Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 6526. Wien, Donnerstag, den 26. October 1882
[1]Neueste „Parsifal“-Literatur.
0002Ed. H. Für den „Parsifal“ hat Wagner’s schreibende
0003Armada — vorbereitend, erläuternd, verherrlichend — vor
0004der Aufführung bereits so viel gethan, daß ihr jetzt „zu thun
0005fast nichts mehr übrig bleibt“. Die Broschüren über das vor
0006drei Monaten in Bayreuth gefeierte „Bühnenweihfestspiel“
0007fließen keineswegs so reichlich, als man erwarten durfte; sie
0008stehen an Zahl und Umfang zur Stunde tief unter dem
0009Ueberschwemmungs-Niveau des Nibelungen-Jahres 1876.
0010Immerhin findet sich so Manches darunter, was, ernsthaft
0011oder erheiternd, unsere Leser interessiren dürfte. Beginnen
0012wir mit Erheiterndem. Da prangt obenan eine Abhandlung
0013von Edmund v. Hagen über „die Bedeutung des Morgen-
0014weckrufes in R. Wagner’s Parsifal“. Die „Bedeutung“
0015dieser ersten einleitenden Scene — in welcher die schlafenden
0016Ritter und Knappen geweckt werden — ist Herrn v. Hagen
0017so unermeßlich tief und groß erschienen, daß er 62 Octav-
0018seiten mit deren Ergründung füllt, sicherlich genug, um die
0019glücklich Erweckten wieder einschlafen zu machen. Angesichts
0020solcher Redseligkeit wirkt es ergötzlich, wenn der Verfasser
0021im Vorwort „die Knappheit der Form seiner Schrift“ als
0022„das Resultat eines überreichen geistigen Gehaltes zu ent-
0023schuldigen bittet“. Die Qualität dieses geistigen Ueberreich-
0024thums möge man aus folgenden Sätzen des Vorwortes ent-
0025nehmen: „Wir fühlen am ersten Aufführungstage des Par-
0026sifal, daß wir am Vorabende eines neuen Völker-
0027cultur-Morgens stehen, wie es heute vor
002852 Jahren in Paris der Fall war. Wir fühlen
0029mit dem Parsifal, daß der Menschheit Pfade in neuer Festig-
0030keit erstehen, daß neue Pfade der Erleuchtung gefunden sind.
0031Damit fühlen wir das Hellwerden der Nacht der Menschheit,
0032das Nahen eines Lichtes, welches den Menschen das Ende
0033der Leiden und die ewige Freude des Geistes bringen wird,
0034schon jetzt wie in der reinen Luft des Auferstehungs-Morgens.“
*)
0047Wer den weihevoll orakelnden Ton der echten Wagner-Priester
0048nicht kennt, insbesondere auch die früheren Schriften v. Hagen’s,
0049der möchte die Abhandlung über den Morgenweckruf leicht
0050für einen parodistischen Scherz halten. In Wahrheit ist es
0051aber bitterer Ernst. „Ein trauriges Handwerk“ nennt es
0052einer unserer berufensten und muthigsten jüngeren Musik-
0053kritiker, Gustav Doempke, und fährt fort: „ein trauriges
0054Handwerk, diese unglaubliche Falschmünzerei philosophischer
0055Gedanken in der Gluth des ästhetisirenden Begeisterungs-
0056taumels — bedauernswerth, belachenswerth, aber auch hassens-
0057werth, wenn man sich vergegenwärtigt, daß eine Richtung,
0058welche solche Apostel zu zeugen im Stande ist, nach
0059geistiger Herrschaft zu streben wagt und über viele schwache
0060Gemüther und hohle Köpfe diese Herrschaft auch ausübt.“
0061Herr v. Hagen hat schon früher ein eigenes Buch über „die
0062Dichtung der ersten Scene des Rheingold“ verfaßt und
0063damit gleichsam das Signal gegeben zu jenen nun auftauchen-
0064den Special-Kritiken, welche eine ganze Wagner’sche Oper
0065für eine unermeßliche, die Einsicht eines Einzelnen übersteigende
0066Welt ansehen und sich auf die mikroskopische Untersuchung
0067irgend eines kleinen Segmentes werfen. Es liegt etwas Rüh-
0068rendes in der Verlegenheit dieser jüngeren Generation von
0069Wagner-Enthusiasten, welche, vom Schreibdrange gequält, das
0070Beste bereits von früher Gekommenen vollständig abgeweidet
0071finden. Sie helfen sich, indem sie eine einzelne Scene, eine
0072Nebenfigur, deren „Bedeutung“ bisher nicht gebührend erfaßt
0073sei, unter ihr Bewunderungs- und Vergrößerungsglas legen.
