[VII]
V2.1Die vorliegende siebente Auflage dieser zuerst im J. 1854 erschienenen Schrift unterscheidet sich von der fünften (1876) und sechsten (1881) nicht durch wesentliche Umgestaltung, sondern nur durch mancherlei erklärende und
erweiternde Beisätze. Ich möchte sie am liebsten mit denselben Worten einleiten, welche
der treffliche Fr. Th. Vischer so eben dem Wiederabdruck einer älteren Abhandlung („der Traum “) vorausschickt.1„Ich nehme“, sagt Vischer , „diese Studie in die gegenwärtige Sammlung auf, ohne sie gegen Angriffe, die sie erfahren
hat, zu schützen. Auch verbessernden Ueberarbeitens habe ich mich enthalten, ausgenommen
kleine unwichtige Nachhülfen. Ich würde jetzt manches vielleicht anders sagen, mehr
auseinandersetzen,
[VIII] gedeckter, beschirmter hinstellen; wem gefällt eine Arbeit ganz, wenn er sie nach
Jahren wieder liest? Allein man weiß auch, wie leicht mit nachbesserndem Eingreifen
mehr verderbt als besser gemacht wird.“
V2.2Wollte ich hier in Polemik eingehen, auf alle Kritiken antwortend, welche meine Schrift
hervorgerufen hat, so würde dieses Büchlein zu einem erschreckend starken Band anschwellen.
Meine Ueberzeugungen sind dieselben geblieben, desgleichen die Positionen der schroff
sich gegenüberstehenden Musikparteien der Gegenwart.2 Der Leser wird mir daher wohl auch die Wiederholung einiger Bemerkungen gestatten,
mit welchen ich das Erscheinen der dritten Auflage begleitet habe. Der Mängel dieser Abhandlung bin ich mir sehr lebhaft bewußt. Demungeachtet
hat das weit über Erwarten günstige Schicksal der früheren Auflagen und der mich hocherfreuende
Antheil,
[IX] mit welchem bedeutende Fachmänner philosophischer wie musikalischer Disziplin davon
Act nahmen, mich überzeugt, daß meine Ideen, auch in der etwas scharfen und rhapsodischen
Weise ihres ursprünglichen Auftretens auf gutes Erdreich gefallen sind. Eine merkwürdige
Uebereinstimmung mit diesen Anschauungen fand ich, auf’s freudigste überrascht, in
den erst vor 10 Jahren, nach dem Tode des Dichters, erschienenen kleinen Aufsätzen
und Aphorismen über Musik von Grillparzer. Einige der werthvollsten dieser Aussprüche habe ich in dieser neuen Auflage zu citiren
mir nicht versagen können; ausführlicher davon ist in meinem Essay: „Grillparzer und die Musik“ gehandelt.3
V2.3Leidenschaftliche Gegner haben mir mitunter eine vollständige Polemik gegen Alles,
was Gefühl heißt, aufgedichtet, während jeder unbefangene und aufmerksame Leser doch
unschwer erkennt, daß ich nur gegen die falsche Einmischung der Gefühle in die Wissenschaft protestire, also gegen jene ästhetischen Schwärmer kämpfe, die mit der Prätension,
den Musiker zu belehren, nur ihre klingenden Opiumträume auslegen. Ich theile vollkommen
die Ansicht, daß der letzte Werth des Schönen immer auf unmittelbarer Evidenz des
Gefühls be
[X]ruhen wird. Aber ebenso fest halte ich an der Ueberzeugung, daß man aus all’ den üblichen
Appellationen an das Gefühl nicht ein einziges musikalisches Gesetz ableiten kann.
V2.4Diese Ueberzeugung bildet den einen, den negativen Hauptsatz dieser Untersuchung. Er wendet sich zuerst und vornehmlich gegen die allgemein verbreitete Ansicht, die Musik habe „Gefühle darzustellen“. Es ist nicht einzusehen, wie man daraus die „Forderung einer absoluten Gefühllosigkeit der Musik“ herleiten will. Die Rose duftet, aber ihr „Inhalt“ ist doch nicht „die Darstellung des Duftes“; der Wald verbreitet schattige Kühle, allein er stellt doch nicht „das Gefühl schattiger Kühle dar.“ Es ist kein müßiges Wortgefecht, wenn ausdrücklich gegen den Begriff „darstellen“ vorgegangen wird, denn aus ihm sind die größten Irrthümer der musikalischen Aesthetik entsprungen. Etwas „darstellen“ involvirt immer die Vorstellung von zwei getrennten, verschiedenen Dingen, deren eines erst ausdrücklich durch einen besonderen Act auf das andere bezogen wird.
V2.5Emanuel Geibel hat durch ein glückliches Bild dies Verhältniß anschaulicher und erfreulicher ausgedrückt,
als philosophische Analyse es vermochte, und zwar in dem Distichon:4
[XI]„Warum glückt es dir nie, Musik mit Worten zu schildern? / Weil sie, ein rein Element, Bild und Gedanken verschmäht. / Selbst das Gefühl ist nur wie ein sanft durchscheinender Flußgrund, / Drauf ihr klingender Strom schwellend und sinkend entrollt.“ /
Wenn dies schöne Sinngedicht obendrein unter dem nachhallenden Eindruck dieser Schrift entstand, wie ich zu vermuthen Anlaß habe, so muß sich meine, von poetischen Gemüthern zumeist verketzerte Anschauung doch auch mit wahrer Poesie leidlich vertragen.
V2.6Jenem negativen Hauptsatz steht correspondirend der positive gegenüber: die Schönheit eines Tonstücks ist specifisch musikalisch, d. h. den Tonverbindungen ohne Bezug auf einen fremden, außermusikalischen Gedankenkreis
innewohnend. Es lag in der redlichen Absicht des Verfassers, das „Musikalisch-Schöne“
als Lebensfrage unserer Kunst und oberste Norm ihrer Aesthetik vollständig zu beleuchten.
Wenn trotzdem das polemische, negirende Element in der Ausführung ein Uebergewicht
erlangt, so wird man dieses in Erwägung der besonderen Zeitumstände hoffentlich entschuldigen.
Als ich diese Abhandlung schrieb, waren die Wortführer der Zukunftsmusik eben am lautesten
bei Stimme und mußten wohl
[XII] Leute von meinem Glaubensbekenntniß zur Reaction reizen. Als ich die zweite Auflage veranstaltete, waren eben Lisztʼs Programm-Symphonien hinzugekommen, welche vollständiger, als es bisher gelungen ist,
die selbstständige Bedeutung der Musik abdanken, und diese dem Hörer nur mehr als
gestaltentreibendes Mittel eingeben. Seither besitzen wir nun auch Richard Wagnerʼs „Tristan “, „Nibelungenring “ und seine Lehre von der „unendlichen Melodie“, d. h. die zum Princip erhobene Formlosigkeit, den gesungenen und gegeigten Opiumrausch,
für dessen Cultus ja in Baireuth ein eigener Tempel eröffnet worden ist.
V2.7Man möge es mir zu Gute halten, wenn ich angesichts solcher Zeichen keine Neigung fühlte, den polemischen Theil meiner Schrift zu kürzen oder abzuschwächen, sondern im Gegentheil noch dringender auf das Eine und Unvergängliche in der Tonkunst, auf die musikalische Schönheit hinwies, wie sie unsre großen Meister verkörperten und echt musikalische Erfinder auch in aller Zukunft pflegen werden.
Ed. H.
[1]
1.1Die bisherige Behandlungsweise der musikalischen Aesthetik leidet fast durchaus an dem empfindlichen Mißgriff, daß sie sich nicht sowohl mit der Ergründung dessen, was in der Musik schön ist, als vielmehr mit der Schilderung der Gefühle abgiebt, die sich unser dabei bemächtigen. Diese Untersuchungen entsprechen vollständig dem Standpunkt jener älteren ästhetischen Systeme, welche das Schöne nur in Bezug auf die dadurch wachgerufenen Empfindungen betrachteten und bekanntlich auch die Philosophie des Schönen als eine Tochter der Empfindung (αίσϑησιϛ) aus der Taufe hoben.
1.2An und für sich unphilosophisch, bekommen solche Aesthetiken in ihrer Anwendung auf
die
[2] ätherischeste der Künste geradezu etwas Sentimentales, das, so erquickend als möglich
für schöne Seelen, dem Lernbegierigen äußerst wenig Aufklärung bietet. Wer über das
Wesen der Tonkunst Belehrung sucht, der wünscht eben aus der dunklen Herrschaft des
Gefühls herauszukommen, und nicht – wie ihm in den meisten Handbüchern geschieht –
fortwährend auf das Gefühl verwiesen zu werden.
1.3Der Drang nach einer möglichst objectiven Erkenntniß der Dinge, wie er in unserer Zeit alle Gebiete des Wissens bewegt, muß nothwendig auch an die Erforschung des Schönen rühren. Diese wird ihm nur dadurch genügen können, daß sie mit einer Methode bricht, welche vom subjectiven Gefühl ausgeht, um nach einem poetischen Spaziergang über die ganze Peripherie des Gegenstandes wieder zum Gefühl zurückzukehren. Sie wird, will sie nicht ganz illusorisch werden, sich der naturwissenschaftlichen Methode wenigstens soweit nähern müssen, daß sie versucht, den Dingen selbst an den Leib zu rücken, und zu forschen, was in diesen, losgelöst von den tausendfältig wechselnden Eindrücken, das Bleibende, Objective sei.
1.4 & 1.5Die Poesie und die bildenden Künste sind in ihrer ästhetischen Erforschung und Begründung
dem gleichen Erwerb der Tonkunst weit voraus. Ihre Gelehrten haben größtentheils den
Wahn
[3] abgelegt, es könne die Aesthetik einer bestimmten Kunst durch bloßes Anpassen des
allgemeinen, metaphysischen Schönheitsbegriffs (der doch in jeder Kunst eine Reihe
neuer Unterschiede eingeht) gewonnen werden. Die knechtische Abhängigkeit der Special-Aesthetiken
unter dem obersten metaphysischen Princip einer allgemeinen Aesthetik weicht immer
mehr der Ueberzeugung, daß jede Kunst in ihren eigenen technischen Bestimmungen gekannt,
aus sich selbst heraus begriffen sein will. Das „System“ macht allmälig der „Forschung“
Platz, und diese hält fest an dem Grundsatz, daß die Schönheitsgesetze jeder Kunst
untrennbar sind von den Eigenthümlichkeiten ihres Materials, ihrer Technik.5
[4]
1.6Sodann pflegen die Aesthetiken der redenden und der bildenden Künste sowie ihre praktischen Ausläufer, die Kunstkritiken, bereits die Regel festzuhalten, daß in ästhetischen Untersuchungen vorerst das schöne Object und nicht das empfindende Subject zu erforschen ist.
1.8Die Tonkunst allein scheint diesen sachlichen Standpunkt noch immer nicht erringen zu können. Sie
scheidet streng ihre theoretisch-grammatikalischen Regeln von den ästhetischen Untersuchungen
und liebt es, erstere so trocken verständig, letztere so lyrisch-sentimental als möglich
zu halten. Sich ihren Inhalt als eine selbstständige Art des Schönen klar und scharf
gegenüber zu stellen, war der musikalischen Aesthetik bisher eine unerschwingliche
Anstrengung. Statt dessen treiben da die „Empfindungen“ den alten Spuk bei hellichtem
Tage fort. Das musikalisch Schöne wird nach wie vor nur von Seite seines subjectiven
Eindrucks angesehen, und in Büchern, Kritiken und Gesprächen
[5] täglich bekräftigt, daß die Affecte die einzige ästhetische Grundlage der Tonkunst und allein berechtigt seien, die Grenzen
des Urtheils über dieselbe abzustecken.
1.9Die Musik – so wird uns gelehrt – kann nicht durch Begriffe den Verstand unterhalten, wie die Dichtkunst, ebensowenig durch sichtbare Formen das Auge, wie die bildenden Künste, also muß sie den Beruf haben, auf die Gefühle des Menschen zu wirken. „Die Musik hat es mit den Gefühlen zu thun.“ Dieses „zu thun haben“ ist einer der charakteristischen Ausdrücke der bisherigen musikalischen Aesthetik. Worin der Zusammenhang der Musik mit den Gefühlen, bestimmter Musikstücke mit bestimmten Gefühlen bestehe, nach welchen Naturgesetzen er wirke, nach welchen Kunstgesetzen er zu gestalten sei, darüber ließen uns diejenigen vollkommen im Dunkeln, die eben damit „zu thun“ hatten. Erst wenn man sein Auge ein wenig an dieses Dunkel gewöhnt hat, gelangt man dahin, zu entdecken, daß in der herrschenden musikalischen Anschauung die Gefühle eine doppelte Rolle spielen.
1.10Für’s Erste wird als Zweck und Bestimmung der Musik aufgestellt, sie solle Gefühle oder „schöne Gefühle“ erwecken. Für’s Zweite bezeichnet man die Gefühle als den Inhalt, welchen die Tonkunst in ihren Werken darstellt.
[6]
1.11Beide Sätze haben das Aehnliche, daß der eine genau so falsch ist, wie der andere.
1.12Die Widerlegung des ersteren, die meisten musikalischen Handbücher einleitenden Satzes darf uns nicht lange aufhalten. Das Schöne hat überhaupt keinen Zweck, denn es ist bloße Form, welche zwar nach dem Inhalt, mit dem sie erfüllt wird, zu den verschiedensten Zwecken verwandt werden kann, aber selbst keinen andern hat, als sich selbst. Wenn aus der Betrachtung des Schönen angenehme Gefühle für den Betrachter entstehen, so gehen diese das Schöne als solches nichts an. Ich kann wohl dem Betrachter Schönes vorführen in der bestimmten Absicht, daß er daran Vergnügen finde, allein diese Absicht hat mit der Schönheit des Vorgeführten selbst nichts zu schaffen. Das Schöne ist und bleibt schön, auch wenn es keine Gefühle erzeugt, ja wenn es weder geschaut noch betrachtet wird; also zwar nur für das Wohlgefallen eines anschauenden Subjects, aber nicht durch dasselbe.
1.13Von einem Zweck kann also in diesem Sinn auch bei der Musik nicht gesprochen werden, und die Thatsache, daß diese Kunst in einem lebhaften Zusammenhang mit unseren Gefühlen steht, rechtfertigt keineswegs die Behauptung, es liege in diesem Zusammenhange ihre ästhetische Bedeutung.
1.14Um dieses Verhältniß näher zu untersuchen,
[7] müssen wir vorerst die Begriffe „Gefühl“ und „Empfindung“ – gegen deren Verwechselung
im gewöhnlichen Sprachgebrauch nichts einzuwenden ist – hier streng unterscheiden.
1.15Empfindung ist das Wahrnehmen einer bestimmten Sinnesqualität: eines Tons, einer Farbe. Gefühl das Bewußtwerden einer Förderung oder Hemmung unsers Seelenzustandes, also eines Wohlseins oder Mißbehagens. Wenn ich den Geruch oder Geschmack eines Dinges, dessen Form, Farbe oder Ton mit meinen Sinnen einfach wahrnehme (percipire), so empfinde ich diese Qualitäten; wenn Wehmuth, Hoffnung, Frohsinn oder Haß mich bemerkbar über den gewöhnlichen Seelenzustand emporheben oder unter denselben herabdrücken, so fühle ich.6
1.16Das Schöne trifft zuerst unsere Sinne. Dieser Weg ist ihm nicht eigenthümlich, es
theilt ihn mit allem überhaupt Erscheinenden. Die Empfindung ist Anfang und Bedingung
des ästhetischen Gefallens und bildet erst die Basis des Gefühls, welches stets ein Verhältniß und oft die complicirtesten Verhältnisse voraussetzt. Empfindungen
[8] zu erregen bedarf es nicht der Kunst; ein einzelner Ton, eine einzelne Farbe kann
das. Wie gesagt werden beide Ausdrücke willkürlich vertauscht, meistens aber in älteren
Werken „Empfindung“ genannt, was wir als „Gefühl“ bezeichnen. Unsere Gefühle also, meinen jene Schriftsteller, solle die Musik erregen und uns abwechselnd mit
Andacht, Liebe, Jubel, Wehmuth erfüllen.
1.17Solche Bestimmung hat aber in Wahrheit weder diese, noch eine andere Kunst. Die Kunst hat vorerst ein Schönes darzustellen. Das Organ, womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl,7 sondern die Phantasie, als die Thätigkeit des reinen Schauens.
1.18Merkwürdig ist es, wie die Musiker und älteren Aesthetiker sich nur in dem Contrast
von „Gefühl“ und „Verstand“ bewegen, als läge nicht die Hauptsache gerade inmitten dieses angeblichen Dilemmas. Aus der Phantasie des Künstlers entsteigt das Tonstück
für die Phantasie des Hörers.
[9] Freilich ist die Phantasie gegenüber dem Schönen nicht bloß ein Schauen, sondern ein Schauen mit Verstand, d. i. Vorstellen und Urtheilen, letzteres natürlich mit solcher Schnelligkeit, daß
die einzelnen Vorgänge uns gar nicht zum Bewußtsein kommen, und die Täuschung entsteht,
es geschehe unmittelbar, was doch in Wahrheit von vielfach vermittelnden Geistesprocessen abhängt. Das Wort
„Anschauung“, längst von den Gesichtsvorstellungen auf alle Sinneserscheinungen übertragen,
entspricht überdies trefflich dem Acte des aufmerksamen Hörens, welches ja in einem
successiven Betrachten der Tonformen besteht. Die Phantasie ist dabei keineswegs ein
abgeschlossenes Gebiet: so wie sie ihren Lebensfunken aus den Sinnesempfindungen zog,
sendet sie wiederum ihre Radien schnell an die Thätigkeit des Verstandes und des Gefühls
aus. Dies sind für die echte Auffassung des Schönen jedoch nur Grenzgebiete.
1.19In reiner Anschauung genießt der Hörer das erklingende Tonstück, jedes stoffliche Interesse muß ihm fern liegen. Ein solches ist aber die Tendenz, Affecte in sich erregen zu lassen. Ausschließliche Bethätigung des Verstandes durch das Schöne verhält sich logisch anstatt ästhetisch, eine vorherrschende Wirkung auf das Gefühl ist noch bedenklicher, nämlich gerade pathologisch.
1.20Alles das, von der allgemeinen Aesthetik
[10] längst entwickelt, gilt gleichmäßig für das Schöne aller Künste. Behandelt man also
die Musik als Kunst, so muß man die Phantasie und nicht das Gefühl als die ästhetische Instanz derselben
erkennen. Der bescheidene Vordersatz scheint uns darum räthlich, weil bei dem wichtigen
Nachdruck, welcher unermüdlich auf die durch Musik zu erzielende Sänftigung der menschlichen
Leidenschaften gelegt wird, man in der That oft nicht weiß, ob von der Tonkunst als
von einer polizeilichen, einer pädagogischen oder medicinischen Maßregel die Rede
ist.
1.21Die Musiker sind aber weniger in dem Irrthume befangen, alle Künste gleichmäßig den Gefühlen vindiciren zu wollen, als sie darin vielmehr etwas specifisch der Tonkunst Eigenthümliches sehen. Die Macht und Tendenz, beliebige Affecte im Hörer zu erwecken, sei es eben, was die Musik vor den übrigen Künsten charakterisire.8
[11]
1.22Allein so wenig wir diese Wirkung als die Aufgabe der Künste überhaupt anerkannten,
so wenig können wir in ihr das specifische Wesen der Musik erblicken. Einmal festgehalten, daß die Phantasie das eigentliche Organ des Schönen ist, wird eine secundäre Wirkung auf das Gefühl
in jeder Kunst vorkommen. Bewegt uns nicht ein großes Geschichtsbild mit der Kraft eines Erlebnisses?
Stimmen uns Raphael ’s Madonnen nicht zur Andacht, Poussin ’s Landschaften nicht zu sehnsüchtiger Wanderlust? Bleibt etwa der Anblick des Straßburg er Doms ohne Wirkung auf unser Gemüth? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Sie
gilt ebenso von der Poesie, ja von mancher außerästhetischen Thätigkeit, z. B. religiöser
Erbauung, Eloquenz u. a. Wir sehen, daß die übrigen Künste ebenfalls stark genug auf
das Gefühl einwirken. Den angeblichen principiellen Unterschied derselben von der
Musik müßte man daher auf ein Mehr oder Weniger dieser Wirkung basiren. Ganz unwissenschaftlich
an sich, hätte dieser Ausweg obendrein die Entscheidung, ob man stärker und tiefer
fühle bei einer Mozart ʼschen Symphonie oder bei einem Trauerspiele Shakespeare ʼs, bei einem Gedicht von Uhland oder einem Hummel ʼschen Rondo, füglich Jedermann selbst zu überlassen. Meint man aber, die Musik wirke
„unmittelbar“ auf das Gefühl, die andern
[12] Künste erst durch die Vermittlung von Begriffen, so fehlt man nur mit andern Worten,
weil, wie wir gesehen, die Gefühle auch von dem Musikalisch-Schönen nur in zweiter
Linie beschäftigt werden sollen, unmittelbar nur die Phantasie. Unzählige Mal wird in musikalischen Abhandlungen die Analogie herbeigerufen,
die zweifellos zwischen der Musik und der Baukunst besteht. Ist aber je einem vernünftigen Architekten beigefallen, die Baukunst habe
den Zweck, Gefühle zu erregen, oder es seien diese der Inhalt derselben?
1.23Jedes wahre Kunstwerk wird sich in irgend eine Beziehung zu unserm Fühlen setzen, keines in eine ausschließliche. Man sagt also gar nichts für das ästhetische Princip der
Musik Entscheidendes, wenn man sie nur ganz allgemein durch ihre Wirkung auf das Gefühl
charakterisirt. Ebenso wenig etwa, als man das Wesen des Weins ergründet, indem man
sich betrinkt. Es wird einzig auf die specifische Art ankommen, wie solche Affecte durch Musik hervorgerufen werden. Statt also an der secundären und unbestimmten Gefühlswirkung
musikalischer Erscheinungen zu kleben, gilt es in das Innere der Werke zu dringen
und die specifische Kraft ihres Eindrucks aus den Gesetzen ihres eigenen Organismus
zu erklären. Ein Maler oder ein Poet überredet sich kaum mehr, Rechenschaft von dem
Schönen seiner Kunst abgelegt zu
[13] haben, wenn er untersuchte, welche „Gefühle“ seine Landschaft oder sein Drama hervorruft:
er wird der zwingenden Macht nachspüren, warum das Werk gefällt und weshalb gerade in dieser und keiner andern Weise. Daß diese Untersuchung,
wie wir später sehen werden, in der Tonkunst viel schwieriger ist als in den andern
Künsten, ja daß das Erforschliche in ihr nur bis zu einer gewissen Tiefe hinabreicht,
berechtigt ihre Kritiker noch lange nicht, Gefühlsaffection und musikalische Schönheit
unmittelbar zu vermengen, statt sie in wissenschaftlicher Methode möglichst getrennt
darzustellen.
1.27Kann überhaupt das Gefühl keine Basis für ästhetische Gesetze sein, so ist obendrein
gegen die Sicherheit des musikalischen Fühlens Wesentliches zu bemerken. Wir meinen
hier nicht bloß die conventionelle Befangenheit, die es ermöglicht, daß unser Fühlen
und Vorstellen oft durch Texte, Ueberschriften und andere bloß accidentielle Ideenassociationen,
besonders in Kirchen-, Kriegs- und Theatercompositionen eine Richtung erhält, welche
wir fälschlich dem Charakter der Musik an sich zuzuschreiben geneigt sind. Vielmehr
ist überhaupt der Zusammenhang eines Tonstückes mit der dadurch hervorgerufenen Gefühlsbewegung
kein unbedingt causaler, sondern es wechselt diese Stimmung mit dem wechselnden Standpunkt
unserer musikalischen
[14] Erfahrungen und Eindrücke. Wir begreifen heute oft kaum, wie unsere Großeltern diese Tonreihe für einen adäquaten Ausdruck gerade dieses Affects ansehen konnten. Dafür ist z. B. die außerordentliche Verschiedenheit ein
Beweis, mit der viele Mozart ʼsche, Beethoven ʼsche und Weber ʼsche Compositionen zur Zeit ihrer Neuheit im Gegensatz zu heute auf die Herzen der
Hörer wirkten. Wie viele Werke von Mozart erklärte man zu ihrer Zeit für das leidenschaftlichste, feurigste und kühnste, was
überhaupt an musikalischen Stimmungsbildern möglich schien. Der Behaglichkeit und
dem reinen Wohlsein, welches aus Haydn ʼs Symphonien ausströme, stellte man die Ausbrüche heftiger Leidenschaft, ernstester
Kämpfe, bitterer, schneidender Schmerzen in Mozart ʼs9 Musik gegenüber. Zwanzig bis dreißig Jahre später entschied man genau so zwischen Beethoven und Mozart . Die Stelle Mozart ʼs als Repräsentanten der heftigen, hinreißenden Leidenschaft nahm Beethoven ein, und Mozart war zu der olympischen Classicität Haydn ʼs avancirt. Aehn
[15]liche Wandlungen seiner Anschauung erfährt jeder aufmerksame Musiker im Laufe eines
längeren Lebens an sich selbst. Durch diese Verschiedenheit der Gefühlswirkung ist
jedoch die musikalische Schätzung vieler einst so aufregend wirkender Werke, der ästhetische Genuß, den ihre
Originalität und Schönheit uns heute noch bereitet, an und für sich nicht alterirt. Der Zusammenhang musikalischer
Werke mit gewissen Stimmungen besteht also nicht immer, überall, nothwendig, als ein
absolut Zwingendes, er ist vielmehr unvergleichlich wandelbarer als in jeder andern
Kunst.
1.29So besitzt denn die Wirkung der Musik auf das Gefühl weder die Nothwendigkeit, noch die Ausschließlichkeit, noch die Stetigkeit, welche eine Erscheinung aufweisen müßte, um ein ästhetisches Princip begründen zu können.
1.30Die starken Gefühle selbst, welche die Musik aus ihrem Schlummer wachsingt, und all
die süßen wie schmerzlichen Stimmungen, in die sie uns Halbträumende einlullt: wir
möchten sie nicht durchaus unterschätzen. Zu den schönsten, heilsamsten Mysterien
gehört es ja, daß die Kunst solche Bewegungen ohne irdischen Anlaß, recht von Gott es Gnaden hervorzurufen vermag. Nur gegen die unwissenschaftliche Verwerthung dieser
Thatsachen für ästhetische Principien legen wir Verwahrung ein. Lust und Trauer können
[16] durch Musik in hohem Grade erweckt werden; das ist richtig. Nicht in noch höherem
vielleicht durch den Gewinnst des großen Treffers, oder die Todeskrankheit eines Freundes?
So lange man Anstand nimmt, deshalb ein Lotterieloos den Symphonien, oder ein ärztliches
Bulletin den Ouverturen beizuzählen, so lange darf man auch factisch erzeugte Affecte
nicht als eine ästhetische Specialität der Tonkunst oder eines bestimmten Tonstücks
behandeln. Es wird einzig auf die specifische Art ankommen, wie solche Affecte durch Musik hervorgerufen werden. Wir werden im IV. und V. Kapitel den Einwirkungen der Musik auf das Gefühl die aufmerksamste Betrachtung widmen,
und die positiven Seiten dieses merkwürdigen Verhältnisses untersuchen. Hier, am Eingang unsrer Schrift,
konnte die negative Seite, als Protest gegen ein unwissenschaftliches Princip, nicht
zu scharf hervorgekehrt werden.
1.30.1Der erste, der meines Wissens diese Gefühlsästhetik in der Musik angegriffen hat,
ist Herbart (im 9. Kapitel seiner Encyklopädie ). Nachdem er sich gegen die „Deutelei“ von Kunstwerken erklärt hat, sagt er: „Die Traumdeuter und Astrologen haben sich Jahrtausende nicht wollen sagen lassen,
daß ein Mensch träume, weil er schläft, und daß die Gestirne sich bald da bald dort
zeigen, weil sie sich bewegen. So wiederholen
[17] bis auf den heutigen Tag, selbst gute Musikkenner den Satz, die Musik drücke Gefühle
aus, als ob das Gefühl, das etwa durch sie erregt wird und zu dessen Ausdruck sie
eben deshalb, wenn man will, sich gebrauchen läßt, den allgemeinen Regeln des einfachen
und doppelten Contrapunktes zum Grunde läge, auf denen ihr wahres Wesen beruht. Was
mögen doch die alten Künstler, welche die möglichen Formen der Fuge entwickelten,
auszudrücken beabsichtigt haben? Gar nichts wollen sie ausdrücken; ihre Gedanken gingen nicht hinaus, sondern in das innere Wesen der Kunst hinein;
diejenigen aber, die sich auf Bedeutungen legen, verrathen ihre Scheu vor dem Innern und ihre Vorliebe für den äußeren Schein.“ Leider hat Herbart diese gelegentliche Opposition im einzelnen wenig näher begründet, und neben dieser
glänzenden finden sich bei ihm auch manche schiefen Bemerkungen über Musik. Jedenfalls
haben seine obigen Worte, wie wir sogleich sehen werden, nicht die verdiente Beachtung
gefunden.
1.31Anmerkung. Es dünkt uns für den vorliegenden Zweck kaum nothwendig, den Ansichten, deren Bekämpfung
uns beschäftigt, die Namen ihrer Autoren beizusetzen, da diese Ansichten weniger die
Blüthe eigenthümlicher Ueberzeugungen, als vielmehr der Ausdruck einer allgemein gewordenen
traditionellen Denkweise sind. Nur um einen
[18] Einblick in die ausgebreitete Herrschaft dieser Grundsätze zu gewähren, mögen einige
Citate älterer und neuerer Musikschriftsteller aus der großen Menge derer, welche
dafür zu Gebote stehen, hier Platz finden.
[19]
[20]
[21]
[22]
2.1Theils als Consequenz dieser Theorie, welche die Gefühle für das Endziel musikalischer Wirkung erklärt, theils als Correctiv derselben, wird der Satz aufgestellt: die Gefühle seien der Inhalt, welchen die Tonkunst darzustellen habe.
2.2Die philosophische Untersuchung einer Kunst drängt zu der Frage nach dem Inhalt derselben. Die Verschiedenheit des Inhalts der Künste (unter einander) und die damit
zusammenhängende Grundverschiedenheit ihrer Gestaltung folgt mit Nothwendigkeit aus
der Verschiedenheit der Sinne, an welche sie gebunden sind. Jeder Kunst eignet ein Kreis von Ideen, welche sie
mit ihren Ausdrucksmitteln, als Ton, Wort, Farbe, Stein dar
[23] stellt. Das einzelne Kunstwerk verkörpert demnach eine bestimmte Idee als Schönes
in sinnlicher Erscheinung. Diese bestimmte Idee, die sie verkörpernde Form, und die
Einheit beider sind Bedingungen des Schönheitsbegriffs, von welchen keine wissenschaftliche
Ergründung irgend einer Kunst sich mehr trennen kann.
2.3Was Inhalt eines Werks der dichtenden oder bildenden Kunst sei, läßt sich mit Worten ausdrücken und auf Begriffe zurückführen. Wir sagen: dies Bild stellt ein Blumenmädchen vor, diese Statue einen Gladiator, jenes Gedicht eine That Rolandʼs. Das mehr oder minder vollkommene Aufgehen des so bestimmten Inhalts in der künstlerischen Erscheinung begründet dann unser Urtheil über die Schönheit des Kunstwerks.
