis“ be-
0282zeichnet. Es muß uns doch wenigstens begreiflich bleiben, daß
0283ein gescheites Frauenzimmer, wie diese Berliner Schweizerin,
0284sich ein solches Gebirgsexemplar zum Gatten und Beschützer
0285aussucht.