0074Was läßt sich zum Beispiel noch Neues vorbringen über den
0075Charakter des Tristan oder der Isolde? Aber der König
0076Marke! Der ist noch nicht auf den ihm gebührenden Altar
0077gestellt. Freilich haben selbst aufrichtige Bewunderer von
0078Wagner’s „Tristan und Isolde“ nicht leugnen können, daß
0079dieser alte König darin eine traurige Nebenrolle spielt, ja
0080eine traurig-komische, wie jeder Hahnrei, der, von seiner
0081Frau und deren Liebhaber vollständig ignorirt, sein Schicksal
0082mit demüthiger Gelassenheit trägt. Diese Anschauung bekämpft
0083Herr Moriz Wirth in einer eigenen Broschüre über
0084„König Marke“, worin er beweist, daß „Marke keineswegs
0085eine Nebenperson in Wagner’s Drama, sondern vielmehr in
0086gewissem Sinne die Hauptperson ist“, ja daß er in
0087seiner milden Resignation ein Beispiel des höchsten
0088menschlichen Vermögens auf moralischem
0089Gebiete darstelle. Dieser Marke sei „geistig weit
0090über den König von Thule und den König Lear
0091zu stellen“. Nur müsse er auf der Bühne als ein
0092Siebzigjähriger erscheinen, mit weißem Bart und Haupthaar.
0093Das sei entscheidend, denn den Grundzug seines Charakters
0094bilde „durch Einsicht beruhigte Leidenschaft“. Wir wären
0095dafür, dem guten König lieber noch lumpige zehn Jahre zu-
0096zugeben: bei einem Achtzigjährigen ist die Leidenschaft noch
0097beruhigter und das „höchste menschliche Vermögen auf mora-
0098lischem Gebiete“ gewiß noch einleuchtender. Auch über Senta
0099und ihren Holländer ist schon hinreichend viel Tinte geflossen,
0100aber eine eigene Abhandlung über „Erik in seinem Verhält-
0101nisse zum Holländer und zur Senta“ hat noch immer ge-
0102fehlt. Heute ist auch diesem Bedürfnisse abgeholfen. Des-
0103gleichen dem nicht minder tiefgefühlten nach einer Mono-
0104graphie über den „Charakter der Eva Pogner“, welcher
0105jetzt von einem Wiener Musikschriftsteller bis in die kleinsten
0106sprachlichen Schlupfwinkel beleuchtet vorliegt und natürlich
0107als das „Ideal des deutschen Mädchens“ hingestellt ist. Eine
0108französische Broschüre des Wagnerianers E. von der Straa-
0109ten führt den classischen Titel: „Lohengrin; In[2]
0110strumentation et Philosophie“. Vielleicht er-
0111leben wir demnächst eine ähnliche Abhandlung: „Parsifal;
0112Religion und Vortragszeichen.“
0113Wir übergehen die verschiedenen thematischen und histo-
0114rischen Leitfaden zum „Parsifal“ und wenden uns jenen
0115Broschüren zu, welche nicht in panegyrischer Absicht, sondern
0116ernsthaft, vorurtheilsfrei eine Kritik des „Bühnenweihfest-
0117spieles“ zu geben bemüht sind. Da sind es namentlich die
0118Broschüren von Max Kalbeck und von Max Goldstein,
0119welche sich durch unumwundenes, ernstes und geistreiches
0120Urtheil auszeichnen. Die Aufrichtigkeit, mit welcher Kalbeck
0121im Vorworte das Unerquickliche seiner Stellung in Bay-
0122reuth schildert, nimmt sofort für ihn ein; es sind Worte,
0123die Vielen von uns aus der Seele geschrieben sind. „Nie-
0124mals,“ schreibt Kalbeck, „empfand ich das Traurige meiner
0125kritischen Lage, kein Wagnerianer zu sein, tiefer und schmerz-
0126licher, als in diesen der Erlösung der Menschheit gewidmeten
0127Hundstagen . . . Mir ergeht es beinahe wie Einem, dem
0128eine Procession mit Fahnen, Kerzen und Bildern, Weihrauch
0129und Gesang in den Weg läuft. Die Priester und die Chor-
0130jungen schwingen ihr Faß, halten ihr Kreuz und singen ihr
0131Gebet. Wer hätte nicht Lust, der frommen Wallfahrt sich
0132anzuschließen, sich mit gebenedeitem Wasser den düstern
0133Erdentraum aus den Augen zu waschen und einem wunder-
0134thätigen Bilde seine geheimsten Wünsche anzuvertrauen?