2.4Als Inhalt der Musik hat man ziemlich einverständlich die ganze Stufenleiter menschlicher Gefühle genannt, weil man in diesen den Gegensatz zu begrifflicher Bestimmtheit und daher
die richtige Unterscheidung von dem Ideal der bildenden und dichtenden Kunst gefunden
glaubte. Demnach seien die Töne und ihr kunstreicher Zusammenhang bloß Material, Ausdrucksmittel,
wodurch der Componist die Liebe, den Muth, die Andacht, das Entzücken darstellt. Diese
Gefühle in ihrer reichen Mannigfaltigkeit seien die Idee, welche den irdischen Leib
des Klanges angethan,
[24] um als musikalisches Kunstwerk auf Erden zu wandeln. Was uns an einer reizenden Melodie,
sinnigen Harmonie ergötzt und erhebt, sei nicht diese selbst, sondern was sie bedeutet:
das Flüstern der Zärtlichkeit, das Stürmen der Kampflust.
2.5Um auf festen Boden zu gelangen, müssen wir vorerst solche altverbundene Metaphern schonungslos trennen: Das Flüstern? Ja; – aber keineswegs der „Sehnsucht“; das Stürmen? Allerdings, doch nicht der „Kampflust“. In der That besitzt die Musik das Eine oder das Andre; sie kann flüstern, stürmen, rauschen, – das Lieben und Zürnen aber trägt nur unser eigenes Herz in sie hinein.
2.6Die Darstellung eines bestimmten Gefühls oder Affectes liegt gar nicht in dem eigenen Vermögen der Tonkunst.
2.7Es stehen nämlich die Gefühle in der Seele nicht isolirt da, so daß sie sich aus ihr gleichsam herausheben ließen von einer Kunst, welcher die Darstellung der übrigen Geistesthätigkeiten verschlossen ist. Sie sind im Gegentheil abhängig von physiologischen und pathologischen Voraussetzungen, sind bedingt durch Vorstellungen, Urtheile, kurz durch eben das ganze Gebiet verständigen und vernünftigen Denkens, welchem man das Gefühl so gern als ein Gegensätzliches gegenüberstellt.
[25]
2.8Was macht denn ein Gefühl zu diesem bestimmten Gefühl? Zur Sehnsucht, Hoffnung, Liebe? Etwa die bloße Stärke oder Schwäche, das Wogen
der inneren Bewegung? Gewiß nicht. Diese kann bei verschiedenen Gefühlen gleich sein
und auch wieder bei demselben Gefühl, in mehreren Individuen, zu andern Zeiten, verschieden.
Nur auf Grundlage einer Anzahl – im Momente starken Fühlens vielleicht unbewußter
– Vorstellungen und Urtheile kann unser Seelenzustand sich zu eben diesem bestimmten
Gefühl verdichten. Das Gefühl der Hoffnung ist untrennbar von der Vorstellung eines
glücklicheren Zustandes, welcher kommen soll und mit dem gegenwärtigen verglichen
wird. Die Wehmuth vergleicht ein vergangenes Glück mit der Gegenwart. Das sind ganz
bestimmte Vorstellungen, Begriffe. Ohne sie, ohne diesen Gedankenapparat kann man das gegenwärtige Fühlen nicht „Hoffnung“, nicht „Wehmuth“ nennen,
er macht sie dazu. Abstrahirt man von ihm, so bleibt eine unbestimmte Bewegung, allenfalls
die Empfindung allgemeinen Wohlbefindens oder Mißbehagens. Die Liebe kann ohne die Vorstellung einer geliebten Persönlichkeit, ohne den Wunsch und das
Streben nach der Beglückung, Verherrlichung, dem Besitz dieses Gegenstandes nicht
gedacht werden. Nicht die Art der bloßen Seelenbewegung, sondern ihr begriff
[26]licher Kern, ihr wirklicher, historischer Inhalt macht sie zur Liebe. Ihrer Dynamik nach kann diese ebensogut sanft als stürmisch, ebensowohl froh als schmerzlich auftreten
und bleibt doch immer Liebe. Diese Betrachtung allein reicht hin, zu zeigen, daß Musik
nur jene verschiedenen begleitenden Adjectiva ausdrücken könne, nie das Substantivum,
die Liebe selbst. Ein bestimmtes Gefühl (eine Leidenschaft, ein Affect) existirt als
solches niemals ohne einen wirklichen historischen Inhalt, der eben nur in Begriffen
dargelegt werden kann. Begriffe kann die Musik als „unbestimmte Sprache“ zugestandener
Weise nicht wiedergeben – ist da nicht die Folgerung psychologisch unablehnbar, daß
sie auch bestimmte Gefühle nicht auszudrücken vermag? Die Bestimmheit der Gefühle ruht ja gerade in deren begrifflichem Kern.
2.9Wie es komme, daß Musik dennoch Gefühle, wie Wehmuth, Frohsinn u. dergl. erregen kann (nicht muß), das wollen wir später, wo vom subjectiven Eindruck der Musik die Rede sein wird,
untersuchen. Hier mußte bloß theoretisch festgestellt werden, ob die Musik fähig sei,
ein bestimmtes Gefühl darzustellen. Die Frage war zu verneinen, da die Bestimmtheit der Gefühle von concreten Vorstellungen
und Begriffen nicht getrennt werden kann, welche letztere außer dem
[27] Gestaltungsbereich der Musik liegen. – Einen gewissen Kreis von Ideen hingegen kann die Musik mit ihren eigensten Mitteln reichlichst darstellen. Dies sind,
entsprechend dem sie aufnehmenden Organ, unmittelbar alle diejenigen Ideen, welche
auf hörbare Veränderungen der Kraft, der Bewegung, der Proportionen sich beziehen,
also die Idee des Anschwellenden, des Absterbenden, des Eilens, Zögerns, des künstlich
Verschlungenen, des einfach Fortschreitenden u. dergl. – Es kann ferner der ästhetische
Ausdruck einer Musik anmuthig genannt werden, sanft, heftig, kraftvoll, zierlich,
frisch: lauter Ideen, welche in Tonverbindungen eine entsprechende sinnliche Erscheinung
finden. Wir können diese Eigenschaftswörter daher unmittelbar von musikalischen Bildungen gebrauchen, ohne an die ethische Bedeutung zu denken, welche sie für das
menschliche Seelenleben haben, und die eine geläufige Ideenassociation so schnell
zur Musik heranbringt, ja mit den rein musikalischen Eigenschaften unter der Hand
zu verwechseln pflegt.
2.10Die Ideen, welche der Componist darstellt, sind vor Allem und zuerst rein musikalische. Seiner Phantasie erscheint eine bestimmte schöne Melodie. Sie soll nichts Anderes
sein als sie selbst. Wie aber jede concrete Erscheinung auf ihren höheren Gattungsbegriff,
auf die sie zunächst
[28] erfüllende Idee hinweist, und so fort immer höher und höher bis zur absoluten Idee,
so geschieht es auch mit den musikalischen Ideen. So wird z. B. dieses sanfte, harmonisch ausklingende Adagio die Idee des Sanften, Harmonischen überhaupt zur schönen Erscheinung bringen. Die allgemeine Phantasie, welche gern die Ideen der
Kunst in Bezug zum eigenen, menschlichen Seelenleben setzt, wird dies Ausklingen noch
höher, z. B. als den Ausdruck milder Resignation eines in sich versöhnten Gemüthes
auffassen, und kann vielleicht sofort bis zur Ahnung eines ewigen jenseitigen Friedens aufsteigen.
2.11Auch die Poesie und bildende Kunst stellen vorerst ein Concretes dar. Erst mittelbar kann das Bild eines Blumenmädchens auf die allgemeinere Idee mädchenhafter Zufriedenheit und Anspruchslosigkeit, ein beschneiter Kirchhof auf die Idee der irdischen Vergänglichkeit hinweisen. Gerade so, nur mit ungleich unsicherer und willkürlicherer Deutung, kann der Hörer in diesem Musikstück die Idee jugendlichen Genügens, in jenem die Idee der Vergänglichkeit heraushören; allein ebensowenig als in den genannten Bildern sind diese abstracten Ideen der Inhalt des musikalischen Werkes; von einer Darstellung des „Gefühls der Vergänglichkeit“, des „Gefühls der jugendlichen Genügsamkeit“ kann nun vollends keine Rede sein.
[29]
2.12Es giebt Ideen, welche durch die Tonkunst vollkommen repräsentirt werden und trotzdem nicht als Gefühl vorkommen, sowie umgekehrt Gefühle von solcher Mischung das Gemüth bewegen können, daß sie in keiner durch Musik darstellbaren Idee ihre adäquate Bezeichnung finden.
2.13Was kann also die Musik von den Gefühlen darstellen, wenn nicht deren Inhalt?
2.14Nur das Dynamische derselben. Sie vermag die Bewegung eines psychischen Vorganges nach den Momenten:
schnell, langsam, stark, schwach, steigend, fallend nachzubilden. Bewegung ist aber
nur eine Eigenschaft, ein Moment des Gefühls, nicht dieses selbst. Gemeiniglich glaubt
man, das darstellende Vermögen der Musik genügend zu begrenzen, wenn man behauptet,
sie könne keineswegs den Gegenstand eines Gefühls bezeichnen, wohl aber das Gefühl selbst, z. B. nicht das Object einer
bestimmten Liebe, wohl aber „Liebe“. Sie kann dies in Wahrheit ebensowenig. Nicht
Liebe, sondern nur eine Bewegung kann sie schildern, welche bei der Liebe oder auch
einem andern Affect vorkommen kann, immer jedoch das Unwesentliche seines Charakters
ist. „Liebe“ ist ein abstracter Begriff, so gut wie „Tugend“ und „Unsterblichkeit“.
Die Versicherung der Theoretiker, Musik habe keine abstracten Begriffe darzustellen,
ist überflüssig; denn keine Kunst kann
[30] dies. Daß nur Ideen, d. i. lebendig gewordene Begriffe Inhalt künstlerischer Verkörperung sind, versteht
sich von selbst.10 Aber auch die Ideen der Liebe, des Zornes, der Furcht können Instrumentalwerke nicht zur Erscheinung bringen,
weil zwischen jenen Ideen und schönen Tonverbindungen kein nothwendiger Zusammenhang
besteht. Welches Moment dieser Ideen istʼs denn also, dessen die Musik sich in der
That so wirksam zu bemächtigen weiß? Es ist die Bewegung (natürlich in dem weiteren Sinne, der auch das Anschwellen und Abschwächen des einzelnen
Tones oder Accordes als „Bewegung“ auffaßt). Sie bildet das Element, welches die Tonkunst
mit den Gefühlszuständen gemeinschaftlich hat, und das sie schöpferisch in tausend
Abstufungen und Gegensätzen zu gestalten vermag.
2.14.1Der Begriff der Bewegung ist bisher in den Untersuchungen des Wesens und der Wirkung der Musik auffallend vernachlässigt worden; er dünkt uns der wichtigste und fruchtbarste.
2.15Was uns außerdem in der Musik bestimmte Seelenzustände zu malen scheint, ist symbolisch.
[31]
2.16Wie die Farben, so besitzen nämlich die Töne schon von Haus aus und in ihrer Vereinzelung symbolische Bedeutung, welche außerhalb und vor aller künstlerischen Absicht wirkt. Jede Farbe athmet eigenthümlichen Charakter: sie ist uns keine bloße Ziffer, welche durch den Künstler lediglich eine Stellung erhält, sondern eine Kraft, schon von Natur aus in sympathetischen Zusammenhang mit gewissen Stimmungen gesetzt. Wer kennt nicht die Farbendeutungen, wie sie in ihrer Einfachheit gang und gäbe, oder durch feinere Geister zu poetischem Raffinement gehoben werden? Wir verbinden Grün mit dem Gefühl der Hoffnung, Blau mit der Treue. Rosenkranz erkennt in Rothgelb „anmuthige Würde“, in Violett „philisterhafte Freundlichkeit“ u. s. w. (Psychologie, 2. Aufl. S. 102.)
2.17In ähnlicher Weise sind uns die elementaren Stoffe der Musik: Tonarten, Accorde und
Klangfarben schon an sich Charaktere. Wir haben auch eine nur zu geschäftige Auslegekunst für die Bedeutung musikalischer
Elemente; Schubartʼs Symbolik der Tonarten bietet in ihrer Art ein Seitenstück zu Goetheʼs Deutung der Farben. Es folgen jedoch diese Elemente (Töne, Farben) in ihrer künstlerischen
Verwendung ganz anderen Gesetzen, als jene Wirkung ihrer isolirten Erscheinung. So
wenig auf einem Historienbild jedes
[32] Roth uns Freude, jedes Weiß Unschuld bedeutet, ebensowenig wird in einer Symphonie
alles As-dur uns eine schwärmerische, alles H-moll eine menschenfeindliche Stimmung
erwecken, oder jeder Dreiklang Befriedigung, jeder verminderte Septaccord Verzweiflung.
Auf ästhetischem Boden neutralisiren sich derlei elementare Selbstständigkeiten unter
der Gemeinsamkeit höherer Gesetze. Von einem Ausdrücken oder Darstellen ist solche Naturbeziehung weit entfernt. „Symbolisch“ nannten wir sie, indem sie den
Inhalt keineswegs unmittelbar darstellt, sondern eine von diesem wesentlich verschiedene
Form bleibt. Wenn wir im Gelben Eifersucht, in G-dur Heiterkeit, in der Cypresse Trauer
sehen, so hat diese Deutung einen physiologisch-psychologischen Zusammenhang mit Bestimmtheiten
dieser Gefühle, allein es hat ihn eben nur unsere Deutung, nicht die Farbe, der Ton,
die Pflanze an und für sich. Man kann daher weder von einem Accord an sich sagen,
er stelle ein bestimmtes Gefühl dar, noch weniger thut er das im Zusammenhang des
Kunstwerkes.
2.18Ein anderes Mittel für den angeblichen Zweck, außer der Analogie der Bewegung und der Symbolik der Töne, hat die Musik nicht.
2.19Läßt sich somit ihr Unvermögen, bestimmte Gefühle darzustellen, leicht aus der Natur
der
[33] Töne deduciren, so scheint es fast unbegreiflich, daß es auf dem Erfahrungswege nicht
noch viel schneller ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist. Versuche Jemand, dem
noch so viele Gefühlssaiten aus einem Instrumentalstück anklingen, mit klaren Gründen
nachzuweisen, welcher Affect den Inhalt desselben bilde. Die Probe ist unerläßlich. – Hören wir z. B. Beethoven ʼs Ouverture zu „Prometheus “. Was das aufmerksame Ohr des Kunstfreundes in stetiger Folge aus ihr vernimmt, ist
ungefähr Folgendes: Die Töne des 1. Tactes perlen nach einem Fall in die Unterquarte
rasch und leise aufwärts, wiederholen sich genau im 2.; der 3. und 4. Tact führen
denselben Gang in größerem Umfang weiter, die Tropfen des in die Höhe getriebenen
Springbrunnens perlen herab, um in den nächsten vier Tacten dieselbe Figur und dasselbe
Figurenbild auszuführen. Vor dem geistigen Sinn des Hörers erbaut sich also in der Melodie die Symmetrie zwischen dem 1. und dem 2. Tacte, dann dieser beiden Tacte zu den zwei
folgenden, endlich der vier ersten Tacte als eines großen Bogens gegen den gleich
großen correspondirenden der folgenden vier Tacte. Der den Rhythmus markirende Baß bezeichnet den Anfang der ersten drei Tacte mit je einem Schlag, den
vierten mit zwei Schlägen; in gleicher Weise bei den folgenden vier Tacten. Hier ist
also der vierte
[34] Tact gegen die drei ersten eine Verschiedenheit, welche durch die Wiederholung in
den nächsten vier Tacten symmetrisch wird und das Ohr als ein Zug der Neuheit im alten
Gleichgewicht erfreut. Die Harmonie in dem Thema zeigt uns wieder das Correspondiren eines großen und zweier kleinen Bogen:
dem C-dur-Dreiklang in den vier ersten Tacten entspricht der Secundaccord im fünften
und sechsten, dann der Quintsextaccord im siebenten und achten Tact. Dies wechselseitige
Correspondiren zwischen Melodie, Rhythmus und Harmonie erzeugt ein symmetrisches und
doch abwechslungsvolles Bild, welches durch die Klangfarben der verschiedenen Instrumente
und den Wechsel der Tonstärke noch reichere Lichter und Schatten erhält.
[35]
2.20Einen weiteren Inhalt als den eben angedeuteten vermögen wir durchaus nicht in dem Thema zu erkennen, am wenigsten ein Gefühl zu nennen, welches es darstellte oder im Hörer erwecken müßte. Solche Zergliederung macht freilich ein Gerippe aus blühendem Körper, geeignet, alle Schönheit, aber auch alle falsche Deutelei zu zerstören.
2.21 & 2.22Wie mit diesem ganz zufällig gewählten Motiv geht es mit jedem andern Instrumentalthema.
Eine große Klasse von Musikfreunden hält es bloß für ein Characteristicum der älteren
„classischen“ Musik, den Affecten abhold zu sein, und giebt von vornherein zu, daß
Niemand in einer der 48 Fugen und Präludien aus J. S. Bach ʼs „wohltemperirtem Clavier “ ein Gefühl werde nachweisen können, das den Inhalt derselben bilde. So dilettantisch
und willkürlich diese Unterscheidung auch ist, welche in dem Umstand, daß in der älteren
Musik der Selbstzweck noch unverkennbarer, die Deutbarkeit schwieriger und weniger
verlockend erscheint, ihre Erklärung findet, – der Beweis
[36] wäre dadurch schon hergestellt, daß die Musik nicht Gefühle erwecken und zum Gegenstand
haben muß. Das ganze Gebiet der Figuralmusik fiele hinweg. Müssen aber große, historisch wie
ästhetisch begründete Kunstgattungen ignorirt werden, um einer Theorie Haltbarkeit
zu erschleichen,11 dann ist diese falsch. Ein Schiff muß untergehen, sobald es auch nur ein Leck hat. Wem dies nicht genügt, der mag ihr immerhin den ganzen Boden ausschlagen.
Er spiele das Thema irgend einer Mozart ʼschen oder Haydn ʼschen Symphonie, eines Beethoven ʼschen Adagios, eines Mendelssohn ʼschen Scherzos, eines Schumann ʼschen oder Chopin ʼschen Clavierstückes, den Stamm unserer gehaltvollsten Musik; oder auch die populärsten
Ouverturenmotive von Auber , Donizetti , Flotow . Wer tritt hinzu und getraut sich, ein bestimmtes Gefühl als Inhalt dieser Themen
aufzuzeigen? Der Eine wird „Liebe“ sagen. Möglich. Der Andere meint „Sehnsucht“. Vielleicht.
Der Dritte fühlt „Andacht“. Niemand kann das widerlegen. Und so fort. Heißt dies nun
ein bestimmtes Gefühl darstellen, wenn
[37] Niemand weiß, was eigentlich dargestellt wird? Ueber die Schönheit und Schönheiten des Musikstückes
werden wahrscheinlich Alle übereinstimmend denken, von dem Inhalt Jeder verschieden. Darstellen heißt aber einen Inhalt klar, anschaulich produciren, ihn uns vor Augen „daher stellen“.
Wie mag man nun dasjenige als das von einer Kunst Dargestellte bezeichnen, welches, das ungewisseste, vieldeutigste Element derselben, einem ewigen
Streit unterworfen ist?
2.23Wir haben absichtlich Instrumentalsätze zu Beispielen gewählt. Denn nur was von der Instrumentalmusik behauptet werden kann,
gilt von der Tonkunst als solcher. Wenn irgend eine allgemeine Bestimmtheit der Musik
untersucht wird, etwas so ihr Wesen und ihre Natur kennzeichnen, ihre Grenzen und
Richtung feststellen soll, so kann nur von der Instrumentalmusik die Rede sein. Was
die Instrumentalmusik nicht kann, von dem darf nie gesagt werden, die Musik könne es; denn nur sie ist reine, absolute Tonkunst. Ob man nun die Vocal- oder die Instrumentalmusik an Werth und Wirkung vorziehen
wolle, – eine unwissenschaftliche Procedur, bei der meist dilettantische Einseitigkeit
das Wort führt, – man wird stets einräumen müssen, daß der Begriff „Tonkunst“ in einem
auf Textworte componirten Musikstück nicht rein aufgehe. In
[38] einer Vocalcomposition kann die Wirksamkeit der Töne nie so genau von jener der Worte,
der Handlung, der Decoration getrennt werden, daß die Rechnung der verschiedenen Künste
sich streng sondern ließe. Sogar Tonstücke mit bestimmten Ueberschriften oder Programmen
müssen wir ablehnen, wo es sich um den „Inhalt“ der Musik handelt. Die Vereinigung
mit der Dichtkunst erweitert die Macht der Musik, aber nicht ihre Grenzen.12
[39]
2.24Wir haben in der Vocalcomposition ein untrennbar verschmolzenes Product vor uns, aus
[40] dem es nicht mehr möglich ist, die Größe der einzelnen Factoren zu bestimmen. Wenn
es sich um die Wirkung der Dichtkunst handelt, so wird es Niemand einfallen, die Oper als Beleg hervorzuheben; es braucht größerer Verleugnung, aber nur derselben Einsicht,
um bei den Grundbestimmungen musikalischer Aesthetik ein Gleiches zu thun.
2.25Die Vocalmusik illuminirt die Zeichnung des Gedichtes.13 Wir haben in den musikalischen Ele
[41]menten Farben von größter Pracht und Zartheit erkannt, von symbolischer Bedeutsamkeit
obendrein. Sie werden vielleicht ein mittelmäßiges Gedicht zur innigsten Offenbarung
des Herzens umwandeln. Trotzdem sind es die Töne nicht, welche in einem Gesangstücke darstellen, sondern der Text. Die Zeichnung, nicht das Colorit bestimmt den dargestellten Gegenstand.
Wir appelliren an das Abstractionsvermögen des Hörers, das sich irgend eine dramatisch
wirksame Melodie abgelöst von aller dichterischen Bestimmung rein musikalisch vorstellen wolle. Man wird z. B.
in einer sehr wirksamen dramatischen Melodie, welche Zorn auszudrücken hat, an und für sich keinen weiteren psychischen Ausdruck finden, als
den einer raschen, leidenschaftlichen Bewegung. Worte einer leiden
[42]schaftlich bewegten Liebe, also das gerade Gegentheil, werden vielleicht gleich richtig durch dieselbe Melodie
interpretirt sein.
2.26Als die Arie des Orpheus : „J’ai perdu mon Euridice, / Rien n’égale mon malheur“ / Tausende (und darunter Männer wie J. J. Rousseau ) zu Thränen rührte, bemerkte ein Zeitgenosse Gluck ʼs, Boyé, daß man dieser Melodie ebenso gut, ja weit richtiger die entgegengesetzten Worte unterlegen könnte: „J’ai trouvé mon Euridice, / Rien n’égale mon bonheur.“ /
2.27Wir setzen den Anfang der Arie, der Kürze wegen mit Clavierbegleitung, doch genau nach der italienischen Originalpartitur her:
[43]
2.28Wir sind zwar durchaus nicht der Meinung, daß in diesem Falle der Componist ganz freizusprechen sei, indem die Musik für den Ausdruck schmerzlichster Traurigkeit gewiß weit bestimmtere Töne besitzt. Allein wir wählen aus Hunderten gerade dies Beispiel, einmal weil es den Meister trifft, dem die größte Genauigkeit im dramatischen Ausdruck zugeschrieben wird, sodann weil mehrere Generationen an dieser Melodie das Gefühl höchsten Schmerzes bewunderten, welche die mit ihr verbundenen Worte aussprechen.
2.29Allein auch weit bestimmtere und ausdrucksvollere Gesangsstellen werden, losgelöst von ihrem Text, uns höchstens rathen lassen, welches Gefühl sie ausdrücken. Sie gleichen Silhouetten, deren Original wir meistens erst erkennen, wenn man uns gesagt hat, wer das sei.
[44]
2.30Was hier an Einzelnem gezeigt wurde, erweist sich ebenso an größerem und größtem Umfang.
Man hat ganzen Gesangstücken oft andere Texte unterlegt. Wenn man Meyerbeer ʼs „Hugenotten “ mit Veränderung des Schauplatzes, der Zeit, der Personen, der Begebenheit und der
Worte als „Ghibellinen in Pisa “ aufführt, so stört ohne Zweifel die ungeschickte Mache einer solchen Umarbeitung,
allein der rein musikalische Ausdruck wird nicht im Mindesten beleidigt. Und doch
soll das religiöse Gefühl, der Glaubensfanatismus geradezu die Springfeder der „Hugenotten “ bilden, welche in den „Ghibellinen“ ganz entfällt. Der Choral Luther ʼs darf hier nicht eingewendet werden; er ist ein Citat. Als Musik paßt er zu jeder Confession. – Hat der Leser nie das fugirte Allegro aus
der Ouverture zur „Zauberflöte “ als Vocalquartett sich zankender Handelsjuden gehört? Mozart ʼs Musik, an der nicht eine Note geändert ist, paßt zum Entsetzen gut auf den niedrigkomischen
Text, und man kann sich in der Oper nicht herzlicher an dem Ernst der Composition
erfreuen, als man hier über die Komik derselben lachen muß. Derlei Belege für das
weite Gewissen jedes musikalischen Motivs und jedes menschlichen Affectes ließen sich
zahllos vorbringen. Die Stimmung religiöser Andacht gilt mit Recht für eine der musikalisch
am
[45] wenigsten vergreifbaren. Nun giebt es unzählige deutsch e Dorf- oder Marktkirchen, wo zur heiligen Wandlung das „Alphorn “ von Proch oder die Schlußarie aus der „Somnambule “ (mit dem koketten Decimensprung „in meine Arme“) oder Aehnliches auf der Orgel vorgetragen wird. Jeder Deutsche, der nach Italien kommt, hört mit Staunen in den Kirchen die bekanntesten Opernmelodien von Rossini , Bellini , Donizetti und Verdi . Diese und noch weltlichere Stücke, wenn sie nur halbwegs placiden Charakters klingen,
sind weit entfernt, die Gemeinde in ihrer Andacht zu stören, im Gegentheil pflegt
Alles aufs Aeußerste erbaut zu sein. Wäre die Musik an sich im Stande, religiöse Andacht
als Inhalt darzustellen, so würde solch ein quid pro quo ebenso unmöglich sein, als
daß der Prediger statt seiner Exhorte eine Tieck ʼsche Novelle oder einen Parlamentsact von der Kanzel recitirte. Unsere größten Meister
geistlicher Tonkunst bieten Beispiele in Fülle für unsern Satz. Namentlich Händel verfuhr hierin mit großartiger Ungenirtheit. Winterfeld hat nachgewiesen, daß viele der berühmtesten und ob ihres frommen Ausdrucks bewundertsten
Stücke im „Messias “ aus den weltlichen, meist erotischen Duetten herübergenommen sind, welche Händel (1711–1712) für die Churprinzessin Caroline von Hannover auf Madrigale von Mauro
[46] Ortensio gesetzt hatte. Die Musik zu dem 2. Duett: „Nò, di voi non uoʼ fidarmi, / Cieco amor, crudel beltà; / Troppo siete menzognere / Luchinghiere deità!“ / 14 verwendete Händel unverändert in Tonart und Melodie für den Chor im ersten Theil des Messias : „Denn uns ist ein Kind geboren“. – Der dritte Satz desselben Duetts „Sò per prova i vostri inganni“ hat dieselben Motive wie der Chor im 2. Theil des Messias „Wie Schafe gehen“. Das Madrigal Nr. 16 (Duett für Sopran und Alt) ist im Wesentlichen ganz übereinstimmend
mit dem Duett im 3. Theil des Messias : „O Tod, wo ist dein Stachel“; – dort lautet der Text: „Si tu non lasci amore / Mio cor, ti pentirai, / Lo so ben io!” /
2.31Von den zahlreichen anderen Beispielen bei Seb. Bach sei nur an sämmtliche madrigalische Stücke des „Weihnachts-Oratoriums “ erinnert, die bekanntlich aus ganz verschiedenen weltlichen Gelegenheitscantaten arglos herübergenommen sind.
[47] Und Gluck, von dem uns gelehrt wird, er habe die hohe dramatische Wahrheit seiner Musik nur
dadurch erreicht, daß er jede Note genau der bestimmten Situation anpaßte, ja seine
Melodie aus dem Tonfall der Verse selbst zog, – Gluck hat in die „Armida “ nicht weniger als fünf Musikstücke aus seinen älteren italienisch en Opern herübergenommen. (Vgl. m. „Moderne Oper “ S. 16.) Man sieht, daß die Vocalmusik, deren Theorie niemals das Wesen der Tonkunst bestimmen kann, auch praktisch nicht
im Stande ist, die aus dem Begriff der Instrumentalmusik gewonnenen Grundsätze Lügen
zu strafen.
2.32Der von uns bekämpfte Satz ist übrigens so in Fleisch und Blut der gangbaren ästhetisch-musikalischen
Anschauung eingedrungen, daß auch alle seine Descendenten und Seitenverwandten sich
gleicher Unantastbarkeit erfreuen. Dazu gehört die Theorie von der Nachahmung sichtbarer
oder unmusikalisch hörbarer Gegenstände durch die Tonkunst. Mit besonderer Wohlweisheit
wird uns bei der Frage von der „Tonmalerei“ immer wieder versichert, die Musik könne
keineswegs die außer ihrem Bereich liegende Erscheinung selbst malen, sondern nur das Gefühl, welches dadurch in uns erzeugt wird. Gerade umgekehrt. Die Musik kann nur die äußere
Erscheinung nachzuahmen trachten, niemals aber das durch sie bewirkte,
[48] specifische Fühlen. Das Fallen der Schneeflocken, das Flattern der Vögel, den Aufgang
der Sonne kann ich nur dadurch musikalisch malen, daß ich analoge, diesen Phänomenen
dynamisch verwandte Gehörseindrücke hervorbringe. In Höhe, Stärke, Schnelligkeit,
Rhythmus der Töne bietet sich dem Ohr eine Figur, deren Eindruck jene Analogie mit der bestimmten Gesichtswahrnehmung hat, welche
Sinnesempfindungen verschiedener Gattung gegen einander erreichen können. Wie es physiologisch
ein „Vicariren“ eines Sinnes für den andern bis zu einer gewissen Grenze giebt, so
auch ästhetisch ein gewisses Vicariren eines Sinneseindruckes für den anderen. Da
zwischen der Bewegung im Raume und jener in der Zeit, zwischen der Farbe, Feinheit,
Größe eines Gegenstandes und der Höhe, Klangfarbe, Stärke eines Tones wohlbegründete
Analogie herrscht, so kann man in der That einen Gegenstand musikalisch malen, das
„Gefühl“ aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende Schnee, der krähende
Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist einfach lächerlich.
2.33Obgleich, meines Erinnerns, alle musikalischen Theoretiker auf dem Grundsatz, die
Musik könnte bestimmte Gefühle darstellen, stillschweigend folgern und weiter bauen,
so hinderte doch manche ein richtiges Gefühl, ihn geradezu anzuerkennen.
[49] Der Mangel begrifflicher Bestimmtheit in der Musik störte sie und ließ sie den Satz dahin ändern: die Tonkunst
habe nicht etwa bestimmte, wohl aber „unbestimmte Gefühle“ zu erwecken und darzustellen. Vernünftiger Weise kann man damit nur meinen, die
Musik solle die Bewegung des Fühlens, abgezogen von dem Inhalt desselben, dem Gefühlten, enthalten; das also,
was wir das Dynamische der Affecte genannt und der Musik vollständig eingeräumt haben. Dies Element der Tonkunst
ist aber kein „Darstellen unbestimmter Gefühle“. Denn „Unbestimmtes“ „darstellen“
ist ein Widerspruch. Seelenbewegungen als Bewegungen an sich, ohne Inhalt, sind kein
Gegenstand künstlerischer Verkörperung, weil diese ohne die Frage: was bewegt sich
oder wird bewegt, nirgend Hand anlegen kann. Das Richtige an dem Satz, nämlich die
involvirte Forderung, Musik solle kein bestimmtes Gefühl schildern, ist ein lediglich negatives Moment. Was aber ist das Positive, das
Schöpferische im musikalischen Kunstwerk? Ein unbestimmtes Fühlen als solches ist
kein Inhalt; soll eine Kunst sich dessen bemächtigen, so kommt Alles darauf an, wie es geformt wird. Jede Kunstthätigkeit besteht aber im Individualisiren, in dem Prägen des Bestimmten aus dem Unbestimmten, des Besondern aus dem Allgemeinen.
Die Theorie der
[50] „unbestimmten Gefühle“ verlangt das gerade Gegentheil. Man ist hier noch schlimmer
daran, als bei dem früheren Satz; man soll glauben, daß die Musik etwas darstelle,
und weiß doch niemals was. Sehr einfach ist von hier der kleine Schritt zu der Erkenntniß,
daß die Musik gar keine, weder bestimmte noch unbestimmte Gefühle schildert. Welcher Musiker hätte aber diese
durch unvordenklichen Besitz ersessene Reichsdomäne seiner Kunst aufgeben wollen?15
2.34Unser Resultat ließe vielleicht noch der Meinung Raum, daß die Darstellung bestimmter
Gefühle für die Musik zwar ein Ideal sei, das sie niemals ganz erreichen, dem sie
sich aber immer
[51] mehr nähern könne und solle. Die vielen großsprechenden Redensarten von der Tendenz
der Musik, die Schranken ihrer Unbestimmtheit zu durchbrechen und concrete Sprache
zu werden, die beliebten Lobpreisungen solcher Compositionen, an welchen man dies
Bestreben wahrnimmt, oder wahrzunehmen vermeint, zeugen von der wirklichen Verbreitung
solcher Ansicht.
2.35Allein noch entschiedener, als wir die Möglichkeit musikalischer Gefühlsdarstellung bekämpften, haben wir die Meinung abzuwehren, als könne diese jemals das ästhetische Princip der Tonkunst abgeben.
2.36Das Schöne in der Musik würde mit der Genauigkeit der Gefühlsdarstellung auch dann nicht congruiren, wenn diese möglich wäre. Nehmen wir diese Möglichkeit für einen Moment an, um uns praktisch zu überzeugen.
2.37Offenbar können wir diese Fiction nicht an der Instrumentalmusik versuchen, welche die Nachweisung bestimmter Affecte von selbst verwehrt, sondern nur an der Vocalmusik, der das Betonen vorgezeichneter Seelenzustände zukommt.16
[52]
2.38Hier bestimmen die dem Componisten vorliegenden Worte das zu schildernde Object; die Musik hat die Macht es zu beleben, zu commentiren,
ihm in mehr oder weniger hohem Grade den Ausdruck individueller Innerlichkeit zu verleihen.
Sie thut dies durch möglichste Charakteristik der Bewegung und durch Verwerthung der
den Tönen innewohnenden Symbolik. Faßt sie als Hauptgesichtspunkt den Text ins Auge,
und nicht die eigene ausgeprägte Schönheit, so kann sie es zu hoher Individualisirung,
ja zu dem Scheine bringen, sie allein stelle wirklich das Gefühl dar, welches in den
Worten bereits unverrückbar, wenngleich steigerungsfähig vorlag. Diese Tendenz erreicht
in der Wirkung etwas Aehnliches mit dem vorgeblichen „Darstellen eines Affectes als Inhalt des bestimmten Musikstücks“. Gesetzt den Fall, jene wirkliche
und diese angebliche Kraft der Tonkunst wären congruent, die Gefühlsdarstellung möglich
und Inhalt der Musik, so würden wir folgerichtig solche Compositionen die vollkommensten
nennen, welche die Aufgabe am bestimmtesten lösen. Allein wer kennt nicht Tonwerke von höchster Schönheit ohne solchen
[53] Inhalt? (wir erinnern an Bach ’s Fugen und Präludien). Umgekehrt giebt es Vocalcompositionen, welche ein bestimmtes
Gefühl aufs Genaueste, innerhalb der eben erklärten Grenzen abzuconterfeien suchen,
und welchen die Wahrheit dieses Schilderns über jedes andere Princip geht. Bei näherer Betrachtung gelangen
wir zu dem Ergebniß, daß das rücksichtslose Anschmiegen solcher musikalischen Schilderung
meist in umgekehrtem Verhältniß steht zu ihrer selbstständigen Schönheit, daß also
die declamatorisch-dramatische Genauigkeit und die musikalische Vollendung nur die Hälfte Weges mit einander fortschreiten, dann aber sich trennen.
2.39Am deutlichsten zeigt dies das Recitativ, als diejenige Form, welche am unmittelbarsten und bis auf den Accent des einzelnen
Wortes sich dem declamatorischen Ausdruck anschmiegt, nicht mehr anstrebend, als einen
getreuen Abguß bestimmter, meist rasch wechselnder Gemüthszustände. Dies müßte, als
wahre Verkörperung jener Lehre, die höchste, vollkommenste Musik sein; in der That
aber sinkt diese im Recitativ ganz zur Dienerin herab und verliert ihre selbstständige
Bedeutung. Ein Beweis, daß der Ausdruck bestimmter Seelenvorgänge mit der Aufgabe
der Musik nicht congruirt, sondern in letzter Consequenz derselben hemmend entgegensteht.
Man spiele ein längeres
[54] Recitativ mit Hinweglassung der Worte, und frage dann nach seinem musikalischen Werth
und Bedeuten. Diese Probe muß aber jede Musik aushalten, welcher allein wir die hervorgebrachte Wirkung zuschreiben sollen.
2.40Keineswegs auf das Recitativ beschränkt, können wir vielmehr an den höchsten und erfülltesten Kunstformen dieselbe Bestätigung finden, wie die musikalische Schönheit stets geneigt sei, dem speciell Ausdrückenden zu weichen, weil jene ein selbstständiges Entfalten, dieses ein dienendes Verleugnen erheischt.
2.41Steigen wir empor vom declamatorischen Princip im Recitativ zum dramatischen in der
Oper. Die Musikstücke in Mozartʼs Opern stehen im vollem Einklang mit ihrem Text. Hört man selbst die complicirtesten,
die Finales, ohne Text, so werden Mittelglieder etwa unklar bleiben, die Hauptpartien
und deren Ganzes aber an sich schöne Musik sein. Das gleichmäßige Genügen an die musikalischen
und die dramatischen Anforderungen gilt bekanntlich darum mit Recht für das Ideal
der Oper. Daß jedoch das Wesen derselben eben dadurch ein steter Kampf ist zwischen dem Princip der dramatischen Genauigkeit und dem der musikalischen Schönheit,
ein unaufhörliches Concediren des einen an das andere, dies ist meines Wissens nie
erschöpfend entwickelt worden.
[55] Nicht die Unwahrheit, daß sämmtliche handelnde Personen singen, macht das Princip der Oper schwankend und schwierig – solche Illusionen geht die
Phantasie mit großer Leichtigkeit ein – die unfreie Stellung aber, welche Musik und
Text zu einem fortwährenden Ueberschreiten oder Nachgeben zwingt, macht, daß die Oper
wie ein constitutioneller Staat auf einem steten Kampfe zweier berechtigter Gewalten
beruht. Dieser Kampf, in dem der Künstler bald das eine, bald das andere Princip muß
siegen lassen, ist der Punkt, aus welchem alle Unzulänglichkeiten der Oper entspringen,
und alle Kunstregeln auszugehen haben, welche eben für die Oper Entscheidendes sagen wollen. In ihre Consequenzen verfolgt, müssen das musikalische
und das dramatische Princip einander nothwendig durchschneiden. Nur sind die beiden
Linien lang genug, um dem menschlichen Auge eine beträchtliche Strecke hindurch parallel zu scheinen.
2.42Aehnliches gilt vom Tanze, wie wir in jedem Ballet beobachten können. Je mehr er die schöne Rhythmik seiner
Formen verläßt, um mit Gesticulation und Mimik sprechend zu werden, bestimmte Gedanken und Gefühle auszudrücken, desto mehr nähert er sich
der formlosen Bedeutsamkeit der bloßen Pantomime. Die Steigerung des dramatischen
Princips im Tanze wird im
[56] selben Maß eine Verletzung seiner plastisch-rhythmischen Schönheit. Ganz wie ein gesprochenes Drama oder ein reines Instrumentalwerk vermag eine Oper nie dazustehen.
Darum wird das Augenmerk des echten Operncomponisten wenigstens ein stetes Verbinden
und Vermitteln sein, niemals ein principiell unverhältnißmäßiges Vorherrschen des
einen oder des andern Moments. Im Zweifel wird er sich aber für die Bevorzugung der musikalischen Forderung entscheiden, denn die Oper ist vorerst Musik, nicht Drama. Man kann dies
leicht an der eigenen, sehr verschiedenen Intention ermessen, mit der man ein Drama
besucht, oder aber eine Oper desselben Sujets. Die Vernachlässigung des musikalischen
Theils wird uns immer weit empfindlicher treffen.17
[57]
2.43Die größte kunstgeschichtliche Bedeutung des berühmten Streites zwischen den Gluckisten und den Piccinisten liegt für uns darin, daß dabei der innere Conflict der Oper durch den Widerstreit ihrer beiden Factoren, des musikalischen und des dramatischen,
zum erstenmal ausführlich zur Sprache kam. Freilich geschah dies ohne ein wissenschaftliches
Bewußtsein von der unermeßlichen principiellen Bedeutung des Entscheides. Wer sich
die lohnende Mühe nicht gereuen läßt, auf die Quellen jenes Musikstreites selbst zurückzugehen,18 wird wahrnehmen, wie darin auf der reichen Scala zwischen Grobheit und Schmeichelei
die ganze witzige Fechtergewandtheit französisch er Polemik herrscht, zugleich aber eine solche Unmündigkeit in der Auffassung des
principiellen Theiles, ein solcher Mangel an tieferem Wissen, daß für die musikalische
Aesthetik ein Resultat
[58] aus diesen langjährigen Debatten nicht zu Tage steht. – Die bevorzugtesten Köpfe: Suard und Abbé Arnaud auf Gluck ʼs Seite, Marmontel und La Harpe wider ihn, gingen zwar wiederholt über die Kritik Gluck ʼs hinaus zu einer Beleuchtung des dramatischen Princips in der Oper und seines Verhältnisses zum musikalischen; allein sie behandelten dieses Verhältniß wie eine Eigenschaft der Oper unter vielen,
nicht aber als das innerste Lebensprincip derselben. Sie hatten keine Ahnung, daß
von der Entscheidung dieses Verhältnisses die ganze Existenz der Oper abhänge. Merkwürdig
ist, wie ganz nahe insbesondere Gluck ʼs Gegner einigemal dem Punkte sind, von dem aus der Irrthum des dramatischen Princips
vollkommen erschaut und besiegt werden mag. So sagt de la Harpe im Journal de Politique et de Littérature vom 5. October 1777: „On objecte, quiʼil nʼest pas naturel, de chanter un air de cette nature dans une
situation passionée, que cʼest un moyen dʼarrêter la scène et de nuir à lʼeffet. Je
trouve ces objections absolument illusoires. Dʼabord dès quʼon admet le chant, il
faut lʼadmettre le plus beau possible, et il nʼest pas plus naturel de chanter mal,
que de chanter bien. Tous les arts sont fondées sur des conventions, sur des données.
Quand je viens à lʼopéra, cʼest pour
[59] entendre la musique. Je nʼignore pas, quʼAlceste ne faisait ses Adieux à Admète en chantant un air; mais comme Alceste est sur le théâtre pour chanter, si je retrouve sa douleur et son amour dans un air
bien melodieux, je jouirai de son chant en mʼintéressant à son infortune.“ Sollte man glauben, daß La Harpe selbst nicht erkannte, wie prächtig er da auf festem Boden stand? Denn bald darauf
läßt er sich beikommen, das Duo zwischen Agamemnon und Achilles in der „Iphigenia “ aus dem Grunde zu bekämpfen, „weil es sich durchaus nicht mit der Würde dieser beiden Helden vertrage, daß sie
zu gleicher Zeit redeten“. Damit hatte er jenen festen Boden, das Princip der musikalischen Schönheit, verlassen und verrathen, das Princip des Gegners stillschweigend, ja unbewußt
anerkennend.
2.44Je consequenter man das dramatische Princip in der Oper rein halten will, ihr die Lebensluft der musikalischen Schönheit
entziehend, desto siecher schwindet sie dahin, wie ein Vogel unter der Luftpumpe.
Man muß nothwendig bis zum rein gesprochenen Drama zurückkommen, womit man wenigstens den Beweis hat, daß die Oper wirklich unmöglich ist, wenn man nicht dem musikalischen Princip (mit vollem Bewußtsein seiner realitätfeindlichen Natur) die Ober
[60]herrschaft in der Oper einräumt. In der wirklichen künstlerischen Ausübung ist diese
Wahrheit auch niemals geleugnet worden, und selbst der strengste Dramatiker, Gluck , stellt zwar die falsche Theorie auf, die Opernmusik habe nichts Anderes zu sein,
als eine gesteigerte Declamation – in der Ausübung bricht aber die musikalische Natur des Mannes oft genug durch, und stets zum großen Vortheil seines Werkes. Dasselbe
gilt von Richard Wagner. Für unseren Zusammenhang ist nur scharf hervorzuheben, daß der Hauptgrundsatz Wagnerʼs, wie er ihn im ersten Band von „Oper und Drama “ ausspricht: „Der Irrthum der Oper als Kunstgenre besteht darin, daß ein Mittel (die Musik) zum
Zweck, der Zweck (das Drama) aber zum Mittel gemacht wird,“ – auf falschem Boden steht. Denn eine Oper, in der die Musik immer und wirklich nur als Mittel zum dramatischen Ausdruck gebracht wird, ist ein musikalisches Unding.19
[61]
2.44.1Eine Consequenz des Wagner’schen Satzes (von Mittel und Zweck) wäre u. A. auch, daß alle Componisten schweres
Unrecht gethan haben, wenn sie zu mittelmäßigen Texten und Situationen
[62] mehr als mittelmäßige Musik zu machen suchten, und wir ebenso schweres Unrecht begehen,
jene Musik zu lieben.
[63]
2.45Die Verbindung der Poesie mit der Musik und der Oper ist eine Ehe zur linken Hand. Je näher wir diese morganatische Ehe betrachten, welche die musikalische Schönheit mit dem bestimmt vorgeschriebenen Inhalt eingeht, desto trügerischer dünkt uns ihre Unauflöslichkeit.
2.46Wie kommt es, daß wir in jedem Gesangstück manche kleine Aenderung vornehmen können, welche die Richtigkeit des Gefühlsausdrucks nicht im Mindesten schwächend, doch die Schönheit des Motivs sogleich vernichtet? Das wäre unmöglich, wenn die letztere in der ersten läge. Wie kommt es, daß manches Gesangstück, welches seinen Text tadellos ausdrückt, uns unleidlich schlecht erscheint? Vom Standpunkt des Gefühlsprincips kann man ihm nicht beikommen. Was bleibt also das Princip des Schönen in der Tonkunst, nachdem wir die Gefühle, als dafür unzureichend, abgelehnt?
2.47Ein ganz anderes selbstständiges Element, das wir sogleich näher betrachten wollen.
[64]
3.1Wir sind bisher negativ zu Werke gegangen und haben lediglich die irrige Voraussetzung abzuwehren gesucht, daß das Schöne der Musik in dem Darstellen von Gefühlen bestehen könne.
3.2Nun haben wir den positiven Gehalt zu jenem Umriß hinzuzubringen, indem wir die Frage beantworten, welcher Natur das Schöne der Tondichtung sei.
3.3Es ist ein specifisch Musikalisches. Darunter verstehen wir ein Schönes, das unabhängig und unbedürftig eines von Außen
her kommenden Inhalts, einzig in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung liegt.
Die sinnvollen Beziehungen in sich reizvoller Klänge, ihr
[65] Zusammenstimmen und Widerstreben, ihr Fliehen und sich Erreichen, ihr Aufschwingen
und Ersterben, – dies ist, was in freien Formen vor unser geistiges Anschauen tritt
und als schön gefällt.
3.4Das Urelement der Musik ist Wohllaut, ihr Wesen Rhythmus. Rhythmus im Großen, als die Uebereinstimmung eines symmetrischen Baues, und Rhythmus im Kleinen, als die wechselnd-gesetzmäßige Bewegung einzelner Glieder im Zeitmaß. Das Material, aus dem der Tondichter schafft, und dessen Reichthum nicht verschwenderisch genug gedacht werden kann, sind die gesammten Töne, mit der in ihnen ruhenden Möglichkeit zu verschiedener Melodie, Harmonie und Rhythmisirung. Unausgeschöpft und unerschöpflich waltet vor Allem die Melodie, als Grundgestalt musikalischer Schönheit; mit tausendfachem Verwandeln, Umkehren, Verstärken bietet die Harmonie immer neue Grundlagen; beide vereint bewegt der Rhythmus, die Pulsader musikalischen Lebens, und färbt den Reiz mannigfaltiger Klangfarben.
3.5Fragt es sich nun, was mit diesem Tonmaterial ausgedrückt werden soll, so lautet die
Antwort: Musikalische Ideen. Eine vollständig zur Erscheinung gebrachte musikalische Idee aber ist bereits selbstständiges
Schöne, ist Selbstzweck
[66] und keineswegs erst wieder Mittel oder Material zur Darstellung von Gefühlen und Gedanken.
3.6Der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen.
3.7In welcher Weise uns die Musik schöne Formen ohne den Inhalt eines bestimmten Affectes bringen kann, zeigt uns entfernt bereits
ein Zweig der Ornamentik in der bildenden Kunst: die Arabeske. Wir erblicken geschwungene Linien, hier sanft sich neigend, dort kühn emporstrebend,
sich findend und loslassend, in kleinen und großen Bogen correspondirend, scheinbar
incommensurabel, doch immer wohlgegliedert, überall ein Gegen- oder Seitenstück begrüßend,
eine Sammlung kleiner Einzelheiten und doch ein Ganzes. Denken wir uns nun eine Arabeske
nicht todt und ruhend, sondern in fortwährender Selbstbildung vor unsern Augen entstehend.
Wie die starken und feinen Linien einander verfolgen, aus kleiner Biegung zu prächtiger
Höhe sich heben, dann wieder senken, sich erweitern, zusammenziehen und in sinnigem
Wechsel von Ruhe und Anspannung das Auge stets neu überraschen! Da wird das Bild schon
höher und würdiger. Denken wir uns vollends diese lebendige Arabeske als thätige Ausströmung
eines künstlerischen Geistes, der die ganze Fülle seiner Phantasie unablässig in die
Adern dieser Bewegung ergießt, – wird
[67] dieser Eindruck dem musikalischen nicht einigermaßen nahekommend sein?
3.8Jeder von uns hat als Kind sich wohl an dem wechselnden Farben- und Formenspiel eines Kaleidoskops ergötzt. Ein solches Kaleidoskop jedoch auf unermeßbar höherer idealer Erscheinungsstufe ist Musik. Sie bringt in stets sich entwickelnder Abwechselung schöne Formen und Farben, sanft übergehend, scharf contrastirend, immer zusammenhängend und doch immer neu, in sich abgeschlossen und von sich selbst erfüllt. Der Hauptunterschied ist, daß solch unserm Ohr vorgeführtes Tonkaleidoskop sich als unmittelbare Emanation eines künstlerisch schaffenden Geistes giebt, jenes sichtbare aber als ein sinnreich-mechanisches Spielzeug. Will man nicht bloß im Gedanken, sondern in Wirklichkeit die Erhebung der Farbe zur Musik vollziehen, und die Mittel der einen Kunst in die Wirkungen der andern einbetteln, so geräth man auf die abgeschmackte Spielerei des „Farbenclaviers“ oder der „Augenorgel“, deren Erfindung jedoch beweist, wie die formelle Seite beider Erscheinungen auf gleicher Basis ruhe.
3.9Sollte irgend ein gefühlvoller Musikfreund unsere Kunst durch Analogien wie die obige
herabgewürdigt finden, so entgegnen wir, es handle sich bloß darum, ob die Analogien richtig seien oder nicht. Herabgewürdigt wird nichts dadurch, daß
[68] man es besser kennen lernt. Will man auf die Eigenschaft der Bewegung, der zeitlichen
Entwicklung, wodurch das Beispiel vom Kaleidoskop besonders treffend wird, verzichten,
so kann man allerdings für das Musikalisch-Schöne eine höhere Analogie etwa in der
Architektur, dem menschlichen Körper, oder einer Landschaft finden, die auch eine
primitive Schönheit der Umrisse und Farben (abgesehen von der Seele, dem geistigen
Ausdruck) haben.
3.10Wenn man die Fülle von Schönheit nicht zu erkennen verstand, die im rein Musikalischen lebt, so trägt die Unterschätzung des Sinnlichen viel Schuld, welcher wir in älteren Aesthetiken zu Gunsten der Moral und des Gemüths, in Hegel zu Gunsten der „Idee“ begegnen. Jede Kunst geht vom Sinnlichen aus und webt darin. Die „Gefühlstheorie“ verkennt dies, sie übersieht das Hören gänzlich und geht unmittelbar anʼs Fühlen. Die Musik schaffe für das Herz, meinen sie, das Ohr sei ein triviales Ding.
3.11Ja, was sie eben Ohr nennen – für das „Labyrinth“ oder „Trommelfell“ dichtet kein Beethoven . Aber die Phantasie, die auf Gehörsempfindungen organisirt ist und welcher der Sinn etwas ganz Anderes bedeutet, als ein bloßer Trichter an die Oberfläche der Erscheinungen, sie genießt in bewußter Sinnlichkeit
[69] die klingenden Figuren, die sich aufbauenden Töne und lebt frei und unmittelbar in
deren Anschauung.
3.12Es ist von außerordentlicher Schwierigkeit, dies selbstständige Schöne in der Tonkunst, dies specifisch Musikalische zu schildern. Da die Musik kein Vorbild in der Natur besitzt und keinen begrifflichen Inhalt ausspricht, so läßt sich von ihr nur mit trocknen technischen Bestimmungen, oder mit poetischen Fictionen erzählen. Ihr Reich ist in der That „nicht von dieser Welt“. All die phantasiereichen Schilderungen, Charakteristiken, Umschreibungen eines Tonwerks sind bildlich oder irrig. Was bei jeder andern Kunst noch Beschreibung, ist bei der Tonkunst schon Metapher. Die Musik will nun einmal als Musik aufgefaßt sein, und kann nur aus sich selbst verstanden, in sich selbst genossen werden.
3.13Keineswegs ist das „Specifisch-Musikalische“ als bloß akustische Schönheit oder proportionale
Symmetrie zu verstehen, – Zweige, die es als untergeordnet in sich begreift, – noch
weniger kann von einem „ohrenkitzelnden Spiel in Tönen“ die Rede sein und ähnlichen
Bezeichnungen, womit der Mangel an geistiger Beseelung hervorgehoben zu werden pflegt.
Dadurch, daß wir auf musikalische Schönheit dringen, haben wir den geistigen Gehalt
nicht ausgeschlossen, sondern
[70] ihn vielmehr bedingt. Denn wir anerkennen keine Schönheit ohne jeglichen Antheil von
Geist. Indem wir aber das Schöne in der Musik wesentlich in Formen verlegt haben, ist schon angedeutet, daß der geistige Gehalt in engstem Zusammenhange
mit diesen Tonformen steht. Der Begriff der „Form“ findet in der Musik eine ganz eigenthümliche
Verwirklichung. Die Formen, welche sich aus Tönen bilden, sind nicht leer, sondern erfüllte, nicht bloße Linienbegrenzung eines Vacuums,
sondern sich von innen heraus gestaltender Geist. Der Arabeske gegenüber ist demnach
die Musik in der That ein Bild, allein ein solches, dessen Gegenstand wir nicht in Worte fassen und unsern Begriffen
unterordnen können. In der Musik ist Sinn und Folge, aber musikalische; sie ist eine Sprache, die wir sprechen und verstehen, jedoch zu übersetzen nicht im Stande sind. Es liegt eine tiefsinnige Erkenntniß darin, daß man auch in
Tonwerken von „Gedanken“ spricht, und wie in der Rede unterscheidet da das geübte
Urtheil leicht echte Gedanken von bloßen Redensarten. Ebenso erkennen wir das vernünftig
Abgeschlossene einer Tongruppe, indem wir sie einen „Satz“ nennen. Fühlen wir doch so genau wie bei jeder logischen Periode, wo ihr Sinn zu
Ende ist, obgleich die Wahrheit beider ganz incommensurabel dasteht.
[71]
3.14Das befriedigend Vernünftige, das an und für sich in musikalischen Formbildungen liegen kann, beruht in gewissen primitiven Grundgesetzen, welche die Natur in die Organisation des Menschen und in die äußeren Lauterscheinungen gelegt hat. Das Urgesetz der „harmonischen Progression“ ist es vorzugsweise, welches, analog der Kreisform bei den bildenden Künsten, den Keim der wichtigsten Weiterbildung und die – leider fast unerklärte – Erklärung der verschiedenen musikalischen Verhältnisse in sich trägt.
3.15Alle musikalischen Elemente stehen unter sich in geheimen, auf Naturgesetze gegründeten Verbindungen und Wahlverwandtschaften. Diese den Rhythmus, die Melodie und Harmonie unsichtbar beherrschenden Wahlverwandtschaften verlangen in der menschlichen Musik ihre Befolgung und stempeln jede ihnen widersprechende Verbindung zu Willkür und Häßlichkeit. Sie leben, wenngleich nicht in der Form wissenschaftlichen Bewußtseins, instinctiv in jedem gebildeten Ohr, welches demnach das Organische, Vernunftgemäße einer Tongruppe, oder das Widersinnige, Unnatürliche derselben durch bloße Anschauung empfindet, ohne daß ein logischer Begriff den Maßstab oder das tertium comparationis hierzu abgäbe.20
[72]
3.16In dieser negativen, inneren Vernünftigkeit, welche dem Tonsystem durch Naturgesetze innewohnt, wurzelt dessen weitere Fähigkeit zur Aufnahme positiven Schönheitsgehalts.
3.17Das Componiren ist ein Arbeiten des Geistes in geistfähigem Material. So reichhaltig
wir dies musikalische Material befunden haben, so elastisch und durchdringbar erweist
es sich für die künstlerische Phantasie. Diese baut nicht wie der Architekt auf rohem,
schwerfälligem Gestein, sondern auf der Nachwirkung vorher verklungener Töne. Geistigerer,
feinerer Natur als jeder andere Kunststoff, nehmen die Töne willig jedwede Idee des
Künstlers in sich auf. Da nun die Tonverbindungen, in deren Verhältnissen das musikalisch
Schöne ruht, nicht durch mechanisches Aneinanderreihen, sondern durch freies Schaffen
der Phantasie gewonnen werden, so prägt sich
[73] die geistige Kraft und Eigenthümlichkeit dieser bestimmten Phantasie dem Erzeugniß
als Charakter auf. Als Schöpfung eines denkenden und fühlenden Geistes hat demnach eine musikalische
Composition in hohem Grade die Fähigkeit, selbst geist- und gefühlvoll zu sein. Diesen
geistigen Gehalt werden wir in jedem musikalischen Kunstwerk fordern, doch darf er
in kein anderes Moment desselben verlegt werden, als in die Tonbildungen selbst. Unsere Ansicht über den Sitz des Geistes und Gefühls einer Composition verhält sich
zu der gewöhnlichen Meinung wie die Begriffe Immanenz und Transcendenz. Jede Kunst hat zum Ziel, eine in der Phantasie des Künstlers lebendig gewordene
Idee zur äußeren Erscheinung zu bringen. Dies Ideelle in der Musik ist ein tonliches, nicht ein begriffliches, welches erst in Töne zu übersetzen wäre. Nicht der Vorsatz,
eine bestimmte Leidenschaft musikalisch zu schildern, sondern die Erfindung einer
bestimmten Melodie ist der springende Punkt, aus welchem jedes weitere Schaffen des
Componisten seinen Ausgang nimmt. Durch jene primitive, geheimnißvolle Macht, in deren
Werkstätte das Menschenauge nun und nimmermehr dringen wird, erklingt in dem Geist
des Componisten ein Thema, ein Motiv. Hinter die Entstehung dieses ersten Samenkorns können wir nicht zurückgehen, wir
[74] müssen es als einfache Thatsache hinnehmen. Ist es einmal in die Phantasie des Künstlers
gefallen, so beginnt sein Schaffen, welches, von diesem Hauptthema ausgehend und sich
stets darauf beziehend, das Ziel verfolgt, es in allen seinen Beziehungen darzustellen.
Das Schöne eines selbstständigen einfachen Themas kündigt sich in dem ästhetischen
Gefühl mit jener Unmittelbarkeit an, welche keine andere Erklärung duldet, als höchstens
die innere Zweckmäßigkeit der Erscheinung, die Harmonie ihrer Theile, ohne Beziehung
auf ein außerhalb existirendes Drittes. Es gefällt uns an sich, wie die Arabeske,
die Säule, oder wie Producte des Naturschönen, wie Blatt und Blume.
3.18Nichts irriger und häufiger, als die Anschauung, welche „schöne Musik“ mit und ohne geistigen Gehalt unterscheidet. Sie faßt den Begriff des Schönen in der Musik viel zu eng und stellt sich die kunstreich zusammengefügte Form als etwas für sich selbst Bestehendes, die hineingegossene Seele gleichfalls als etwas Selbstständiges vor und theilt nun consequent die Compositionen in gefüllte und leere Champagnerflaschen. Der musikalische Champagner hat aber das Eigenthümliche, er wächst mit der Flasche.
3.19Ein bestimmter musikalischer Gedanke ist ohne Weiteres durch sich geistvoll, der andere
gemein; diese abschließende Cadenz klingt würdig,
[75] durch Veränderung von zwei Noten wird sie platt. Mit voller Richtigkeit bezeichnen
wir ein musikalisches Thema als großartig, graziös, innig, geistlos, trivial; – allʼ
diese Ausdrücke bezeichnen aber den musikalischen Charakter der Stelle. Zur Charakterisirung dieses musikalischen Ausdrucks eines Motivs
wählen wir häufig Begriffe aus unserem Gemüthsleben, als „stolz, mißmuthig, zärtlich, beherzt, sehnend“. Wir können die Bezeichnungen
aber auch aus anderen Erscheinungskreisen nehmen, und eine Musik „duftig, frühlingsfrisch,
nebelhaft, frostig“ nennen. Gefühle sind also zur Bezeichnung musikalischen Charakters
nur Phänomene wie andere, welche Aehnlichkeiten dafür bieten. Derlei Epitheta mag man im Bewußtsein
ihrer Bildlichkeit brauchen, ja man kann ihrer nicht entrathen, nur hüte man sich
zu sagen: diese Musik schildert Stolz u. s. f.