0135Doch wir, die keinen Wunderglauben besitzen, treten beiseite
0136an den Wegesrand und sind höflich oder klug genug, unsere
0137Kopfbedeckung abzunehmen. Dann setzen wir den Hut wieder
0138auf und geben unseren Gedanken Audienz, die wahrlich nicht
0139die freundlichsten sind. So schrumpft das Bühnenweihfest-
0140spiel immer mehr vor den ernüchterten Augen zusammen; es
0141fehlt die Weihe, es fehlt das Fest, und nur das Bühnen-
0142spiel bleibt für mich und meinesgleichen zurück.“ Sein
0143strenges Urtheil über das Ganze hält Kalbeck nicht ab, die
0144einzelnen großen Schönheiten der Musik anzuerkennen, ja zu
0145bewundern. Da nimmt denn der lyrische Poet in Kalbeck den
0146Kritiker auf seine Flügel. Gedrängter, kürzer behandelt
0147M. Goldstein denselben Stoff, im Wesentlichen mit dem
0148Urtheile Kalbeck’s zusammentreffend. „Ueppig sind Glanz
0149und Klang des Werkes; aber aus seinem Weihrauchdufte
0150und aus seinem Halbdunkel lugt glitzernd hohle Künstelei.
0151Das Stück hat nur übermenschlichen Glorienschein und unter-
0152menschliches Sinnlichkeitsfeuer. Alles Exaltation. Von dieser
0153aber kann ein Kunstwerk nicht edles Maß und hehre Ruhe
0154erhalten.“ In diesen Sätzen faßt sich ungefähr das End-
0155urtheil Goldstein’s zusammen.
0156Leichter, fließender als irgend eine andere Parsifal-
0157Broschüre lesen sich Paul Lindau’s „Bayreuther Briefe
0158vom reinen Thoren“; sie werden wol auch den meisten Ab-
0159satz finden. Ob man ihnen ebensoviel Amüsement nachrühmen
0160wird, wie Lindau’s „Nüchternen Briefen“ aus dem Nibe-
0161lungenjahre 1876, steht dahin. Letztere haben, bei geringer
0162musikalischer Bedeutung, doch eine Fülle von witzigen Be-
0163merkungen enthalten und im Gewande harmlosen Scherzes
0164der Wagner’schen Tetralogie die bittersten Wahrheiten gesagt.
0165Ueber den Parsifal-Briefen schwebt nicht der gleiche unwider-
0166stehliche Lach- und Spottgeist von damals. Entweder hat
0167Lindau sich absichtlich der witzigen Einfälle enthalten, oder
0168sie haben diesmal sich seiner enthalten. An einzelnen geist-
0169reichen, treffenden Bemerkungen (z. B. über die Quälerei
0170der Leitmotive) fehlt es natürlich nicht. Allein unsere Er-
0171wartung, Lindau werde den auffallendsten Schwächen und
0172Ungereimtheiten der Dichtung scharf zu Leibe gehen, läßt
0173er so gut wie unerfüllt. Der productive Theaterdichter und
0174Theaterkritiker Lindau, welcher jeden Schnitzer eines mo-
0175dernen Dramatikers aufzustöbern und mit feiner Klinge zu
0176spießen versteht, beobachtet gegen das Falsche und Wider-
0177wärtige im „Parsifal“ eine auffallende Milde. Könnte
0178er sonst im Ernst behaupten, Wagner habe den sitt-
0179lichen Conflict des Wolfram’schen Epos „vertieft“?
0180Und zwar dadurch vertieft, daß bei Wagner Parsifal er-
0181koren ist, „den heiligen Speer dem heidnischen Räuber zu
0182entreißen“, und daß er siegreich hervorgeht „im Kampf
0183gegen Kundry zunächst, gegen Klingsor alsdann“?