3.20Die genaue Betrachtung aller musikalischen Bestimmtheiten eines Themas überzeugt uns
aber, daß es – bei aller Unerforschlichkeit der letzten, ontologischen Gründe – doch
eine Anzahl näherliegender Ursachen giebt, mit welchen der geistige Ausdruck einer
Musik in genauem Zusammenhang steht. Jedes einzelne musikalische Element (d. h. jedes
Intervall, jede Klangfarbe, jeder Accord, jeder Rhythmus u. s. f.) hat seine eigenthümliche
Physiognomie, seine bestimmte Art zu wirken.
[76] Unerforschlich ist der Künstler, erforschlich das Kunstwerk.
3.21Dasselbe Thema klingt anders über dem Dreiklang, als über einem Sextaccord; ein Melodienschritt in die Septime trägt ganz anderen Charakter als in die Sexte; der Rhythmus, der ein Motiv begleitet, ob laut oder leise, von dieser oder jener Klanggattung, ändert dessen specifische Färbung: kurz, jeder einzelne musikalische Factor einer Stelle trägt dazu mit Nothwendigkeit bei, daß sie gerade diesen geistigen Ausdruck annimmt, so und nicht anders auf den Hörer wirkt. Was die Halévyʼsche Musik bizarr, die Auberʼsche graziös macht, was die Eigenthümlichkeit bewirkt, an der wir sogleich Mendelssohn, Spohr erkennen, dies Alles läßt sich auf rein musikalische Bestimmungen zurückführen, ohne Berufung auf das räthselhafte Gefühl.
3.22Warum die häufigen Quintsext-Accorde, die engen, diatonischen Themen bei Mendelssohn, die Chromatik und Enharmonik bei Spohr, die kurzen, zweitheiligen Rhythmen bei Auber u. s. w. gerade diesen bestimmten, unvermischbaren Eindruck erzeugen – dies kann freilich weder die Psychologie, noch die Physiologie beantworten.
3.23Wenn man jedoch nach der nächsten bestimmenden Ursache fragt, – und darauf kommt es ja in der Kunst vorzüglich an, –
so liegt die
[77] leidenschaftliche Einwirkung eines Themas nicht in dem vermeintlich übermäßigen Schmerz
des Componisten, sondern in dessen übermäßigen Intervallen, nicht in dem Zittern seiner
Seele, sondern im Tremolo der Pauken, nicht in seiner Sehnsucht, sondern in der Chromatik.
Der Zusammenhang Beider soll keineswegs ignorirt, vielmehr bald näher betrachtet werden; festzuhalten
ist aber, daß der wissenschaftlichen Untersuchung über die Wirkung eines Themas nur
jene musikalischen Factoren unwandelbar und objectiv vorliegen, niemals die vermuthliche Stimmung, welche
den Componisten dabei erfüllte. Will man von dieser unmittelbar auf die Wirkung des
Werkes folgern, oder diese aus jener erklären, so kann der Schlußsatz vielleicht richtig ausfallen, aber das wichtigste Mittelglied der Deduction, nämlich die Musik selbst, wurde übersprungen.
3.24Die praktische Kenntniß des Charakters jedes musikalischen Elements hat der tüchtige Componist, sei
es in mehr instinctiver oder bewußter Weise, inne. Zur wissenschaftlichen Erklärung
der verschiedenen musikalischen Wirkungen und Eindrücke gehört jedoch eine theoretische Kenntniß der genannten Charaktere, von ihrer reichsten Zusammensetzung bis in das
letzte unterscheidbare Element. Der bestimmte Eindruck, mit welchem eine Melodie Macht
über uns gewinnt,
[78] ist nicht schlechthin „räthselhaftes, geheimnißvolles Wunder“, das wir nur „fühlen
und ahnen“ dürfen, sondern unausbleibliche Consequenz der musikalischen Factoren,
welche in dieser bestimmten Verbindung wirken. Ein knapper oder weiter Rhythmus, diatonische
oder chromatische Fortschreitung, – Alles hat seine charakteristische Physiognomie
und besondere Art uns anzusprechen; darum wird es dem gebildeten Musiker eine ungleich
deutlichere Vorstellung von dem Ausdruck eines ihm fremden Tonstückes geben, daß z. B.
zu viel verminderte Septaccorde und Tremolo darin vorherrschen, als die poetischeste
Schilderung der Gefühlskrisen, welche der Referent dabei durchgemacht.
3.25Die Erforschung der Natur jedes einzelnen musikalischen Elementes, seines Zusammenhanges
mit einem bestimmten Eindruck, – nur der Thatsache, nicht des letzten Grundes, – endlich
die Zurückführung dieser speciellen Beobachtungen auf allgemeine Gesetze: das wäre
jene „philosophische Begründung der Musik“, welche so viele Autoren ersehnen, ohne
uns nebenbei mitzutheilen, was sie darunter eigentlich verstehen. Die psychische und
physische Einwirkung jedes Accords, jedes Rhythmus, jedes Intervalls wird aber nimmermehr
erklärt, indem man sagt: dieser ist Roth, jener Grün, oder dieser Hoffnung, jener
Mißmuth, sondern nur durch Subsumirung der specifisch
[79] musikalischen Eigenschaften unter allgemeine ästhetische Kategorien und dieser unter
Ein oberstes Princip. Wären dergestalt die einzelnen Factoren in ihrer Isolirung erklärt,
so müßte weiter gezeigt werden, wie sie einander in den verschiedensten Combinationen
bestimmen und modificiren. Der Harmonie und der contrapunktischen Begleitung haben die meisten Tongelehrten eine vorzügliche Stellung zu dem geistigen Gehalt der Composition eingeräumt. Nur ging man in dieser Vindication viel zu oberflächlich
und atomistisch zu Werke. Man bestimmte die Melodie als Eingebung des Genies, als Trägerin der Sinnlichkeit und des Gefühls – bei dieser
Gelegenheit erhielten die Italiener ein gnädiges Lob; im Gegensatz zur Melodie wurde die Harmonie als Trägerin des gediegenen Gehalts aufgeführt, als erlernbar und Product des Nachdenkens.
Es ist seltsam, wie lange man sich mit einer so dürftigen Anschauungsweise zufrieden
stellen konnte. Beiden Behauptungen liegt ein Richtiges zu Grunde, doch gelten sie
weder in dieser Allgemeinheit, noch kommen sie in solcher Isolirung vor. Der Geist
ist Eins und die musikalische Erfindung eines Künstlers gleichfalls. Melodie und Harmonie
eines Themas entspringen zugleich in einer Rüstung aus dem Haupt des Tondichters. Weder das Gesetz der Unterordnung noch des
Gegen
[80]satzes trifft das Wesen des Verhältnisses der Harmonie zur Melodie. Beide können hier gleichzeitige Entfaltungskraft
ausüben, dort sich einander freiwillig unterordnen, – in dem einen wie dem andern
Fall kann die höchste geistige Schönheit erreicht werden. Istʼs etwa die (ganz fehlende) Harmonie in den Hauptmotiven zu Beethoven ʼs Coriolan - und Mendelssohn ʼs Hebriden -Ouverture, was ihnen den Ausdruck gedankenreichen Tiefsinns verleiht? Wird man Rossiniʼs Thema „O, Mathilde“ oder ein neapolitanisch es Volkslied mit mehr Geist erfüllen, wenn man einen basso continuo, oder complicirte
Accordenfolgen an die Stellen des nothdürftigen Harmoniegeländes setzt? Diese Melodie mußte mit dieser Harmonie zugleich erdacht werden, mit diesem Rhythmus und dieser Klanggattung. Der geistige Gehalt kommt nur dem Verein Aller zu, und die Verstümmlung eines Gliedes verletzt den Ausdruck auch der übrigen. Das Vorherrschen der Melodie oder der Harmonie oder des Rhythmus kommt dem Ganzen zu Gute, und hier
allen Geist in den Accorden, dort alle Trivialität in deren Mangel zu finden, ist
baare Schulmeisterei. Die Camelie kommt duftlos zu Tage, die Lilie farblos, die Rose
prangt für beide Sinne – da läßt sich nichts übertragen, und ist doch jede von ihnen
schön!
[81]
3.26So hätte die „philosophische Begründung der Musik“ vorerst zu erforschen, welche nothwendigen geistigen Bestimmtheiten mit jedem musikalischen Element verbunden sind, und wie sie mit einander zusammenhängen. Die doppelte Forderung eines streng wissenschaftlichen Gerippes und einer höchst reichhaltigen Casuistik machen die Aufgabe zu einer sehr schwierigen, aber kaum unüberwindlichen, es wäre denn, daß man das Ideal einer „exacten“ Musikwissenschaft, nach dem Muster der Chemie oder Physiologie, erstrebte!
3.27Die Art, wie der Act des Schaffens im instrumentalen Tondichter vorgeht, giebt uns
den sichersten Einblick in das Eigenthümliche des musikalischen Schönheitsprincips.
Eine musikalische Idee entspringt primitiv in des Tondichters Phantasie, er spinnt sie weiter, – es
schießen immer mehr und mehr Krystalle an, bis unmerklich die Gestalt des ganzen Gebildes
in ihren Hauptformen vor ihm steht und nur die künstlerische Ausführung, prüfend,
messend, abändernd, hinzuzutreten hat. An die Darstellung eines bestimmten Inhaltes
denkt der instrumentale Tonsetzer nicht. Thut er es, so stellt er sich auf einen falschen
Standpunkt, mehr neben als in der Musik. Seine Composition wird die Uebersetzung eines Programms in Töne, welche dann ohne jenes Programm unverständlich bleiben. Wir verkennen weder,
noch unterschätzen
[82] wir Berliozʼ glänzendes Talent, wenn wir an dieser Stelle seinen Namen nennen. Ihm ist Liszt mit seinen weit schwächeren „symphonischen Dichtungen“ nachgefolgt.
3.28Wie aus dem gleichen Marmor der eine Bildhauer bezaubernde Formen, der andere eckiges Ungeschick heraushaut, so gestaltet sich die Tonleiter unter verschiedenen Händen zur Beethoven ʼschen Ouverture, oder zur Verdiʼschen. Was unterscheidet die Beiden? Etwa, daß die eine höhere Gefühle, oder dieselben Gefühle richtiger darstellt? Nein, sondern daß sie schönere Tonformen bildet. Nur dies macht eine Musik gut oder schlecht, daß ein Componist ein geistsprühendes Thema einsetzt, der andere ein gemeines, daß der Erstere es nach allen Beziehungen immer neu und bedeutend entwickelt, der Letztere seines wo möglich immer schlechter macht, die Harmonie des einen wechselvoll und originell sich entfaltet, während die zweite vor Armuth nicht vom Flecke kommt, der Rhythmus hier ein lebenswarm hüpfender Puls ist, dort ein Zapfenstreich.
3.29Es giebt keine Kunst, welche so bald und so viele Formen verbraucht, wie die Musik.
Modulationen, Cadenzen, Intervallenfortschreitungen, Harmonienfolgen nutzen sich in
50, ja 30 Jahren dergestalt ab, daß der geistvolle Componist sich deren nicht mehr
bedienen kann und
[83] fortwährend zur Erfindung neuer, rein musikalischer Züge gedrängt wird. Man kann von
einer Menge Compositionen, die hoch über dem Alltagstand ihrer Zeit stehen, ohne Unrichtigkeit
sagen, daß sie einmal schön waren. Die Phantasie des geistreichen Künstlers wird aus den geheim-ursprünglichen Beziehungen
der musikalischen Elemente und ihrer unzählbar möglichen Combinationen die feinsten,
verborgensten entdecken, sie wird Tonformen bilden, die aus freiester Willkür erfunden
und doch zugleich durch ein unsichtbar feines Band mit der Nothwendigkeit verknüpft
erscheinen. Solche Werke oder Einzelheiten derselben werden wir ohne Bedenken „geistreich“
nennen. Hiermit berichtigt sich leicht Oulibicheffʼs mißverständliche Ansicht, eine Instrumentalmusik könne nicht geistreich sein, indem „für einen Componisten der Geist einzig und allein in einer gewissen Anwendung seiner Musik auf ein directes oder indirectes Programm bestehe.“ Es wäre unserer Ansicht nach ganz richtig, das berühmte dis in dem Allegro der „Don Juan “-Ouverture oder den absteigenden Unisonogang darin einen geistreichen Zug zu nennen,
– nun und nimmermehr hat aber das erstere (wie Oulibicheff meint) „die feindliche Stellung Don Juanʼs gegen das Menschengeschlecht“, und letzterer die Väter, Gatten, Brüder und Liebhaber der von Don Juan ver
[84]führten Frauen vorgestellt. Sind alle diese Deutungen an sich schon vom Uebel, so
werden sie es doppelt bei Mozart, welcher – die musikalischste Natur, welche die Kunstgeschichte aufweist – Alles,
was er nur berührt hat, in Musik verwandelte. Oulibicheff sieht auch in der G-moll-Symphonie die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe in 4 verschiedenen Phasen genau ausgedrückt.
Die G-moll-Symphonie ist Musik und weiter nichts. Das ist jedenfalls genug. Man suche nicht die Darstellung
bestimmter Seelenprocesse oder Ereignisse in Tonstücken, sondern vor Allem Musik, und man wird rein genießen, was sie vollständig giebt. Wo das Musikalisch-Schöne
fehlt, wird das Hineinklügeln einer großartigen Bedeutung es nie ersetzen; und dies
ist unnütz, wo jenes existirt. Auf alle Fälle bringt es die musikalische Auffassung
in eine ganz falsche Richtung. Dieselben Leute, welche der Musik eine Stellung unter
den Offenbarungen des menschlichen Geistes vindiciren wollen, welche sie nicht hat
und nie erlangen wird, weil sie nicht im Stande ist, Ueberzeugungen mitzutheilen, – dieselben Leute haben auch den Ausdruck „Intention“ in Schwang gebracht.
In der Tonkunst giebtʼs keine „Intention“, welche die fehlende „Invention“ ersetzen
könnte. Was nicht zur Erscheinung kommt, ist in der Musik gar nicht da,
[85] was aber zur Erscheinung gekommen ist, hat aufgehört bloße Intention zu sein. Der
Ausspruch: „Er hat Intentionen“, wird meist in lobender Absicht angewandt, – mir scheint
er eher ein Tadel, welcher in trockenes Deutsch übersetzt etwa lauten würde: der Künstler
möchte wohl, allein er kann nicht. Kunst kommt aber von Können; wer nichts kann, – hat „Intentionen“.
3.30Wie das Schöne eines Tonstücks lediglich in dessen musikalischen Bestimmungen wurzelt, so folgen auch die Gesetze seiner Construction nur diesen. Es herrschen darüber eine Menge schwankender, irriger Ansichten, von welchen hier nur Eine angeführt werden mag.
3.31Dies ist nämlich die aus der Gefühlsanschauung hervorgegangene landläufige Theorie
der Sonate und Symphonie. Der Tonsetzer, heißt es, habe vier von einander verschiedene Seelenzustände, die aber mit einander (wie?) zusammenhängen, in den einzelnen Sätzen der Sonate
darzustellen. Um den unläugbaren Zusammenhang der Sätze zu rechtfertigen und ihre
verschiedene Wirkung zu erklären, zwingt man ordentlich den Zuhörer, ihnen bestimmte
Gefühle als Inhalt unterzulegen. Die Deutung paßt manchmal, öfter auch nicht, niemals
mit Nothwendigkeit. Dies aber wird immer mit Nothwendigkeit passen, daß vier Tonsätze
zu einem Ganzen verbunden sind,
[86] welche nach musikalisch-ästhetischen Gesetzen sich abzuheben und zu steigern haben. Wir verdanken dem phantasiereichen
Maler M. v. Schwind eine sehr anziehende Illustration der Clavierphantasie op. 80 von Beethoven, deren einzelne Sätze der Künstler als zusammenhängende Ereignisse derselben Hauptpersonen
auffaßte und bildlich darstellte. Gerade so wie der Maler Scenen und Gestalten aus
den Tönen heraussieht, so legt der Zuhörer Gefühle und Ereignisse hinein. Beides hat
damit einen gewissen Zusammenhang, aber keinen nothwendigen, und nur mit diesem haben es wissenschaftliche Gesetze zu thun.
3.32Man pflegt oft anzuführen, daß Beethoven beim Entwurf mancher seiner Compositionen sich bestimmte Ereignisse oder Seelenzustände
gedacht haben soll. Wo Beethoven oder irgend ein anderer Tonsetzer diesen Vorgang beobachtete, benützte er ihn bloß
als Hülfsmittel, sich durch den Zusammenhang eines objectiven Ereignisses das Festhalten
der musikalischen Einheit zu erleichtern. Wenn Berlioz , Liszt u. A. mehr als dies an der Dichtung, dem Titel oder dem Erlebniß zu haben glaubten, so ist dies
eine Selbsttäuschung. Die Einheit der musikalischen Stimmung istʼs, was die vier Sätze einer Sonate als organisch verbunden charakterisirt, nicht
aber der Zusammenhang mit dem vom Componisten gedachten Ob
[87]jecte. Wo sich dieser solch poetisches Gängelband versagte, und rein musikalisch erfand,
da wird man keine andere Einheit der Theile finden, als eine musikalische. Es ist
ästhetisch gleichgültig, ob sich Beethoven allenfalls bei seinen sämmtlichen Compositionen bestimmte Vorwürfe gewählt, wir kennen
sie nicht, sie sind daher für das Werk nicht existirend. Dieses selbst, ohne allen
Commentar, istʼs, was vorliegt, und wie der Jurist aus der Welt hinausfingirt, was
nicht in den Acten liegt, so ist für die ästhetische Beurtheilung nicht vorhanden,
was außerhalb des Kunstwerks lebt. Erscheinen uns die Sätze einer Composition als
einheitlich, so muß diese Zusammengehörigkeit in musikalischen Bestimmungen ihren Grund haben.21
[88]
3.33Einem möglichen Mißverstehen wollen wir schließlich dadurch begegnen, daß wir unsern
Begriff des „Musikalisch-Schönen“ nach drei Seiten feststellen. Das „Musikalisch-Schöne“
in dem von uns angenommenen specifischen Sinn beschränkt sich nicht auf das „Classische“,
noch enthält es eine Bevorzugung desselben vor dem „Romantischen“. Es gilt sowohl
in der einen als der andern Richtung, beherrscht Bach so gut wie Beethoven , Mozart so gut wie Schumann . Unsere Thesis also enthält auch nicht die Andeu
[89]tung einer Parteinahme. Der ganze Verlauf der gegenwärtigen Untersuchung spricht überhaupt
kein Sollen aus, sondern betrachtet nur ein Sein; kein bestimmtes musikalisches Ideal läßt sich daraus als das wahrhaft Schöne deduciren,
sondern bloß nachweisen, was in jeder, auch in den entgegengesetztesten Schulen in
gleicher Weise das Schöne ist.
3.34Es ist nicht lange her, seit man angefangen hat, Kunstwerke im Zusammenhang mit den
Ideen und Ereignissen der Zeit zu betrachten, welche sie erzeugte. Dieser unläugbare
Zusammenhang
[90] besteht wahrscheinlich auch für die Musik. Eine Manifestation des menschlichen Geistes,
muß sie wohl auch in Wechselbeziehung zu dessen übrigen Thätigkeiten stehen: zu den
gleichzeitigen Schöpfungen der dichtenden und bildenden Kunst, den poetischen, socialen,
wissenschaftlichen Zuständen ihrer Zeit, endlich den individuellen Erlebnissen und
Ueberzeugungen des Autors. Die Betrachtung und Nachweisung dieses Zusammenhangs an
einzelnen Tonkünstlern und Tonwerken ist demnach wohl berechtigt und ein wahrer Gewinn.
Doch muß man dabei sich stets in Erinnerung halten, daß ein solches Parallelisiren
künstlerischer Specialitäten mit bestimmten historischen Zuständen ein kunstgeschichtlicher, keineswegs ein rein ästhetischer Vorgang ist. So nothwendig die Verbindung der Kunstgeschichte mit der Aesthetik von
methodologischem Standpunkt erscheint, so muß doch jede dieser beiden Wissenschaften
ihr eigenstes Wesen vor einer unfreien Verwechselung mit der andern rein erhalten.
Mag der Historiker, eine künstlerische Erscheinung im Großen und Ganzen auffassend,
in Spontini den „Ausdruck des französisch en Kaiserreichs“, in Rossini die „politische Restauration“ erblicken, – der Aesthetiker hat sich lediglich an die
Werke dieser Männer zu halten, zu untersuchen, was daran schön sei und warum. Die
ästhetische Untersuchung weiß
[91] nichts und mag nichts wissen von den persönlichen Verhältnissen und der geschichtlichen
Umgebung des Componisten, nur was das Kunstwerk selbst ausspricht, wird sie hören
und glauben. Sie wird demnach in Beethovenʼs Symphonien, auch ohne Namen und Biographie des Autors zu kennen, ein Stürmen, Ringen,
unbefriedigtes Sehnen, kraftbewußtes Trotzen herausfinden, allein daß der Componist
republikanisch gesinnt, unverheirathet, taub gewesen, und all die andern Züge, welche
der Kunsthistoriker beleuchtend hinzuhält, wird jene nimmermehr aus den Werken lesen
und zur Würdigung derselben verwerthen dürfen. Die Verschiedenheit der Weltanschauung
eines Bach, Mozart, Haydn zu vergleichen, und den Contrast ihrer Compositionen darauf zurückzuführen, mag für
eine höchst anziehende, verdienstliche Unternehmung gelten, doch sie ist unendlich
complicirt und wird Fehlschlüssen um so ausgesetzter sein, je strenger sie den Causalnexus
darlegen wollte. Die Gefahr der Uebertreibung ist bei Annahme dieses Princips außerordentlich
groß. Man kann da leicht den losesten Einfluß der Gleichzeitigkeit als eine innere
Nothwendigkeit darstellen und die ewig unübersetzbare Tonsprache deuten, wie manʼs
eben braucht. Es wird rein auf die schlagfertige Durchführung desselben Paradoxons
ankommen, daß es im Munde des geist
[92]reichen Mannes eine Weisheit, in jenem des schlichten ein Unsinn erscheint.
3.35Auch Hegel hat in Besprechung der Tonkunst oft irregeführt, indem er seinen vorwiegend kunstgeschichtlichen Standpunkt unmerklich mit dem rein ästhetischen verwechselt und in der Musik Bestimmtheiten
nachweist, die sie an sich niemals hatte. „Einen Zusammenhang“ hat der Charakter jeden
Tonstückes mit dem seines Autors gewiß, allein er steht für den Aesthetiker nicht
zu Tage; – die Idee des nothwendigen Zusammenhangs aller Erscheinungen kann in ihrer concreten Nachweisung bis zur Caricatur übertrieben werden.
Es gehört heutzutage ein wahrer Heroismus dazu, dieser pikanten, geistreich repräsentirten
Richtung entgegenzutreten und auszusprechen, daß das „historische Begreifen“ und das
„ästhetische Beurtheilen“ verschiedene Dinge sind.22 Objectiv aber steht fest: erstens, daß die Verschiedenartigkeit des Ausdrucks der verschiedenen Werke und Schulen auf
einer durchgreifend verschiedenen Stellung der musikalischen Elemente beruhe, und zweitens, daß, was an einer Composition, sei es die strengste Bachʼsche Fuge, oder das träumerischste
[93] Notturno von Chopin, mit Recht gefällt, musikalisch schön sei.
3.36Noch weniger als mit dem Classischen kann das „Musikalisch-Schöne“ mit dem Architektonischen zusammenfallen, das es als Zweig in sich faßt. Die starre Erhabenheit übereinander gethürmter Figuration, die kunstreiche Verschlingung vieler Stimmen, von denen keine frei und selbstständig ist, weil es alle sind, haben ihre unvergängliche Berechtigung. Doch sind jene großartig düstern Stimmpyramiden der alten Italiener und Niederländer ebensosehr nur ein kleiner Bezirk auf dem Gebiete der musikalischen Schönheit, als die vielen zierlich ausgearbeiteten Salzfässer und silbernen Leuchter des ehrwürdigen Sebastian Bach.
3.37Viele Aesthetiker halten den musikalischen Genuß durch das Wohlgefallen am Regelmäßigen und Symmetrischen für ausreichend erklärt, worin doch niemals ein Schönes, vollends ein Musikalisch-Schönes
bestand. Das abgeschmackteste Thema kann vollkommen symmetrisch gebaut sein. „Symmetrie“
ist ja nur ein Verhältnißbegriff und läßt die Frage offen: Was ist es denn, das hier symmetrisch erscheint? – Die regelmäßige Anordnung geistloser,
abgenützter Theilchen wird sich gerade in den allerschlechtesten Compositionen nachweisen
lassen. Der musika
[94]lische Sinn verlangt immer neue symmetrische Bildungen.23
[95]
3.38Zuletzt hat für die Musik diese Platon ische Ansicht Oerstedt an dem Beispiel des Kreises entwickelt, dem er positive Schönheit vindicirt. Sollte er niemals die Entsetzlichkeit einer ganz kreisrunden Composition an sich erlebt haben?
3.39Vorsichtiger vielleicht als nothwendig, sei endlich noch hinzugefügt, daß die musikalische
Schönheit mit dem Mathematischen nichts zu thun hat. Die Vorstellung, welche Laien (darunter auch gefühlvolle Schriftsteller)
von der Rolle hegen, welche die Mathematik in der musikalischen Composition spielt,
ist eine merkwürdig vage. Nicht zufrieden damit, daß die Schwingungen der Töne, der
Abstand der Intervalle, das Consoniren und Dissoniren sich auf mathematische Verhältnisse
zurückführen lassen, sind sie überzeugt, auch das Schöne einer Tondichtung gründe sich
[96] auf Zahlen. Das Studium der Harmonielehre und des Contrapunkts gilt für eine Art Cabbala,
welche die „Berechnung“ der Composition lehre.
3.40 & 3.41Wenn für die Erforschung des physikalischen Theils der Tonkunst die Mathematik einen
unentbehrlichen Schlüssel liefert, so möge im fertigen Tonwerk hingegen ihre Bedeutung
nicht überschätzt werden. In einer Tondichtung, sei sie die schönste oder die schlechteste,
ist gar nichts mathematisch berechnet. Schöpfungen der Phantasie sind keine Rechenexempel.
Alle Monochord-Experimente, Klangfiguren, Intervallproportionen u. dgl. gehören nicht
hierher, der ästhetische Bereich fängt erst an, wo jene Elementarverhältnisse in ihrer Bedeutung aufgehört
haben. Die Mathematik regelt bloß den elementaren Stoff zu geistfähiger Behandlung
und spielt verborgen in den einfachsten Verhältnissen, aber der musikalische Gedanke
kommt ohne sie ans Licht. Wenn Oerstedt fragt: „Sollte wohl die Lebenszeit mehrerer Mathematiker hinreichen, alle Schönheiten einer Mozartʼschen Symphonie zu berechnen?“24, so bekenne ich, daß ich das nicht verstehe. Was soll denn oder kann berechnet werden? Etwa das Schwingungsverhältniß jedes Tones zum
nächstfolgenden, oder
[97] die Längen der einzelnen Perioden gegen einander? Was eine Musik zur Tondichtung macht
und sie aus der Reihe physikalischer Experimente hebt, ist ein Freies, Geistiges,
daher unberechenbar. Am musikalischen Kunstwerk hat die Mathematik einen ebenso kleinen oder ebenso großen Antheil, wie an den Hervorbringungen
der übrigen Künste. Denn Mathematik muß am Ende auch die Hand des Malers und Bildhauers
führen, Mathematik webt im Gleichmaß der Vers- und Strophenlängen, Mathematik im Bau
des Architekten, in den Figuren des Tänzers. In jeder genauen Kenntniß muß die Anwendung
der Mathematik, als Vernunftthätigkeit, eine Stelle finden. Nur eine wirklich positive,
schaffende Kraft muß man ihr nicht einräumen wollen, wie dies manche Musiker, diese
Conservativen der Aesthetik, gern möchten. Es ist mit der Mathematik ähnlich, wie
mit der Erzeugung der Gefühle im Zuhörer, – sie findet bei allen Künsten statt, aber
großer Lärm darüber ist bloß bei der Musik.
3.42 & 3.43Auch mit der Sprache hat man die Musik häufig zu parallelisiren und die Gesetze der ersteren für die letztere
aufzustellen versucht. Die Verwandtschaft des Gesanges mit der Sprache lag nahe genug, mochte man sich nun an die Gleichheit der physiologischen
Bedingungen halten oder an den gemeinsamen Charakter als Entäußerung
[98] des Innern durch die menschliche Stimme. Die analogen Beziehungen sind zu auffällig,
als daß wir hier darauf einzugehen hätten; es sei demnach nur ausdrücklich eingeräumt,
daß, wo es sich bei der Musik wirklich bloß um die subjective Entäußerung eines inneren
Dranges handelt, in der That die Gesetzlichkeit des sprechenden Menschen theilweise maßgebend für den singenden sein wird. Daß der in Leidenschaft Gerathende mit der Stimme steigt, während die Stimme
des sich beruhigenden Redners fällt; daß Sätze besonderen Gewichtes langsam, gleichgültige
Nebensachen schnell gesprochen werden: dies und Aehnliches wird der Gesangscomponist,
insbesondere der dramatische, nicht unbeachtet lassen dürfen. Allein man hat sich mit diesen begrenzten Analogien
nicht begnügt, sondern die Musik selbst als eine (unbestimmtere oder feinere) Sprache aufgefaßt und nun ihre Schönheitsgesetze aus der Natur der Sprache abstrahiren wollen.
Jede Eigenschaft und Wirkung der Musik wurde auf Aehnlichkeiten mit der Sprache zurückgeführt.
Wir sind der Ansicht, daß, wo es sich um das Specifische einer Kunst handelt, ihre
Unterschiede von verwandten Gebieten wichtiger sind als die Aehnlichkeiten. Unbeirrt
durch diese oft verlockenden, aber das eigentliche Wesen der Musik gar nicht treffenden
Analogien muß
[99] die ästhetische Untersuchung unablässig zu dem Punkte vordringen, wo Sprache und Musik
sich unversöhnlich scheiden. Nur aus diesem Punkte werden der Tonkunst wahrhaft fruchtbringende
Bestimmungen sprießen können. Der wesentliche Grundunterschied besteht aber darin,
daß in der Sprache der Ton nur ein Zeichen d. h. Mittel zum Zweck eines diesem Mittel ganz fremden Auszudrückenden ist, während in der Musik der Ton eine Sache ist d. h. als Selbstzweck auftritt. Die selbstständige Schönheit der Tonformen hier und die absolute Herrschaft
des Gedankens über den Ton als bloßes Ausdrucksmittel dort, stehen sich so ausschließend
gegenüber, daß eine Vermischung der beiden Principe eine logische Unmöglichkeit ist.
3.44Der Schwerpunkt des Wesens liegt also ganz wo anders bei der Sprache und bei der Musik, und um diesen Schwerpunkt gruppiren sich alle übrigen Eigenthümlichkeiten. Alle specifisch musikalischen Gesetze werden sich um die selbstständige Bedeutung und Schönheit der Töne drehen, alle sprachlichen Gesetze um die correcte Verwendung des Lautes zum Zweck des Ausdrucks.