0184Konnte es Lindau entgehen, daß gerade das Gegentheil statt-
0185findet, daß Parsifal nicht die geringste Anstalt macht, Klingsor
0186den Speer zu „entreißen“ und einen „Kampf“ mit diesem zu
0187wagen? Hier sitzt ja gerade einer der augenfälligsten Fehler
0188des Wagner’schen Dramas. Nachdem Parsifal durch den Kuß
0189Kundry’s „wissend“ geworden ist, also weiß, daß der von
0190Klingsor gehütete Speer allein das Leiden Amfortas’ zu
0191heilen vermag, sollte und müßte er sofort sich auf Klingsor
0192stürzen und ihm den Speer gewaltsam entreißen. Er thut
0193aber nichts, gar nichts dergleichen, singt lange Monologe und
0194lauscht den noch längeren der Kundry, und wenn Klingsor
0195nicht schließlich selber die gute Idee hätte, den Speer nach
0196Parsifal zu schleudern, der arme Amfortas jammerte heute
0197noch ganz so hilflos wie im ersten Act. Wagner hat, einem
0198wohlfeilen Opern-Effect zuliebe (dem in der Luft hängen
0199bleibenden Speer) den einzigen Moment verabsäumt, in
0200welchem Parsifal endlich unsere Sympathie durch ein bischen
0201Courage erobern konnte. Statt dessen bleibt der „reine Thor“
0202hier wie überall auch ein thatenloser, ein fauler Thor.
0203Vortreffliche Bemerkungen enthält die sachgemäße und
0204unbefangene Parsifal-Kritik von Hermann Kretzschmar in
0205den „Grenzboten“.
0206Heinrich Ehrlich in Berlin hat in seiner kürzlich er-
0207schienenen geschichtlichen Darstellung der „Musik-Aesthetik“ —
0208einem sehr anregenden Buche, dem wir nur vollständigere,
0209minder flüchtige Ausführung gewünscht hätten — die Ab-
0210hängigkeit R. Wagner’s von den Anschauungen der roman-
0211tischen Schule (Schlegel, Tieck, Adam Müller) treffend nach-
0212gewiesen. „Parsifal“ bestätigt dies aufs neue. Hier stößt sich
0213Ehrlich, wie viele andere Kritiker, heftig an der Darstellung
0214christlicher Mysterien. „Ist es möglich,“ ruft er aus, „daß
0215ein vom Christenthume durchdrungener großer Künstler die
0216heiligen Mysterien in solch luxuriöser Ausstattung vor ein
0217gemischtes Publicum bringe? Waltet hier nicht ein Raffine-
0218ment, das weit abliegt von der wahren christlichen Gesinnung?“
0219Gewiß. Aber gerade weil dieses Raffinement so unverholen
0220theatralisch auftritt, scheint es mir nicht ernstlich gefährlich. [3]
0221Ich will nicht glauben, daß die Profanations-Weherufer die
0222wahre Religion in ihrer Macht und Bedeutung unterschätzen,
0223aber sie überschätzen, meines Erachtens, die Macht und Be-
0224deutung der Religions-Spielerei im „Parsifal“. Als Zu-
0225schauer der halbbiblischen Scenen im „Parsifal“ fühlte ich
0226mich zwar verstimmt durch ihre innere Unwahrheit und
0227Affectation, keineswegs aber verletzt durch ihr religiöses Gewand.
0228Ich hatte eben keinen Augenblick die Empfindung, in der Kirche
0229zu sein, sondern immer und völlig im Theater. Die angefochte-
0230nen Scenen der Fußwaschung, der Salbung, des Liebesmales
0231machten mir einen durchaus opernhaften Eindruck, das Wort
0232nicht im tadelnden, sondern rein technischen Sinne genom-
0233men. Ich kann das „Bühnenweihfestspiel“ nur als Oper
0234auffassen, und im wahren Interesse des Werkes sollte man
0235es gar nicht anders. Mag er’s für Wagner sein, für
0236mich ist der weißgekleidete, lockenbehangene Thor kein
0237Christus, der heulende Zwitter Kundry keine heilige Magda-
0238lena, der bengalisch beleuchtete Gral-Hocuspocus kein Altars-
0239sacrament. Deshalb vermochte ich in Bayreuth weder die
0240religiöse Entrüstung der Einen, noch die religiöse Verzückung
0241der Anderen zu theilen. Letztere noch viel weniger. Denn
0242ich leugne nicht, daß das schlichte Gebet der Agathe, die
0243Leonoren-Arie und der Gefangenenchor in Fidelio mich
0244ungleich andächtiger, religiöser stimmen, als der ganze Par-
0245sifal. Der heilige Geist in diesem Werke imponirt mir
0246sehr mäßig, weit mehr der weltlich-künstlerische Geist
0247Wagner’s, der hier in vielen neuen und gewaltigen Zügen
0248sich offenbart.