3.45Die schädlichsten und verwirrendsten Anschauungen sind aus dem Bestreben hervorgegangen,
die Musik als eine Art Sprache aufzufassen; sie weisen uns täglich praktische Folgen
auf. So
[100] mußte es hauptsächlich Componisten von schwacher Schöpferkraft geeignet erscheinen,
die ihnen unerreichbare selbstständige musikalische Schönheit als ein falsches, sinnliches
Princip anzusehen, und die charakteristische Bedeutsamkeit der Musik dafür auf den
Schild zu heben. Ganz abgesehen von Richard Wagner ʼs Opern, findet man in den kleinsten Instrumentalsächelchen oft Unterbrechungen des
melodischen Flußes durch abgerissene Cadenzen, recitativische Sätze u. dgl., welche,
den Hörer befremdend, sich anstellen, als bedeuteten sie etwas Besonderes, während sie in der That nichts bedeuten als Unschönheit. Von
modernen Compositionen, welche fortwährend den großen Rhythmus durchbrechen, um mysteriöse
Zusätze oder gehäufte Contraste vorzudrängen, pflegt man zu rühmen, es strebe darin
die Musik ihre engen Grenzen durchzubrechen und zur Sprache sich zu erheben. Uns ist ein solches Lob immer sehr zweideutig erschienen. Die Grenzen
der Musik sind durchaus nicht eng, aber sehr genau fest gesteckt. Die Musik kann sich
niemals „zur Sprache erheben“ – herablassen müßte man eigentlich vom musikalischen
Standpunkt sagen –, indem die Musik ja offenbar eine gesteigerte Sprache sein müßte.25
[101]
3.46Das vergessen auch unsere Sänger, welche in Momenten größten Affects Worte, ja Sätze sprechend herausstoßen und damit die höchste Steigerung der Musik gegeben zu haben glauben.
Sie übersehen, daß der Uebergang vom Singen zum Sprechen stets ein Sinken ist, so
wie der höchste normale Sprechton noch immer tiefer klingt als selbst die tieferen
Gesangstöne desselben Organes. Ebenso schlimm als diese praktischen Folgen, ja noch
schlimmer, weil nicht allsogleich durch das
[102] Experiment geschlagen, sind die Theorien, welche der Musik die Entwicklungs- und Constructionsgesetze der Sprache aufdringen
wollen, wie es in älterer Zeit zum Theil von Rousseau und Rameau, in neuerer Zeit von den Jüngern R. Wagnerʼs versucht wird. Es wird dabei das wahrhafte Herz der Musik, die in sich selbst befriedigte
Formschönheit, durchstoßen und dem
[103] Phantom der „Bedeutung“ nachgejagt. Eine Aesthetik der Tonkunst müßte es daher zu
ihren wichtigsten Aufgaben zählen, die Grundverschiedenheit zwischen dem Wesen der
Musik und dem der Sprache unerbittlich darzulegen, und in allen Folgerungen das Princip
festzuhalten, daß, wo es sich um Specifisch-Musikalisches handelt, die Analogien mit
der Sprache jede Anwendung verlieren.
[104]
4.1 & 4.2Erachten wir es auch als Princip und erste Aufgabe der musikalischen Aesthetik, daß sie die usurpirte Herrschaft des Gefühls unter die berechtigte der Schönheit stelle – da nicht das Gefühl, sondern die Phantasie, als Thätigkeit des reinen Schauens, das Organ ist, aus welchem und für welches alles Kunstschöne zunächst entsteht – so behaupten doch die affirmativen Aeußerungen des Fühlens im praktischen Musikleben eine zu auffallende und wichtige Rolle, um durch bloße Unterordnung abgethan zu werden.
4.3So sehr die ästhetische Betrachtung sich nur an das Kunstwerk selbst zu halten hat,
so erweist sich doch in der Wirklichkeit dieses selbstständige Kunstwerk als wirksame
Mitte zwischen zwei lebendigen Kräften: seinem Woher und seinem Wohin, d. i. dem Componisten und dem Hörer.
[105] In dem Seelenleben dieser beiden kann die künstlerische Thätigkeit der Phantasie nicht so zu reinem Metall ausgeschieden sein, wie sie in dem fertigen, unpersönlichen
Kunstwerk vorliegt – vielmehr wirkt sie dort stets in enger Wechselbeziehung mit Gefühlen
und Empfindungen. Das Fühlen wird somit vor und nach dem fertigen Kunstwerk, vorerst im Tondichter, dann im Hörer eine Bedeutung behaupten,
der wir unsere Aufmerksamkeit nicht entziehen dürfen.
4.4Betrachten wir den Componisten. Ihn wird während des Schaffens eine gehobene Stimmung erfüllen, wie sie zur Befreiung
des Schönen aus dem Schacht der Phantasie kaum entbehrlich gedacht werden kann. Daß
diese gehobene Stimmung, nach der Individualität des Künstlers, mehr oder minder die
Färbung des werdenden Kunstwerkes annehmen, daß sie bald hoch, bald mäßiger fluthen
wird, nie aber bis zum überwältigenden Affecte, der das künstlerische Hervorbringen
vereitelt, daß die klare Besinnung hierbei wenigstens gleiche Wichtigkeit behauptet
mit der Begeisterung, – das sind bekannte, der allgemeinen Kunstlehre angehörige Bestimmungen.
Was speciell das Schaffen des Tonsetzers betrifft, so muß festgehalten werden, daß es ein stetes Bilden ist, ein Formen in Tonverhältnissen. Nirgend erscheint die Souverainetät des
[106] Gefühls, welche man so gern der Musik andichtet, schlimmer angebracht, als wenn man
sie im Componisten während des Schaffens voraussetzt und dieses als ein begeistertes
Extemporiren auffaßt. Die schrittweis vorgehende Arbeit, durch welche ein Musikstück,
das dem Tondichter anfangs nur in Umrissen vorschwebte, bis in die einzelnen Tacte
zur bestimmten Gestalt ausgemeißelt wird, allenfalls gleich in der empfindlichen vielgestaltigen
Form des Orchesters, ist so besonnen und complicirt, daß sie kaum verstehen kann,
wer nicht selbst einmal Hand daran gelegt. Nicht bloß etwa fugirte oder contrapunktische
Sätze, in welchen wir abmessend Note gegen Note halten, auch das fließendste Rondo,
die melodiöseste Arie erfordert, wie es unsere Sprache bedeutsam nennt, ein „Ausarbeiten“
ins Kleinste. Die Thätigkeit des Componisten ist eine in ihrer Art plastische und jener des bildenden Künstlers vergleichbar. Ebensowenig als dieser darf der Tondichter
seinem Stoff unfrei verwachsen sein, denn gleich ihm hat er ja sein (musikalisches)
Ideal objectiv hinzustellen, zur reinen Form zu gestalten.
4.5Das dürfte von Rosenkranz vielleicht übersehen worden sein, wenn er den Widerspruch bemerkt, aber ungelöst läßt,
warum die Frauen, welche doch von Natur vorzugsweise auf das Gefühl angewiesen sind, in der Composition
nichts
[107] leisten?26 Der Grund liegt – außer den allgemeinen Bedingungen, welche Frauen von geistigen Hervorbringungen
ferner halten – eben in dem plastischen Moment des Componirens, das eine Entäußerung der Subjectivität nicht minder, wenn gleich in verschiedener Richtung erheischt, als
die bildenden Künste. Wenn die Stärke und Lebendigkeit des Fühlens wirklich maßgebend
für das Tondichten wäre, so würde der gänzliche Mangel an Componistinnen neben so
zahlreichen Schriftstellerinnen und Malerinnen schwer zu erklären sein. Nicht das
Gefühl componirt, sondern die speciell musikalische, künstlerisch geschulte Begabung.
Ergötzlich klingt es daher, wenn F. L. Schubart die „meisterhaften Andantes“ des Componisten Stanitz ganz ernsthaft als eine natürliche „Folge seines gefühlvollen Herzens“ hinstellt,27 oder Christian Rolle uns versichert, „ein leutseliger, zärtlicher Charakter mache uns geschickt, langsame Sätze zu Meisterstücken
zu bilden“.28
4.6Ohne innere Wärme ist nichts Großes noch Schönes im Leben vollbracht worden. Das Ge
[108] fühl wird beim Tondichter, wie bei jedem Poeten, sich reich entwickelt vorfinden,
nur ist es nicht der schaffende Factor in ihm. Selbst wenn ein starkes, bestimmtes
Pathos ihn gänzlich erfüllt, so wird dasselbe Anlaß und Weihe manches Kunstwerks werden,
allein – wie wir aus der Natur der Tonkunst wissen, welche einen bestimmten Affect
darzustellen weder die Fähigkeit noch den Beruf hat – niemals dessen Gegenstand.
4.7Ein inneres Singen, nicht ein bloßes inneres Fühlen treibt den musikalisch Talentirten zur Erfindung eines Tonstücks.
4.8Wir haben die Thätigkeit des Componirens als ein Bilden aufgefaßt; als solches ist sie durchaus objectiv. Der Tonsetzer formt ein selbstständiges Schöne. Der unendlich ausdrucksfähige, geistige
Stoff der Töne läßt es zu, daß die Subjectivität des in ihnen Bildenden sich in der
Art seines Formens auspräge. Da schon den einzelnen musikalischen Elementen ein charakteristischer
Ausdruck eignet, so werden vorherrschende Charakterzüge des Componisten: Sentimentalität,
Energie, Heiterkeit u. s. w. sich durch die consequente Bevorzugung gewisser Tonarten,
Rhythmen, Uebergänge recht wohl nach den allgemeinen Momenten abdrücken, welche die Musik wiederzugeben fähig ist. Einmal vom Kunstwerk
aufgesogen, interessiren aber diese Charakterzüge nur
[109]mehr als musikalische Bestimmtheiten, als Charakter der Composition, nicht des Componisten.29 Was der gefühlvolle und was der geistreiche Componist bringt, der graziöse oder der
erhabene, ist zuerst und vor Allem Musik, objectives Gebilde. Ihre Werke werden sich von einander durch unverkennbare Eigenthümlichkeiten
unterscheiden und als Gesammtbild die Individualität ihrer Schöpfer abspiegeln; doch
wurden sie alle, die einen wie die andern, als selbstständiges Schöne rein musikalisch
um ihretwillen erschaffen.
4.9Nicht das thatsächliche Gefühl des Componisten, als eine bloß subjective Affection,
ist es, was die gleiche Stimmung in den Hörern wachruft. Räumt man der Musik solch
eine zwingende Macht ein, so anerkennt man dadurch deren Ursache als etwas Objectives
in ihr, denn nur dieses zwingt in allem Schönen. Dies Objective sind hier die musikalischen Bestimmtheiten eines
[110] Tonstücks. Streng ästhetisch können wir von irgend einem Thema sagen, es klinge stolz oder trübe, nicht aber, es sei ein Ausdruck der stolzen oder der trüben Gefühle
des Componisten. Noch ferner liegen dem Charakter eines Tonwerkes als solchem die
socialen und politischen Verhältnisse, welche seine Zeit beherrschen. Jener musikalische Ausdruck des Themas ist nothwendige Folge seiner so und nicht anders gewählten Tonfactoren;
daß diese Wahl aus psychologischen oder culturgeschichtlichen Ursachen hervorging,
müßte an dem bestimmten Werke (nicht bloß aus Jahreszahl und Geburtsort) nachgewiesen
werden, und nachgewiesen wäre dieser Zusammenhang, wie interessant auch immer, zunächst
eine lediglich historische oder biographische Thatsache. Die ästhetische Betrachtung kann sich auf keine Umstände stützen, die außerhalb des Kunstwerks selbst
liegen.
4.10So gewiß die Individualität des Componisten in seinen Schöpfungen einen symbolischen Ausdruck finden wird, so irrig wäre es, aus diesem persönlichen Moment Begriffe ableiten zu wollen, die ihre wahrhafte Begründung nur in der Objectivität des künstlerischen Bildens finden. Dahin gehört der Begriff des Styls.30
[111]
4.11Wir möchten den Styl in der Tonkunst von Seite seiner musikalischen Bestimmtheiten aufgefaßt wissen, als die vollendete Technik, wie sie im Ausdruck des schöpferischen Gedankens als Gewöhnung erscheint. Der Meister bewährt „Styl“, indem er, die klar erfaßte Idee verwirklichend, alles Kleinliche, Unpassende, Triviale wegläßt und so in jeder technischen Einzelheit die künstlerische Haltung des Ganzen übereinstimmend wahrt. Mit Vischer (Aesthetik §. 527) würden wir das Wort „Styl“ auch in der Musik absolut gebrauchen und, absehend von den historischen oder individuellen Eintheilungen, sagen: dieser Componist hat Styl, in dem Sinne wie man von Jemand sagt: er hat Charakter.
4.12Die architektonische Seite des Musikalisch-Schönen tritt bei der Stylfrage recht deutlich in den Vordergrund.
Eine höhere Gesetzlichkeit, als die der bloßen Proportion, wird der Styl eines Tonstücks durch einen einzigen Tact verletzt, der, an sich untadelhaft, nicht
zum Ausdruck des Ganzen stimmt. Genau so wie eine unpassende Arabeske
[112] im Bauwerk, nennen wir styllos eine Cadenz oder Modulation, welche als Inconsequenz
aus der einheitlichen Durchführung des Grundgedankens abspringt. Natürlich ist diese
Einheit im weiteren, höheren Sinne zu nehmen, wonach sie unter Umständen den Contrast,
die Episode und manche Freiheiten in sich begreift.
4.13In der Composition eines Musikstückes findet daher eine Entäußerung des eigenen, persönlichen Affectes nur insoweit statt, als es die Grenzen einer vorherrschend objectiven, formenden Thätigkeit zulassen.
4.14Der Act, in welchem die unmittelbare Ausströmung eines Gefühls in Tönen vor sich gehen kann, ist nicht sowohl die Erfindung eines Tonwerkes, als vielmehr die Reproduction desselben. Daß für den philosophischen Begriff das componirte Tonstück, ohne Rücksicht auf dessen Aufführung, das fertige Kunstwerk ist, darf uns nicht hindern, die Spaltung der Musik in Composition und Reproduction, eine der folgenreichsten Specialitäten unserer Kunst, überall zu beachten, wo sie zur Erklärung eines Phänomens beiträgt.
4.15In der Untersuchung des subjectiven Eindrucks der Musik macht sie sich ganz vorzugsweise
geltend. Dem Spieler ist es gegönnt, sich des Gefühls, das ihn eben beherrscht, unmittelbar durch sein
Instrument zu befreien und in seinen
[113] Vortrag das wilde Stürmen, das sehnliche Glühen, die heitere Kraft und Freude seines
Innern zu hauchen. Schon das körperlich Innige, das durch meine Fingerspitzen die innere Bebung unvermittelt an die Saite
drückt oder den Bogen reißt oder gar im Gesange selbsttönend wird, macht den persönlichsten
Erguß der Stimmung im Musiciren recht eigentlich möglich. Eine Subjectivität wird
hier unmittelbar in Tönen tönend wirksam, nicht bloß stumm in ihnen formend. Der Componist schafft langsam, unterbrochen,
der Spieler in unaufhaltsamem Flug; der Componist für das Bleiben, der Spieler für
den erfüllten Augenblick. Das Tonwerk wird geformt, die Aufführung erleben wir. So liegt denn das gefühlsentäußernde und erregende Moment der Musik im Reproductionsact,
welcher den elektrischen Funken aus dunkelm Geheimniß lockt und in das Herz der Zuhörer
überspringen macht. Freilich kann der Spieler nur das bringen, was die Composition
enthält, allein diese erzwingt wenig mehr als die Richtigkeit der Noten. „Der Geist
des Tondichters sei es ja nur, den der Spieler errathe und offenbare“ – wohl, aber eben diese Aneignung
im Moment des Wiederschaffens ist sein, des Spielers, Geist. Dasselbe Stück belästigt
oder entzückt, je nachdem es zu tönender Wirklichkeit belebt wird. Es ist, wie
[114] derselbe Mensch, einmal in seiner verklärendsten Begeisterung, das anderemal in mißmuthiger
Alltäglichkeit aufgefaßt. Die künstlichste Spieluhr kann das Gefühl des Hörers nicht
bewegen, doch der einfachste Musikant wird es, wenn er mit voller Seele bei seinem
Liede ist.
4.16Zur höchsten Unmittelbarkeit befreit sich die Offenbarung eines Seelenzustandes durch Musik, wo Schöpfung und Ausführung in Einen Act zusammenfallen. Dies geschieht in der freien Phantasie. Wo diese nicht mit formell künstlerischer, sondern mit vorwiegend subjectiver Tendenz (pathologisch in höherem Sinn) auftritt, da kann der Ausdruck, welchen der Spieler den Tasten entlockt, ein wahres Sprechen werden. Wer dies censurfreie Sprechen, dies entfesselte Sichselbstgeben mitten in strengem Bannkreise je an sich selbst erlebt hat, der wird ohne Weiteres wissen, wie da Liebe, Eifersucht, Wonne und Leid unverhüllt und doch unfahndbar hinausrauschen aus ihrer Nacht, ihre Feste feiern, ihre Sagen singen, ihre Schlachten schlagen, bis der Meister sie zurückruft, beruhigt, beunruhigend.
4.17Durch die entbundene Bewegung des Spielers theilt sich der Ausdruck des Gespielten dem Hörer mit. Wenden wir uns zu diesem.
4.18Wir sehen ihn oft von einer Musik ergriffen, froh oder wehmüthig bewegt, weit über
das bloß
[115] ästhetische Wohlgefallen hinaus im Innersten emporgetragen oder erschüttert. Die Existenz
dieser Wirkungen ist unleugbar, wahrhaft und echt, oft die höchsten Grade erreichend,
zu bekannt endlich, als daß wir ihr ein beschreibendes Verweilen zu widmen brauchten.
Es handelt sich hier nur um zweierlei: – worin im Unterschied von andern Gefühlsbewegungen
der specifische Charakter dieser Gefühlserregung durch Musik liege, und wieviel von dieser Wirkung ästhetisch sei.
4.19Müssen wir auch das Vermögen, auf die Gefühle zu wirken, allen Künsten ausnahmslos zuerkennen, so ist doch der Art und Weise, wie die Musik es ausübt, etwas Specifisches, nur ihr Eigenthümliches nicht abzusprechen. Musik wirkt auf den Gemüthszustand rascher und
intensiver als irgend ein anderes Kunstschöne. Mit wenigen Accorden können wir einer
Stimmung überliefert sein, welche ein Gedicht erst durch längere Exposition, ein Bild
durch anhaltendes Hineindenken erreichen würde, obgleich diesen beiden, im Vortheil
gegen die Tonkunst, der ganze Kreis der Vorstellungen dienstbar ist, von welchen unser
Denken die Gefühle von Lust und Schmerz abhängig weiß. Nicht nur rascher, auch unmittelbarer
und intensiver ist die Einwirkung der Töne. Die andern Künste überreden, die Musik
überfällt uns. Diese ihre eigenthümliche Gewalt auf unser
[116] Gemüth erfahren wir am stärksten, wenn wir uns in einem Zustand größerer Aufregung
oder Herabstimmung befinden.
4.20In Gemüthszuständen, wo weder Gemälde noch Gedichte, weder Statuen noch Bauten mehr im Stande sind, uns zu theilnehmender Aufmerksamkeit zu reizen, wird Musik noch Macht über uns haben, ja gerade heftiger als sonst. Wer in schmerzhaft aufgeregter Stimmung Musik hören oder machen muß, dem schwingt sie wie Essig in der Wunde. Keine Kunst kann da so tief und scharf in unsere Seele schneiden. Form und Charakter des Gehörten verlieren dann ganz ihre Bedeutung, sei es nächtigtrübes Adagio oder ein hellfunkelnder Walzer, wir können uns nicht loswinden von seinen Klängen, – nicht mehr das Tonstück fühlen wir, sondern die Töne selbst, die Musik als gestaltlos dämonische Gewalt, wie sie glühend an die Nerven unseres ganzen Leibes rückt.
4.21Als Goethe in hohem Alter noch einmal die Gewalt der Liebe erfuhr, da erwachte in ihm zugleich
eine nie gekannte Empfänglichkeit für Musik. Er schreibt über jene wunderbaren Marienbad er Tage (1823) an Zelter: „Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der Milder , das Klangreiche der Szymanowska , ja sogar die öffentlichen Exhibitionen des hiesigen Jägercorps falten mich aus
[117] einander, wie man eine geballte Faust freundlich flach läßt. Ich bin völlig überzeugt,
daß ich im ersten Tacte Deiner Singakademie den Saal verlassen müßte.“ Zu einsichtsvoll, um nicht den großen Antheil nervöser Aufregung in dieser Erscheinung zu erkennen, schließt Goethe mit den Worten: „Du würdest mich von einer krankhaften Reizbarkeit heilen, die denn doch eigentlich
als die Ursache jenes Phänomens anzusehen ist.“31 Diese Beobachtungen müssen uns schon aufmerksam machen, daß in den musikalischen Wirkungen
auf das Gefühl häufig ein fremdes, nicht rein ästhetisches Element mit im Spiele sei.
Eine rein ästhetische Wirkung wendet sich an die volle Gesundheit des Nervenlebens,
und zählt auf kein krankhaftes Mehr oder Weniger desselben.
4.22Die intensivere Einwirkung der Musik auf unser Nervensystem vindicirt ihr in der That
einen Machtüberschuß vor den anderen Künsten. Wenn wir aber die Natur dieses Machtüberschusses
untersuchen, so erkennen wir, daß er ein qualitativer sei und daß die eigenthümliche Qualität auf physiologischen Bedingungen ruhe. Der sinnliche Factor, der bei jedem Schönheitsgenuß den geistigen
trägt, ist bei der Tonkunst größer
[118] als in den andern Künsten. Die Musik, durch ihr körperloses Material die geistigste,
von Seite ihres gegenstandlosen Formspiels die sinnlichste Kunst, zeigt in dieser
geheimnißvollen Vereinigung zweier Gegensätze ein lebhaftes Assimilationsbestreben
mit den Nerven, diesen nicht minder räthselhaften Organen des unsichtbaren Telegraphendienstes zwischen
Leib und Seele.
4.23Die intensive Wirkung der Musik auf das Nervenleben ist als Thatsache von der Psychologie wie von der Physiologie vollständig anerkannt. Leider fehlt noch eine ausreichende Erklärung derselben. Es vermag die Psychologie nimmermehr das Magnetisch-Zwingende des Eindrucks zu ergründen, den gewisse Accorde, Klangfarben und Melodien auf den ganzen Organismus des Menschen üben, weil es dabei zuvörderst auf eine specifische Reizung der Nerven ankommt. Ebensowenig hat die im Triumph fortschreitende Wissenschaft der Physiologie etwas Entscheidendes über unser Problem gebracht.
4.24Was die musikalischen Monographien dieses Zwittergegenstandes betrifft, so ziehen
sie es fast durchgängig vor, die Tonkunst durch Ausbreitung glänzender Schaustücke
in einen imposanten Nimbus von Wunderthätigkeit zu bringen, als in wissenschaftlicher
Forschung den Zusammenhang der Musik mit unserm Nervenleben auf sein Wahres
[119] und Nothwendiges zurückzuführen. Dies allein aber thut uns Noth, und weder die Ueberzeugungstreue
eines Doctor Albrecht, welcher seinen Patienten Musik als schweißtreibendes Mittel verschrieb, noch der
Unglaube Oerstedtʼs, der das Heulen eines Hundes bei gewissen Tonarten durch rationelle Prügel erklärt,
mittelst welcher derselbe zum Heulen abgerichtet worden sei.32
4.25Manchem Musikfreunde dürfte es unbekannt sein, daß wir eine ganze Literatur über die körperlichen Wirkungen der Musik und deren Anwendung zu Heilzwecken besitzen. An interessanten Curiositäten reich, doch in der Beobachtung unzuverlässig, in der Erklärung unwissenschaftlich, suchen die meisten dieser Musico-Mediciner eine sehr zusammengesetzte und beiläufige Eigenschaft der Tonkunst zu selbstständiger Wirksamkeit aufzustelzen.
4.26Von Pythagoras, der zuerst Wundercuren durch Musik verrichtet haben soll, bis auf unsere Tage taucht
zeitweilig immer wieder, mehr durch neue Beispiele, als durch neue Ideen bereichert,
die Lehre auf, man könne die aufregende oder lindernde Wirkung der Töne auf den körperlichen
Organismus als Heilmittel gegen zahlreiche Krankheiten in Anwendung bringen. Peter Lichten
[120]thal erzählt uns ausführlich in seinem „Musikalischen Arzt “, wie durch die Macht der Töne Gicht, Hüftweh, Epilepsie, Starrsucht, Pest, Fieberwahnsinn, Convulsionen, Nervenfieber, ja sogar „Dummheit“ (stupiditas) geheilt worden sei.33
4.27Rücksichtlich der Begründung ihrer Theorie lassen sich diese Schriftsteller in zwei Klassen theilen.
4.28Die Einen argumentiren vom Körper aus und gründen die Heilkraft der Musik auf die physische Einwirkung der Schallwellen,
welche sich durch den Gehörnerv den übrigen Nerven mittheile und durch solch allgemeine
Erschütterung eine heilsame Reaction des gestörten Organismus hervorrufe. Die Affecte,
welche zugleich sich bemerkbar machten, seien nur eine Folge dieser nervösen Erschütterung,
indem Leidenschaften nicht bloß gewisse körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern
diese auch ihrerseits die ihnen
[121] entsprechenden Leidenschaften zu erzeugen vermögen.
4.29Nach dieser Theorie, welcher (unter dem Vortritt des Engländers Webb) Nikolai, Schneider, Lichtenthal, J. J. Engel, Sulzer u. A. anhängen, würden wir durch die Tonkunst nicht anders bewegt, als etwa unsere Fenster und Thüren, die bei einer starken Musik zu zittern beginnen. Als unterstützend werden Beispiele angeführt, wie der Bediente Boyleʼs, dem die Zähne zu bluten anfingen, sobald er eine Säge wetzen hörte, oder viele Personen, welche beim Kratzen einer Messerspitze auf Glas Convulsionen bekommen.
4.30Das ist nur keine Musik. Daß diese mit jenen so heftig auf die Nerven wirkenden Erscheinungen dasselbe Substrat, den Schall theilt, wird uns für spätere Folgerungen wichtig genug werden, hier ist – einer materialistischen Ansicht gegenüber – lediglich hervorzuheben, daß die Tonkunst erst da anfange, wo jene isolirten Klangwirkungen aufhören, übrigens auch die Wehmuth, in welche ein Adagio den Hörer versetzen kann, mit der körperlichen Empfindung eines schrillen Mißklangs gar nicht zu vergleichen ist.
4.31Die andere Hälfte unserer Autoren (unter ihnen Kausch und die meisten Aesthetiker) erklärt die heilkräftigen Wirkungen der Musik von der
[122]psychologischen Seite aus. Musik – so argumentiren sie – erzeugt Affecte und Leidenschaften in der
Seele, Affecte haben heftige Bewegungen im Nervensystem zur Folge, heftige Bewegungen
im Nervensystem verursachen eine heilsame Reaction im kranken Organismus. Dieses Raisonnement,
auf dessen Sprünge gar nicht erst hingedeutet zu werden braucht, wird von der genannten
idealen „psychologischen“ Schule gegen die frühere materielle so standhaft verfochten,
daß sie, unter der Autorität des Engländers Whytt, sogar aller Physiologie zu Trotz den Zusammenhang des Gehörnervs mit den übrigen
Nerven leugnet, wonach eine körperliche Uebertragung des durch das Ohr empfangenen Reizes auf den Gesammtorganismus freilich
unmöglich wird.
4.32Der Gedanke, durch Musik bestimmte Affecte als Liebe, Wehmuth, Zorn, Entzücken, in
der Seele zu erregen, welche den Körper durch wohlthätige Aufregung heilen, klingt
so übel nicht. Uns fällt dabei stets das köstliche Parere ein, welches einer unserer
berühmtesten Naturforscher über die sogenannten „Goldbergerʼschen elektromagnetischen Ketten“ abgab. Er sagte: es sei nicht ausgemacht, ob ein
elektrischer Strom gewisse Krankheiten zu heilen vermöge, – das aber sei ausgemacht,
daß die „Goldberger ʼschen Ketten“ keinen elektrischen Strom zu erzeugen im Stande
[123] sind. Auf unsere Tondoctoren angewandt, heißt dies: Es ist möglich, daß bestimmte Gemüthsaffecte eine glückliche Krisis in leiblichen Krankheiten herbeiführen,
– allein es ist nicht möglich, durch Musik jederzeit beliebige Gemüthsaffecte hervorzubringen.
4.33Darin kommen beide Theorien, die psychologische und die physiologische, überein, daß sie aus bedenklichen Voraussetzungen noch bedenklichere Ableitungen folgern und endlich die bedenklichste praktische Schlußfolgerung daraus ziehen. Logische Ausstellungen mag sich eine Heilmethode etwa gefallen lassen, aber daß sich bis jetzt noch immer kein Arzt bewogen findet, seine Typhuskranken in Meyerbeer ʼs „Propheten“ zu schicken, oder statt der Lanzette ein Waldhorn herauszuziehen, ist unangenehm.
4.34Die körperliche Wirkung der Musik ist weder an sich so stark, noch so sicher, noch von psychischen und ästhetischen Voraussetzungen so unabhängig, noch endlich so willkürlich behandelbar, daß sie als wirkliches Heilmittel in Betracht kommen könnte.
4.35Jede mit Beihilfe von Musik vollführte Cur trägt den Charakter eines Ausnahmefalles,
dessen Gelingen niemals der Musik allein zuzuschreiben war, sondern zugleich von speciellen,
vielleicht von ganz individuellen körperlichen und geistigen Be
[124]dingungen abhing. Es ist sehr bemerkenswerth, daß die einzige Anwendung von Musik,
welche wirklich in der Medicin vorkommt, nämlich in der Behandlung von Irrsinnigen,
vorzugsweise auf die geistige Seite der musikalischen Wirkung reflectirt. Die moderne
Psychiatrie verwendet bekanntlich Musik in vielen Fällen und mit glücklichem Erfolge.
Dieser beruht aber weder auf der materiellen Erschütterung des Nervensystems, noch
auf der Erregung der Leidenschaften, sondern auf dem besänftigend aufheiternden Einfluß,
welchen das halb zerstreuende, halb fesselnde Tonspiel auf ein verdüstertes oder überreiztes
Gemüth auszuüben vermag. Lauscht der Geisteskranke auch dem Sinnlichen, nicht dem
Künstlerischen des Tonstücks, so steht er doch, wenn er mit Aufmerksamkeit hört, schon
auf einer, wenn gleich untergeordneten Stufe ästhetischer Auffassung.
4.36Was nun alle diese musikalisch-medicinischen Werke für die richtige Erkenntniß der
Tonkunst beitragen? Die Bestätigung einer von jeher beobachteten starken physischen
Erregung bei allen durch Musik hervorgerufenen „Affecten“ und „Leidenschaften“. Steht
einmal fest, daß ein integrirender Theil der durch Musik erzeugten Gemüthsbewegung physisch ist, so folgt weiter, daß dies Phänomen, als wesentlich in unserm Nervenleben vorkommend,
auch von dieser seiner
[125] körperlichen Seite erforscht werden müsse. Es kann demnach der Musiker über dies Problem
sich keine wissenschaftliche Ueberzeugung bilden, ohne sich mit den Ergebnissen bekannt
zu machen, bei welchen der gegenwärtige Standpunkt der Physiologie in Untersuchung des Zusammenhangs der Musik mit den Gefühlen hält.