0249Der Wagner-Cultus hat heute offenbar seinen höchsten
0250Gipfel erreicht, wenn nicht schon überstiegen. Logik und Er-
0251fahrung lehren, daß diesem beispiellosen Rausch allmälig eine
0252starke Ernüchterung folgen wird. Wollten doch Manche mit
0253uns schon in Bayreuth Anzeichen davon wahrgenommen und
0254beobachtet haben, wie selbst warme Anhänger Wagner’s un-
0255geduldig wurden bei dem Geduldspiel des Leitmotiv-Fangens.
0256Unter dem stark verblassenden Reiz der Neuheit gewahrt man
0257immer deutlicher das Falsche dieser einseitigen Methode. Jene
0258unausbleibliche Ernüchterung dürfte zum wahren Katzen-
0259jammer werden, sobald kleine Talente in dem falschen Opern-
0260styl weitercomponiren werden, den Wagner’s großes Talent
0261sich geschaffen hat und ausschließlich beherrscht. Gegenwärtig
0262gehört ihm noch der größte, jedenfalls der empfänglichste und
0263dankbarste Theil des Publicums: die Jugend, die Frauen,
0264die Maler, die dilettirenden Poesie-Musiker und Musik-
0265poeten. Wir Anderen, die von der Musik plastisches Bilden,
0266nicht blos ein dämmerndes Zerfließen fordern und die Musik
0267des Don Juan, Fidelio, Freischütz nicht blos musikalisch
0268schöner, sondern auch dramatisch lebensvoller finden, als die
0269gleichförmig declamirende Wagner’s, wir stehen in der Mino-
0270rität. Aber diese Minorität wird nicht aussterben, sie wird
0271früher oder später wieder zur Majorität anwachsen gegen die
0272Tyrannei des Wagner-Cultus. Wenn von irgend einem
0273Componisten der Ausspruch gilt, daß erst die Nachwelt
0274ihn richtig beurtheilen wird, so gilt er von Richard
0275Wagner. Nicht als ob er, wie Mozart und Beethoven,
0276zu wenig, sondern weil er zu viel gefeiert worden bei Leb-
0277zeiten. In der Bedeutung Wagner’s für die Oper liegt ein
0278seltsamer, erst von einer späteren Zeit zu lösender Wider-
0279spruch. Durch seine ersten Werke hat er belebend, aufregend,
0280luftreinigend gewirkt, die bequem und conventionell gewordene
0281Oper in wohlthätige Gährung und alle Geister in lebhaften
0282Contact gebracht. Heute wirkt er bereits schädlich, verursacht
0283einen förmlichen Stillstand in der Opern-Production. Wag-
0284ner’s Musik hat mit dem süßen Gifte ihres aufregenden
0285Stimmungswesens sich so sehr dem Blute der gegenwärtigen
0286Generation verflößt, daß es fast unmöglich geworden ist, noch
0287im Geiste und in den Formen der älteren, vorwagnerischen
0288Oper zu schaffen. Wer nicht wagnerisch componirt, ist heute
0289so gut wie verloren, und wer es thut, ist’s erst recht. Als
0290das einzige glänzende und eigenartige Talent, das seit vierzig
0291Jahren der deutschen Oper erstanden ist, hat er uns sein
0292schielendes, nur seiner speciellen Begabung angepaßtes System
0293mit zwingender Gewalt auferlegt. Keine Frage, er ist ein
0294großer Zauberer, ein Zauberer wie — Klingsor. Vielleicht
0295liegt sein künftiger Besieger, ein musikalischer Parsifal, schon
0296irgendwo in der Wiege.