4.37Verfolgen wir den Gang, welchen eine Melodie nehmen muß, um auf unsere Gemüthsstimmung
zu wirken, so finden wir ihren Weg vom vibrirenden Instrument bis zum Gehörnerv, besonders
nach den epochemachenden Bereicherungen dieses Gebiets durch Helmholtz’ „Lehre von den Tonempfindungen“ hinreichend aufgeklärt. Die Akustik weist genau die äußeren Bedingungen nach, unter
welchen wir einen Ton überhaupt, unter welchen wir diesen oder jenen bestimmten Ton
vernehmen; die Anatomie deckt uns unter Mithilfe des Mikroskops den Bau des Gehörorgans
bis in’s Innerste und Feinste auf; die Physiologie endlich kann zwar an diesem überaus
kleinen und zarten, tief verborgenen Wunderbau keine directen Versuche anstellen,
hat aber doch dessen Wirkungsweise zum Theil mit Sicherheit ermittelt, zum Theil durch
eine, von Helmholtz aufgestellte Hypothese so klar gelegt, daß uns jetzt der ganze Vorgang der Tonempfindung
physiologisch verständlich ist. Selbst darüber hinaus, auf
[126] dem Gebiete, in dem sich bereits die Naturwissenschaft eng mit der Aesthetik berührt,
haben uns die Forschungen von Helmholtz über die Consonanz und die Verwandtschaft der Töne viel Licht gegeben, wo noch bis
vor kurzem viel Dunkel herrschte. Aber damit freilich stehen wir auch am Ende unserer
Kenntniß. Das für uns Wichtigste ist und bleibt unerklärt: der Nervenproceß, durch
welchen nun die Empfindung des Tones zum Gefühl, zur Gemüthsstimmung wird. Die Physiologie weiß, daß das, was wir als Ton empfinden, eine Molecularbewegung
in der Nervensubstanz ist, und zwar wenigstens eben so gut als im Akusticus in den
Centralorganen. Sie weiß, daß die Fasern des Gehörnervs mit den anderen Nerven zusammenhängen,
und seine Reize auf sie übertragen, daß das Gehör namentlich mit dem kleinen und großen
Gehirn, dem Kehlkopf, der Lunge, dem Herzen in Verbindung steht. Unbekannt ist ihr
aber die specifische Art, wie Musik auf diese Nerven wirkt, noch mehr die Verschiedenheit,
mit welcher bestimmte musikalische Factoren, Accorde, Rhythmen, Instrumente auf verschiedene
Nerven wirken. Vertheilt sich eine musikalische Gehörsempfindung auf alle mit dem
Akusticus zusammenhängende Nerven, oder nur auf einige? Mit welcher Intensität? Von
welchen musikalischen Elementen wird das Gehirn, von
[127] welchen werden die zum Herzen oder zur Lunge führenden Nerven am meisten afficirt?
Unleugbar ist, daß Tanzmusik in jungen Leuten, deren natürliches Temperament nicht
durch die Uebung der Civilisation ganz zurückgehalten wird, ein Zucken im Körper,
namentlich in den Füßen hervorruft. Es wäre einseitig, den physiologischen Einfluß von Marsch- und Tanzmusik zu leugnen, und ihn lediglich auf psychologische Ideenassociation reduciren zu wollen. Was daran psychologisch ist, – die wachgerufene
Erinnerung an das schon bekannte Vergnügen des Tanzes, – entbehrt nicht der Erklärung,
allein diese reicht für sich keineswegs aus. Nicht weil sie Tanzmusik ist, hebt sie
die Füße, sondern sie ist Tanzmusik, weil sie die Füße hebt. Wer in der Oper ein wenig
um sich blickt, wird bald bemerken, wie bei lebhaften, faßlichen Melodien die Damen
unwillkürlich mit dem Kopfe hin- und herschaukeln, nie wird man dies aber bei einem
Adagio sehen, sei es noch so ergreifend oder melodisch. Läßt sich daraus schließen,
daß gewisse musikalische, namentlich rhythmische Verhältnisse auf motorische Nerven
wirken, andere nur auf Empfindungsnerven? Wann ist das Erstere, wann das Letztere
der Fall?34
[128] Erleidet das Solargeflecht, welches traditionell für einen vorzugsweisen Sitz des
Empfindens gilt, bei der Musik eine besondere Affection? Erleiden sie etwa die „sympathischen
Nerven“ – an denen, wie Purkinje mir einst bemerkte, ihr Name das Schönste ist –? Warum ein Klang schrillend, widerwärtig,
ein anderer rein und wohllautend erscheine, das wird auf akustischem Wege durch die
Gleichförmigkeit und Ungleichförmigkeit der auf einander folgenden Luftstöße – warum
mehrere zusammenklingende Töne consoniren oder dissoniren, wird durch ihren ungestörten,
gleichmäßigen oder gestörten, ungleichmäßigen Abfluß erklärt.35 Diese Erklärungen mehr oder minder einfacher Gehörsempfindungen können aber dem Aesthetiker nicht genügen; er verlangt nach
[129] der Erklärung des Gefühls und fragt: wie kommt es, daß die eine Reihe von wohlklingenden Tönen den Eindruck
der Trauer, eine zweite von gleichfalls wohlklingenden den Eindruck der Freude macht?
Woher die entgegengesetzten, oft mit zwingender Kraft auftretenden Stimmungen, welche
verschiedene Accorde oder Instrumente von gleich reinem, wohlklingendem Ton dem Hörer
unmittelbar einflößen?
4.38Dies Alles kann – soweit unser Wissen und Urtheil reicht – die Physiologie nicht beantworten. Wie sollte sie auch? Weiß sie doch nicht, wie der Schmerz die Thräne erzeugt, wie die Freude das Lachen, – weiß sie doch nicht, was Schmerz und Freude sind! Hüte sich deshalb Jeder, von einer Wissenschaft Aufschlüsse zu verlangen, die sie nicht geben kann.36
[130]
4.39Freilich muß der Grund jedes durch Musik hervorgerufenen Gefühls vorerst in einer bestimmten Affectionsweise der Nerven durch einen Gehörseindruck liegen. Wie aber eine Reizung des Gehörnervs, die wir nicht einmal bis zu dessen Ursprungsstelle verfolgen können, als bestimmte Empfindungsqualität ins Bewußtsein fällt, wie der körperliche Eindruck zum Seelenzustand, die Empfindung endlich zum Gefühle wird, – das liegt jenseits der dunklen Brücke, die von keinem Forscher überschritten ward. Es sind tausendfältige Umschreibungen des einen Urräthsels: vom Zusammenhang des Leibes mit der Seele. Diese Sphinx wird sich niemals vom Felsen stürzen.37
4.40Was die Physiologie der Musikwissenschaft bietet, ist von höchster Wichtigkeit für unsere Erkenntniß der Gehörseindrücke als solcher; in dieser Beziehung kann durch sie noch mancher Fortschritt geschehen: in der musikalischen Hauptfrage wird dies kaum je der Fall sein.
[131]
4.44Aus diesem Resultate ergiebt sich für die Aesthetik der Tonkunst die Betrachtung,
daß diejenigen Theoretiker, welche das Princip des Schönen in der Musik auf Gefühlswirkungen
bauen, wissenschaftlich verloren sind, weil sie über das Wesen dieses Zusammenhanges
nichts wissen können, also besten Falls nur darüber zu rathen oder zu phantasiren
vermögen. Vom Standpunkte des Gefühls wird eine künstlerische oder wissenschaftliche
Bestimmung der Musik niemals ausgehen können. Mit der Schilderung der subjectiven
Bewegungen, welche den Kritiker bei Anhörung einer Symphonie überkommen, wird er deren
Werth und Bedeutung nicht begründen, ebenso wenig kann er von den Affecten ausgehend
den Kunstjünger etwas lehren. Letzteres ist wichtig. Denn stünde der Zusammenhang
bestimmter Gefühle mit gewissen musikalischen Ausdrucksweisen so zuverlässig da, als
man geneigt ist zu glauben, und als er dastehen müßte, um die ihm vindicirte Bedeutung
zu behaupten, so wäre es ein Leichtes, den angehenden Componisten bald zur Höhe ergreifendster
Kunstwirkung zu leiten. Man wollte dies auch wirklich. Mattheson lehrt im dritten Kapitel seines „vollkommenen Capellmeisters “, wie Stolz, Demuth und alle Leidenschaften zu componiren seien, indem er z. B. sagt,
die „Erfindungen“ zur Eifersucht müssen „alle was Ver
[132]drießliches, Grimmiges und Klägliches haben“. Ein anderer Meister des vorigen Jahrhunderts, Heinchen, giebt in seinem „Generalbaß “ acht Bogen Notenbeispiele, wie die Musik „rasende, zankende, prächtige, ängstliche oder verliebte Empfindungen“ ausdrücken solle.38 Es fehlt nur noch, daß derlei Vorschriften mit der Kochbuch-Formel „Man nehme“ anhüben,
oder mit der medicinischen Signatur m. d. s. endigten. Es holt sich aus solchen Bestrebungen
die lehrreichste Ueberzeugung, wie specielle Kunstregeln immer zugleich zu eng und
zu weit sind.
4.45Diese an sich bodenlosen Regeln für die musikalische Erweckung bestimmter Gefühle
gehören aber um so weniger in die Aesthetik, als die erstrebte Wirkung keine rein
ästhetische, sondern ein unausscheidbarer Antheil daran körperlich ist. Das ästhetische Recept müßte lehren, wie der Tonkünstler das Schöne in der Musik erzeuge,
[133] nicht aber beliebige Affecte im Auditorium. Wie ganz ohnmächtig diese Regeln wirklich sind, das zeigt am schönsten die Erwägung, wie zaubermächtig sie sein müßten. Denn wäre die Gefühlswirkung jedes musikalischen Elements eine nothwendige und erforschbare,
so könnte man auf dem Gemüth des Hörers, wie auf einer Claviatur spielen. Und falls
man es vermöchte – würde die Aufgabe der Kunst dadurch gelöst? So nur lautet die berechtigte
Frage und verneint sich von selbst. Musikalische Schönheit allein ist die wahre Kraft des Tonkünstlers. Auf ihren Schultern schreitet er sicher
durch die reißenden Wogen der Zeit, in denen das Gefühlsmoment ihm keinen Strohhalm
bietet vorm Ertrinken.
4.46Man sieht unsere beiden Fragen – nämlich, welches specifische Moment die Gefühlswirkung durch Musik auszeichne, und ob dies Moment wesentlich ästhetischer Natur sei – erledigen sich durch die Erkenntniß ein und desselben Factors: der intensiven Einwirkung auf das Nervensystem. Auf dieser beruht die eigenthümliche Stärke und Unmittelbarkeit, mit welcher die Musik im Vergleich mit jeder andern nicht durch Töne wirkenden Kunst Affecte aufzuregen vermag.
4.47Je stärker aber eine Kunstwirkung körperlich überwältigend, also pathologisch auftritt,
desto geringer ist ihr ästhetischer Antheil; ein Satz,
[134] der sich freilich nicht umkehren läßt. Es muß darum in der musikalischen Hervorbringung
und Auffassung ein anderes Element hervorgehoben werden, welches das unvermischt Aesthetische
dieser Kunst repräsentirt und als Gegenbild zu der specifisch musikalischen Gefühlserregung
sich den allgemeinen Schönheitsbedingungen der übrigen Künste annähert. Dies ist die reine Anschauung. Ihre besondere Erscheinungsform in der Tonkunst, sowie die vielgestaltigen Verhältnisse,
welche sie in der Wirklichkeit zum Gefühlsleben eingeht, wollen wir im folgenden Abschnitt
betrachten.
[135]
5.1aNichts hat die wissenschaftliche Entwicklung der musikalischen Aesthetik so empfindlich
gehemmt als der übermäßige Werth, welchen man den Wirkungen der Musik auf die Gefühle
beilegte. Je auffallender sich diese Wirkungen zeigten, desto höher pries man sie
als Herolde musikalischer Schönheit. Wir haben im Gegentheil gesehen, daß gerade den
überwältigendsten Eindrücken der Musik der stärkste Antheil körperlicher Erregung von Seite des Hörers beigemischt ist. Von Seite der Musik liegt diese heftige
Eindringlichkeit in das Nervensystem nicht sowohl in ihrem künstlerischen Moment, das ja aus dem Geiste kommt und an den Geist sich wendet, als vielmehr in
ihrem Material, dem die Natur
[136] jene unergründliche physiologische Wahlverwandtschaft eingeboren hat. Das Elementarische der Musik, der Klang und die Bewegung ist es, was die wehrlosen Gefühle so vieler Musikfreunde in Ketten schlägt, mit denen
sie gar gerne klirren. Weit sei es von uns, die Rechte des Gefühls an die Musik verkürzen
zu wollen. Allein dies Gefühl, welches sich thatsächlich mehr oder minder mit der
reinen Anschauung paart, kann nur dann als künstlerisch gelten, wenn es sich seiner
ästhetischen Herkunft bewußt bleibt, d. h. der Freude an einem und zwar gerade diesem
bestimmten Schönen.
5.1bFehlt dies Bewußtsein, fehlt die freie Anschauung des bestimmten Kunstschönen und
fühlt das Gemüth sich nur von der Naturgewalt der Töne befangen, so kann die Kunst sich solchen Eindruck um so weniger zu Gute schreiben, je stärker er auftritt. Die
Zahl derer, welche auf solche Art Musik hören oder eigentlich fühlen, ist sehr bedeutend.
Indem sie das Elementarische der Musik in passiver Empfänglichkeit auf sich wirken
lassen, gerathen sie in eine vage, nur durch den ganz allgemeinen Charakter des Tonstücks
bestimmte übersinnlich sinnliche Erregung. Ihr Verhalten gegen die Musik ist nicht
anschauend, sondern pathologisch; ein stetes Dämmern, Fühlen, Schwärmen, ein Hangen und Bangen in
[137] klingendem Nichts. Lassen wir an dem Gefühlsmusiker mehrere Tonstücke gleichen, etwa
rauschend fröhlichen Charakters, vorbeiziehen, so wird er in dem Banne desselben Eindrucks
verbleiben. Nur was diesen Stücken gleichartig ist, also die Bewegung des rauschend
Fröhlichen, assimilirt sich seinem Fühlen, während das Besondere jeder Tondichtung,
das künstlerisch Individuelle seiner Auffassung entschwindet. Gerade umgekehrt wird
der musikalische Zuhörer verfahren. Die eigenthümliche künstlerische Gestaltung einer
Composition, das, was sie unter einem Dutzend ähnlich wirkender zum selbstständigen
Kunstwerk stempelt, erfüllt sein Aufmerken so vorherrschend, daß er ihrem gleichen
oder verschiedenen Gefühlsausdruck nur geringes Gewicht beilegt. Das isolirte Aufnehmen
eines abstracten Gefühlsinhaltes anstatt der concreten Kunsterscheinung ist in solcher
Ausbildung der Musik ganz eigenthümlich. Nur die Gewalt einer besonderen Beleuchtung erscheint ihr nicht selten analog, wenn sie Manchen so ergreift, daß er über die beleuchtete
Landschaft selbst sich gar keine Rechenschaft zu geben vermag. Eine unmotivirte und
darum desto eindringlichere Totalempfindung wird in Bausch und Bogen eingesaugt.39
[138]
5.2Halbwach in ihren Fauteuil geschmiegt, lassen jene Enthusiasten von den Schwingungen
der Töne sich tragen und schaukeln, statt sie scharfen Blickes zu betrachten. Wie
das stark und stärker anschwillt, nachläßt, aufjauchzt oder auszittert, das versetzt
sie in einen unbestimmten Empfindungszustand, den sie für rein geistig zu halten so
unschuldig sind. Sie bilden das „dankbarste“ Publicum und dasjenige, welches geeignet
ist, die Würde der Musik am sichersten zu discreditiren. Das ästhetische Merkmal des geistigen Genusses geht ihrem Hören ab; eine feine Cigarre, ein pikanter Leckerbissen, ein laues
Bad leistet ihnen unbewußt, was eine Symphonie. Vom gedankenlos gemächlichen Dasitzen
der Einen bis zur tollen Verzückung der Andern ist das Princip dasselbe: die Lust
am Elementarischen der Musik. Die neue Zeit hat übrigens eine herrliche Entdeckung gebracht, welche für
Hörer, die ohne alle Geistes
[139]bethätigung nur den Gefühlsniederschlag der Musik suchen, diese Kunst weit überbietet.
Wir meinen den Schwefeläther, das Chloroform. In der That zaubern uns diese Mittel
einen höchst angenehmen, den ganzen Organismus süßtraumhaft durchbebenden Rausch –
ohne die Gemeinheit des Weintrinkens, welches auch nicht ohne musikalische Wirkung
ist.
5.3Die Werke der Tonkunst reihen sich für solche Auffassung zu den Naturproducten, deren Genuß uns entzücken, aber nicht zwingen kann zu denken, einem bewußt schaffenden Geiste nach zu denken. Der süße Athem eines Akazienbaumes läßt sich auch geschlossenen Auges, träumend einsaugen. Hervorbringungen menschlichen Geistes verwehren das durchaus, wenn sie nicht eben auf die Stufe sinnlicher Naturreize herabsinken sollen.
5.4In keiner andern Kunst ist dies so hohen Grades möglich, wie in der Musik, deren sinnliche Seite einen geistlosen Genuß wenigstens zuläßt. Schon das Verrauschen derselben, während die Werke der übrigen Künste bleiben, gleicht in bedenklicher Weise dem Act des Verzehrens.
5.5Ein Bild, eine Kirche, ein Drama lassen sich nicht schlürfen, eine Arie sehr wohl.
Darum giebt auch der Genuß keiner andern Kunst sich zu solch accessorischem Dienst
her. Die besten Compositionen können als Tafelmusik gespielt
[140] werden und die Verdauung der Fasane erleichtern. Musik ist die zudringlichste und
auch wieder die nachsichtigste Kunst. Die jämmerlichste Drehorgel, so sich vor unserem
Haus postirt, muß man hören, aber zuhören braucht man selbst einer Mendelssohnʼschen Symphonie nicht.
5.5.1Die gerügte Art des Musikhörens ist übrigens nicht etwa identisch mit der in jeder
Kunst vorkommenden Freude des naiven Publicums an dem bloß sinnlichen Theil derselben,
während der ideale Gehalt nur von dem gebildeten Verständniß erkannt wird. Diese unkünstlerische
Auffassung eines Musikstückes zieht nicht den eigentlich sinnlichen Theil, die reiche
Mannigfaltigkeit der Tonreihen an sich, sondern deren abstracte, als bloßes Gefühl
empfundene Totalidee. Die höchst eigenthümliche Stellung wird dadurch ersichtlich,
welche in der Musik der geistige Gehalt zu den Kategorien der Form und des Inhalts einnimmt. Man pflegt nämlich das ein Tonstück durchwehende Gefühl als den Inhalt,
die Idee, den geistigen Gehalt desselben anzusehen, die künstlerisch geschaffenen,
bestimmten Tonfolgen hingegen als die bloße Form, das Bild, die sinnliche Einkleidung jenes Uebersinnlichen.
Allein gerade der „specifisch-musikalische“ Theil ist die Schöpfung des künstlerischen
Geistes, mit welchem der anschauende Geist sich verständnißvoll vereinigt. In diesen
[141] concreten Tonbildungen liegt der geistige Gehalt der Composition, nicht in dem vagen
Totaleindruck eines abstrahirten Gefühls. Die dem Gefühl, als vermeintlichem Inhalt,
gegenübergestellte bloße Form (das Tongebilde) ist gerade der wahre Inhalt der Musik, ist die Musik selbst; während das erzeugte Gefühl weder Inhalt noch Form
heißen kann, sondern factische Wirkung. Ebenso ist das vermeintliche Materielle, Darstellende, gerade das vom Geiste Gebildete, während das angeblich Dargestellte,
die Gefühlswirkung, der Materie des Tons innewohnt und zur guten Hälfte physiologischen Gesetzen folgt.
5.6Aus den obigen Betrachtungen ergiebt sich leicht die richtige Werthschätzung für die sogenannten „moralischen Wirkungen“ der Musik, die als glänzendes Seitenstück zu den vorher erwähnten „physischen“ von älteren Autoren mit so viel Vorliebe herausgestrichen werden. Da hierbei die Musik nicht im Entferntesten als ein Schönes genossen, sondern als rohe Naturgewalt empfunden wird, die bis zu besinnungslosem Handeln treibt, so stehen wir an dem geraden Widerspiel alles Aesthetischen. Ueberdies liegt das Gemeinschaftliche dieser angeblich „moralischen“ Wirkungen mit den anerkannt physischen zu Tage.
5.7 & 5.8Der drängende Gläubiger, der durch die
[142] Töne seines Schuldners bewogen wird, ihm die ganze Summe zu schenken,40 ist dazu nicht anders angetrieben als der Ruhende, den ein Walzermotiv plötzlich zum
Tanz begeistert. Der Erstere wird mehr durch die geistigeren Elemente: Harmonie und
Melodie, der Zweite durch den sinnlicheren Rhythmus bewegt. Keiner von Beiden handelt
aber aus freier Selbstbestimmung, keiner überwältigt durch geistige Ueberlegenheit
oder ethische Schönheit, sondern in Folge befördernder Nervenreize. Die Musik löst
ihm die Füße oder das Herz, gerade so wie der Wein die Zunge. Solche Siege predigen
nur die Schwäche des Besiegten. Ein Erleiden unmotivirter ziel- und stoffloser Affecte
durch eine Macht, die in keinem Rapport zu unserm Wollen und Denken steht, ist des
Menschengeistes unwürdig. Wenn vollends Menschen in so hohem Grade von dem Elementarischen
einer Kunst sich hinreißen lassen, daß sie ihres freien Handelns nicht mehr mächtig
sind, so scheint uns dies weder ein Ruhm für die Kunst, noch viel weniger für die
Helden selbst.
5.9Die Musik hat die Bestimmung keineswegs, allein ihr intensives Gefühlsmoment macht
es möglich, daß sie in solcher Tendenz genossen werde.
[143] Dies ist der Punkt, in welchem die ältesten Anklagen gegen die Tonkunst ihre Wurzel
haben; daß sie entnerve, verweichliche, erschlaffe.
5.10Wo man Musik macht als ein Erregungsmittel „unbestimmter Affecte“, als Nahrung des „Fühlens“ an sich, da wird jener Vorwurf nur zu wahr. Beethoven verlangte, die Musik solle dem Mann „Feuer aus dem Geiste schlagen“. Wohlgemerkt: „soll“. Ob aber nicht selbst ein Feuer, das durch Musik erzeugt und genährt wird, die willensstarke, denkkräftige Entwickelung des Mannes hemmend zurückhält?
5.11Jedenfalls scheint uns diese Anklage des musikalischen Einflusses würdiger als dessen übermäßige Lobpreisung. Sowie die physischen Wirkungen der Musik im geraden Verhältniß stehen zu der krankhaften Gereiztheit des ihnen entgegenkommenden Nervensystems, so wächst der moralische Einfluß der Töne mit der Uncultur des Geistes und Charakters. Je kleiner der Widerhall der Bildung, desto gewaltiger das Dreinschlagen solcher Macht. Die stärkste Wirkung übt Musik bekanntlich auf Wilde.
5.12Das schreckt unsere Musik-Ethiker nicht ab. Sie beginnen, gleichsam präludirend, am
liebsten mit zahlreichen Beispielen, „wie sogar die Thiere“ sich der Macht der Tonkunst
beugen. Es ist wahr, der Ruf der Trompete erfüllt das Pferd mit
[144] Muth und Schlachtbegier, die Geige begeistert den Bären zu Balletversuchen, die zarte
Spinne und der plumpe Elephant bewegen sich horchend bei den geliebten Klängen. Ist
es denn aber wirklich so ehrenvoll, in solcher Gesellschaft Musik-Enthusiast zu sein?
5.13Auf die Thierproductionen folgen die menschlichen Cabinetstücke. Sie sind meist im Geschmack Alexander s des Großen, welcher durch das Flötenspiel des Timotheus zuerst wüthend gemacht, hierauf durch Gesang wieder besänftigt wurde. So ließ der minder bekannte König von Dänemark Ericus bonus , um sich von der gepriesenen Gewalt der Musik zu überzeugen, einen berühmten Musikus spielen und zuvor alles Gewehr entfernen. Der Künstler versetzte durch die Wahl seiner Modulationen alle Gemüther zuerst in Traurigkeit, dann in Frohsinn. Letzteren wußte er bis zur Raserei zu steigern. „Selbst der König brach durch die Thür, griff zum Degen und brachte von den Umstehenden vier ums Leben.“ (Albert Krantzius , Dan. lib. V., cap. 3.) Und das war noch der „gute Erich“.
5.14Wären solche „moralische Wirkungen“ der Musik noch an der Tagesordnung, so käme man wahrscheinlich vor innerer Empörung
gar nicht dazu, sich über die Hexenmacht vernünftig auszusprechen, welche in souveräner
Exterritorialität
[145] den Menschengeist unbekümmert um dessen Gedanken und Entschlüsse bezwingt und verwirrt.
5.15Die Betrachtung jedoch, daß die berühmtesten dieser musikalischen Trophäen dem grauen Alterthum angehören, macht wohl geneigt, der Sache einen historischen Standpunkt abzugewinnen.
5.16Es leidet gar keinen Zweifel, daß die Musik bei den alten Völkern eine weit unmittelbarere
Wirkung äußerte als gegenwärtig; weil die Menschheit eben in ihren primitiven Bildungsstufen
dem Elementarischen viel verwandter und preisgegebener ist als später, wo Bewußtsein und Selbstbestimmung
in ihr Recht treten. Dieser natürlichen Empfänglichkeit kam der eigenthümliche Zustand
der Musik im griechisch en Alterthum hülfreich entgegen. Sie war nicht Kunst in unserem Sinn. Klang und Rhythmus wirkten in fast vereinzelter Selbstständigkeit und vertraten in dürftigem Vordrängen
die Stelle der reichen, geisterfüllten Formen, welche die gegenwärtige Tonkunst bilden.
Alles, was von der Musik jener Zeiten bekannt ist, läßt mit Gewißheit auf ein bloß
sinnliches, dafür aber in dieser Beschränkung verfeinertes Wirken derselben schließen.
Musik in der modernen, künstlerischen Bedeutung gabʼs nicht im classischen Alterthum,
sonst hätte sie für die spätere Entwicklung ebensowenig verloren gehen können, als
die classische Dichtkunst, Plastik
[146] und Architektur verloren gegangen sind. Die Vorliebe der Griechen für ein gründliches
Studium ihrer ins Subtilste zugespitzten Tonverhältnisse gehört als rein wissenschaftliche
nicht hierher.
5.17Der Mangel an Harmonie, die Befangenheit der Melodie in den engsten Grenzen recitativischen
Ausdrucks, endlich die Entwicklungsunfähigkeit des alten Tonsystems zu wahrhaft musikalischem
Gestaltenreichthum machten eine absolute Bedeutung der Musik als Tonkunst im musikalischen
Sinne unmöglich; sie ward auch fast niemals selbstständig, sondern stets in Verbindung
mit Poesie, Tanz und Mimik angewendet, mithin als eine Ergänzung der andern Künste.
Musik hatte nur den Beruf, durch rhythmischen Pulsschlag und Verschiedenheit der Klangfarben
zu beleben; endlich als intensive Steigerung recitirender Declamation Worte und Gefühle zu commentiren. Die Tonkunst wirkte daher hauptsächlich nach ihrer sinnlichen und ihrer symbolischen Seite. Auf diese Factoren hingedrängt, mußte sie dieselben durch solche Concentration
zu großer, ja raffinirter Wirksamkeit ausbilden. Die Zuspitzung des melodischen Materials
bis zur Anwendung der Vierteltöne und des „enharmonischen Tongeschlechts“ hat die
heutige Tonkunst ebensowenig mehr aufzuweisen, als den charakteristischen Sonderausdruck
der Tonarten und ihr enges
[147] Anschmiegen an das gesprochene oder gesungene Wort.
5.18Diese gesteigerten tonlichen Verhältnisse fanden für ihren engen Kreis überdies eine viel größere Empfänglichkeit in den Hörern vor. Wie das griechische Ohr unendlich feinere Intervallen-Unterschiede zu fassen fähig war, als es das unsere in der schwebenden Temperatur auferzogene ist, so war auch das Gemüth jener Völker der wechselnden Umstimmung durch Musik weit zugänglicher und begehrlicher als wir, die an dem künstlerischen Bilden der Tonkunst ein contemplatives Gefallen hegen, das deren elementarischen Einfluß paralysirt. So erscheint denn eine intensivere Wirkung der Musik im Alterthum wohl begreiflich.
5.19Desgleichen ein bescheidener Theil der Historien, die uns von der specifischen Wirkung
der verschiedenen Tonarten bei den Alten überliefert sind. Sie gewinnen einen Erklärungsgrund in der strengen
Scheidung, mit welcher die einzelnen Tonarten zu bestimmten Zwecken gewählt und unvermischt
erhalten wurden. Die dorische Tonart brauchten die Alten für ernste, namentlich religiöse
Anlässe; mit der phrygischen feuerten sie die Heere an; die lydische bedeutete Trauer
und Wehmuth, und die äolische erklang, wo es in Liebe oder Wein lustig herging. Durch
diese strenge, bewußte
[148] Trennung von vier Haupttonarten für eben so viele Classen von Seelenzuständen, sowie
durch ihre consequente Verbindung mit nur zu dieser Tonart passenden Gedichten mußten Ohr und Gemüth unwillkürlich eine entschiedene Tendenz
gewinnen, beim Erklingen einer Musik gleich das ihrer Tonart entsprechende Gefühl
zu reproduciren. Auf der Grundlage dieser einseitigen Ausbildung war nun die Musik
unentbehrliche, fügsame Begleiterin aller Künste, war Mittel zu pädagogischen, politischen
und anderen Zwecken, sie war Alles, nur keine selbstständige Kunst. Wenn es bloß einiger phrygischen Klänge bedurfte, um den Soldaten muthig gegen den
Feind zu treiben, und die Treue der Strohwitwen durch dorische Lieder gesichert war,
so mag der Untergang des griechischen Tonsystems von Feldherren und Ehegatten betrauert werden, – der Aesthetiker und
der Componist werden es sich nicht zurückwünschen.
5.20Wir setzen jenem pathologischen Ergriffenwerden das bewußte reine Anschauen eines Tonwerks entgegen. Diese contemplative ist die einzig künstlerische,
wahre Form des Hörens; ihr gegenüber fällt der rohe Affect des Wilden und der schwärmende
des Musikenthusiasten in Eine Classe. Dem Schönen entspricht ein Genießen, kein Erleiden, wie ja das Wort „Kunstgenuß“ sinnig ausdrückt. Die Gefühlvollen halten es freilich
für
[149] Ketzerei gegen die Allmacht der Musik, wenn Jemand von den Herzens-Revolutionen und
-Krawallen Umgang nimmt, welche sie in jedem Tonstück antreffen und redlich mitmachen.
Man ist dann offenbar „kalt“, „gemüthlos“, „Verstandesnatur“. Immerhin. Edel und bedeutend
wirkt es, dem schaffenden Geist zu folgen, wie er zauberisch eine neue Welt von Elementen
vor uns aufschließt, diese in alle denkbaren Beziehungen zu einander lockt, und so
fortan aufbaut, niederreißt, hervorbringt und vernichtet, den ganzen Reichthum eines
Gebietes beherrschend, welches das Ohr zum feinsten und ausgebildetsten Sinneswerkzeug
adelt. Nicht eine angeblich geschilderte Leidenschaft reißt uns in Mitleidenschaft.
Freudigen Geistes, in affectlosem, doch innig-hingebendem Genießen sehen wir das Kunstwerk
an uns vorüberziehen und feiner erkennend, was Schelling so schön „die erhabene Gleichgültigkeit des Schönen“ nennt.41 Dieses Sich-Erfreuen mit wachem Geiste ist die würdigste, heilvollste und nicht die
leichteste Art, Musik zu hören.
5.21Der wichtigste Factor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet
und zum Genusse macht, wird am häufigsten über
[150]sehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den Absichten
des Componisten fortwährend zu folgen und voranzueilen, sich in seinen Vermuthungen
hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden. Es versteht sich, daß dieses intellectuelle
Hinüber- und Herüberströmen, dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewußt und
blitzschnell vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuß bieten,
welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden könnte, hervorruft und lohnt. Ohne geistige Thätigkeit giebt es überhaupt
keinen ästhetischen Genuß. Der Musik aber ist diese Form von Geistesthätigkeit darum vorzüglich eigen, weil ihre Werke nicht unverrückbar
und mit Einem Schlag dastehen, sondern sich successiv am Hörer abspinnen, daher sie
von diesem kein, ein beliebiges Verweilen und Unterbrechen zulassendes Betrachten, sondern ein in schärfster Wachsamkeit unermüdliches Begleiten fordern. Diese Begleitung kann bei verwickelten Compositionen sich bis zur geistigen
Arbeit steigern. Wie viele einzelne Individuen, so können auch manche Nationen sich ihr nur sehr schwer unterziehen. Die singende Alleinherrschaft der Oberstimme
bei den Italienern hat einen Hauptgrund in der geistigen Bequemlichkeit dieses Volkes,
welchem das ausdauernde Durch
[151]dringen unerreichbar ist, womit der Nordländer einem künstlichen Gewebe von harmonischen
und contrapunktischen Verschlingungen zu folgen liebt. Dafür wird Hörern, deren geistige
Thätigkeit gering ist, der Genuß leichter, und solche Musikbolde können Massen von Musik verzehren, vor welchen der künstlerische
Geist zurückbebt.
5.22Das bei jedem Kunstgenuß nothwendige geistige Moment wird sich bei Zuhörern desselben Tonwerks in sehr verschiedener Abstufung thätig erweisen; es kann in sinnlichen und gefühlvollen Naturen auf ein Minimum sinken, in vorherrschend geistigen Persönlichkeiten das geradezu Entscheidende werden. Die wahre „rechte Mitte“ muß sich, nach unserer Meinung, hier eher etwas nach rechts neigen. Zum Berauschtwerden braucht’s nur der Schwäche, aber wirklich ästhetisches Hören ist eine Kunst.42
5.23Das Gefühlsschwelgen ist meist Sache jener Hörer, welche für die künstlerische Auffassung
des Musikalisch-Schönen keine Ausbildung besitzen.
[152] Der Laie „fühlt“ bei Musik am meisten, der gebildete Künstler am wenigsten. Je bedeutender
nämlich das ästhetische Moment im Hörer (gerade wie im Kunstwerk), desto mehr nivellirt es das bloß elementarische.
Darum ist das ehrwürdige Axiom der Theoretiker: „Eine düstere Musik erregt Gefühle
der Trauer in uns, eine heitere erweckt Fröhlichkeit“ – in dieser Ausdehnung
[153] nicht immer richtig. Wenn jedes hohle Requiem, jeder lärmende Trauermarsch, jedes
winselnde Adagio die Macht haben sollte, uns traurig zu machen, – wer möchte dann
länger so leben? Blickt eine Tondichtung uns an mit klaren Augen der Schönheit, so
erfreuen wir uns inniglich daran, und wenn sie alle Schmerzen des Jahrhunderts zum
Gegenstand hätte. Der lauteste Jubel aber eines Verdi ʼschen Finales oder einer Musardʼschen Quadrille hat uns nicht immer froh gemacht.
5.24Der Laie und Gefühlsmensch fragt gerne, ob eine Musik lustig sei oder traurig – der Musiker, ob sie gut sei oder schlecht. Dieser kurze Schlagschatten weist deutlich, auf welch verschiedener Seite beide Parteien gegen die Sonne stehen.
5.25Wenn wir sagten, daß unser ästhetisches Wohlgefallen an einem Tonstück sich nach dessen
künstlerischem Werth richte, so hindert dies nicht, daß ein einfacher Hornruf, ein
Jodler im Gebirg uns mitunter zu größerem Entzücken aufrufen kann, als die vortrefflichste
Symphonie. In diesem Fall tritt aber die Musik in die Reihe des Naturschönen. Nicht als dieses bestimmte Gebilde in Tönen, sondern als diese bestimmte Art von Naturwirkung kommt uns das Gehörte entgegen und kann übereinstimmend mit dem landschaftlichen Charakter
der Umgebung und der persönlichen Stimmung jeden Kunstgenuß an Macht
[154] hinter sich zurücklassen. Es giebt also ein Uebergewicht an Eindruck, welches das
Elementarische über das Artistische erreichen kann, allein die Aesthetik, als Lehre
vom Kunstschönen, hat die Musik lediglich von ihrer künstlerischen Seite aufzufassen, also auch nur jene ihrer Wirkungen anzuerkennen, welche sie als
menschliches Geistesproduct, durch eine bestimmte Gestaltung jener elementarischen
Factoren auf die reine Anschauung hervorbringt.
5.26Die nothwendigste Forderung einer ästhetischen Aufnahme der Musik ist aber, daß man ein Tonstück um seiner selbst willen höre, welches es nun immer sei und mit welcher Auffassung immer. Sobald die Musik nur als Mittel angewandt wird, eine gewisse Stimmung in uns zu fördern, accessorisch, decorativ, da hört sie auf, als reine Kunst zu wirken. Das Elementarische der Musik wird unendlich oft mit der künstlerischen Schönheit derselben verwechselt, also ein Theil für das Ganze genommen und dadurch namenlose Verwirrung verursacht. Hundert Aussprüche, die über „die Tonkunst“ gefällt werden, gelten nicht von dieser, sondern von der sinnlichen Wirkung ihres Materials.
5.27Wenn Heinrich der Vierte bei Shakespeare (II. Theil. IV. 4.) sich sterbend Musik machen läßt, so geschieht es wahrlich nicht, um die vor
[155] getragene Composition anzuhören, sondern um träumend in deren gegenstandlosem Element
sich zu wiegen. Ebensowenig werden Porzia und Bassanio „(im Kaufmann von Venedig )“ gestimmt sein, während der verhängnißvollen Kästchenwahl der bestellten Musik Aufmerksamkeit
zu schenken. J. Strauß hat reizende, ja geistreiche Musik in seinen bessern Walzern niedergelegt, – sie hört
auf es zu sein, sobald man lediglich dabei im Tact tanzen will. In allen diesen Fällen
ist es ganz gleichgültig, welche Musik gemacht wird, wenn sie nur den verlangten Grundcharakter hat. Wo aber Gleichgültigkeit
gegen das Individuelle eintritt, da herrscht Klangwirkung, nicht Tonkunst. Nur derjenige, welcher nicht bloß die allgemeine Nachwirkung des Gefühls, sondern
die unvergeßliche, bestimmte Anschauung eben dieses Tonstücks mit sich nimmt, hat es gehört und genossen. Jene erhebenden Eindrücke auf
unser Gemüth und ihre hohe psychische, wie physiologische Bedeutung dürfen nicht hindern,
daß die Kritik überall unterscheide, was bei einer vorhandenen Wirkung künstlerisch,
was elementarisch sei. Eine ästhetische Anschauung hat Musik nicht sowohl als Ursache,
denn als Wirkung aufzufassen, nicht als Producirendes, sondern als Product.
5.28Ebenso häufig als die elementarische Wirkung der Musik wird deren maßhaltendes, Ruhe
und
[156] Bewegung, Dissonanz und Concordanz vermittelndes, allgemein harmonisches Wesen mit
der Tonkunst selbst verwechselt. Bei dem gegenwärtigen Stand der Tonkunst und Philosophie
dürfen wir uns im Interesse beider die altgriechische Ausdehnung des Begriffs „Musik“
auf alle Wissenschaft und Kunst, sowie auf die Bildung sämmtlicher Seelenkräfte nicht gestatten.
Die berühmte Apologie der Tonkunst im „Kaufmann von Venedig “ (V. 1.)43 beruht auf solcher Verwechselung der Tonkunst selbst mit dem sie beherrschenden Geist
des Wohlklangs, der Uebereinstimmung, des Maßes. Man könnte in ähnlichen Stellen ohne
viel Aenderung statt „Musik“ auch „Poesie“, „Kunst“, ja „Schönheit“ überhaupt setzen.
Daß aus der Reihe der Künste gerade die Musik hervorgeholt zu werden pflegt, verdankt sie der zweideutigen Macht ihrer Popularität.
Gleich die weiteren Verse der angeführten Rede bezeugen dies, wo die zähmende Wirkung
der Töne auf Bestien sehr gerühmt wird, die Musik also wieder einmal als van Aken erscheint.
5.29Die lehrreichsten Beispiele bieten Bettinaʼs „musikalische Explosionen“, wie Goethe ihre Briefe
[157] über Musik galant bezeichnete. Als der wahrhafte Prototyp aller vagen Schwärmerei
über Musik, zeigt Bettina , wie ungebührlich man den Begriff dieser Kunst ausdehnen kann, um sich bequem darin
zu tummeln. Mit der Prätension, von der Musik selbst zu sprechen, redet sie stets
von der dunklen Einwirkung, welche diese auf ihr Gemüth übt, und deren üppige Traumseligkeit
sie absichtlich von jedem forschenden Denken absperrt. In einer Composition sieht
sie immer ein unerforschliches Naturerzeugniß, nicht ein menschliches Kunstwerk, und
begreift daher Musik nie anders, als rein phänomenologisch. „Musik“, „musikalisch“
nennt Bettina unzählige Erscheinungen, die lediglich ein oder das andere Element der Tonkunst: Wohlklang,
Rhythmus, Gefühlserregung mit ihr gemein haben. Auf diese Factoren kommt es aber gar
nicht an, sondern auf die specifische Art, wie sie in künstlerischer Gestaltung als Tonkunst erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß die musiktrunkene Dame in Goethe, ja in Christus große Musiker sieht, obwohl von Letzterem Niemand weiß, daß er einer, von Ersterem
Jedermann, daß er keiner gewesen.
5.30Das Recht historischer Bildungen und poetischer Freiheit halten wir in Ehren. Wir
begreifen, warum Aristophanes in den „Wespen “ einen feingebildeten Geist „den Weisen und Musi
[158]kalischen“ (σοφòυ ϰαι μουσιϰòυ) nennt, und finden den Ausdruck Graf Reinhardtʼs sinnig, Oehlenschläger habe „musikalische Augen“. Wissenschaftliche Betrachtungen jedoch dürfen der Musik
nie einen andern Begriff beilegen oder voraussetzen, als den ästhetischen, wenn nicht alle Hoffnung zur einstigen Feststellung dieser zitternden Wissenschaft
aufgegeben werden soll.
[159]
6.1 & 6.2Das Verhältniß zur Natur ist für jedes Ding das Erste, das Ehrwürdigste und das Einflußreichste.
Wer auch nur flüchtig an den Puls der Zeit gefühlt, der weiß, wie die Herrschaft dieser
Erkenntniß in mächtigem Anwachsen begriffen ist. Durch die moderne Forschung geht
ein so starker Zug nach der Naturseite aller Erscheinungen, daß selbst die abstractesten
Untersuchungen merklich gegen die Methode der Naturwissenschaften gravitiren. Auch
die Aesthetik, will sie kein bloßes Scheinleben führen, muß die knorrige Wurzel kennen, wie die
zarte Faser, an welcher jede einzelne Kunst mit dem Naturgrunde zusammenhängt. Und
gerade für die musikalische Aesthetik erschließt das Verhältniß
[160] der Tonkunst zur Natur die wichtigsten Folgerungen. Die Stellung ihrer schwierigsten
Materien, die Lösung ihrer controversesten Fragen hängt von der richtigen Würdigung
dieses Zusammenhanges ab.
6.3Die Künste, – vorerst als empfangend, noch nicht als rückwirkend betrachtet – stehen zu der umgebenden Natur in einer doppelten Beziehung. Erstens durch das rohe, körperliche Material, aus welchem sie schaffen, dann durch den schönen Inhalt, den sie für künstlerische Behandlung vorfinden. In beiden Punkten verhält sich die Natur zu den Künsten als mütterliche Spenderin der ersten und wichtigsten Mitgift. Es gilt den Versuch, diese Ausstattung im Interesse der musikalischen Aesthetik rasch zu besichtigen und zu prüfen, was die vernünftig und darum ungleich schenkende Natur für die Tonkunst gethan hat.
6.4Untersucht man, inwiefern die Natur Stoff für die Musik biete, so ergiebt sich, daß sie dies nur in dem untersten Sinn des rohen
Materials thut, welches der Mensch zum Tönen zwingt. Das stumme Erz der Berge, das
Holz des Waldes, der Thiere Fell und Gedärm sind Alles, was wir vorfinden, um den
eigentlichen Baustoff für die Musik, den reinen Ton zu bereiten. Wir erhalten also vorerst nur Material zum Material, dies Letztere ist
der reine, nach Höhe und Tiefe
[161] bestimmte, d. i. meßbare Ton. Er ist erste und unumgängliche Bedingung jeder Musik.
Diese gestaltet ihn zu Melodie und Harmonie, den zwei Hauptfactoren der Tonkunst. Beide finden sich in der Natur nicht vor, sie
sind Schöpfungen des Menschengeistes.
6.5Das geordnete Nacheinanderfolgen meßbarer Töne, welches wir Melodie nennen, vernehmen wir in der Natur auch nicht in den dürftigsten Anfängen; ihre successiven Schallerscheinungen entbehren der verständlichen Proportion und entziehen sich der Reduction auf unsere Scala. Die Melodie aber ist „der springende Punkt“, das Leben, die erste Kunstgestalt des Tonreichs, an sie ist jede weitere Bestimmtheit, alle Erfassung des Inhalts geknüpft.
6.6Ebensowenig wie Melodie kennt die Natur, diese großartige Harmonie aller Erscheinungen, Harmonie im musikalischen Sinn, als Zusammenklingen bestimmter Töne. Hat Jemand in der Natur einen Dreiklang gehört, einen Sext- oder Septimaccord? Wie die Melodie, so war auch (nur in viel langsamerem Fortschreiten) die Harmonie ein Erzeugniß menschlichen Geistes.
6.7Die Griechen kannten keine Harmonie, sondern sangen in der Octave oder im Einklang,
wie noch heutzutage jene asiatisch en Völkerschaften, bei welchen überhaupt Gesang angetroffen wird.
[162] Der Gebrauch der Dissonanzen (wozu auch Terz und Sext gehörten) begann allmälig vom 12. Jahrhundert an, und bis ins 15. beschränkte man
sich bei Ausweichungen auf die Octave. Jedes der Intervalle, die jetzt unserer Harmonie
dienstbar sind, mußte einzeln gewonnen werden, und oft reichte ein Jahrhundert nicht
hin für solch kleine Errungenschaft. Das kunstgebildetste Volk des Alterthums, sowie
die gelehrtesten Tonsetzer des früheren Mittelalters konnten nicht, was unsere Hirtinnen
auf der entlegensten Alpe: in Terzen singen. Durch die Harmonie aber ist der Tonkunst
nicht etwa ein neues Licht aufgegangen, sondern es ist zum erstenmal Tag geworden. „Die ganze Tonschöpfung wurde von dieser Zeit an erst ausgeboren.“ (Nägeli.)
6.8Harmonie und Melodie fehlen also in der Natur. Nur ein drittes Element in der Musik,
dasjenige, von dem die beiden ersten getragen werden, existirt schon vor und außer
dem Menschen: der Rhythmus. Im Galopp des Pferdes, dem Klappern der Mühle, dem Gesang der Amsel und Wachtel
äußert sich eine Einheit, zu welcher aufeinanderfolgende Zeittheilchen sich zusammenfassen
und ein anschauliches Ganze bilden. Nicht alle, aber viele Lautäußerungen der Natur
sind rhythmisch. Und zwar herrscht in ihr das Gesetz
[163] des zweitheiligen Rhythmus, als Hebung und Senkung, Anlauf und Auslauf. Was diesen Naturrhythmus von
der menschlichen Musik trennt, muß alsbald auffallen. In der Musik giebt es nämlich keinen isolirten Rhythmus als solchen, sondern nur Melodie und Harmonie,
welche rhythmisch sich äußert. In der Natur dagegen trägt der Rhythmus weder Melodie
noch Harmonie, sondern nur unmeßbare Luftschwingungen. Der Rhythmus, das einzige musikalische
Urelement in der Natur, ist auch das erste, so im Menschen erwacht, im Kinde, im Wilden
am frühesten sich entwickelt. Wenn die Südsee -Insulaner mit Metallstücken und Holzstäben rhythmisch klappern und dazu ein unfaßliches
Geheul ausstoßen, so ist das natürliche Musik, denn es ist eben keine Musik. Was wir aber einen Tirol er Bauer singen hören, zu welchem anscheinend keine Spur von Kunst gedrungen, ist
durchaus künstliche Musik. Der Mann meint freilich, er singe wie ihm der Schnabel gewachsen ist: aber
damit dies möglich wurde, mußte die Saat von Jahrhunderten wachsen.
6.9Wir hätten somit die nothwendigen Elementarbestandtheile unserer Musik betrachtet
und gefunden, daß der Mensch von der ihn umgebenden Natur nicht musiciren lernte.
In welcher Art und Folge sich unser heutiges Tonsystem aus
[164] gebildet hat, lehrt die Geschichte der Tonkunst. Wir haben diese Nachweisung vorauszusetzen
und nur ihr Ergebniß festzuhalten, daß Melodie und Harmonie, daß unsere Intervallenverhältnisse
und Tonleiter, die Theilung von Dur und Moll nach der verschiedenen Stellung des Halbtons,
endlich die schwebende Temperatur, ohne welche unsere (europäisch -abendländisch e) Musik unmöglich wäre, langsam und allmälig entstandene Schöpfungen des menschlichen
Geistes sind. Die Natur hat dem Menschen nur die Organe und die Lust zum Singen mitgegeben,
dazu die Fähigkeit, sich auf Grundlage der einfachsten Verhältnisse nach und nach
ein Tonsystem zu bilden. Nur diese einfachsten Verhältnisse (Dreiklang, harmonische
Progression) werden als unwandelbare Grundpfeiler jedem künftigen Weiterbau bleiben.
– Man hüte sich vor der Verwechselung, als ob dieses (gegenwärtige) Tonsystem selbst nothwendig in der Natur läge. Die Erfahrung, daß selbst Naturalisten heutzutage mit
den musikalischen Verhältnissen unbewußt und leicht hantiren wie mit angeborenen Kräften,
die sich von selbst verstehen, stempelt die herrschenden Tongesetze keineswegs zu
Naturgesetzen; es ist dies bereits Folge der unendlich verbreiteten musikalischen
Cultur. Hand bemerkt ganz richtig, daß darum auch unsere Kinder in der Wiege schon besser singen
als erwach
[165]sene Wilde. „Läge die Tonfolge der Musik in der Natur fertig vor, so sänge auch jeder Mensch immer
rein.“44
6.10Wenn man unser Tonsystem ein „künstliches“ nennt, so gebraucht man dies Wort nicht in dem raffinirten Sinn einer willkürlichen conventionellen Erfindung. Es bezeichnet bloß ein Gewordenes im Gegensatz zum Erschaffenen.
6.11Dies übersieht Hauptmann, wenn er den Begriff eines künstlichen Tonsystems einen „durchaus nichtigen“ nennt, „indem die Musiker ebensowenig haben Intervalle bestimmen und ein Tonsystem erfinden
können, als die Sprachgelehrten die Worte der Sprache und die Sprachfügung erfunden
haben“.45 Gerade die Sprache ist in demselben Sinne wie die Musik ein künstliches Erzeugniß,
indem beide nicht in der äußeren
[166] Natur vorgebildet liegen, sondern allmälig geworden sind und erlernt werden müssen.
Nicht die Sprachgelehrten, aber die Nationen bilden sich ihre Sprache nach ihrem Charakter
und ändern sie vervollkommnend immerfort. So haben auch die „Tongelehrten“ unsere
Musik nicht „errichtet“, sondern lediglich das fixirt und begründet, was der allgemeine,
musikalisch befähigte Geist mit Vernünftigkeit, aber nicht mit Nothwendigkeit unbewußt
ersonnen hatte.46 Aus diesem Proceß ergiebt sich, daß auch unser Tonsystem im Zeitverlauf neue Bereicherungen
und Veränderungen erfahren wird. Doch sind innerhalb der gegenwärtigen Gesetze noch
so vielfache und große Evolutionen möglich, daß eine Aenderung im Wesen des Systems sehr fernliegend erscheinen dürfte. Bestände z. B. die Bereicherung in
der „Emancipation der Vierteltöne“, wovon eine moderne Schriftstellerin schon Andeutungen
bei Chopin finden will,47 so würde Theorie, Compositionslehre und Aesthetik der Musik eine total
[167] andere. Der musikalische Theoretiker kann daher gegenwärtig den Ausblick auf diese
Zukunft noch kaum anders frei lassen, als durch die einfache Anerkennung ihrer Möglichkeit.
6.12Unserem Ausspruch, es gebe keine Musik in der Natur, wird man den Reichthum mannigfaltiger
Stimmen einwenden, welche die Natur so wunderbar beleben. Sollte das Rieseln des Baches,
das Klatschen der Meereswellen, der Donner der Lawinen, das Stürmen der Windsbraut
nicht Anlaß und Vorbild der menschlichen Musik gewesen sein? Hatten all die lispelnden,
pfeifenden, schmetternden Laute mit unserem Musikwesen nichts zu schaffen? Wir müssen
in der That mit Nein antworten. Alle diese Aeußerungen der Natur sind lediglich Schall und Klang, d. h. in ungleichen Zeittheilen aufeinander folgende Luftschwingungen. Höchst selten
und dann nur isolirt bringt die Natur einen Ton hervor, d. i. einen Klang von bestimmter, meßbarer Höhe und Tiefe. Töne sind aber
die Grundbedingungen aller Musik. Mögen diese Klangäußerungen der Natur noch so mächtig
oder reizend das Gemüth anregen, sie sind keine Stufe zur menschlichen Musik, sondern
lediglich elementarische Andeutungen einer solchen, welche allerdings später für die
ausgebildete menschliche Musik oft sehr kräftige Anregungen bieten. Selbst die reinste
Er
[168]scheinung des natürlichen Tonlebens, der Vogelgesang, steht zur menschlichen Musik
in keinem Bezug, da er unserer Scala nicht angepaßt werden kann. Auch das Phänomen
der Naturharmonie – jedenfalls die einzige und unumstößliche Naturgrundlage, auf welcher
die Hauptverhältnisse unserer Musik beruhen – ist auf seine richtige Bedeutung zurückzuführen.
Die harmonische Progression erzeugt sich auf der gleichbesaiteten Aeolsharfe von selbst,
gründet also auf einem Naturgesetz, allein das Phänomen selbst hört man nirgend von
der Natur unmittelbar erzeugt. Sobald nicht auf einem musikalischen Instrument ein
bestimmter, meßbarer Grundton angeschlagen wird, erscheinen auch keine sympathischen
Nebentöne, keine harmonische Progression. Der Mensch muß also fragen, damit die Natur
Antwort gebe. Die Erscheinung des Echo erklärt sich noch einfacher. Es ist merkwürdig,
wie selbst tüchtige Schriftsteller sich von dem Gedanken einer eigentlichen „Musik“
in der Natur nicht losmachen können. Selbst Hand, von dem wir absichtlich früher Beispiele citirten, welche seine richtige Einsicht
in das incommensurable, kunstunfähige Wesen der natürlichen Schallerscheinungen darthun,
bringt ein eigenes Kapitel „von der Musik der Natur“, deren Schallerscheinungen „gewissermaßen“ auch Musik genannt werden müssen. Ebenso
[169]Krüger .48 Wo es sich aber um Principienfragen handelt, da giebt es kein „gewissermaßen“; was
wir in der Natur vernehmen, ist entweder Musik, oder es ist keine Musik. Das entscheidende Moment kann nur in die Meßbarkeit des Tons gelegt werden. Hand legt den Nachdruck überall auf die „geistige Beseelung“, „den Ausdruck inneren Lebens, innerer Empfindung“, „die Kraft der Selbstthätigkeit, wodurch unmittelbar ein Inneres zur Aussprache gelangt“. Nach diesem Princip müßte der Vogelsang Musik genannt werden, die mechanische Spieluhr
hingegen nicht; während gerade das Entgegengesetzte wahr ist.
6.13Die „Musik“ der Natur und die Tonkunst des Menschen sind zwei verschiedene Gebiete. Der Uebergang von der ersten zur zweiten geht durch die Mathematik. Ein wichtiger, folgenreicher Satz. Freilich darf man ihn nicht so denken, als hätte der Mensch seine Töne durch absichtlich angestellte Berechnungen geordnet; es geschah dies vielmehr durch unbewußte Anwendung ursprünglicher Größen- und Verhältnißvorstellungen, durch ein verborgenes Messen und Zählen, dessen Gesetzmäßigkeit erst später die Wissenschaft constatirte.
[170]
6.14Dadurch, daß in der Musik Alles commensurabel sein muß, in den Naturlauten aber nichts commensurabel ist, stehen diese beiden Schallreiche fast unvermittelt neben einander. Die Natur giebt uns nicht das künstlerische Material eines fertigen, vorgebildeten Tonsystems, sondern nur den rohen Stoff der Körper, die wir der Musik dienstbar machen. Nicht die Stimmen der Thiere, sondern ihre Gedärme sind uns wichtig, und das Thier, dem die Musik am meisten verdankt, ist nicht die Nachtigall, sondern das Schaf.
6.15Nach dieser Untersuchung, welche für das Verhältniß des Musikalisch-Schönen nur ein Unterbau, aber ein nothwendiger war, heben wir uns eine Stufe höher, auf ästhetisches Gebiet.
6.16Der meßbare Ton und das geordnete Tonsystem sind erst, womit der Componist schafft, nicht was er schafft. Wie Holz und Erz nur „Stoff“ waren für den Ton, so ist der Ton nur „Stoff“ (Material) für die Musik. Es giebt noch eine dritte und höhere Bedeutung von „Stoff“: Stoff im Sinne des behandelten Gegenstandes, der dargestellten Idee, des Sujets. Woher nimmt der Componist diesen Stoff? Woher erwächst einer bestimmten Tondichtung der Inhalt, der Gegenstand, welcher sie als Individuum hinstellt und von andern unterscheidet?
6.17Die Poesie, die Malerei, die Sculptur
[171] haben ihren unerschöpflichen Quell von Stoffen in der uns umgebenden Natur. Der Künstler
findet sich durch irgend ein Naturschönes angeregt, es wird ihm Stoff zu eigner Hervorbringung.
6.18In den bildenden Künsten ist das Vorschaffen der Natur am auffallendsten. Der Maler könnte keinen Baum, keine Blume zeichnen, wenn sie nicht schon in der äußeren Natur vorgebildet wären; der Bildhauer keine Statue, ohne die wirkliche Menschengestalt zu kennen und zum Muster zu nehmen. Dasselbe gilt von erfundenen Stoffen. Sie können nie im strengen Sinn „erfunden“ sein. Besteht nicht die „ideale“ Landschaft aus Felsen, Bäumen, Wasser und Wolkenzügen, lauter Dingen, die in der Natur vorgebildet sind? Der Maler kann nichts malen, was er nicht gesehen und genau beobachtet hat. Gleichviel ob er eine Landschaft malt oder ein Genrebild, ein Historiengemälde erfindet. Wenn uns Zeitgenossen einen „Huß “, „Luther “, „Egmont “ malen, so haben sie ihren Gegenstand nie wirklich gesehen, aber für jeden Bestandtheil desselben müssen sie das Vorbild genau der Natur entnommen haben. Der Maler muß nicht diesen Mann, aber er muß viele Männer gesehen haben, wie sie sich bewegen, stehen, gehen, beleuchtet werden, Schatten werfen; der gröbste Vorwurf wäre gewiß die Unmöglichkeit oder Naturwidrigkeit seiner Figuren.
[172]
6.19Dasselbe gilt von der Dichtkunst, welche ein noch weit größeres Feld naturschöner Vorbilder hat. Die Menschen und ihre Handlungen, Gefühle, Schicksale, wie sie uns durch eigene Wahrnehmungen oder durch Tradition – denn auch diese gehört zu dem Vorgefundenen, dem Dichter Dargebotenen – gebracht werden, sind Stoff für das Gedicht, die Tragödie, den Roman. Der Dichter kann keinen Sonnenaufgang, kein Schneefeld beschreiben, keinen Gefühlszustand schildern, keinen Bauer, Soldaten, Geizigen, Verliebten auf die Bühne bringen, wenn er nicht die Vorbilder dazu in der Natur gesehen und studirt oder durch richtige Traditionen so in seiner Phantasie belebt hat, daß sie die unmittelbare Anschauung ersetzen.
6.20Stellen wir nun diesen Künsten die Musik entgegen, so erkennen wir, daß sie ein Vorbild, einen Stoff für ihre Werke nirgend vorfindet.
6.21Es giebt kein Naturschönes für die Musik.
6.22Diesen Unterschied zwischen der Musik und den übrigen Künsten (nur die Baukunst findet gleichfalls kein Vorbild in der Natur) ist tiefgehend und folgenschwer.
6.23Das Schaffen des Malers, des Dichters ist ein stetes (inneres oder wirkliches) Nachzeichnen,
Nachformen, – etwas nachzumusiciren giebt
[173] es in der Natur nicht. Die Natur kennt keine Sonate, keine Ouverture, kein Rondo.
Wohl aber Landschaften, Genrebilder, Idyllen, Trauerspiele. Der aristotelisch e Satz von der Naturnachahmung in der Kunst, welcher noch bei den Philosophen des
vorigen Jahrhunderts gang und gäbe war, ist längst berichtigt und bedarf, bis zum
Ueberdruß abgedroschen, hier keiner weiteren Erörterung. Nicht sclavisch nachbilden
soll die Kunst die Natur, sie hat sie umzubilden. Der Ausdruck zeigt schon, daß vor der Kunst etwas da sein mußte, was umgebildet wird. Dies ist eben das von der Natur
dargebotene Vorbild, das Naturschöne. Der Maler findet sich von einer reizenden Landschaft,
einer Gruppe, einem Gedicht, der Dichter von einer historischen Begebenheit, einem
Erlebniß, zur künstlichen Darstellung des Vorgefundenen veranlaßt. Bei welcher Naturbetrachtung
könnte aber der Tonsetzer jemals ausrufen: das ist ein prächtiges Vorbild für eine Ouverture, eine Symphonie!
Der Componist kann gar nichts umbilden, er muß Alles neu erschaffen. Was der Maler, der Dichter in Betrachtung des Naturschönen findet, das muß der Componist
durch Concentration seines Innern herausarbeiten. Er muß der guten Stunde warten,
wo es in ihm anfängt zu singen und zu klingen: da wird er sich versenken und aus sich
[174] heraus etwas schaffen, was in der Natur nicht seines Gleichen hat und daher auch,
ungleich den andern Künsten, geradezu nicht von dieser Welt ist.
6.24Es unterliegt keineswegs eine parteiische Begriffsbestimmung, wenn wir zu dem „Naturschönen“ für den Maler und Dichter den Menschen hinzurechneten, für den Musiker hingegen den kunstvoll aus der Menschenbrust quellenden Gesang verschwiegen. Der singende Hirt ist nicht Object, sondern schon Subject der Kunst. Besteht sein Lied aus meßbaren, geordneten, wenn noch so einfachen Tonfolgen, so istʼs ein Product des Menschengeistes, ob es nun ein Hirtenjunge erfunden hat oder Beethoven.
6.25Wenn daher ein Componist wirkliche Nationalmelodien benützt, so ist dies kein Naturschönes,
denn man muß bis zu Einem zurückgehen, der sie erfunden hat, – woher hatte sie dieser?
Fand er ein Vorbild dafür in der Natur? Dies ist die berechtigte Frage. Die Antwort kann nur
verneinend lauten. Der Volksgesang ist kein Vorgefundenes, kein Naturschönes, sondern
die erste Stufe wirklicher Kunst, naive Kunst. Er ist für die Tonkunst ebensowenig ein von der Natur erzeugtes Vorbild, wie die
mit Kohle an Wachtstuben und Schuttböden geschmierten Blumen und Soldaten natürliche
Vorbilder für die Malerei
[175] sind. Beides ist menschliches Kunstproduct. Für die Kohlenfiguren lassen die Vorbilder
in der Natur sich nachweisen, für den Volksgesang nicht; man kann nicht hinter ihn zurückgehen.
6.26Zu einer sehr gangbaren Verwirrung gelangt man, wenn man den Begriff des „Stoffs“
für die Musik in einem angewandten, höheren Sinne nimmt und darauf hinweist, daß Beethoven wirklich eine Ouverture zu Egmont , – oder damit das Wörtchen „zu“ nicht an dramatische Zwecke mahne, – eine Musik „Egmont “ geschrieben hat, Berlioz einen „König Lear “, Mendelssohn eine „Melusina “. Haben diese Erzählungen, fragt man, dem Tondichter nicht ebenso den Stoff geliefert
wie dem Dichter? Keineswegs. Dem Dichter sind diese Gestalten wirkliches Vorbild,
das er umbildet, dem Componisten bieten sie bloß Anregung, und zwar poetische Anregung. Das Naturschöne für den Tondichter müßte ein Hörbares sein, wie es für den Maler ein Sichtbares, für den Bildhauer ein Greifbares ist. Nicht
die Gestalt Egmont ʼs, nicht seine Thaten, Erlebnisse, Gesinnungen sind Inhalt der Beethoven ʼschen Ouverture, wie dies im Bilde „Egmont “, im Drama „Egmont “ der Fall ist. Der Inhalt der Ouverture sind Tonreihen, welche der Componist vollkommen frei nach musikalischen Denkgesetzen aus sich erschuf.
Sie sind
[176] für die ästhetische Betrachtung ganz unabhängig und selbstständig von der Vorstellung
„Egmont “, mit welcher sie lediglich die poetische Phantasie des Tonsetzers in Zusammenhang
gebracht hat, sei es, daß diese Vorstellung auf eine unerforschliche Weise den Keim
zur Erfindung jener Tonreihen gelegt hat, sei es, daß er diese nachträglich seinem
Vorwurf entsprechend fand. Dieser Zusammenhang ist so lose und willkürlich, daß niemals
ein Hörer des Musikstückes auf dessen angeblichen Gegenstand verfallen würde, wenn
nicht der Autor durch die ausdrückliche Benennung unserer Phantasie im vorhinein die bestimmte Richtung octroyirte. Berliozʼ großartige Ouvertüre hängt an und für sich mit der Vorstellung „König Lear “ ebensowenig zusammen, als ein Strauß ʼscher Walzer. Man kann das nicht scharf genug aussprechen, da hierüber die irrigsten
Ansichten allgemein sind. Erst mit dem Augenblick erscheint der Strauß ʼsche Walzer der Vorstellung „König Lear “ widersprechend, die Berlioz ʼsche Ouverture hingegen entsprechend, wo wir diese Musiken mit jener Vorstellung vergleichen. Allein eben zu dieser Vergleichung existirt kein innerer Anlaß, sondern nur eine
ausdrückliche Nöthigung vom Autor. Durch eine bestimmte Ueberschrift werden wir zur
Vergleichung des Musikstückes mit einem außer ihm stehenden Object genöthigt, wir
müssen
[177] es mit einem bestimmten Maßstab messen, welcher nicht der musikalische ist.
6.27Man darf dann vielleicht sagen, Beethoven ʼs Ouverture „Prometheus “ sei zu wenig großartig für diesen Vorwurf. Allein nirgend kann man ihr von Innen her beikommen, nirgend ihr eine musikalische Lücke oder Mangelhaftigkeit nachweisen. Sie ist vollkommen, weil sie ihren musikalischen Inhalt vollständig ausführt; ihr dichterisches Thema analog auszuführen ist eine zweite, ganz verschiedene Forderung. Diese entsteht und verschwindet mit dem Titel. Ueberdies kann ein solcher Anspruch an ein Tonwerk mit bestimmter Ueberschrift nur auf gewisse charakteristische Eigenschaften lauten: daß die Musik erhaben oder niedlich, düster oder froh klinge, von einfacher Exposition zu betrübtem oder freudigem Abschluß sich entwickle u. s. w. An die Dichtkunst oder Malerei stellt der Stoff die Forderung einer bestimmten concreten Individualität, nicht bloßer Eigenschaften. Darum wäre es recht wohl denkbar, daß Beethoven ʼs Ouverture zu „Egmont “ ebenfalls „Wilhelm Tell “ oder „Jeanne dʼArc “ überschrieben sein könnte. Das Drama Egmont , das Bild Egmont lassen höchstens die Verwechslung zu, daß dies ein anderes Individuum in den gleichen Verhältnissen, nicht aber, daß es ganz andere Verhältnisse sind.
[178]
6.28Man sieht, wie eng das Verhältniß der Musik zum Naturschönen mit der ganzen Frage von ihrem Inhalt zusammenhängt.
6.29Noch einen Einwand wird man aus der musikalischen Literatur herholen, um der Musik
ein Naturschönes zu vindiciren. Beispiele nämlich, daß Tonsetzer aus der Natur nicht
bloß den poetischen Anlaß geschöpft (wie in obigen Historien), sondern wirklich hörbare
Aeußerungen ihres Tonlebens direkt nachgebildet haben: der Hahnenruf in Haydnʼs Jahreszeiten , Kuckuck, Nachtigall- und Wachtelschlag in Spohrʼs „Weihe der Töne “ und in Beethovenʼs Pastoralsymphonie . Allein wenn wir gleich diese Nachahmung hören und in einem musikalischen Kunstwerk hören, so haben sie doch darin keine musikalische Bedeutung, sondern eine
poetische. Es soll uns der Hahnenschrei alsdann nicht als schöne Musik, oder überhaupt als Musik vorgeführt, sondern nur der Eindruck zurückgerufen
werden, welcher mit jener Naturerscheinung zusammenhängt. „Ich habe Haydn ’s Schöpfung – gesehen beinahe“, schreibt Jean Paul nach einer Aufführung dieses Tonwerks an Thieriot. Allgemein bekannte Stichwörter, Citate sind es, welche uns erinnern: es ist früher
Morgen, laue Sommernacht, Frühling. Ohne diese bloß beschreibende Tendenz hat nie
ein Componist Naturstimmen direkt zu wirklichen
[179] musikalischen Zwecken verwenden können. Ein Thema können alle Naturstimmen der Erde zusammen nicht hervorbringen, eben weil sie keine Musik sind, und bedeutungsvoll erscheint es, daß die Tonkunst von der Natur nur Gebrauch
machen kann, wenn sie in die Malerei pfuscht.49
[180]
7.1Hat die Musik einen Inhalt?
7.2So lautet, seit man gewohnt ist, über unsere Kunst nachzudenken, ihre hitzigste Streitfrage.
Sie wurde für und wider entschieden. Gewichtige Stimmen behaupten die Inhaltlosigkeit
der Musik, sie gehören beinahe durchaus den Philosophen: Rousseau, Kant, Hegel, Herbart50, Kahlert u. A. Von den zahlreichen Physiologen, welche diese Ueberzeugung unterstützen, sind
uns die durch musikalische Bildung
[181] hervorragenden Denker Lotze und Helmholtz die wichtigsten. Die ungleich zahlreicheren Kämpfer fechten für den Inhalt der Tonkunst; es sind die eigentlichen Musiker unter den Schriftstellern, und das Gros der allgemeinen Ueberzeugung steht zu ihnen.
7.3Fast mag es seltsam erscheinen, daß gerade Diejenigen, welchen die technischen Bestimmungen
der Musik vertraut sind, sich nicht von dem Irrthum einer diesen Bedingungen widersprechenden
Ansicht lossagen mögen, die man eher den abstracten Philosophen verzeihen könnte.
Das kommt daher, weil es vielen Musikschriftstellern in diesem Punkt mehr um die vermeintliche
Ehre ihrer Kunst, als um die Wahrheit zu thun ist. Sie befehden die Lehre von der
Inhaltlosigkeit der Musik nicht wie Meinung gegen Meinung, sondern wie Ketzerei gegen
Dogma. Die gegnerische Ansicht erscheint ihnen als unwürdiges Mißverstehen, als grober
frevelnder Materialismus. „Wie, die Kunst, die uns hoch erhebt und begeistert, der
so viele edle Geister ihr Leben gewidmet, die den höchsten Ideen dienstbar werden
kann, sie sollte mit dem Fluch der Inhaltlosigkeit beladen sein, bloßes Spielwerk
der Sinne, leeres Geklingel!?“ Mit derlei vielgehörten Ausrufungen, wie sie meist
koppelweise losgelassen werden, obwohl ein Satz zum andern nicht gehört, wird nichts
widerlegt noch bewiesen.
[182] Es handelt sich hier um keinen Ehrenpunkt, kein Parteizeichen, sondern einfach um
die Erkenntniß des Wahren, und zu dieser zu gelangen, muß man sich vor Allem über
die Begriffe klar sein, die man bestreitet.
7.4Die Verwechslung der Begriffe: Inhalt, Gegenstand, Stoff ist es, was in der Materie so viel Unklarheit verursacht hat und noch immer veranlaßt,
da jeder für denselben Begriff eine andere Bezeichnung gebraucht, oder mit dem gleichen
Wort verschiedene Vorstellungen verbindet. „Inhalt“ im ursprünglichen und eigentlichen Sinne ist: was ein Ding enthält, in sich hält. In dieser Bedeutung sind die Töne, aus welchen ein Musikstück besteht, welche als dessen Theile es zum Ganzen bilden,
der Inhalt desselben. Daß sich mit dieser Antwort Niemand zufrieden stellen mag, sie
als etwas ganz Selbstverständliches abfertigend, hat seinen Grund darin, daß man gemeiniglich
„Inhalt“ mit „Gegenstand“ verwechselt. Bei der Frage nach dem „Inhalt“ der Musik hat
man die Vorstellung von „Gegenstand“ (Stoff, Sujet) im Sinne, welchen man als die Idee, das Ideale, den Tönen als „materiellen
Bestandtheilen“ geradezu entgegensetzt. Einen Inhalt in dieser Bedeutung, einen Stoff im Sinne des behandelten Gegenstandes hat die Tonkunst in der That nicht. Kahlert stützt sich
[183] mit Recht nachdrücklich darauf, daß sich von der Musik nicht, wie vom Gemälde, eine „Wortbeschreibung“ liefern läßt (Aesth. 380), wenngleich seine weitere Annahme irrig ist, daß solche Wortbeschreibung jemals
eine „Abhülfe für den fehlenden Kunstgenuß“ bieten könne. Aber eine erklärende Verständigung, um was es sich handelt, kann sie
bieten. Die Frage nach dem „Was“ des musikalischen Inhaltes müßte sich nothwendig
in Worten beantworten lassen, wenn das Musikstück wirklich einen „Inhalt“ (einen Gegenstand) hätte. Denn ein „unbestimmter Inhalt“, den sich Jedermann als etwas Anderes denken
kann, der sich nur fühlen, nicht in Worten wiedergeben läßt, ist eben kein Inhalt
in der genannten Bedeutung.
7.5Die Musik besteht aus Tonreihen, Tonformen, diese haben keinen andern Inhalt als sich selbst. Sie erinnern abermals an die Baukunst und den Tanz, die uns gleichfalls schöne Verhältnisse ohne bestimmten Inhalt entgegenbringen. Mag nun die Wirkung eines Tonstücks Jeder nach seiner Individualität anschlagen und benennen, der Inhalt desselben ist keiner, als eben die gehörten Tonformen, denn die Musik spricht nicht bloß durch Töne, sie spricht auch nur Töne.
7.6Krüger, wohl der kenntnißreichste Verfechter des musikalischen „Inhalts“ gegen Hegel
[184] und Kahlert , behauptet, die Musik gebe bloß eine andere Seite desselben Inhalts, welcher den übrigen Künsten, z. B. der Malerei zusteht. „Jede plastische Gestalt“, sagt er (Beiträge , 131), „ist eine ruhende: sie giebt nicht die Handlung, sondern die gewesene Handlung oder
das Seiende. Also nicht: Apollo überwindet, sagt das Gemälde aus, sondern es zeigt den Ueberwinder, den zornigen Kämpfer“ etc. Hingegen „die Musik giebt zu jenen stillstehenden plastischen Substantiven das Verbum, die
Thätigkeit, das innere Wogen hinzu, und wenn wir dort als den wahren ruhenden Inhalt
erkannt haben: Zürnend, Liebend, so erkennen wir hier nicht minder den wahren bewegenden
Inhalt: Zürnt, Liebt, Rauscht, Wogt, Stürmt.“ Letzteres ist nur zur Hälfte richtig: „rauschen, wogen und stürmen“ kann die Musik,
aber „zürnen“ und „lieben“ kann sie nicht. Das sind schon hineingefühlte Leidenschaften.
Wir müssen hier auf unser zweites Kapitel zurückweisen. Krüger fährt fort, der Bestimmtheit des gemalten Inhalts die des musicirten an die Seite zu stellen. Er sagt: „Der Bildner stellt Orest von Furien verfolgt dar: es erscheint auf der Außenfläche seines Leibes, in Auge,
Mund, Stirn und Haltung der Ausdruck des Flüchtigen, Düstern, Verzweifelten, neben
ihm die Gestalten des Fluchs, die ihn beherrschen, in gebietender, furchtbarer
[185] Hoheit, ebenfalls äußerlich in verharrenden Umrissen, Gesichtszügen, Stellungen. Der Tondichter stellt Orest den Verfolgten nicht im beruhenden Umriß hin, sondern nach der Seite, die dem Bildner
fehlt: er singt das Grausen und Beben seiner Seele, die fliehend kämpfende Regung“ u. s. f. Dies ist meines Erachtens ganz falsch. Der Tonkünstler kann den Orestes weder so noch so, er kann ihn gar nicht darstellen.
7.7Man wende nicht ein, daß ja auch die bildenden Künste uns die bestimmte, historische
Person nicht zu geben vermögen, und wir die gemalte Gestalt nicht als dieses Individuum erkennen würden, brächten wir nicht die Kenntniß des Historisch-Thatsächlichen
hinzu. Freilich ist es nicht Orest, der Mann mit diesen Erlebnissen und bestimmten biographischen Momenten; diesen kann nur der Dichter darstellen, weil nur er zu erzählen vermag. Allein das Bild „Orest “ zeigt uns doch unverkennbar einen Jüngling mit edlen Zügen, in griechisch em Gewand, Angst und Seelenpein in den Mienen und Bewegungen, es zeigt uns die furchtbaren
Gestalten der Rachegöttinnen, ihn verfolgend und quälend. Dies Alles ist klar, unzweifelhaft,
sichtlich erzählbar – ob nun der Mann Orest heiße oder anders. Nur die Motive: daß der Jüngling einen Muttermord begangen u. s. w.,
sind nicht ausdrückbar. Was kann die
[186] Tonkunst jenem sichtbaren (vom Historischen abstrahirten) Inhalt des Gemäldes an Bestimmtheit
entgegensetzen? Verminderte Septimaccorde, Mollthemen, wogende Bässe u. dgl., kurz
musikalische Formen, welche eben so gut ein Weib, anstatt eines Jünglings, einen von
Häschern anstatt von Furien Verfolgten, einen Eifersüchtigen, Rachesinnenden, einen
von körperlichem Schmerz Gequälten, kurz alles Erdenkliche bedeuten können, wenn man
schon das Tonstück etwas will bedeuten lassen.
7.8Es bedarf wohl auch nicht der ausdrücklichen Berufung auf den früher begründeten Satz, daß, wenn vom Inhalt und der Darstellungsfähigkeit der Tonkunst die Rede ist, nur von der reinen Instrumentalmusik ausgegangen werden darf. Niemand wird dies so weit vergessen, uns z. B. den Orest es in Gluck ʼs „Iphigenia “ einzuwenden. Diesen „Orest es“ giebt ja nicht der Componist: die Worte des Dichters, Gestalt und Mimik des Darstellers, Costüm und Decorationen des Malers – dies istʼs, was den Orest es fertig hinstellt. Was der Musiker hinzugiebt, ist vielleicht das Schönste von Allem, aber es ist gerade das Einzige, was nichts mit dem wirklichen Orest zu schaffen hat: Gesang.
7.9Lessing hat mit wunderbarer Klarheit auseinandergesetzt, was der Dichter und was der
[187] bildende Künstler aus der Geschichte des Laokoon zu machen vermag. Der Dichter, durch das Mittel der Sprache, giebt den historischen,
individuell bestimmten Laokoon , der Maler und Bildhauer hingegen einen Greis mit zwei Knaben (von diesem bestimmten Alter, Aussehen, Costüm u. s. f.) von den furchtbaren Schlangen umwunden,
in Mienen, Stellung und Geberden die Qual des nahenden Todes ausdrückend. Vom Musiker sagt Lessing nichts. Ganz begreiflich, denn Nichts ist es eben, was dieser aus dem Laokoon machen kann.
7.10Wir haben bereits angedeutet, wie eng die Frage nach dem Inhalt der Tonkunst mit deren Stellung zum Naturschönen zusammenhängt. Der Musiker findet nicht das Vorbild für seine Kunst, welches den anderen Künsten die Bestimmtheit und Erkennbarkeit ihres Inhalts gewährleistet. Eine Kunst, der das vorbildende Naturschöne abgeht, wird im eigentlichen Sinne körperlos sein. Das Urbild ihrer Erscheinungsform begegnet uns nirgend, fehlt daher in dem Kreis unserer gesammelten Begriffe. Es wiederholt keinen bereits bekannten, benannten Gegenstand, darum hat es für unser in bestimmte Begriffe gefaßtes Denken keinen nennbaren Inhalt.
7.11Vom Inhalt eines Kunstwerkes kann eigentlich nur da die Rede sein, wo man diesen Inhalt einer Form entgegenhält. Die Begriffe „Inhalt“
[188] und „Form“ bedingen und ergänzen einander. Wo nicht eine Form von einem Inhalt dem
Denken trennbar erscheint, da existirt auch kein selbstständiger Inhalt. In der Musik
aber sehen wir Inhalt und Form, Stoff und Gestaltung, Bild und Idee in dunkler, untrennbarer
Einheit verschmolzen. Dieser Eigenthümlichkeit der Tonkunst, Form und Inhalt ungetrennt
zu besitzen, stehen die dichtenden und bildenden Künste schroff gegenüber, welche
denselben Gedanken, dasselbe Ereigniß in verschiedener Form darstellen können. Aus
der Geschichte des Wilhelm Tell machte Florian einen historischen Roman, Schiller ein Drama, Goethe begann sie als Epos zu bearbeiten. Der Inhalt ist überall derselbe, in Prosa aufzulösende,
erzählbare, erkennbare, die Form ist verschieden. Die dem Meer entsteigende Aphrodite ist der gleiche Inhalt unzähliger gemalter und gemeißelter Kunstwerke, die durch die
verschiedene Form nicht zu verwechseln sind. Bei der Tonkunst giebt es keinen Inhalt
gegenüber der Form, weil sie keine Form hat außerhalb des Inhalts. Betrachten wir
dies näher.
7.12Die selbstständige, ästhetisch nicht weiter theilbare, musikalische Gedankeneinheit
ist in jeder Composition das Thema. Die primitiven Bestimmungen, die man der Musik als solcher zuschreibt, müssen sich immer am Thema, dem
[189] musikalischen Mikrokosmus, nachweisbar finden. Hören wir irgend ein Hauptthema, z. B.
zu Beethoven ʼs B-dur-Symphonie . Was ist dessen Inhalt? Was seine Form? Wo fängt diese an, wo hört jener auf? Daß
ein bestimmtes Gefühl nicht Inhalt des Satzes sei, hoffen wir dargethan zu haben,
und wird in diesem wie in jedem andern concreten Fall nur immer einleuchtender erscheinen.
Was also will man den Inhalt nennen? Die Töne selbst? Gewiß; allein sie sind eben schon geformt. Was die Form? Wieder die Töne selbst, – sie aber sind schon erfüllte Form.
7.13Jeder praktische Versuch, in einem Thema Form von Inhalt trennen zu wollen, führt
auf Widerspruch oder Willkür. Zum Beispiel: wechselt ein Motiv, das von einem andern
Instrument, oder einer höheren Octave wiederholt wird, seinen Inhalt oder seine Form?
Behauptet man, wie zumeist geschieht, das Letztere, so bliebe als Inhalt des Motivs bloß die Intervallenreihe als solche, als Schema der Notenköpfe, wie sie
in der Partitur dem Auge sich darstellt. Dies ist aber keine musikalische Bestimmtheit, sondern ein Abstractum. Es verhält sich damit, wie mit den gefärbten
Glasfenstern eines Pavillons, durch welche man dieselbe Gegend roth, blau, gelb erblicken
kann. Diese ändert hierdurch weder
[190] ihren Inhalt, noch ihre Form, sondern lediglich die Färbung. Solch zahlloser Farbenwechsel derselben Formen vom grellsten Contrast bis zur feinsten
Schattirung ist der Musik ganz eigenthümlich und macht eine der reichsten und ausgebildetsten
Seiten ihrer Wirksamkeit aus.
7.14Eine für Clavier entworfene Melodie, die ein Zweiter später instrumentirt, bekommt durch ihn ebenfalls eine neue Form, aber nicht erst Form; sie ist schon geformter Gedanke. Noch weniger wird man behaupten wollen, ein Thema ändere durch Transposition seinen Inhalt und behalte die Form, da sich bei dieser Ansicht die Widersprüche verdoppeln und der Hörer augenblicklich erwidern muß, er erkenne einen ihm bekannten Inhalt, nur „klinge er verändert“.
7.15Bei ganzen Compositionen, namentlich größerer Ausdehnung, pflegt man freilich von
deren Form und Inhalt zu sprechen. Dann gebraucht man aber diese Begriffe nicht in
ihrem ursprünglichen logischen Sinne, sondern schon in einer specifisch musikalischen Bedeutung. Die „Form“ einer Symphonie, Ouverture, Sonate, Arie, eines Chors etc. nennt
man die Architektonik der verbundenen Einzeltheile und Gruppen, aus welchen das Tonstück
besteht, näher also: die Symmetrie dieser Theile in ihrer Reihenfolge, Contrastirung,
Wiederkehr und Durchführung. Als den Inhalt
[191] begreift man aber dann die zu solcher Architektonik verarbeiteten Themen. Hier ist also von einem Inhalt als „Gegenstand“ keine Rede mehr, sondern lediglich
von einem musikalischen. Bei ganzen Tonstücken wird daher „Inhalt“ und „Form“ in einer
künstlerisch angewandten, nicht in der rein logischen Bedeutung gebraucht; wollen
wir diese an den Begriff der Musik legen, so müssen wir nicht an einem ganzen, daher zusammengesetzten
Kunstwerk operiren, sondern an dessen letztem, ästhetisch nicht weiter theilbarem
Kerne. Dies ist das Thema oder die Themen. Bei diesen läßt sich in gar keinem Sinne Form und Inhalt trennen.
Will man Jemand den „Inhalt“ eines Motivs namhaft machen, so muß man ihm das Motiv selbst vorspielen. So kann also der Inhalt eines Tonwerks niemals gegenständlich, sondern nur musikalisch
aufgefaßt werden, nämlich als das in jedem Musikstück concret Erklingende. Da die
Composition formellen Schönheitsgesetzen folgt, so improvisirt sich ihr Verlauf nicht
in willkürlich planlosem Schweifen, sondern entwickelt sich in organisch übersichtlicher
Allmäligkeit wie reiche Blüthen aus Einer Knospe.
7.16Dies ist das Hauptthema, – der wahre Stoff und Inhalt (Gegenstand) des ganzen Tongebildes. Alles darin ist
freie Folge und Wirkung des Themas, durch dieses bedingt und gestaltet,
[192] von ihm beherrscht und erfüllt. Es ist das selbstständige Axiom, das zwar augenblicklich
befriedigt, aber von unserm Geist bestritten und entwickelt gesehen werden will, was
denn in der musikalischen Durchführung, analog einer logischen Entwicklung stattfindet.
Wie die Hauptfigur eines Romans bringt der Componist das Thema, in die verschiedensten
Lagen und Umgebungen, in die wechselndsten Erfolge und Stimmungen, – alles Andere,
wenn noch so contrastirend, ist in Bezug darauf gedacht und gestaltet.
7.17Inhaltlos werden wir demnach etwa jenes freieste Präludiren nennen, bei welchem der Spieler, mehr ausruhend als schaffend, sich bloß in Accorden, Arpeggios, Rosalien ergeht, ohne eine selbstständige Tongestalt bestimmt hervortreten zu lassen. Solch freie Präludien werden als Individuen nicht erkennbar oder unterscheidbar sein, wir werden sagen dürfen, sie haben (im weiteren Sinne) keinen Inhalt, weil kein Thema.
7.18Das Thema resp. die Themen eines Tonstückes sind also sein wesentlicher Inhalt.
7.19In Aesthetik und Kritik wird auf das Hauptthema einer Composition lange nicht das gehörige Gewicht gelegt. Das Thema allein offenbart
schon den Geist, der das ganze Werk geschaffen. Wenn ein Beethoven die Ouverture zur „Leonore “ so anfängt, oder ein Mendelssohn die Ouverture
[193] zur „Fingalshöhle “ so, da muß jeder Musiker, ohne von der weiteren Durchführung noch eine Note zu wissen,
erkennen, vor welchem Palast er steht. Klingt uns aber ein Thema entgegen, wie das
zur Fausta -Ouverture von Donizetti , oder „Louise Miller “ von Verdi , so bedarf es ebenfalls keines weiteren Eindringens in das Innere, um uns zu überzeugen,
daß wir in der Kneipe sind. In Deutschland legt Theorie und Praxis einen überwiegenden Werth auf die musikalische Durchführung
gegenüber dem thematischen Gehalt. Was aber nicht (offenkundig oder versteckt) im
Thema ruht, kann später nicht organisch entwickelt werden, und weniger vielleicht
in der Kunst der Entwickelung, als in der symphonischen Kraft und Fruchtbarkeit der Themen liegt es, daß unsere Zeit keine Beethovenʼschen Orchesterwerke mehr aufweist.
7.20Bei der Frage nach dem Inhalt der Tonkunst muß man sich insbesondere hüten, das Wort in lobender Bedeutung zu nehmen.
Daraus, daß die Musik keinen Inhalt (Gegenstand) hat, folgt nicht, daß sie des Gehalts entbehre. „Geistigen Gehalt“ meinen offenbar Diejenigen, welche mit dem Eifer einer
Partei für den „Inhalt“ der Musik fechten. Wir müssen hier auf das im 3. Kapitel Gesagte verweisen. Die Musik ist ein Spiel, aber keine Spielerei. Ge
[194]danken und Gefühle rinnen wie Blut in den Adern des ebenmäßig schönen Tonkörpers;
sie sind nicht er, sind auch nicht sichtbar, aber sie beleben ihn. Der Componist dichtet und denkt. Nur dichtet und denkt er, entrückt aller gegenständlichen Realität, in Tönen. Muß doch diese Trivialität hier ausdrücklich wiederholt sein, weil sie selbst von
Denjenigen, die sie principiell anerkennen, in den Consequenzen allzuhäufig verläugnet
und verletzt wird. Sie denken sich das Componiren als Uebersetzung eines gedachten
Stoffs in Töne, während doch die Töne selbst die unübersetzbare Ursprache sind. Daraus,
daß der Tondichter gezwungen ist, in Tönen zu denken, folgt ja schon die Inhaltlosigkeit
der Tonkunst, indem jeder begriffliche Inhalt in Worten müßte gedacht werden können.
7.21So strenge wir bei der Untersuchung des Inhalts alle Musik über gegebene Texte, als dem reinen Begriff der Tonkunst widersprechend, ausschließen mußten, so unentbehrlich sind die Meisterwerke der Vocalmusik bei der Würdigung des Gehaltes der Tonkunst. Vom einfachen Lied bis zur gestaltenreichen Oper und der altehrwürdigen Gottesfeier durch Kirchenmusik hat die Tonkunst nie aufgehört, die theuersten und wichtigsten Bewegungen des Menschengeistes zu begleiten und somit indirekt zu verherrlichen.
[195]
7.22Nebst der Vindication des geistigen Gehaltes muß noch eine zweite Consequenz nachdrücklich hervorgehoben werden. Die gegenstandlose Formschönheit der Musik hindert sie nicht, ihren Schöpfungen Individualität aufprägen zu können. Die Art der künstlerischen Bearbeitung, sowie die Erfindung gerade dieses Themas ist in jedem Fall eine so einzige, daß sie niemals in einer höheren Allgemeinheit zerfließen kann, sondern als Individuum dasteht. Ein Motiv von Mozart oder Beethoven ruht so fest und unvermischt auf eigenen Füßen, wie ein Vers Goetheʼs, ein Ausspruch Lessingʼs, eine Statue Thorwaldsenʼs, ein Bild Overbeckʼs. Die selbstständigen musikalischen Gedanken (Themen) haben die Sicherheit eines Citats und die Anschaulichkeit eines Gemäldes; sie sind individuell, persönlich, ewig.
7.23Wenn wir daher schon Hegelʼs Ansicht von der Gehaltlosigkeit der Tonkunst nicht theilen können, so scheint es uns
noch irrthümlicher, daß er dieser Kunst nur die Aussprache des „individualitätslosen
Innern“ zuweist. Selbst von Hegelʼs musikalischem Standpunkt, welcher die wesentlich formende, objective Thätigkeit des
Componisten übersieht, die Musik rein als freie Entäußerung der Subjectivität auffassend, folgt nicht die „Individualitätslosigkeit“ derselben, da
[196] ja der subjectiv producirende Geist wesentlich individuell erscheint.
7.24Wie die Individualität sich in der Wahl und Bearbeitung der verschiedenen musikalischen Elemente ausprägt, haben wir im 3. Kapitel berührt. Gegenüber dem Vorwurf der Inhaltlosigkeit also hat die Musik Inhalt, allein musikalischen, welcher ein nicht geringerer Funke des göttlichen Feuers ist, als das Schöne jeder andern Kunst. Nur dadurch aber, daß man jeden andern „Inhalt“ der Tonkunst unerbittlich negirt, rettet man deren „Gehalt“. Denn aus dem unbestimmten Gefühle, worauf sich jener Inhalt im besten Fall zurückführt, ist ihr eine geistige Bedeutung nicht abzuleiten, wohl aber aus der bestimmten schönen Tongestaltung als der freien Schöpfung des Geistes aus geistfähigem Material.